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Feature
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12.06.2012

Marina and the Diamonds Interview

The Electra Heart Club’s Band: Ein Gespräch über das neue Album und Songwriting

Weg dahin: Ihr Debütalbum verkaufte sich 300.000 Mal, inklusive Top-5 Platzierung im Heimatland UK. Sogar in den USA hat es schon ganz gut funktioniert. Und ihr ungewöhnlicher Gesangsstil, gepaart mit einem ebenfalls eigenen Sinn für Texte und Styling, machen sie unverwechselbar. Sie hat zwar große Pop-Produzenten mit im Boot, schreibt ihre Songs und Texte aber selbst. Sie sprach mit uns im Interview über Karriere, Pop und vor allem das Song schreiben!  

Wo ihr erstes Album ihrer eigenen Aussage nach noch „unkonventionell mit einigen möglichen großen Popmomenten“ war, traute sie sich diesmal an POP in Großbuchstaben heran – inklusive des Konsultierens des allgegenwärtigen Co-Writers und Produzenten Dr. Luke, der beispielsweise auch Katy Perry oder Ke$ha ins Hitkostüm hilft. Das Resultat ist das Album ‚Electra Heart’, das auf iTunes in den Top 10, und in Deutschland bereits auf 17 in die Charts eingestiegen ist.

„Ich bin kein Gear-Geek“, beginnt Marina. „Ich möchte nichts über alte Synths von 1972 lesen, sooo langweilig für mich.“ Sie lacht. „Aber einen Kate Bush Artikel oder ein Feature über jemanden, der relativ bekannt ist – das sauge ich auf.“ Wir sprechen zum Beginn unseres Gesprächs über die Fachlektüre, die oft in Studios rumliegt. „Ich fühlte mich zum Beruf der Sängerin hingezogen, weil ich Popkünstlerin werden wollte. Denn das gab mir die Möglichkeit, mit möglichst vielen Kunstformen zu experimentieren: Video, Kunst – also die Artworkseite davon – und der Performanceaspekt. Das hätte ich, glaube ich, mit keinem anderen Job haben können.“ Was für ein Einstieg: Sehr eloquent, die Dame – und sie scheint genau zu wissen, was sie will.

Dazu passt auch ihr „posher“ Akzent. Ob der mit ihrer Schulzeit auf der „Haberdashers’ Monmouth School for Girls“ zu tun hätte? Denn einen Waliser Akzent kann ich bei ihr nicht hören. „Oh ja, das war eine ‚poshe’ Schule,“ lacht sie. „Wenn man in England als „Chav“ aufwächst (Anm.: „Chav“ ist quasi der britische Begriff für „Proll“), versucht man, darüber hinaus zu wachsen. Und ich hatte einen sehr normalen Hintergrund. An der Schule hatte ich dann das Gefühl, das dort Leute von einem ‚anderen Ort’ zu mir kamen. Also machte ich mich eben eloquenter,“ schelmenhaftes Lachen. „Dann nehmen dich die Leute einfach ernster. Und das blieb einfach. Mit 16 ging ich nach Griechenland auf eine internationale Schule, und danach waren auch die letzten Reste meines Waliser Akzentes ‚kaputt’.“

Wo ist denn nun die verrückte Idee hergekommen, ausgerechnet Popkünstlerin zu werden – anstatt so etwas nützliches, wie beispielsweise... Buchhalterin? „Weil...“, Pause, „... ich es stimulierend finde, Dinge zu erschaffen. Ich liebe natürlich den musikalischen Aspekt meines Jobs, schließlich komponiere ich selbst an meinem Keyboard. Aber für mich ist das fast zweitrangig, denn zuerst kommt der Text: die Idee und die Geschichte. Es ist also fast, wie Geschichten zu erzählen. Auf diesem Weg – um auf deine Geek-Frage zurückzukommen – habe ich natürlich Software und Instrumente als Werkzeuge eingesetzt, um mich auszudrücken, einen Gig zu bekommen und schließlich gesignt zu werden.“ Und dann fügt sie fast entschuldigend hinzu: „Ich weiß also nicht soviel von der technischen Seite.“ Na ja, werfe ich ein – offensichtlich wäre sie ja wohl durchaus in der Lage funktionierende Songs zusammen zu bringen. Das löst allgemeine Heiterkeit aus. „Na ja, ich benutzte Garageband halt nur auf so einem rudimentären Level um so weit zu kommen, dass ich gesignt werden konnte.“ Da sieht man es mal wieder: Der Song kommt zuerst, und dann reicht auch Garageband. Das sie damals die Produktion ihrer ersten Songs aus eigener Tasche bezahlte, und selbstgebrannte CDs über ihre MySpace-Seite verkaufte, unterschlägt sie. Marina hat es aufgrund einer echten Selfmade-Mentalität – und großem Ehrgeiz – bis hierher geschafft.

