Test
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21.11.2011

PRAXIS

Wenn ich nun auch beim dritten Mojave-Mikrofon, das durch meine Hände geht, damit anfange, dass ich dieses Unternehmen für verkannt halte, würde ich mich wirklich unnötig wiederholen. Es ist aber einfach positiv, dass man sich um das Äußere kaum schert und dieses im Gegensatz zum ausgesuchten und überprüften Innenleben in China fertigen lässt – die Klangqualität dankt´s, der Preis ebenfalls. Dieser Eindruck bestätigt sich auch beim MA-300. Auf Niere gestellt, erkennt man sofort die Verwandtschaft mit dem MA-200. Klangprägend ist zwar nicht zuletzt der verbaute Trafo von Jensen, doch merkt man deutlich, es hier mit einem hochwertigen Röhrenmikrofon zu tun zu haben.

Vom Vakuum-Glaskolben zeugt in erster Linie ein leichtes, edles, leichtes Britzeln, generell übertreiben die Mojave-Mikros aber in keinem Fall, das gilt auch für dieses. Die Höhen sind schnell und spritzig, aber in keinem Falle harsch. Mojave-Mikrofone liefern meiner Erfahrung nach auf den allerletzten Metern zur oberen Hörgrenze nicht mehr die volle Klarheit und Offenheit, allerdings ist es genau das, was auch ihren Charakter formt. Wie bei Mojave gewohnt: Vintage-Stil, aber äußerst zurückhaltend, immer lieber ein wenig zu vorsichtig, als zu riskieren, einem Signal zu sehr seinen Stempel aufzudrücken. Und somit ist auch das MA-300 ein Mikrofon, das mit der überwiegenden Menge an zu mikrofonierenden Schallquellen gut Freund werden kann. Dass es absolut unpassend wäre, habe ich nie festgestellt. Der Einbruch bei 1000 Hz ist für viele Signale angenehm, doch bei Stimmen und vielen Schlaginstrumenten hätte ich dieses Verhalten lieber etwas weiter unten. Wenn der Bereich zwischen 500 und 1000 Hz nicht besonders übertrieben ist, sollte man das MA-300 bei der Aufzeichnung von Vocals bitte auf jeden Fall in der hier hervorragenden Richtcharakteristik Acht ausprobieren! Stören Brustkorbresonanzen, hilft eine tiefe Ausrichtung des Mikros vor dem Hals oder dem Brustkorb mit schräger Positionierung der 0° nach oben auf den Mund des Vokalisten. Findet man hier noch keine gute Balance zwischen Off-Axis und Sound, freut man sich über die flexible Einstellung der Charakteristik, um die Off-Axis Richtung 180° zu verschieben. Neben der eigentlichen Richtcharakteristik entsteht eine deutliche Änderung des Klangs, auch bei frontaler Besprechung. Im Audiobeispiel mit der Acht bemerkt man jedoch, wie eisern man bei schmaleren Richtcharakteristiken auf Positionierung achten sollte: Die Bewegung der Sängerin war minimal, man hört sie aber trotzdem (bei “down”)!

Was ich bei Niere und Acht auch sowie gerade in den reinen Einstellungen hervorragend finde, ist mir bei der Kugel dann aber etwas zu viel der Veränderung. Mir ist der Klang dort für viele Einsatzzwecke etwas zu “vintage”. Wäre ich gemein, würde ich “löchrig” oder “phasig” sagen. Natürlich ist es sinnvoll, Signale in ihrem späteren Kontext zu beurteilen. Dort sieht die Sache wieder anders aus, denn möglicherweise sind die Nichtlinearitäten – die abseits der Hauptaufsprechrichtung zum Teil noch deutlicher werden als bei 0° – für eine Mischung genau passend. Vielleicht aber auch nicht. Wer aber mal beispielsweise ein altes Neumann auf Kugel gehört hat, der wird Parallelen feststellen – schließlich unterscheiden sich Doppelmembrankugeln ganz deutlich von Druckempfänger-Kugeln, vor allem, was die äußeren Frequenzbereiche angeht. Die Problematik ist bekannt, ich finde es besser, wenn Hersteller diese Eigenschaften zulassen und nicht durch schlechte Elektronik-Tricks im Mikrofon verschlimmbessern. Außerdem ist es richtig, das Hauptaugenmerk auf den Klang der mit positiver Polarität der Signale der rückwärtigen Membran erzielten Charakteristiken hin zu optimieren, denn Acht, Super- und Hypernieren werden schlicht häufiger eingesetzt. Übrigens ist die Phasigkeit bei breiten Nieren des MA-300 noch gar nicht so extrem.

Nah besprochen macht sich ein recht bauchiger Proximity-Effekt bemerkbar. Im gezeigten Beispiel wird der Lieblingsbereich des Mikrofons deutlich, denn mit etwas größerem Abstand werden die Höhen klarer und schneller übertragen – schöner, wie ich finde. Unter Nahbesprechung wird das Mojave für manche Anwendungsfälle meines Erachtens etwas zu muffig.

Insgesamt positioniert sich das MA-300 deutlich als Bindeglied zwischen “damals” und “heute” – also ganz so, wie man es von den anderen Mojave-Mikros kennt. Viele Studios werden im 300 ihr ideales Standardmikrofon finden, welches durchaus seinen Teil zur “Sonic Identity” beitragen kann, aber trotzdem einen großen Bereich abdeckt, ohne den Sound zu brutal zu prägen. Natürlich muss man den Grundcharakter von Röhrenmikros dafür mögen. Ich als Verehrer des Mojave MA-201FET frage mich: Wann gibt es das MA-301FET?

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