Software
Test
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03.04.2021

Praxis

Für die Soundfiles spiele ich die angegebenen Gitarren über ein 3-m-Kabel in mein Audiointerface, ein RME Fireface UFX, und aktiviere den Archetype:Gojira als Plugin in meiner DAW, Studio One 5.

Bevor ich mich ans Programmieren mache, höre ich mir erst mal ein paar Werks-Presets an, um mir einen vorläufigen Eindruck vom Sound und den Effekten zu machen. Die Vielfalt der Presets ist immens und die Programmierung scheint ziemlich praxisnah vorgenommen worden zu sein, denn neben ein paar wirklich spacigen Effektsounds, zeigt sich hier eine Fülle von "Ready-to-Use"-Rhythmussounds, die von etwas Reverb abgesehen relativ trocken gewählt sind.

Insbesondere die große Auswahl der Joe-Duplantier-Grundsounds, die im Folder "JD" alle genannt werden, ist extrem praktisch, um ruckzuck Zugriff auf fette Rhythmusbretter zu erhalten. Prinzipiell erkennt man hier bereits, dass das Plugin für das Metalgenre ausgelegt ist, denn der Löwenanteil der Voreinstellungen besteht aus klaren Cleansounds für transparente Akkordpickings sowie aus fetten, gainreichen Zerrsounds, die überwiegend tadellos und vor allem einsatzbereit klingen.

Die Ampsektion besteht aus drei Modellen, wovon das "Clean"-Modell eigentlich alles von glasklar, bis Mid-Gain-Crunch abdeckt. Der Grundsound hat für mich fast JTM45-artige Züge und klingt ziemlich wuchtig in den Bässen, selbst wenn das Basspoti auf niedrigen Werten steht und der Brightswitch aktiviert ist. Dank des äußerst effektiven EQs kann fast jeder erdenkliche Sound generiert werden. Rust erinnert schon alleine aufgrund der Poti-Auslegung an den Peavey 5150 und dieser Eindruck bestätigt sich beim Spielen auch ganz klar. Kenner des 5150-Modells wissen auch, dass hier nicht mit einem wirklich cleanen Sound zu rechnen ist, denn selbst niedrige Settings haben bereits eine ordentliche Portion Schmutz. Allerdings eignet sich Rust perfekt für den Bereich von US-amerikanischem Crunch bis hin zu High Gain. Britische, brezelnde Classic-Rocksounds hingegen werden hier aber schon nicht mehr wirklich bedient.

Das "Hot"-Modell befördert den Gitarrensound nun ins Gain-Nirvana und kommt mit unendlichen Zerrreserven und stärkerer Kompression. Vom Grundcharakter ist auch hier eine gewisse 5150-Verwandtschaft nicht zu leugnen, der Amp geht dabei jedoch noch deutlich weiter. Zusätzliche Booster werden hier sicherlich nicht benötigt und cleane Sounds sind ebenfalls nicht mehr zu erwarten. Insgesamt besitzen alle Modelle eine tolle Ansprache und fantastische, durchsetzungsfähige Grundsounds, die für eine vorbildliche Programmierung sprechen. Stilistisch liegen Rust und Hot im Prinzip dort, wo auch der 5150 eingesetzt werden würde, – alles weitere muss das "Clean"-Modell abdecken.

Die Effektauswahl kann beim Gojira Plugin durchaus als üppig bezeichnet werden. Im Pitch Block zeigt sich mit dem "Wow" eine reduzierte Variante des Digitech-Whammy-Pedals, das ein sauberes Tracking an den Tag legt und sich einwandfrei bedienen lässt. Auch der Octaver verfügt über eine präzise Tonerkennung und das sowohl einstimmig als auch im polyphonen Einsatz.

Die Verzerrpedals unterscheiden sich grundlegend in ihrem Charakter. Die Vorlage zum Overdrive-Modell bleibt unbekannt – es kommt aber mit einer klaren Mittenbetonung daher und erzeugt einen warmen Zerrsound. Das Distortionpedal lässt aufgrund des Filterreglers auf eine ProCo-Rat-Emulation schließen. Und tatsächlich treffen auch einige der Eigenschaften des Modells zu – dazu gehört etwa der leicht fuzzig werdende Sound bei voll aufgedrehtem Distortionregler.

Das Phaserpedal und den Chorus vor den Preamp zu hängen, ist sicherlich oldschool, passt aber ins Gesamtbild der Software. Denn Eddie Van Halen, Mitentwickler des 5150-Amps, pflegte ebenfalls die Gewohnheit, die Modulationseffekte vor die Verzerrung zu platzieren, und auch das einzige Poti des Phaserpedals deutet ganz klar auf Eddies Lieblingsphaser, den MXR Phase 90, hin. Auch wenn der Pre-FX-Block schon mit einem eigenen Choruspedal ausstaffiert ist, bietet das Delaypedal auch noch die Möglichkeit, eine Modulation in die Delay-Fahne zu packen – das ist heutzutage übrigens eine tolle Alternative für zu direkte Chorussounds. Der Ping-Pong-Button lässt das Signal von links nach rechts hüpfen und erzeugt einen klasse Stereoeffekt. Der Reverb eignet sich für angenehme Raumklänge bis hin zu gigantischen Hallfahnen und Spacesounds, die sich durch den zuschaltbaren Shimmer-Effekt noch extremer gestalten lassen. Im Cab-Block eröffnen sich zig Optionen, um den Sound nochmal umzubiegen, denn sowohl die Mikrofonauswahl als auch die Platzierung der Mikes sind für die Klangformung äußerst effektiv. Das harte Links-rechts-Panning zweier Cab-Settings erzeugt dabei tolle Stereowände.

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