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Test
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07.01.2013

Details

Werfen wir also einmal einen näheren Blick auf das dicht geschnürte Paket, das der Distressor auf einer einzigen Höheneinheit mitbringt. Im Grunde handelt es sich hier um einen Hybrid aud mehreren Funktionsgruppen, das zeigt schon die genial griffige Bezeichnung „Distressor“, die sich aus den beiden Worten „Distortion“ und „Compressor“ zusammensetzt. Denn der EL-8X ist nicht „nur“ ein äußerst flexibler Kompressor, sondern er bringt noch weitere klanggestaltenden Funktionsgruppen mit, bei denen Sättigung bzw. Verzerrung eine große Rolle spielt.

Die Basis der Bedienlemente besteht aus den großen, charakteristischen Potikappen für die Parameter Input und Output (der Distressor arbeitet wie der 1176 mit einem festen Threshold) sowie Attack und Release. Es spricht für den Humor von Dave Derr, dass die Potis sich bis zur Position „10,5“ dehen lassen.

Mit Werten von 50 Mikrosekunden bis 30 Millisekunden (Attack) sowie 50 Millisekunden bis 20 Sekunden (Release) bietet der Distressor ziemlich weit gefasste Parameterbereiche für die Zeitkonstanten. Und diese Superlative wie „ziemlich weit“ oder „sehr flexibel“ ziehen sich durch das gesamte Bedienkonzept. So bietet der Distressor insgesamt acht Ratio-Settings, die sich aber voneinander nicht nur bezüglich der Kompressionsrate unterscheiden. Mit steigender Rate verändert sich auch das Knie zunehmend von sehr weich bis zu absolutem Brickwall-Limiting. In der ersten Position, 1:1, ist die Kompression beim etwas günstigeren Standardmodell  EL-8 nicht aktiv, der Distressor arbeitet dann als reines Sättigungstool. Beim EL-8X hingegen greift hier der „British Mode“, den ich etwas weiter unten erläutern werde. Die Position 10:1 trägt den Zusatz „Opto“ und ist in ihrem Charakter speziell an das Regelverhalten des LA-2A angelehnt. „Nuke“ schließlich ist die absolut brutale Extremeinstellung, die Signalspitzen kompromisslos rasiert – was beispielsweise gerne auf Drum-Raummikros bei Rockproduktionen eingesetzt wird.

Wie alle der Schaltfunktionen wird auch das Ratio-Setting mit Tipptastern ausgewählt, und das hat einen ganz simplen Grund: Der Distressor bietet insgesamt 384 (!) unterschiedliche Betriebszustände bzw. Kombinationen der verschiedenen Settings – die Positionen der Potenziometer noch nicht einmal mit eingerechnet. Und dieser Funktionsumfang wird nur durch die digitale Steuerung des Gerätes beherrschbar, die eben mit diesen Tipptastern umgesetzt wurde. Mehr zum Innenleben des Gerätes später, doch um Missverständnissen vorzubeugen: Der komplette Signalweg des EL8-X ist rein analog!

Die nächste Abteilung gilt der Sidechain-Kontrolle des Gerätes. Der Distressor verfügt über ein Sidechain-Hochpassfilter sowie über einen Sidechain-Boost bei 6 kHz, mit welchem der Distressor beispielswise als De-Esser eingesetzt werden kann. Außerdem verfügt der Distressor über einen Link-Modus für die Stereobearbeitung mit zwei Geräten. All diese Funktionen können einzeln oder aber in jeder erdenklichen Kombination genutzt werden.

Auch der Audioweg selbst kann in verschiedener Weise über die reine Kompression hinaus verändert werden. Auch hier steht ein Hochpassfilter zur Verfügung, das mit einer Ansatzfrequenz von 80 Hz und Bessel-Charakteristik so zugeschnitten ist, dass es Trittschall auch aus den meisten Vocaltracks entfernen kann, ohne dass Nutzfrequenzen davon negativ beeinflusst werden. Darüber hinaus arbeitet der Distressor in drei unterschiedlichen Betriebsmodi. In der Standardvariante ist er ein reiner Kompressor mit einem sehr klaren, breitbandigen Signalweg: Der Hersteller gibt den Frequenzgang mit 2 Hz – 160 kHz (-3 dB) an, den Dynamikumfang mit 110 dB. Das sind gängige, gute Werte, die sich mit zeitgemäßer Elektronik, nicht unbedingt aber mit Vintage-Technologie aus der LA-2A/1176-Ära erzielen lassen. Diese „bedient“ der Distressor aber mit zwei Distortion-Modi: „Dist 2“ erzeugt ein Klirrspektrum, das vor allem auf der Zweiten Harmonischen beruht, was dem Übersteuerungsverhalten von Triodenröhren und bestimmten transistorisierten Class-A-Schaltungen wie etwa beim 1176 entspricht. „Dist 3“ hingegen stellt mehr die Dritte Harmonische in den Vordergrund, was sich am Sättigungs-Sound von analogem Tonband orientiert. Aus dem Distressor lassen sich Klirrfaktoren von bis zu 20% herauskitzeln: Das ist eine ganze Menge, hier gibt es also ein ausgesprochen breites Spektrum zwischen einem klaren, sauberen Sound, etwas angeschmutzter Signalverarbeitung und richtiggehendem „Kaputtmachen“ des Klangs.

