Test
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22.10.2018

Golden Age Project Pre-73 Premier Test

Mikrofonvorverstärker im Neve-1073-Stil

Onkel Rupert lässt grüßen!

Dass wir den Golden Age Audio Pre-73 Premier im Test haben, ist kein Wunder: Welcher Recording-Enthusiast träumt nicht von einem oder am besten gleich einem ganzen Rack voller originaler Neve-1073-Preamps? In Sachen Ikonenstatus ist der altehrwürdige Vorverstärker kaum zu übertreffen, und da die Modelle aus den 70ern weder leicht zu finden noch besonders erschwinglich sind, sprießen die Remakes seit Jahren wie Pilze aus dem Boden. Manche bewegen sich sehr nah am Vorbild aus der Vintage-Ära und in dieser Hinsicht sei vor allem der AMS Neve 1073SPX als Neuauflage vom ursprünglichen (mittlerweile fusionierten) Hersteller selbst genannt. Manche anderen nehmen sich gewisse Freiheiten bei der Interpretation der von Rupert Neve entworfenen Schaltungen und natürlich gibt es auch beim Preis enorme Unterschiede.

Der GAP Pre-73 Premier gehört zu den 1073-Clones, die das Vorbild etwas freier interpretieren, verzichtet auf den zugehörigen 3-Band-EQ und bietet im Gegenzug einige praktikable Extras. Es handelt sich bei ihm um einen der ersten Abkömmlinge einer neuen Produktlinie namens Golden Age Premier, die sich durch gehobene Qualität von den Standardausführungen des kleinen schwedischen Unternehmens Golden Age Project absetzen möchte. Der hier getestete Pre-73 Premier ist also eine Art Edelausführung des nach wie vor erhältlichen GAP Pre-73 MK III – und ein wesentlicher Unterschied liegt in der Verwendung der auch von AMS Neve verbauten Carnhill-Übertrager, denen ein wesentlicher klangprägender Anteil zugeschrieben wird. Der Straßenpreis bleibt dabei unterhalb der 500-Euro-Marke und ist somit noch erfreulich human. Im Review finden wir heraus, wie sich das Teil macht.

Details

GAP Pre-73 Premier: Stilsicherer Look und hervorragende Verarbeitung

Der GAP Pre-73 Premier spielt offen mit einigen typischen Schlüsselreizen des originalen 1073 und flüstert mir schon auf den ersten Anblick ein verführerisches „Neeeve“ ins Ohr. Die charakteristische gräulich-blaue Färbung des Frontpanels, die weißen Druckknöpfe und vor allem der links-mittig positionierte, rote, gerasterte Gainregler mit seiner markanten Form – all das sind Eindrücke, auf die viele Tontechniker so reagieren wie der Pawlowsche Hund auf den Glockenschlag vor der Fütterung. Und erfreulicherweise handelt es sich hier nicht nur um eine einfache Scharade, die beim ersten Anfassen der Bedienelemente in sich zusammenfällt. Die Verarbeitung des Pre-73 Premier ist wirklich außerordentlich gut gelungen, und davon, dass man es mit einem noch verhältnismäßig günstigen Nachbau zu tun hat, ist rein gar nichts zu bemerken.

Das Gehäuse ist im 9,5-Zoll-Format gehalten und lässt sich über eine Rackwanne (nicht enthalten) in ein 19-Zoll-Rack integrieren. In diesem Fall bleibt natürlich Platz für ein weiteres Stück Outboard-Equipment mit den gleichen Dimensionen. Dass das Netzteil nicht eingebaut wurde, sondern extern angeschlossen wird, empfinde ich persönlich nicht als tragisch. Gerade in einem kleinen Gehäuse wie dem des Pre-73 Premier lassen sich auf diesem Weg effektiv Einstreuungen vermeiden, und zudem wirkt dieser Punkt allgemein kostensenkend und hilft, den Preis gering zu halten. Wer eine stetig wachsende Ansammlung externer Netzteile hinter seinem Rack zu beklagen hat und mehrere Einheiten von GAP verwendet, der könnte allerdings über die Anschaffung des zugehörigen Vierfachnetzteils (GAP PSAC) nachdenken.

Golden Age Project Pre-73 Premier: Kräftiger Preamp mit 80 dB Gain

Mit seinen Anschlüssen und schaltbaren Funktionen entspricht der Golden Age Project Pre-73 Premier größtenteils dem günstigeren Pre-73 MK III. Betrachten wir das gute Stück zunächst einmal von vorne: Auf der linken Seite folgen auf einen Netzschalter und eine DI-Buchse die bereits angesprochenen vier weißen Druckknöpfe. Hier werden sowohl die 48V-Phantomspeisung als auch der Line- oder DI-Modus aktiviert, und zusätzlich lässt sich im Low-Z-Modus die Eingangsimpedanz des Mic-Inputs ganz Neve-typisch von 1200 auf 300 Ohm absenken. Ist diese Schaltung aktiviert, dann werden die beiden Spulen des Eingangsübertragers nicht seriell, sondern parallel durchlaufen und je nach angeschlossenem Mikrofon kann dies für geringe bis deutliche klangliche Unterschiede sorgen.

