Workshop_Folge Workshop_Thema Vocals
Workshop
6
11.10.2018

Fakten Check: Das Zwerchfell

Neueste Erkentnisse über Funktion und Bedeutung beim Singen

Atemtraining – überflüssig oder sinnvoll?

Wer kennt sie nicht? Die guten alten Atemübungen zur Zwerchfell-Stimulanz. Jahrelang quälen wir uns nun schon damit herum. Aber wird unser Gesang dadurch automatisch besser? Es gibt gefühlt eine Million Youtube-Videos und Gesangbücher, die das Thema "Zwerchfellstütze" behandeln. Doch helfen solche Atemübungen wirklich, um anschließend besser singen zu können? Wir untersuchen diese Frage, fangen aber zunächst bei der Anatomie an und werfen einen Blick darauf, was bei unserer Atmung passiert.

Wo befindet sich das Zwerchfell im Körper?

Das Zwerchfell (Diaphragma) besteht aus einem großen flachen Muskel, der den Bauchraum von dem Brustkorb trennt.

Was tut das Zwerchfell?

Es zieht sich bei der Einatmung zusammen, flacht sich ab, zieht nach unten und schafft dadurch genügend Platz im Brustkorb, sodass sich die Lungenflügel ausdehnen können. In der Folge entsteht ein Unterdruck in der Lunge und Luft wird eingesaugt.

Bei der Ausatmung entspannt sich das Zwerchfell und federt zurück nach oben; die Lunge drückt die Luft durch die Luftröhre heraus. Dabei wird der Brustkorb wieder kleiner und auch der Bauch zieht sich, falls er sich vorher bei der Einatmung nach außen gewölbt hat, wieder zurück in eine entspannte Position. Die Ausatmung ist also ein passiver Vorgang.

Mit jedem Atemzug findet eine Zwerchfellatmung statt, die lebenswichtig ist, weil sie letztlich dafür sorgt, dass der Blutkreislauf mit Sauerstoff versorgt wird. Genau genommen kannst du also gar nicht anders atmen.

Was versteht man unter Bauchatmung und Brustatmung?

Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen Bauch- und Brustatmung. Der Unterschied dieser beiden Arten liegt lediglich darin, dass bei der Brustatmung die Zwischenrippenmuskulatur dafür sorgt, dass sich der Brustkorb während der Einatmung erheblich ausdehnt, das Zwerchfell sich nicht tiefer als notwendig nach unten bewegt und der Bauch somit flach und in sanfter Spannung bleibt. Die Auswirkung dieser Form der Einatmung ist eindeutig am vergrößerten Brustkorb zu erkennen.

Bei der Bauchatmung erlaubt die gelöste Bauchmuskulatur dem Zwerchfell sich weit nach unten abzusenken. Die Organe werden dabei in den Bauchraum gedrückt und die Bauchdecke wölbt sich nach außen. Auch hier dehnt sich der Brustkorb, wenn sich die Lungenflügel mit Luft füllen - allerdings ist diese Auswirkung geringer und deshalb weniger sichtbar.

Welche ist die gesunde Art zu atmen?

Für die Gesundheit aller Menschen wird die Bauchatmung empfohlen, da sie Zwerchfellbrüche und Verstopfungen vorbeugt und außerdem stressmindernd wirkt. Beim Ruhen und Schlafen benutzen wir ganz automatisch die Bauchatmung.

 

Wer den ganzen Tag beschäftigt von einem Termin zum nächsten hetzt, stundenlang am Schreibtisch sitzt oder einfach gedanklich immer woanders ist, vergisst mitunter entspannt zu atmen. Oft spannen sich dabei sogar Muskeln im Körper an, die ein normales Atmen verhindern. Dadurch kann es zu einer zu schnellen und flachen Atmung kommen, die einem sogar das Gefühl gibt, zu wenig Luft zu bekommen. Das ist natürlich nicht gesund und kann langfristig krank machen.

Glücklicherweise gibt es jede Menge Atemübungen, die uns helfen Körper und Geist zu entspannen, Verkrampfungen zu lösen und unsere Atemfrequenz zu regulieren.

Übungen dieser Art finden sich zum Beispiel auch in den Bereichen Sport, Yoga, Tai Chi, Psychologie, Logopädie, Theater, Meditation, Musik.

Wann spannt sich das Zwerchfell an?

