Hersteller_Masshoff_Drums
Test
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31.05.2013

Praxis

So, jetzt habe ich lange genug die Luft angehalten und bin nüchtern geblieben, es muss einfach raus: Die Udo Masshoff Big Chief ist premium, premium, premium! Mega-hyper-super-universal-top-greatest...... . Wenn ein Vertriebler mit diesem Instrument durch die Republik reisen müsste, würde er bei jeder Präsentation nach wenigen Sekunden mit Schaum im Mund wie ein epileptischer Käfer auf dem Boden rumzappeln. Und wenn dann aus dem armen Mann nichts mehr herauszubekommen wäre, schlichen die Kunden halt eigenmächtig um die Snare herum, begrapschten den Strainer ("Mhhhh, so leicht läuft der Strainer, aaaaah"), dann ginge es zu den Slingerland Beavertail-Lugs ("Mein Gott, diese Böckchen! Böckchen! Böckchen! Welch herrliche Böckchen!"). Dann würde vermutlich einer, von den angsterfüllten Blicken der Anderen verfolgt, die Trommel hochheben ("Ooooooh, sooo schwer! Ganz dolle schwer!"). Ja und genau dieses Gewicht ist eines der Geheimnisse des einzigartigen Sounds der Trommel, denn Masse ist auch hier eine wichtige Komponente für Energie – das gilt nicht nur für den kaputten Fuß, wenn die Snare runterfällt.

Ein dicker, mit Laser gefräster Stahlkessel bedeutet physikalisch, dass der Resonanzkörper extrem unflexibel ist und dementsprechend den Schalldruck nicht absorbieren kann, was die Energie eines Schlages in extreme Lautstärke verwandelt. Ein Physikinstitut hat angeblich die Big Chief mit einer repräsentativen Snare-Auswahl verglichen, mit dem Ergebnis, dass das Stahlkoloss mindestens fünf, manchmal sogar zehn Dezibel mehr Pegel brachte als alle anderen Trommeln – und das egal in welchem Tuning. Die schmerzverzerrten Gesichter meiner Bandmitglieder haben das Ergebnis dieser Untersuchung ganz unwissenschaftlich und unfreiwillig mittlerweile mehrfach belegt. Außerdem schwingt ein schwerer Stahlkessel nach einem Schlag lange aus, was nochmal dadurch unterstützt wird, dass der Kessel aus einem Stück besteht und nicht geschweißt wurde.

Wer sich nur ein wenig mit den Prinzipien des Drumtunings auseinander gesetzt hat, dürfte mit der Masshoff'schen Big Chief keine Propleme haben. Schon der Kessel klingt, wenn man ihn leicht anklopft, absolut sauber aus. Ein extremes Gegenbeispiel ist der Hammered-Bronze-Kessel von Ludwig, der noch mehr unterschiedliche Töne auf Lager hat als eine karibische Steeldrum. Erleichternd hinzu kommt die Anzahl der Stimmschrauben, nämlich jeweils zehn auf jeder Seite. Erstens lässt sich der Ton des perfekten Kessels auf diese Weise absolut sauber unterstützen. Die Obertöne der Rims, der Felle und des Kessel sind deutlich voneinander zu unterscheiden, was ein exaktes Tuning kinderleicht macht (so kinderleicht, wie Tuning halt sein kann – es bleibt eine Wissenschaft). Zweitens bleibt das gewünschte Tuning seitens der Schrauben verlässlich erhalten, da sich die kugelgelagerten Gewinde beim Spielen nicht verändern. Ich kann mich sehr lebhaft daran erinnern, wie sich regelmäßig in heißfeuchten Clubs der mühsam erreichte Traumsound meiner Snare verabschiedet hat und ich nach jedem Song mit meinem Stimmschlüssel Rettungsversuche starten musste. Ich habe die Snare jetzt bei mehreren Gigs getestet und kann sagen, dass ein solches Leid tatsächlich mit den iT-Schrauben weitgehend gebannt ist.