Direkt neben den vier Druckknöpfen thront der in elf Stufen gerasterte Gainregler. Im unteren Regelbereich zwischen 20 und 40 dB ist die Rasterung in 10dB-Schritte unterteilt, worauf es in 5dB-Schritten weiter bis zur kräftigen Maximalverstärkung von 80 dB geht. Wie beim originalen 1073 nimmt dabei ab 50 dB eine zweite Verstärkerstufe ihre Arbeit auf. Beim Anheben eines Signals auf Linepegel dürfte es also selbst bei leisen Schallquellen und Mikrofonen mit geringem Output (etwa dynamische Mikros) keine Probleme geben. Im Line-Modus wird ein 30dB-Pad vorgeschaltet und die Impedanz auf die heutzutage standardmäßigen 10 kOhm erhöht. Die Impedanz an der frontseitigen DI-Buchse liegt dagegen bei 100 kOhm.

GAP Pre-73 Premier: Zweistufiges Highpass, rudimentärer Air-EQ und internes Gain-Staging

Folgt man der Gerätefront weiter, stößt man auf ein Highpass-Filter, das mit einer sanften Filtergüte von 6 dB/Oktave wahlweise bei 80 oder recht hohen 200 Hz zugreift, und die rudimentär gehaltene Schaltung des Air-EQ. Genau genommen handelt es sich in diesem Fall nicht um ein typisches Highshelf-Filter, das den Frequenzbereich oberhalb eines gewissen Eckpunktes anheben würde, sondern um ein Bell-Filter mit breiter Filterkurve, dessen Center-Frequenz um die 30 kHz liegt. Geboostet wird wahlweise um 3 oder 6 dB. Wer sich noch mehr Kontrolle über das Frequenzbild wünscht, der könnte einen Blick auf den GAP PreQ-73 Premier werfen, der mit einem an den 1073 angelehnten 3-Band-EQ ausgestattet und im Gegenzug etwas teurer ist.

Beim darauf folgenden Output-Pad handelt es sich in Hinblick auf die schaltbaren Funktionen des Pre-73 Premier um den einzigen Unterschied zum Pre-73 MK III. Im Gegensatz zu einer klassischen Vordämpfung, wie man sie von vielen Vorverstärkern her kennt, wird das Signal nicht vor der Eingangsstufe, sondern hinter der Ausgangsstufe abgesenkt – und zwar um 14 dB. Der Zweck ist also nicht, den Preamp vor zu heißen Signalen und Übersteuerungen zu bewahren, sondern das Gegenteil ist der Fall: Ein aktiviertes Output-Pad sorgt dafür, dass höher verstärkt werden muss und folglich der Ausgangsübertrager heißer angefahren wird, was wiederum mehr Färbung/Sättigung ins Spiel bringt. Zur noch genaueren und stufenlosen Kontrolle des Ausgangspegels folgt darauf ein Trim-Poti, und bei all diesen Möglichkeiten, die interne Gainstruktur des Vorverstärkers zu beeinflussen, darf natürlich auch ein einfaches LED-Meter nicht fehlen. Ein Schalter zum Umkehren der Polarität gehört ebenfalls dazu.

Anschlüsse auf der Rückseite des Pre-73 Premier

Auf der Rückseite des Pre-73 Premier sitzen die Ein- und Ausgänge in Form von zwei sicher mit dem Gehäuse verschraubten XLR-Buchsen, wobei es sich beim Eingang um eine Combobuchse handelt. Als alternativer Ausgang findet sich eine zusätzliche symmetrische Klinkenbuchse. Sehr zu begrüßen ist, dass auch eine Insertbuchse vorhanden ist, über die weiteres Outboard (zum Beispiel Kompressor oder EQ) in den Signalfluss eingeschleift werden kann.

Ein ebenfalls nicht ganz unwichtiger Punkt ist, dass die Verbindungen auf der Rückseite bestehen bleiben können, wenn der Preamp im DI-Modus betrieben wird und der entsprechende Eingang auf der Vorderseite genutzt wird. Dies ist nicht bei allen Preamps selbstverständlich. Als Unterschied zum einfacheren GAP Pre-73 MK III fällt zudem auf, dass alle Kontakte goldbeschichtet sind. Diskreter

Aufbau: Puristischer Signalweg beim GAP Pre-73 Premier

Bisher sind die Abweichungen zwischen dem Pre-73 Premier und dem Pre-73 MK III noch recht überschaubar. Natürlich sind da die hübschere Optik, die wirklich hervorragende Verarbeitung, das Output-Pad und ein paar goldbeschichtete Kontakte bei der Premier-Variante. Die wirklich wesentlichen Unterschiede offenbaren sich aber erst, wenn man das Gehäuse öffnet.

Erster Blickfang sind natürlich die auch von AMS Neve verwendeten Carnhill-Übertrager. Aber auch allgemein lässt sich erkennen, dass bei der Entwicklung Wert darauf gelegt wurde, den Signalweg möglichst puristisch und sauber zu halten. Der Aufbau ist vollständig diskret und es kommt ausschließlich traditionelle Technik aus Kondensatoren, Transistoren und Widerständen zum Einsatz. Die meisten Verbindungen basieren ganz klassisch auf gutem alten Lötzinn und der einzige interne Stecker ist am Gainregler zu finden. Als kleines Extra gibt es einen internen Jumper, der die Ausgangsimpedanz so anpasst, dass die Anbindung von Vintage-Equipment mit der früher standardmäßigen Eingangsimpedanz von 600 Ohm auf möglichst ideale Art möglich ist.

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