Erst einmal vorweg: Das Zwerchfell macht keine Alleingänge!
Es tritt immer nur in Zusammenarbeit mit den Zwischenrippenmuskeln und der Bauchmuskulatur in Aktion! Diese Aktivitäten spüren wir beim Stuhlgang, beim Anheben, Wegschieben oder Ziehen eines schweren Gegenstandes oder beim Gebären eines Kindes zum Beispiel. Also generell bei körperlicher Anstrengung, beim Sport und beim Tanzen, aber auch beim Sprechen und eben beim Singen.

Wenn wir sprechen, lange Töne singen oder laut rufen spüren wir eine deutliche Reaktion in unserer Körpermitte. Das passiert, weil in unserem Kehlkopf ein Widerstand aufgebaut wird, bei dem sich die Stimmlippen bis auf einen kleinen Spalt schließen, die Verschlussspannung halten, und damit das Zwerchfell stimulieren und dessen Atemspannung erst möglich machen.

  • Beim Artikulieren von plosiven Konsonanten (p, t, k, z, ss und b, d, g) wird die Luft durch die Bereiche, die für die Formung der Konsonanten verantwortlich sind - also die Zunge und die Lippen - kurzzeitig aufgehalten.
  • Bei körperlicher Anstrengung sorgen die geschlossenen Stimmlippen (und auch die darüber liegenden Taschenfalten) dafür, dass die Luft zurückgehalten wird.

Die Muskulatur im Körper reagiert bzw. unterstützt dabei, je nach Grad der Anstrengung, mit Anspannung.

Muskuläre Unterstützung beim Singen
Was bedeutet eigentlich Atemstütze?

Sänger machen sich diesen naturgegebenen Vorgang zunutze, in dem sie die zurückgehaltene Luft kontrolliert und gleichmäßig an die Stimmlippen abgeben, und so gezielt Einfluss auf den Klang und die Qualität des Tones nehmen können.

Dieses Zurückhalten der Luft wird im Allgemeinen als Atemstütze bezeichnet. Das bedeutet nichts anders, als dass der Luftverbrauch beim Singen reguliert wird.

Die bessere Bezeichnung für diese Atemregulation wäre eigentlich Unterstützung. In anderen Sprachen wurde dafür schon immer das Wort Unterstützung (support, appoggio, soutien) benutzt, denn das beschreibt genau, was wir beim Singen bekommen.

Ist das Zwerchfell hauptverantwortlich bei der Gesangsatmung?

Nein. Es ist zusammen mit den äußeren Zwischenrippenmuskeln ein primärer Einatmungsmuskel. Die weitverbreitete Meinung, dass vor allem das Zwerchfell für die Atemstütze beim Singen zuständig sei, ist falsch. Diverse Muskeln im Körper unterstützen uns beim Singen und Sprechen, indem sie energetisch arbeiten. Ihr Arbeitsaufwand richtet sich nach Tonhöhe, Lautstärke und Tonlänge, aber auch Alter und dem allgemeinen gesundheitlichen Zustand.

Zu den unterstützenden Muskeln im Körper zählt man die Zwischenrippenmuskeln, den Bauch, die oberen und unteren Rückenmuskeln und den Nacken. Das Zwerchfell reagiert lediglich beim aktiven Ausatmen (also Singen und Sprechen) mit Anspannung.

Letztlich geht es darum, die Bewegungsabläufe und das Zusammenspiel der Muskulatur im Körper bewusst wahrzunehmen und gleichzeitig unnötige Muskelanspannungen zu vermeiden. Ob schreien, weinen, schluchzen, sprechen, rufen oder flüstern - unsere Atmungsmuskulatur begleitet und unterstützt stets die Klänge, die wir hervorbringen.

Sollte es dabei Probleme geben, liegen diese meist im Kehlkopf, nämlich dort, wo der Ton produziert wird.

Sollte man also wirklich immer erst mit Atemübungen oder "Zwerchfell-Kraft-Übungen" beginnen, bevor man sich traut zu singen?

Ganz und gar nicht! Unser Gesang wird nicht automatisch besser, nur weil wir Übungen machen wie "pppp, tttt, kkkk, ffff", hecheln, hissen, auf dem Boden liegend den Bauch bei der Ausatmung nach außen drücken. Denn unsere Atmung ist immer dieselbe. Beim Sprechen wie beim Singen.

Singen ist, wenn man so will, ein "verlängertes Sprechen", das gleichmäßige und kontrollierte Abgeben der richtigen Menge an Luft, um die Stimmlippen in die perfekte Schwingung zu bringen. Und das ist kein Kraftakt. Es bedarf nicht viel Muskelaufwand, um einen langen und gleichmäßig klingenden Ton zu singen. Wissenschaftliche Studien haben herausgefunden, dass ein geübter Sänger einen Ton nur geringfügig länger halten kann, als ein Mensch, der stimmlich nicht trainiert ist.