Mit 18 ging sie allein nach London um auf die Vocal Tech Music School zu gehen. Das fanden die Eltern doch bestimmt super: ihre Tochter, so allein in London. „Oh ja, das fanden sie gaaanz toll: Die Universität abzubrechen, um Popstar zu werden, obwohl ich bis dahin nie gesungen hatte. Richtig suuuper.“ Bei Vocal Tech hätte sie dann schon ein paar Dinge über Songwriting gelernt, und Keyboardstunden bekommen, aber es sei keine so gute Zeit für sie gewesen. 

Woher kommt ihr charakteristischer Gesangsstil? „Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil ich nicht genau wusste, was ich tat – mir wurde das Singen nie wirklich beigebracht.“ Sie erzählt weiter, dass die Lehrer bei Vocal Tech sie wohl auch nicht richtig mochten, da sie technisch keine so gute Sängerin war. „Erst in den letzten eineinhalb Jahren habe ich gelernt, meine Stimme zu mögen, und zu erkennen, dass sie einen guten Sound hat. Ich habe nicht damit angefangen, weil ich dachte: Oh mein Gott, ihr MÜSST meine Stimme hören! Ich wollte einfach Geschichtenerzählerin sein.“ Im ersten selbst geschriebenen Song („Shit-Song“, wie sie sagt) ging es um die Liebe, „... und in meinem ersten richtigen Song „Plastic Rainbow“ ging es schon um die gleichen Themen, die mich jetzt beschäftigen: echt oder fake, Künstlichkeit kontra Realismus, zu sein wer man ist oder nicht ist – wie man sich selbst definiert. Ich denke, dass der Song schon ganz ok war – ich schrieb ihn mit 20. Aber Texte schreibe ich schon viel länger, seit ich ungefähr 10 Jahre alt war. Ich liebte schon immer Poesie und das Schreiben von Geschichten.“

Ein guter Songtext besteht für Marina aus einer Kombination von Aussage, Wortklang und dem Hervorrufen starker Bilder beim Hörer. „Diese drei Elemente machen in der Regel einen besonderen Text aus. Und für mich fängt es immer mit dem Bild an, wie bei „Bubblegum Bitch“. Oder „Homewrecker“ (beginnt Text runterzurappeln): 
Girls and their curls and their gourmet vomit
Boys and their toys and their 6 inch rockets.
Sowas beschwört bei Hörern ein Szenario und ein Gefühl im Kopf herauf – ich mag das, bei den Leuten so etwas auszulösen.“ Na, dann wird sie Lilly Allens Texte doch bestimmt auch mögen? „Oh ja,“ sagt sie. „Ich liebe Lilly Allen. Sie ist vor jedem Gig in meiner Playlist. Sie ist brillant – auch sie geht ihre Themen an, indem sie in so einer realistischen Art und Weise spricht über... ich denke: Liebe?“

Marinas Texte enthalten eine gehörige Portion Sarkasmus, eine Qualität die man als Nicht-Muttersprachler leicht übersehen kann. Bei den meisten deutschen Produktionen gelangt die entwaffnende Plattheit vieler Texte dagegen ohne Umwege direkt ins Hirn der Hörer. Bei Songs wie ihrem ‚Sex Yeah’ versteht man statt ‚Marina’ sonst schnell fälschlicher Weise ‚Rihanna’. „Auch bei ‚Primadonna’ gibt es jede Menge Sarkasmus und Ironie ...“, fügt sie hinzu. Ein Song, der sich aufgrund der zuckersüßen Kindermelodie sofort teuflisch festsetzt. „Sehr gut, sehr gut“, lacht sie sich kaputt. Auf der Deluxe-Edition des Albums findet sich am Ende ein nur mit Piano instrumentierter, schlichter Song namens ‚Buy the Stars’, der sich von den sonst sehr ausproduzierten Titeln abhebt. Für mich einer der schönsten Tracks des Albums. „Oh danke!“, sagt sie. „Den habe ich übrigens in Hamburg vor meinem letzten Konzert hier geschrieben. Ich war echt stolz, zeigte ihn meinem Manager und er sagte: „Hm, ja – ist OK!“ Ich werfe ein, dass die ja auch lieber SINGLES hören wollen – woraufhin sie sich erneut kaputtlacht. „Genau, genau: niemand weiß meine schönen Songs zu schätzen!“ Noch mehr Gelächter.