Schließlich verfügt der Distressor noch über einen Relais-Bypass sowie in der hier vorgestellten Version EL8-X auch über zwei kleine serienmäßige Extras, die früher separat geordert werden mussten. Eines davon betrifft den Stereo-Link, das andere ganz direkt den Charakter des Kompressors. Der „normale“ Stereo-Link kann durch die Art und Weise, wie die Sidechain-Signale summiert werden, trotzdem dazu führen, dass die Mono-Mitte ein bisschen wandert. Wer ein in der Mitte festbetoniertes Image benötigt, der kann den Kippschalter mit dem „Stereo Image Link“ aktivieren und hat damit sein Problem gelöst.

Die andere Option verbirgt sich hinter dem „British Mode“-Schalter. Wenn dieser aktiviert wird, während der Distressor im 1:1-Ratio-Modus arbeitet, darf das Gerät seine guten Manieren endgültig vergessen. Denn der „British Mode“ ist nichts weniger als eine andere Bezeichnung für den legendären „All Button Modus“ des 1176. Drückt man an diesem Teil alle Ratio-Taster, so ist das Resultat eine extreme Effektkompression mit krasser Kennlinie und herzhaften Verzerrungen. Diese Funktion erweitert das Spektrum des Distressors noch mal um ein gutes Stück. Während in der 1:1-Position tatsächlich der All-Button-Modus des 1176 simuliert wird, kann der Effekt der „British-Mode“-Schaltung auch auf die anderen Ratio-Werte angewendet werden. Das klingt dann zwar anders als beim Urei-Klassiker, erweitet aber das Spektrum des EL8-X einmal mehr.

Die Pegelreduktion wird mit einer Kette von nicht weniger als 16 LEDs angezeigt, auch die Verzerrung lässt sich visuell kontrollieren. Eine gelbe LED leuchtet auf, wenn der Klirrfaktor 1% überschreitet, die Redline-LED schließlich warnt vor hartem Clipping.

Insgesamt ist es schon erstaunlich, wieviele Funktionen Dave Derr in einem solch kleinen Gerät unterbringen konnte. Der Distressor ist nur eine Höheneinheit hoch und sein Gehäuse auch nicht sonderlich tief. Nicht zuletzt dank der digitalen Steuerung bleibt dieser Funktionsumfang auch einigermaßen übersichtlich. Kompliziert ist die Bedienung des Distressor nicht, wenn man sich denn erst einmal einen Überblick über all seine Funktionen und Möglichkeiten verschafft hat. Übrigens sorgt ein spezieller Kondensator dafür, dass das Gerät seine Settings rund vier Wochen lang behält. Auf diese Weise kommt das Teil ohne eine möglicherweise Service-anfällige Batterie aus; sollte man sich also nicht mitten im Mix für einen sehr langen Urlaub verabschieden, so ist ein unkomplizierter Recall stets gewährleistet.

Auch die Gehäuserückseite ist überdurchschnittlich bestückt. Der Distressor verfügt über symmetrische XLR-Anschlüsse sowie unsymmetrische Klinkenbuchsen, und damit sollte er in allen Betriebssituationen unkompliziert Anschluss finden.

Abgesehen von den zahlreichen LEDs und den dicken weißen Potikappen leistet sich der Distressor keine optischen Auffälligkeiten. Sein Gehäuse ist ausgesprochen robust gefertigt und genügt auch allen Ansprüchen, die an Beschallungsequipment gestellt werden. Kein Wunder, der ELI-Comp ist auch in vielen FOH-Racks als unermüdliches Arbeitstier zu finden.

Interessant ist der Blick ins Innenleben: Die gesamte Schaltung inklusive des Netzteils findet Platz auf einer einzigen Platine, die das Gehäuse nicht einmal komplett ausfüllt. Der Grund: Das Gerät ist, und das wird sicherlich der eine oder andere überraschend finden, basiert komplett auf integrierten Schaltkreisen, und auch die Ein- und Ausgänge werden elektronisch – und nicht mit Übertragern – symmetriert. Was genau Dave Derr sich hier ausgedacht hat, lässt sich im Detail leider nicht nachvollziehen. Die Oberfächen aller ICs wurden abgeschmirgelt, so dass mein keine Rückschlüsse auf die Hersteller und Typen ziehen kann. Nun ja, Betriebsgeheimnis, aber wer will es Empirical Labs im Klon-Zeitalter verdenken?

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