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28.09.2015

Gehörschutz für Musiker und Musikerinnen

Brauche ich wirklich einen Gehörschutz?

Tinnitusprophylaxe für Laien und Profis

Das probateste Mittel, um einen Tinnitus - einen Gehörsturz - zu vermeiden, ist Ruhe fürs Ohr. Alternativ empfiehlt sich ein passender Gehörschutz für alle lauten Situationen im Musikeralltag. Doch das Thema Hören und Musikmachen, sei es ein Instrument zu spielen oder zu singen, ist hochemotional besetzt, denn schon kleinste Änderung im Hören beeinflussen das Gefühl für die Klangfarbe der produzierten Töne. Deshalb sind Ängste wie "Kann ich meine Töne mit Gehörschutz noch genauso gut kontrollieren wie ohne?" oder "Ändert sich mein Spielgefühl mit Gehörschutz?" ernst zu nehmen. Davon sollte der Schutz des Gehörs jedoch nicht vernachlässigt werden.

Es gibt beim Thema Gehörschutz für Musiker wahrscheinlich nicht die eine richtige Lösung. Viele Musiker berichten, dass sie von Fall zu Fall entscheiden, wie sie ihre Ohren vor zu viel Lärm schützen; immer auf der Suche nach dem goldenen Mittelweg zwischen optimalem Hören beim Musizieren und optimalem Schutz der eigenen Ohren. Zudem haben sich die verschiedenen Arten eines Gehörschutzes in den letzten Jahren weiterentwickelt, sodass ein gleichmäßiges Klangbild bei reduzierter Lautstärke und einer guten Sprachverständlichkeit erhalten bleibt.

Welche Arten von Gehörschutz gibt es?

Es gibt drei Arten von Gehörschutz, wobei der individuell angepasste Gehörschutz die optimale Lösung für Musiker ist. Solltet ihr trotz Eingewöhnungszeit damit nicht gut zurechtkommen, gilt das Motto: Der beste Schutz ist der, den ihr regelmäßig tragt!

1. Standardgehörschutz

Dieser Schutz besteht aus weichem Material, das entweder formbar oder nicht formbar ist.

Ohne Filter
: Dazu zählen die gelben Stöpsel aus der Apotheke. Diese machen alles leiser, klingen aber nicht gut, da das Klangbild verzerrt wird. Höhen werden weggeschnitten, der Sound ist dumpf.

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Mit Filter: Für gelegentlichen Gebrauch ist dieser Gehörschutz ganz gut geeignet. Diese Variante sitzt aber nicht perfekt, da sie nicht individuell angepasst wird.

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2. Individuell angepasster Gehörschutz

Ein angepasster Gehörschutz besteht aus vulkanisiertem Silicon oder Acryl in verschiedenen Härtegraden. Obwohl von verschiedenen Anbietern erhältlich, wird bei angepasstem Gehörschutz oft allgemein von "Elacin" gesprochen. Das ist wie die synonyme Benutzung des Wortes "Tempo" für Taschentücher. Elacin ist eine niederländische Firma, die diese Art des Gehörschutzes als erste entwickelt hat, anfangs auch ein Patent darauf hatte und mittlerweile für viele andere Firmen fertigt.

Ohne Filter: Angepasster Gehörschutz ohne Filter ist sehr effektiv bei schlichter Lärmreduktion und dem Wunsch nach angenehmem Sitz. Zum Beispiel: Vermeidung von lärmbedingten Schlafproblemen.

Mit Filter: Für Musiker genau das Richtige ist ein angepasster Gehörtschutz mit Filter, da Tragekomfort mit perfektem Sitz und gutem Klang kombiniert wird. Ausführlicher beschreibt das Thema ein sehr guter Thread im Musikerboard, der die unterschiedlichen Varianten aufgreift.

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3. In Ear Monitoring

Die Monitore im Ohr zu tragen hat den sehr nützlichen Effekt, dass man die Gesamtlautstärke, die das Ohr erreicht, selbst bestimmen kann. Des Weiteren kann die Bühnenlautstärke reduziert werden, da keine externen Monitore mehr benötigt werden und die Amps heruntergedreht werden können. Last but not least: Jede Musikerin und jeder Musiker kann sich individuell überall gut hören.