Die Textideen für Electra Heart hat sie über einen Zeitraum von vier Monaten gesammelt. Ein schönes Beispiel für die Thematik ist der Song „Homewrecker“: „Viele Leute wollen doch oft etwas anders sein, als sie sind. Zumindest mir geht das so. Zu dem Zeitpunkt war ich von der Liebe so bitter enttäuscht, dass ich Binsenweisheiten über die Liebe sammelte, die ich mich nie trauen würde zu sagen. So wie ‚EVERY boyfriend is the one’ – kein Freund will DAS hören,“ lacht sie sich kaputt. „Also dachte ich mir: ich pack das in einen Song darüber, dass ich mich an niemanden binden möchte, weil ich nicht verletzt werden will. Ein Gefühl, dass sicher viele kennen. Jemand, der immer auf der Flucht ist und sich so verhält, ist also ein ‚Homewrecker’,“ sagt sie weiter. Ich bremse sie, und sage, dass sie nicht dazu bringen wollte, ihre Texte zu erklären, da ich das selbst blöd finden würde. „Ja“, grinst sie, „es ist schon seltsam“. 

Wie hat sie sich vom Druck der Erwartungen nach dem erfolgreichen Debüt freigemacht? „Ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist. Aber ich will ein wirklich besonderer Künstler sein. Ich will ein großer Künstler sein, nicht weil ich berühmt sein möchte, sondern weil dich dann alle lieben.“ Sie lacht. „Und das hat mich wirklich angetrieben keine Zeit zu verschwenden. Ich begann mein zweites Album 3 Wochen nachdem das erste auf dem Markt war. Ich schrieb ‚Living Dead’ und begann ‚Teen Idle’ und ‚Fear and Loathing’. Ich hatte noch nicht wirklich was zur Musikwelt beigetragen, habe ich auch immer noch nicht, und das ist definitiv der Grund für meinen unbändigen Drive.“ Wie kam es dann zu dem Schritt, das neue Album in den USA zu produzieren, mit Dr. Luke? „Na ja, erstmal war ich eh schon da,“ grinst sie, „ich hatte gerade das South by Southwest in Texas gespielt.“ Und mit Producer Greg Kurstin arbeitete sie auch schon auf dem ersten Album. „Ich bekomme jetzt immer zu hören: Oh mein Gott, du hast so viele Produzenten, all diese großen amerikanischen Namen – aber ich hatte auf dem ersten mehr, und zwei sind dieselben geblieben.“ 

Was sagt sie zu dem Vorwurf, dass das neue Album oft nach Katy Perry klingt, weil Popmaster Dr. Luke u.a. ‚Primadonna’ produziert hat? „Klar, auf eine Art und Weise tut es das – denn die Produktion ist ja wie bei Katy von ihm. Es ist ein bisschen frustrierend, aber nicht zu sehr. Denn wenn man sich das ganze Album anhört, versteht man den Kontext. Wäre Dr. Luke nur halb so erfolgreich, würden die Leute ihn auch nicht hassen. Aber weil er momentan den amerikanischen Pop kontrolliert, haben Menschen eine negative Meinung von ihm. Sowas ist mir egal.“ Sie kommt auf die Druckfrage zurück: „Ich bin nicht happy, wenn ich nicht bis zu einem gewissen Punkt komme. Es ist also egal, was das Label denkt, weil das MEIN großes Ziel ist – ganz egal, was sie sich für eins für mich gesteckt haben. Natürlich wollen sie auch Erfolge für mich, aber ich habe meine persönlichen Ziele. Ich mache das für mich.“

Wo kam das inhaltliche Konzept her, war es gleich da? „Nein, es hatte bis acht Monate, nachdem ich ‚Living Dead’ geschrieben hatte, noch nicht mal einen Namen. Solche Dinge wachsen langsam, wie jedes Projekt oder Konzept. In einem Interview, das ich vor einem Jahr gab, sprach ich noch vom American Dream und so weiter – darum geht es jetzt gar nicht mehr. Ich habe eine fiktionale Figur erschaffen, um über Liebe sprechen zu können, da ich mich damit sehr unwohl fühlte. Dann kam mir die Idee mit Electra Heart, und das hat mich inspiriert, für diese Kunstfigur zu schreiben.“

