Hersteller_Neumann
Test
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12.04.2018

Praxis

Hat hier jemand „dumpf“ gesagt?

Da liegt es. Das Neumann U 67 aus seinem Koffer zu heben, das ist schon ein schöner Moment. Es anzuschließen noch mehr, es zu hören erst recht. Und da zeigt sich sofort: Dass es im Koffer geradezu aufgebahrt ist, ist das falsche Bild. Das Röhrenmikro will arbeiten – und tut das in so gut wie jeder Situation ausgesprochen großartig. Klanglich ist es quicklebendig, es schafft die Gratwanderung perfekt: Es ist zwar durchaus „warm“ in dem Sinne, dass es tiefen Signalen Fülle, griffige Tiefe und fraglos auch Harmonische hinzufügt, ist aber alles andere als „dumpf“ oder „belegt“. Im Gegenteil: Es ist schnell, das Ausgangssignal scheint trotz sanfter Verrundung förmlich am Luftschall zu kleben. Transienten werden immer noch flott wiedergegeben, und trotzdem sind die Anreicherungen, die man in den Klangbeispielen auf den kurzen Konsonanten des Sängers erkennen kann, keine Fremdkörper im Signal. Es gibt ein paar aktuelle Röhrenmikrofone, die diesbezüglich in der gleichen Liga spielen, das wären die Blue Bottle oder das Microtech Gefell UM 92.1S, welches ein wenig präsenter, knackiger, aber auch bissiger ist. Zum Gesamtklangbild kann ich etwas behaupten, was mir bei allen Mikrofonen schwer fällt, weil es schnell übertrieben klingt, aber es ist so: Das Neumann U 67 stellt man vor eine Signalquelle und es klingt einfach super.  

Nah: super!

Nähert man sich mit dem U 67 der Schallquelle (oder umgekehrt, wie bei Vocal-Recordings natürlich häufiger der Fall), wird das Signal nicht dicker und mumpfeliger, wie man es von sehr vielen Mikrofonen her kennt. Sicher, es bekommt einen höheren Bassanteil, wird aber keineswegs schwammig oder dröhnig. Statt „weniger Abstand = mehr Bass“ finde ich „weniger Abstand = mehr Fundament“ treffender, denn auch die tiefen Frequenzen bleiben sehr konturiert und detailliert. Bassig, dabei knackig und erstaunlich trocken, das schaffen so nur sehr wenige andere Mikrofone. Das ist schon toll, wirklich genial wird es, wenn man am moderat poppanfälligen U 67 das Hochpassfilter aktiviert. Wer sich die nahen Files anhört und sich auf die Höhen konzentriert, der wird eher den Eindruck haben, dass sie wie bei 20 Zentimetern Abstand klingen. Das liegt daran, dass viele andere Mikrofone das Signal im Nahbereich verkleistern – das Neumann U 67 behält durch den gesamten Frequenzgang seine volle Dynamik!

Klassische Ausprägungen der Richtcharakteristika

Das Nierenpattern zeigt typische Großmembraneigenschaften. Es ist in den Höhen deutlicher fokussierend, als es modernere, jüngere Kapseldesigns tun. Allerdings sind die Verläufe sanft und berechenbar, doch greift man bei sich sehr stark bewegenden Schallquellen im Zweifel vielleicht zu anderen Mikros. Vocals klingen auch noch bei einem halben oder ganzen Meter Abstand nah und sind fein gezeichnet, vorausgesetzt, die Position wird eisern gehalten. Doch selbst wenn nicht: Beispielsweise bei der Akustikgitarre zeigt sich, dass ein Bewegen des Instruments zwar Klangfarbenänderungen mit sich bringt, diese jedoch sehr natürlich wirken. Die anderen beiden Polar Patterns einzustellen, kann bei mittig in die Spinne eingesetztem U 67 ein wenig Frickelei bedeuten, da der obere Ring den kleinen Schiebeschalter etwas verdeckt. Mikrofon drehen, sich die Problematik merken, dann hat man es nie wieder. Und es lohnt sich, denn sowohl Acht als auch Kugel haben ihre sehr positiven Eigenschaften. Die Kugel ist, wohl durch den sanften Verlauf der bidirektionalen Höhenbündelung, sehr offen, natürlich und angenehm, ohne zu distanziert und „abgerückt“ zu klingen. Die Kugel ist toll, die Acht ist eine Granate! Kernig und präsent ist sie, wodurch sie im Vergleich zur Niere vor allem eine sinnvolle Klangvariation darstellt. Wirklich irre ist sie im Nahbereich, denn dann wird sie intimer und etwas dicker als die Niere. Vielleicht so, wie man es gemeinhin vom „warmen U-67-Sound“ erwartet. Im Zusammenspiel mit dem HPF erhält man dadurch ein Sprecher- und Sängersignal, das sehr „in your face“, dabei aber gleichzeitig angenehm rund und detailliert ist. Wenn der Raum keine Probleme macht und das Signal vor dem Mikro passt, dann kann man so etwas guten Gewissens „mix ready“ nennen.  

Kein TLM 107

Ein altes Röhrenmikrofon rauscht stärker als ein modernes Studiomikrofon wie ein TLM 107, logisch. Das gilt sogar für das „neue“ Neumann U 67. Das Rauschen ist tatsächlich etwas stärker wahrzunehmen als beispielsweise das des Microtech Gefell UM 92.1S. Bei Ultrakompression wird man es auch stärker nach oben befördern. Aber interessanterweise ist der Wunsch nach starker Kompression beim 67 gar nicht so groß. Ich habe mich im Testzeitraum immer am schon angenehm kompakten und geformten Klang erfreut, weshalb ich statt zu LA-2A, 1167 oder Zener einfach nur zu unhörbaren Dynamikgeräten gegriffen habe. „Klangformung? Wozu denn noch?“ habe ich dabei tatsächlich einmal laut vor mich hingesagt… Doch, doch: Ich kann verstehen, weshalb manche Engineers das U 67 als ihr Mikrofon für die einsame Insel bezeichnen. Es ist eben kein „Vocal-Mike“, wie manchmal behauptet, sondern ein absoluter Alleskönner. Ein „Alles-gut-klingen-Lasser“.

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