Test
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08.03.2012

Horch RM3 Test

Großmembran-Röhrenmikrofon

Audi!

Mein Urgroßvater aus dem schönen Nagoldtal im Nordschwarzwald war stolzer Besitzer eines Horch. Nicht, dass ihr denkt, ich stamme aus einer alteingesessenen Tontechnikerdynastie: Es war ein Auto. Dieses Fahrzeug-Label hat aber längst den Weg anderer angetreten und befindet sich damit in bester Gesellschaft mit Simca, NSU, Borgward, De Lorean und vielleicht bald leider auch Saab. Ganz anders der deutsche Mikrofonhersteller Horch, denn dessen Mikrofone sind zwar irgendwie deutlich “vintage”, doch in Wirklichkeit nagelneu und quicklebendig – und die Firmengeschichte noch gar nicht sonderlich lang. Vor allem haben sich die Herren einen beachtlichen Ruf erarbeitet, denn Horch-Mikros werden überall auf der Welt hochgelobt und genauso hoch gehandelt.

Aus der recht übersichtlichen Produktpalette haben wir das umschaltbare Röhren-Großmembranmikrofon RM3 herausgegriffen. Nun ist der Markt hochwertiger und hochpreisiger Röhren-Doppelkondenser nicht gerade dünn, daher interessiert uns von bonedo natürlich brennend, was passiert, wenn man der Anweisung “Horch!” folgt. Kleines Anekdötchen gefällig zum Abschluss des Intros? “Horch” ins Lateinische übersetzt bedeutet “Audi”.

Details

Großmembran-Röhrenmikrofon in der Tradition der klassischen Wiener Röhrenmikrofone der 1950er und 60er Jahre

Weitaus freundlicher als die aggressive Front moderner Ingolstädter Automobile erscheint das optische Auftreten des RM3. Dennoch wirkt der simple, mattschwarze Tubus edel, das aus V2A-Edelstahl gefertigte Gitter ist eine deutliche Reminiszenz an Art-déco-Designs der 1920er. Das Bild perfekt macht die Metallkappe oberhalb des Korbes. Das Kondensatormikrofon wirkt dadurch etwas gedrungen und kompakt. Sehr schön! Vor allem in den USA, wo sich Horch-Mikrofone einer hohen Beliebtheit erfreuen, sollen wohl viele Engineers davon ausgehen, dass Horch eine deutsche Traditionsmarke sei. Für das Attribut „Traditionsmarke“ mag es noch etwas früh sein, aber es könnte durchaus Absicht dahinter stecken. Eine Raute als Firmenlogo ist auf wichtigen Mikrofonen aus Deutschland schließlich nicht unüblich. Im bonedo-Testmarathon habe ich sogar einmal versehentlich das Horch-Netzteil statt der Neumann-Spannungsversorgung angeschaltet. Mit der Schönheit ist es meinem Stilempfinden nach vorbei, wenn man das RM3 mit dem richtigen Netzteil anschaltet: Aus dem Korb glimmt ein mystisch anmutender blauer Schein. Vor fünfzehn Jahren hätte ich darüber sicher gejubelt, aber von einem Mikrofon für fast 4000 Euro netto erwarte ich, dass es mir auch in 30 Jahren nicht peinlich ist. Sicher, man kann anderer Ansicht sein, doch würde ich mir zumindest wünschen, die interne LED ausschalten zu können. Ich würde als Besitzer eines Horch sicher eine “Light Mod” vornehmen wollen und dadurch darauf verzichten, dass mein teures Mikrofon mit einem billigen Standard-Bauteil nach Aufmerksamkeit schreit. Ok, Geschmackssache.

Auch die inneren Werte zählen

Immerhin: Durch das Leuchten kann man den Aufbau im Inneren des Horch betrachten. Es fällt eine besondere Konstruktion auf, denn die Membran ist an elastischen Bändern aufgehängt, übernimmt also die Funktion einer Spinne. Dadurch kann darauf verzichtet werden, das gesamte Mikrofon in eine elastische Halterung zu setzen und es ist möglich, das schöne beiliegende Kabel mit Verschraubung, integriertem Neiger und Stativadapter zu verwenden (manche kennen vielleicht den Neumann IC 6 mt – dieser stand sehr offensichtlich Pate). Ebenfalls in das Mikrofon integriert ist ein dünner Stoff, der als Popp- und Spuckschutz die Membran samt Konstruktion umgibt. 

Technische Daten sucht man vergeblich

Im Inneren des Edelstahltubus des RM3 arbeitet eine Class-A-Triodenstufe mit einer penibel ausgewählten ECC 81, der ein Übertrager nachgeschaltet ist, den Horch selbst entwickelt hat. Schaut man durch die Öffnungen des “Korbes” (der hier wenig an ein Korbgeflecht erinnert), erkennt man die 1”-Doppelmembran mit Mittenkontakt. Dass die Doppelmembranen mit Platin beschichtet sind, ist noch zu erfahren, mit weiteren Daten zum RM3 ist es aber so eine Sache. Horch erachtet es nicht für notwendig, schnöde Zahlen anzugeben. Bei Rolls Royce hieß es bei der Frage nach der Leistung der Motoren lange Zeit nur “ausreichend”. Ich möchte laut “Bravo” rufen, denn recht hat man bei Horch: Zahlen können bekanntlich wenig aussagekräftig sein, so können auch Damen mit den Maßen 90-60-90 trotzdem alles andere als “Hingucker” sein. Ich kann aber verraten, dass nach Überprüfung und Vergleich mit anderen Mikrofonen zumindest für den Frequenzgang davon ausgegangen werden kann, dass seine Ebenheit manchen Autofahrer gehörig ins Schwitzen brächte, wenn er eine Straße wäre. Das ist er aber nicht, zudem ist Linearität bei Großmembran-Kondensern im Regelfall nicht das oberste zu erreichende Ziel. Und dass ich hier berichte, dass das RM3 rauscht wie die Nordsee bei Springflut, das wird doch wohl auch keiner erwarten, oder? Also: Alles gut.

Eine saubere und leistungsfähige Spannungsversorgung

Die Erstklassigkeit des Horch endet nicht am Mikrofonausgang, selbst das Netzteil ist von edelster Art. Auch hier findet sich fast ausschließlich Handfertigung, das Netzteil siebt äußerst aufwendig, um aus der Wechselspannung des Netzes die 6 Volt für die Heizung und die 120 Volt möglichst stabil zu generieren. Kenner wissen: Eine saubere und leistungsfähige Spannungsversorgung ist bei analogen Audiogeräten das A und O. Wie man in dieser Liga jedoch auf einen vernünftigen Koffer verzichten kann, der Mikro, Kabel und Netzteil gemeinsam sicher aufnimmt, ist mir ein Rätsel.

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