Wenn ihr genaueres über den Umgang mit In Ear Monitoring erfahren möchtet, empfehle ich euch folgende drei Bonedo Artikel:

 

Wo gibt es den maßgefertigten Gehörschutz?

Einfache Antwort: Beim Hörgeräteakustiker oder im Online-Musikhandel. Online mag ein Gehörschutz vermeintlich etwas billiger sein als im Geschäft, allerdings müsst ihr auch online einen Ohrabdruck mitschicken. Diesen müsst ihr wiederum vom Hörgeräteakustiker anfertigen lassen, der natürlich auch etwas kostet. Zusammengerechnet läuft das wieder auf den gleichen Preis hinaus. Rechnet man dann noch den Service vor Ort dazu, falls der Gehörschutz nicht richtig sitzt, lohnt es sich, das Gesamtpaket gleich beim Hörgeräteakustiker zu buchen.

Wie findet man einen geeigneten Hörgeräteakustiker?

Am besten über Empfehlung. Fragt befreundete Musiker oder macht auf Facebook oder Instagram einen Post. Ihr könnt auch ganz einfach googeln, um Geschäfte in eurer Nähe zu finden.

Wie erfolgt die Anpassung eines Gehörschutzes?

Um nicht in der Theorie stecken zu bleiben, habe ich mich von Philipp Rombkowsky beraten lassen, der in dritter Generation den Hörgeräteakustikfachbetrieb seiner Familie in Hamburg führt.


Schritt 1 – Beratung und Ohrabdruck beim Hörgeräteakustiker

Der erste Termin beim Hörgeräteakustiker dauert circa 30 bis 45 Minuten und ist dafür da, ausführlich zu beraten und eine Abformung des Ohres, eine sogenannte Otoplastik, zu nehmen. Die Prozedur könnt ihr euch ähnlich wie beim Kieferorthopäden vorstellen. Sie ist völlig ungefährlich und das verwendete Material (Silicon) ähnlich wie bei einer Zahnabformung. Der Gehörgang wird zum Trommelfell hin mit Watte verschlossen und die Formungsmasse in das Ohr eingebracht. Nach einer kurzen Zeit ist das Material gehärtet und die positive Abformung des Ohres kann entfernt werden.

Achtung: Für Sänger ist es dabei ganz wichtig, dass die Abformung dynamisch gemacht wird. Das bedeutet, dass ihr bei der Abformung kaut und euer Kiefergelenk bewegt. Das ist essentiell notwendig, da beim Singen ständig der Kiefer bewegt wird und sich dadurch der Raum in eurem Gehörgang leicht ändert. Wird der Abdruck statisch gemacht, kann es passieren, dass der Gehörschutz nachher nicht richtig sitzt und leichter aus dem Ohr fällt.

Der Hörschutzadmin Captain-P weist im Musikerboard darauf hin, dass es für Sänger sogar sinnvoll sein kann, „nicht nur einen Stöpsel, sondern einen Gehörschutz, der einen größeren Teil der Ohrmuschel ausfüllt, anzufertigen“, damit der Gehörschutz beim Sprechen und Singen richtig gut sitzt und nicht durch die Kiefernbewegungen verdrängt wird.

Als letztes wählt ihr eure Wunschfarbe aus. Die Farbauswahl reicht von durchsichtig über Hautfarben, bis hin zu allen möglichen Farbtönen und vielfarbigen Gemischen.

Schritt 2 – Anfertigung des Gehörschutzes

Von der Abformung wird in den nächsten 7 bis 10 Tagen in einem otoplastischen Speziallabor, mit dem die Gehörgeräteakustiker oder der Online Versandhandel zusammenarbeiten, euer individueller Gehörschutz (der auch Otoplastik genannt wird) angefertigt.

Schritt 3 – Anpassung des Gehörschutzes

Beim zweiten Termin wird der angefertigte Gehörschutz angepasst und ihr bekommt eine Einführung über das richtige Einsetzen des Gehörschutzes, sowie über Reinigung und Pflege. Wird der Gehörschutz für einen nichtmusikalischen Beruf angefertigt, wird zusätzlich noch eine, vom Gesetzgeber vorgeschriebene, Gehörschutzfunktionsprüfung gemacht.

