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Test
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18.10.2013

Electro-Harmonix Stereo Memory Man with Hazarai Test

Digitales Delay-Effektpedal mit Looper

“Einmal Delay mit Alles”

Der Electro Harmonix Memory Man With Hazarai im bonedo-Test: Das Bodenpedal für Gitarre, Bass, Synths und E-Pianos kann fast als “Multieffektgerät” in den Kategorien der Shops geführt werden, schließlich ist es Multi-Tap-Delay mit Filtern, Modulationseffekt, Reverse-Effekt und Looper in einem.

Das Unternehmen um den bärtigen Mastermind und selbsternannten “Effektologen” Mike Mathews hat den Ruf, vor der Entwicklung auch abgefahrenster Effekte bis hin zur Marktreife nicht zurückzuschrecken. Neben eher üblichem Pedalwerk zählen auch Gitarrensynthesizer, Vocoder, Zufallsgeneratoren, Loop-Stations und sogar Sitar-Emulationen zum äußerst üppigen Angebot. Ebenfalls nicht verlegen ist man um freakige Gehäusedesigns und plakative Namen. “Electric Mistress”, “East River Drive”, “Worm”, “The Clone Theory”, “White Finger”, “44 Magnum”, “Mole” und “Iron Lung” sind nur einige Beispiele. “Electro Harmonix Stereo Memory Man With Hazarai” ist der komplette Name mit sämtlichen Titeln und Dienstgraden des blauen Pedals, das ich zum Test hier habe. “Hazarai”? Nie gehört? Ich auch nicht.

Details

Junk-Food

Ich wüsste niemanden, der das Wort “Hazarai” bislang jemals in den Mund genommen hätte. Nun, wenn man ein wenig recherchiert und daraufhin die Bedeutung kennt, kann man ja so tun, als hätten alle Nichtwisser eine eklatante Bildungslücke: Mathews stammt aus einer jüdischen Familie in New York und besonders in der New Yorker Alltagssprache haben sich ein paar hebräische und jiddische Begriffe etabliert – wie im Deutschen übrigens auch. So auch “Hazarai”, welches wörtlich übersetzt eigentlich “Schweinefraß” bedeutet, sich aber, so stellen es die Etymologen dar, über ein Synonym für Junk-Food oder nicht-kosheres Essen zu dem weiterentwickelt hat, was es heute eigentlich bedeutet: “All the Hazarai” wird demnach heute verwendet für das, was in der deutschen Dönerbude “einmal mit alles” bedeutet, oder “mit allem Trallafitti”, “mit dem ganzen Schamott”, “mit allem Pi-Pa-Po” oder einfach “mit dem ganzen geilen Scheiß”. Spitze: Ich liebe es, neue Begriffe in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen zu können! Und der Memory Man ist – wie es der Blick auf das Feature-Set bestätigt – wirklich “einmal Delay mit alles”.

Eine große Memory-Familie

So, dann wäre das größte Mysterium schon mal ausgeräumt. Damit ist der Weg frei auf die weitere Betrachtung, zum Beispiel die der Hardware. Bei Electro Harmonix hat man nach und nach alle älteren Pedale auf prinzipiell ähnliche Plattformen verfrachtet und Neuentwicklungen auf Basissysteme gesetzt. Ihr könnt euch das ein wenig so vorstellen wie den Plattformgedanken im Automobilbau. Dort bestehen ja teilweise die großen Ich-bin-wichtig-Autos zu einem Großteil aus dem gleichen Kram wie die praktischen, aber farblosen Familienkutschen. Es gibt geschlagene vier verschiedene Memory-Man-Versionen, dazu gesellen sich zwei “Memory Boy”-Pedale und ein “Memory Toy”. Der MM Hazarai ist auf einer dieser “XO”-Plattformen aufgebaut. Dem “Ring Thing”, der “Voice Box” und dem “V256”-Vocoder ist er sehr ähnlich und unterscheidet sich äußerlich vom “Cathedral”-Digitalhall nur durch den Gehäuseaufdruck und die Farbe einer einzelnen LED.

Keine Eimerkettenschaltung, kein Magnetband – dafür DSPs

Unter dem Röckchen sieht es beim Alleskönner-Delay allerdings etwas anders aus als bei den drei anderen Memory-Man-Pedalen. Diese sind analog, während der SMM w/ Hazarai ein digitales Effektgerät ist. Nur dadurch sind Zusatzfunktionen wie Loop und Reverse möglich. Die A/D- und D/A-Wandlungen arbeiten mit einer Quantisierung von 24 Bit Festkomma, die Engine arbeitet mit 32 Bit. Wundersam: Als Samplerate ist 46,88 kHz angegeben. Ein 9V-Netzteil gehört zum Lieferumfang des 200 mA konsumierenden Effektgerätes, ein Batteriebetrieb ist nicht vorgesehen. Anstatt den Memory Man im Stereobetrieb zu verwenden, kann man auch einfach die L-Buchsen verwenden – welches Gitarren-Setup ist schon wirklich stereo? Alternativ kann ein Monosignal aus L auch stereo ausgegeben werden.

