Hersteller_Pearl
Test
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26.11.2010

Praxis

Bevorzugt werden Detailbeschreibungen von Testberichten mit dem Äußeren begonnen – das soll bei dieser Snare im Praxisteil nicht anders gemacht werden. Also: Dieser Topf sieht wirklich äußerst edel aus! Die verchromte Hardware und die durch den Perleffekt luxuriös wirkende Lackierung unterstreichen eindeutig den Upper-Class Anspruch des Instruments. Doch beim schönen Schein belässt es das Instrument nicht. Wie ich mich auch bei der Suche angestrengt habe, Mängel in Material oder Fertigung konnte ich keine ausmachen. Von der Holzqualität über die Gratung, das Snarebed und die Kesselrundheit erscheint alles so, wie man es von einer Snare der 500-Euro-Klasse auch erwarten darf (nein: muss!).

Auch die Hardware entspricht samt ihrer Verchromung der instrumentellen Oberschicht. Die doppelte Multi-Trace-Abhebung ist ein Segen. Es ist wirklich ein Unterschied, ob ein Teppich zentral auf dem Resonanzfell liegt oder nicht. Mit herkömmlichem Butt-End ist die Justierung eine ziemliche nervige Angelegenheit, an der Chambers ist es eine Wonne. Bravo, ab jetzt bitte immer so. Außerdem kann man – hier allerdings wieder mit nerviger Frickelei – eine kleine Sonderfunktion nutzen, die vermutlich nicht im Sinne des Erfinders ist: Bei recht starker Teppichspannung kann man durch Lösen einer der beiden Abhebungen einen netten, rascheligen Loose-Snares-Sound erreichen, hat also drei Sounds zur Verfügung statt nur zwei. Zugegeben: Man erkauft sich diese Möglichkeit durch einen wie ich finde zu straffen Teppich im Normalbetrieb. Aber das ist ja vielleicht eine Idee für die Zukunft, denn schließlich müssen die Hersteller immer so tun, als würden sie das Rad neu erfinden, um am umkämpften Markt zu bestehen.

Die Bearing-Edge ist bei weitem nicht so scharf geschnitten, dass sich das Fell fast ringförmig ausschneiden könnte, sondern ganz sanft gerundet. Es ist also spannend, wie die Ahorn-Snare mit recht dünner Kesselwand, aber mit Versteifungsringen und Die-Cast-Hoops klingt. Die mittlere Stimmung lässt das Potenzial des Instruments schon erahnen: Der Sound wirkt lebendig, aber dank der schweren Reifen nicht überspitzt. Keine Probleme durch zu stark hervortretende Obertöne machen sich bemerkbar, außer natürlich, man legt es beim Stimmen genau darauf an. Andersherum scheint der dünne Kessel es zuzulassen, dass das Instrument nicht lustlos und langweilig klingt. Für einen 6,5” tiefen Kessel ist die Teppichansprache hervorragend. Somit sind gehauchte Ghost-Notes wie notwendig von einer flotten Reaktion der raschelnden Unterseite der Snaredrum begleitet, stärkere Schläge bekommen ein dickes Fundament. Der Dynamikumfang macht eine gute Figur, die Sensitivität bezüglich der Spielzonen auf dem Schlagfell macht diese unterscheidbar genug. Ein Center-Stroke sollte allerdings recht genau platziert werden, ich kenne viele Trommeln mit einem größeren Toleranzbereich.

Alle Stimmschrauben sind ausreichend und gleichmäßig leichtgängig, ohne sich jedoch bei Rimshots zu schnell zu verstimmen. In höherer Lage macht sich der Charakter der Snare stärker bemerkbar, es gesellt sich ein angenehmer, interessanterweise “metallisch” klingender Kesselping hinzu. Doch selbst bei knackig hochgestimmten Fellen findet sich im Spektrum nichts, was beim Schlagzeuger Augenzucken und Zahnschmerzen und beim Tontechniker das Einleiten der EQ-Routine auslösen würde. Selbst bei brettharter Stimmung wirkt das Instrument nicht spitz und aggressiv, sondern rund und ausgeglichen. Natürlich ist eine Snare kein Chamäleon, die Chambers kann daher nicht klingen wie eine nur 3,5” tiefe Stahlsnare. Auf der anderen Seite der Stimmskala (dem sagenumwobenen “Butterfass”, bei dem das Fell den Stick nach einem Schlag erst nach gefühlten zwei Sekunden wieder herausrückt) beweist die Pearl dennoch, dass man durchaus taugliche Allrounder-Snares bauen kann. Fett und bauchig, bei Bedarf sogar patschig und flatternd, bahnt sich die Schallfront ihren Weg in das obere Snaremikrofon. Selbstredend sind Sidesticks auf die Gussreifen mächtig und fett. Besonders in dieser Keller-Stimmlage macht sich eine besondere Eigenschaft so genau bemerkbar, dass ich sie gut beschreiben kann: Die tatsächliche Attack-Zeit ist – sicher auch aufgrund des dünnen Kessels – recht kurz, doch scheint der Pegel eine Weile auf hohem Niveau zu verharren. Ganz so, als habe man komprimiert. Synthesizer- und Sampler-Experten kennen vielleicht “Hold”-Zeiten aus AHDSR-Hüllkurven: Genau dieser Vergleich zwängt sich mir auf! Dadurch klingt das Instrument breit und groß genug, um auch mal ohne weitere Bearbeitung im Mix seinen Platz zu finden.

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