Beobachtungen im Gesangsalltag zeigen außerdem, dass professionelle Sängerinnen und Sänger auch ohne "aufgepumpten" Brustkorb oder angespanntes Zwerchfell ganz entspannt hohe und laute Passagen singen können.

Musicaldarsteller, die während einer Vorstellung gleichzeitig tanzen und singen, haben oft nur die Möglichkeit mit angespannter Bauchmuskulatur zu atmen. Und sie können trotz Brustatmung kraftvolle Töne singen.

In der stimmphysiologischen Forschung hat man längst herausgefunden, dass es nicht die eine richtige "Sängeratmung" gibt. Je nachdem was wir singen wollen, fühlen wir uns entweder besser unterstützt durch eine flache und hohe Atmung oder durch eine tiefe Bauchatmung. Darin sind sich SängerInnen als auch GesanglehrerInnen aus verschiedenen Genres einig. In der Methode von Joe Estill findet man z. B. genau diesen Ansatz.

Werde zu deinem eigenen Beobachter

Ich empfehle, es einmal selbst auszuprobieren. Stell dir beim Singen folgende Fragen!

  • Wie fühlt es sich an, wenn ich ein und dieselbe Phrase mit vorausgehender Bauchatmung und danach mit Brustatmung singe?
  • Spüre ich irgendwelche Auswirkungen auf meinen Kehlkopf?
  • Wie hört sich meine gesungene Phrase an, wenn ich mit Kraft mein Zwerchfell nach unten/außen drücke, und wie, wenn ich ohne diese Anspannung singe?
  • Wie fühlt es sich an, wenn ich mit eingezogenem Bauch singe?
  • Wo in meinem Körper nehme ich noch andere Muskelanspannungen wahr, während ich singe?
  • Was tue ich automatisch bei lauten bzw. leisen Tönen? (gesungen und gesprochen)
  • Was nehme ich bei hohen und bei tiefen Tönen wahr? (gesungen und gesprochen)
  • Was passiert, wenn ich laut schreie oder nur etwas lauter rufe?
  • Was passiert, wenn ich wütend rufe? Was passiert, wenn ich freudig rufe?

Nimm sämtliche Anspannungen in deinem Körper wahr: im Bauch, Brustkorb, dem oberen Rücken und Nacken, dem unteren Rücken, zwischen den Schulterblättern, der Hals- und Rachenmuskulatur, dem Kiefer und der Zunge. Gehe gedanklich immer nur einen Bereich deines Körpers durch, damit du deine Aufmerksamkeit darauf lenken kannst. Manch einer wird feststellen, dass es sich mit großem Muskelaufwand weniger gut anfühlt. Ein anderer wird vielleicht das Gegenteil feststellen. Manchmal ist Spannung notwendig, manchmal unnötig.

Werde zu deinem eigenen Beobachter. Lerne die Bewegungsabläufe in deinem Körper genau kennen. Nur so lernst du, gezielt Einfluss auf dein Instrument zu nehmen.

Atemtraining - überflüssig oder sinnvoll?

Wir sollten uns beim Singen mehr auf unsere Stimmklänge und deren Produktion konzentrieren. Im Fokus steht dabei also der sogenannte Vokaltrakt. Dazu gehören der Kehlkopf, der Rachen, der Nasenraum und der Mundraum. Wenn wir lernen an der Quelle die richtigen Töne zu produzieren, lernen wir auch unsere Atmung zu regulieren.

Nichtsdestotrotz, für eine gute Körperwahrnehmung können die guten alten Atemübungen hilfreich sein. Und Entspannungsübungen helfen uns unnötige Muskelverspannungen zu lösen. Es ist nicht alles schlecht, was alt ist, aber wir sollten immer wieder überprüfen und hinterfragen, inwieweit die weltweit vorgeschlagenen Übungen uns persönlich weiterhelfen.

Vortrag von Stefanie Kruse zum Thema Luft und Atmung:

Verwandte Artikel

Shout, Scream & Growl Workshop – Teil 6

Shouting ist eine sehr energiereiche Gesangstechnik, die man als Rocksänger beherrschen sollte. Möchtest auch du mit deinen Bandkollegen mithalten können? Dann geht's hiermit los!

User Kommentare