Den ganzen geilen Scheiß speichern

Das Gitarrenpedal besitzt unterschiedliche Programme, die mit dem weißen “Hazarai”-Drehgeber ganz links ausgewählt werden können. Darunter finden sich einfache Delays mit kurzen oder langen Verzögerungszeiten, Multi-Tap- und weitere Formen. Das Parameter-Set wird mit den fünf schwarzen Drehreglern bedient und dem linken Footswitch, welcher “Tap/Record” betitelt ist. Für jedes der ausgewählten Programme kann durch einen zweisekündigen Druck auf den Hazarai-Button ein Preset mit den momentanen Einstellungen gespeichert werden. Ein Step-Thru oder eine externe Anwahl per MIDI oder dergleichen ist nicht möglich.

”Der ganze Kram” will auch bedient werden

Die beiden ersten Echo-Modi unterscheiden sich nur durch die Spanne der Delayzeit, welche von kurzen 0,6 Millisekunden bis 1050 ms oder von 1,8 bis 3150 ms reicht (und damit fast alle analogen Delays in die Schranken weist). Anstatt mit dem Delay-Regler kann die Verzögerung auch eingetappt werden - in beiden Fällen teilt eine kleine Beat-LED die Verzögerungszeit optisch mit. “Repeats” regelt das Feedback. Dreht man das Decay-Poti auf, werden die Wiederholungen breiter und verwaschener, was besonders bei kurzen Verzögerungszeiten einen Hall-ähnlichen Charakter möglich macht. In die Delayschleife kann ein Hochpass- oder ein Tiefpassfilter eingesetzt werden, deren Grenzfrequenzen mit der Reglerposition zunehmen – in der “Vormittags”-Position ist das Low-Pass, “nachmittags” das High-Pass aktiv.

Unter “Multi-Tap” sind nicht etwa rhythmisch komplexe Verzögerungen, sondern eine festgelegte Anzahl. Hier stimmt die Bezeichnung “Repeats” tatsächlich, denn eben diese Anzahl (von 1 bis 30) wird damit festgelegt. Decay regelt in diesem Fall die Pegelabschwächung mit jedem Durchlauf. Ihr merkt: Aufgrund der verschiedenen Programme liegen die notwendigen Parameter teiweise auf Potis, deren Beschriftung dann schlicht und ergreifend falsch ist. Das Programm “Echo 300ms + Mod” beispielsweise verfügt über die kürzeste Verzögerungszeit, was für Kammfiltereffekte sorgt. Wird die Delayzeit dann moduliert, erhält man je nach Geschwindigkeit einfache Chorus- und Flanger-Effekte, zur Modulationstiefe muss hier der Parameter “Decay” herhalten. Nein, logisch ist das nicht.

Aber es wird noch besser: Im “Multi Tap 1 Sec + Rev”-Modus kann man durch Halten des Tap-Tasters maximal sechs Sekunden des gerade Gespielten rückwärts laufen lassen – eine Spitzenfunktion, wenn man sie kennt! Mit “Déjà Vu Reverse Echo” kann man diese Möglichkeit dauerhaft nutzen. “Repeats” regelt hier wiederum eigentlich das Feedback, “Decay” die Anzahl an Stimmen, die rückwärts wiederholt werden. Wenn ihr jetzt noch nicht genauso verwirrt seit wie ich beim ersten Kennenlernen des Hazarai, dann komme ich jetzt noch mit der Loop-Funkionalität um die Ecke. Grundsätzlich ist diese sehr einfach: Wenn man (außer im “Multi Tap 1 Sec + Rev”-Modus) den Tap-Taster gedrückt hält, wird ein Loop aufgezeichnet und sofort im Anschluss wiedergegeben. Weitere Overdubs erfolgen durch erneutes langes Drücken. Ein Löschen, Abbrechen oder Aussetzen einzelner Overdubs ist übrigens nicht möglich, dafür reicht die Bedienhardware genausowenig wie der interne Speicherplatz. Overdubs werden destruktiv aufgezeichnet, das neue Audiosignal wird mit dem bisherigen Loop gemischt und überschreibt dieses. Ausfaden eines Loops ist nicht möglich, der gesamte Loop-Speicher lässt sich nur löschen, wenn man im Bypass-Modus den Tap-Taster so lange gedrückt hält, bis die durchgängig leuchtende Loop-LED ausgeht. Allerdings gibt es hier ein paar Gimmicks in der Bedienung: “Delay” regelt im Loop-Modus die Loop-Geschwindigkeit (bis zur Hälfte oder dem Doppelten der Originalgeschwindigkeit), mit Decay kann die Abspielrichtung umgedreht werden. “Repeats” stellt dann übrigens ein, mit welchem Pegelverhältnis zum bestehenden Loop ein Overdub aufgezeichnet wird.

Zwischen dem ganzen kunterbunten Parameterhaufen des SMMH gibt es aber auch zwei Konstanten, quasi der Doppelfels in der Brandung: “Filter” arbeitet immer wie oben beschrieben, auch “Blend” regelt ganz banal das Verhältnis zwischen dem unbearbeiteten Effektsignal und dem von der Effekt-Engine erzeugten Signal.

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