Schritt 4 – Probe- und Gewöhnungsphase beim Tragen des Gehörschutzes

Stolz tragt ihr euren neuen Gehörschutz bei der ersten Bandprobe und seit schon nach kurzer Zeit ernüchtert: Das Spielgefühl mit Gehörschutz ist ziemlich anders als ohne. Verzweifelt nicht. Das ist normal! Philip Rombkowsky weist darauf hin, dass das Musizieren mit einem Gehörschutz geübt werden muss. Deswegen gibt es eine Testphase für den Gehörschutz. Lasst euch ein bis zwei Wochen Zeit, um euch an den Gehörschutz zu gewöhnen.

Okklusionseffekt - Höre ich mich mit Gehörschutz anders?

Okklusion bedeutet "Verschluss" und meint den Effekt, dass die Stimme mit Gehörschutz anders wahrgenommen wird. Über das Kiefergelenk gelangt beim Sprechen und Singen Knochenschall in den Gehörgang und wird über das offene Ohr abtransportiert. Ist das Ohr durch einen Gehörschutz verschlossen, so geht der Schall an das Trommelfell und wird stärker wahrgenommen. Am meisten merkt man den Verschlusseffekt beim Tragen der gelben Lärmstopp-Ohrstöpsel. Beim individuell angefertigten Gehörschutz gleichen die Filter dieses Phänomen aus! Kleine Bohrungen im angefertigten Gehörschutz können zusätzlich für mehr Durchlässigkeit sorgen.

Soundbeispiel

Auf der Seite von Elacin gibt es ein sehr gutes Sounddemo das zeigt, wie das Hören mit Gehörschutz im Vergleich zu normalen Ohrstöpseln ist.

Neben der Zeit für die Gewöhnung könnt ihr in der Zeit der Testphase den Gehörschutz auch auf genauen Sitz und sogenannte akustische Lecks testen, sowie den passenden Filter (ihr bekommt meist mehrere verschiedene Stärken zum Ausprobieren mit) auswählen.

Welche Filterstärken gibt es?

Üblicherweise werden Filter in drei verschiedenen Stärken angeboten:

  • 9 dB  (laut Philip Rombkowsky für SängerInnen geeignet)

  • 15 dB

  • 25 dB

Die Absenkung der Frequenzen erfolgt gleichmäßig über den gesamten Frequenzbereich von 125 Hz bis 8000 Hz. So bleibt das gesamte Klangspektrum bei niedrigerer Lautstärke erhalten.


Wie pflege ich meinen Gehörschutz?

Was lange halten soll, muss gepflegt werden. Euer Gehörschutz darf nicht verdrecken. Reinigen könnt ihr ihn (nach Entnahme der Filter !!!) unter fließendem Wasser. Elacin empfiehlt, den Gehörschutz mit einem feuchten Tuch zu reinigen, mit einem weichen Tuch abzutrocknen und ab und an Reinigungstabletten zu benutzen. Beim Hörakustiker bekommt ihr zusätzlich noch einen Reinigungsstab mit einer kleinen metallenen Drehschlinge zum Säubern mit.

Wie lange hält ein Gehörschutz?

Die Gehörgänge verändern sich unser gesamtes Leben lang. Das Knorpelgewebe wächst mit dem Alter, eine starke Gewichtszunahme oder -abnahme sowie kieferorthopädische Veränderungen beeinflussen die Form unseres Ohreninneren. Deswegen gibt der Hersteller Elacin selbst eine Spanne von vier Jahren für seinen Gehörschutz an. Allerdings müsst ihr erst wieder zum Hörgeräteakustiker, wenn euer Gehörschutz nicht mehr richtig sitzt oder defekt ist.


Was kostet ein Gehörschutz?

Die Preise liegen circa bei

  • 140,00 Euro online inklusive einem Paar Filter plus Anfertigungskosten für die Ohrabdrücke
  • 190,00 Euro beim Hörgeräteakustiker inklusive Ohrabdrücken, Anpassung und einem paar Filter
  • 40,00 Euro pro Seite (!) für zusätzliche Filter.

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