Ein weiteres Hardware-Schmankerl ist die Trick-Abhebung. Diese läuft wie geschmiert und rastet sauber in vier unterschiedlichen Stufen ein: Entspannt, leicht gespannt, mittelstark gespannt und angeknallt. In Kombination mit dem handgelöteten 42-Spiralen-Teppich lässt sich der Teppichsound extrem gut kontrollieren. Ich habe damit bei einer Recording-Session sogar musikalisch gearbeitet und während eines Songs einen Gang vom knackigen Teppichsound zurück geschaltet um im Refrain ein offenes Teppichrauschen zu bekommen – das klappte prima!

Einen guten Effekt haben auch die Verstärkungsringe an den Kesselenden, die nicht aufgeschweißt, sondern Teil des gegossenen Kessels sind. Genau an den Fellauflagekanten sitzend, geben sie dem Eimer noch mehr Gewicht und reduzieren dadurch an diesem neuralgischen Punkt die Schwingung. Die Trommel singt dadurch etwas weniger, klingt trockener und bekommt einen fokussierteren Punch. Das ist wohl ein wichtiger Grund dafür, dass auf dem schönen Badge der Snare „Vintage Style“ geschrieben steht – Verstärkungsringe sind immer auch eine Reminiszenz an berühmte Holztrommeln der fünfziger und sechziger Jahre.

Neben den ganzen erstaunlichen Finishes, die Udo in Petto hat, bietet er auch eine Reihe verschiedener Rims an. Das Testmodell ist mit einem Gußspannreifen ausgestattet, der das Sustain optimal unterstützt und den Gesamtsound um den eigenen kräftigen Oberton ergänzt. Alle anderen zur Wahl stehenden Rims reduzieren mechanisch den Sustain und die Lautstärke der Snare. Der Holzrim wird in der Basisausstattung für den kürzesten und wärmsten Ton aller Rims sorgen, der normale Stahlspannreifen für etwas mehr Ton und weniger Punch, bis es dann über die S-Hoops und die Slingerland-Reifen wieder etwas kräftiger wird.

Jetzt kommt die alles entscheidende Frage: Was macht man mit einer derart lauten, lange ausklingenden Snare?

Alles!

Prinzipiell gilt, dass man eine Trommel, die Frequenzen, Lautstärke und Ton satt anbietet, auch leise spielen kann und sich der Sustain leicht wegdämpfen lässt. Schwieriger ist es anders herum. Wie verwandelt man eine Trommel, die von vornherein trocken und leise klingt in eine laute und lange klingende? Gar nicht! Das ist mit einfachen Hausmitteln nicht zu schaffen.

Also kann die Masshoff Big Chief laut und trocken klingen, was ideal für viele Gangarten moderner oder an die Seventies angelehnten Rockmusik ist. Nach wenigen Handgriffen singt die Trommel mit einem wunderbar langen Ausklang, was im hohen Tunig ideal für Jazz oder im mittleren Tuning für Bonham-Sound passender nicht sein könnte. Bleibt man im mittleren Tuning und klebt ein paar minimale Streifen Gaffa auf das Fell, reduziert sich die Tonlänge direkt massiv – schwupps ist die Big Chief ideal eingestellt für Pop, HipHop, Funk oder Soul. Die Metalheads kommen sicher auch auf ihre Kosten, weil die Snare erst bei so Typen wie dem Stier-Drummer der Queens Of The Stoneage irgendwann nicht mehr lauter kann. Der werte Herr durfte die Big Chief übrigens tatsächlich anspielen und resumierte das Erlebnis in etwa folgendermaßen: "That drum is fucking loud!"Auch im Studio hat sich der fette Stahlklotz als Liebling der Drummer und besonders der Produzenten etabliert. Typen wie Iggy Pop, die Beatsteaks, Andreas Burani, Travis, Thees Uhlmann, Reamon, Royal Republik, Die Happy, Ich & Ich oder Jennifer Rostock arbeiteten und arbeiten im Studio und Live inzwischen häufig, teilweise ausschließlich mit dieser Snare. Spätestens seit Charlie Watts gesagt hat "I, I, I want that snare", ist klar was die Profis spielen: Masshoffs fetten Wunderkessel.

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