Wie war die Zeit in Amerika, wo sie lebte, während sie das Album produzierte? Wie passt das zu ihrem Text in ‚Hollywood’ vom ersten Album, wo sie sich über das Erlebte lustig machte? „Ich wollte wissen, woher meine Faszination mit Amerika herrührt. Und für mich liegt es an dieser Art Eskapismus, den dir Amerika ermöglicht. Und weil ich sehr an dem Thema Identität interessiert bin, wie dein Selbstbild sich ändert wenn du dein Leben lebst, ich das beunruhigend und verwirrend finde, dass ich mich nie so fühle, als wäre ich wirklich nur diese eine Person. Dieses Element, dass du sein kannst, wer du willst, und dich selbst neu erfinden kannst, hat mich süchtig gemacht. Ich fühlte mich jedes Mal wenn ich da war, sehr inspiriert. Und ich habe dort viel getourt, und unterwegs geschrieben. Als ich 2011 mit meiner Tour fertig war, habe ich 2 oder 3 Monate in den USA gelebt und habe jetzt einen anderen Einblick in den ‚American Dream’. Beim ersten Album habe ich noch komplett aus dem Blickwinkel eines Touristen geschrieben. Was wir meinen, was Hollywood ist. Klar gibt es auch viele andere Länder, über die ich hätte schreiben können: Griechenland zum Beispiel. Aber Amerika hat einfach einen so großen Einfluss auf die Popkultur. Und ich denke, dass ich nun, wo ich das gemacht habe, die Amerikanomanie hinter mir lassen kann.“ Sie lacht. Was kommt also als nächstes? „Na, dass kann ich dir wohl kaum erzählen...“ Noch mehr Gelächter. 

Wenn die Texte am Anfang stehen – wie wird ein Song daraus? Hat sie einen Text, trifft sich mit einem Producer und entwickelt die Melodie dann auf die Akkordwechsel? „Das ist wirklich unterschiedlich: Wenn ich allein schreibe, habe ich meistens zwei oder drei Zeilen und bau das dann aus. Es ist komisch, ich habe gerade gestern Abend darüber sinniert, wie ich schreibe. Es ist fast so, dass ich den Prozess nicht unterbrechen oder analysieren möchte. Weil es so seltsam ist, wie es passiert. Bei ‚I am not a Robot’ saß ich mich zum Beispiel am Piano, aber ich weiß nicht mehr, wie der Song hervor trat. Es war ein magischer Moment. Ich denke alle Kunstformen haben dieses gewisse magische Element, fast als hätte ich einen Ohnmachtsmoment. Bei ‚Bubblegum Bitch’ weiß ich auch nicht mehr, wie ich die Melodie fand, aber es ging sehr schnell.“ 

Wie waren die Produzenten und das Team um Marina involviert, die richtigen Songs für das Album auszuwählen? „Die Deluxe Version (mit 16 Songs) ist viel freier, aber bei der Standardversion wollten sie...“, sie unterbricht sich selbst, „... erstmal hatte ich eine klare Vision: Wenn die Songs nichts mit Liebe zu tun hatten, waren sie runter vom Album. ‚Sex Yeah’ zum Beispiel. So ein schöner Song. Im Nachhinein tat mir das dann leid, und er kommt jetzt auf die amerikanische Fassung.“ Sie lacht. „Und dann hatte ich 13 Songs, woraufhin der Hinweis kam, dass ich besser 11 haben sollte, weil dass für die Reviews besser wäre. Die haben also durchaus Meinungen – aber ich muss sie nicht annehmen. Es ist allerdings gut, andere Leute im Projekt zu haben, sonst wird man zu Art-Crazy. Du brauchst Leute als Gegenwicht im Projekt.“ Sie sagt, dass zu ihrem verschworenen Team 3 Leute gehören, unter anderem ihr Manager. Kontrolle und das letzte Wort sind ihr aber schon wichtig. „Ich wollte schon immer allein Musik machen. Ich könnte ums Leben nicht in einer Band sein.“ 

Was kommt also als nächstes? „Na, dass kann ich dir wohl kaum erzählen...“ Noch mehr Gelächter. Aber trotzdem verrät sie noch, dass sie gern mal einen Song für Britney Spears schreiben würde. Und zum Schluss haut sie noch grinsend einen echten Marina-Satz raus: „Eigentlich mag ich Musik gar nicht. Ich will nur blond, reich, dünn und berühmt sein!“ Nach diesem Gespräch glaube ich ihr zumindest den ersten Satz nicht mehr ...

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