Test
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23.01.2017

Praxis

Erste Inaugenscheinnahme des REDD: High-Tech-Begeisterung kommt keine auf

Der Mikrofonbody des Chandler Limited REDD Microphones, der ja schließlich zwei Doppeltrioden und einen großen Übertrager beinhaltet, ist wirklich riesig. 28 Zentimeter Höhe, das sind Dimensionen, die an die Blue Bottle erinnern. Was verwundert: Das Mikrofon ist recht leicht! Etwa ein halbes Kilogramm ist deutlich weniger als das, was man vielleicht erwartet. Gut: Die einfacher aufgesetzte Röhre, die die Elektronik vor mechanischer Einwirkung, aber vor allem vor Ingress (elektromagnetischen Störungen) schützt, besteht aus Blech normaler Dicke. Auch das Skelett, auf dem die Platine sitzt und oben der Korb, ist nicht auffallend schwer, hochwertig oder irgendwie besonders. Der Korb selbst mit seinen äußeren Drahtmaschen und seiner inneren Metallgaze zeugt vor allem von: Normalität. Es gibt nicht einmal etwas, das Reflexionen im Korbboden verringert oder leitet, wie es heute eigentlich Usus ist. Keine kegelförmige Schallleitung aus Plastik, kein absorbierendes Material, einfach die nackte Platte als Übergang zum Body. Und dieser selbst ist auch nicht schwingungsbedämpft, auch ist er nicht konisch, um Resonanzen zu vermeiden. Und Röhren sind immer mikrofonisch, besonders die großen… aber gut: Ein Chandler-Produkt darf man wie so manche andere nicht an seinen Bauteilen messen. Und alles, was ich genannt habe, ist beim Neumann U 47, beim AKG C12, bei ELA 251 und den ganzen anderen alten Herrschaften auch nicht großartig anders. Großmembraner mit hervorragender Built Quality heißen eben Brauner, Microtech Gefell und so weiter, der Kauf eines Chandler hat andere Gründe.  

Auf der To-Do-Liste bei Chandler scheint auf jeden Fall ein „Check!“ gemacht worden zu sein hinter der Anforderung, alle notwendigen Bedienelemente so gut wie möglich auf Mikrofon und Netzteil zu verteilen und unterschiedlich zu gestalten. Während ich die Notwendigkeit von Output-Gain am Netzteil noch technisch sehr gut nachvollziehen kann und selbst die nervige rückwärtige Lage (siehe Test des TLM 107…) des gerasterten Gains logisch ist, wenn man in das Innere des Mikrofons blickt, stören die vertieft eingesetzten Schalter für Richtcharakteristik und Vordämpfung. Pole und Type hingegen lassen sich bequem mit dem Finger schalten, wohingegen bei Pad und Pattern ein Kugelschreiber oder dergleichen eingesetzt werden müssen. Der Grund: Das Mikrofon muss von unten in die Halterung eingebracht werden. Obwohl man es vielleicht umdrehen will, um die Kapsel nicht zu sehr zu erwärmen: Das REDD Microphone wird nämlich ganz schön warm!

RED LED, REDD? REALLY?

Alles ist aufgebaut, ich schalte ein und erlebe zwei Überraschungen zugleich. Zunächst: In der Kapsel des REDD leuchtet eine rote LED. Au weia. Ich finde das höchst albern, ja geradezu der großen Abbey Road Heritage unwürdig, möchte jetzt aber nicht zu sehr darauf herumreiten (wie etwa beim Horch RM3 oder dem Mojave MA-1000). Gruselig hingegen fand ich das deutlich wahrnehmbare Sirren aus dem Netzteil. Ich habe direkt kontrolliert: Es ist nicht im Signalweg wahrnehmbar. Meine panische Kontaktaufnahme mit dem hochqualifizierten deutschen Vertrieb und der Befürchtung eines Transportschadens ergab, dass das Problem bei Chandler bereits bekannt ist. Man testet dort mit 60 Hz Netzfrequenz, bei 50 Hz treten die Probleme auf. Unser Testgerät, Seriennummer 20, ist mit das erste, das die USA verlassen hat. Sicher wird das Problem schnell behoben sein, ich bin allerdings etwas verwundert, dass ein Hersteller, der fast 7000 Euro für ein Mikrofon aufruft, nicht auch mal mit 50 Hz testet. Schließlich gibt es Netzfrequenzconverter. Aber genau das ist kurz nach der Veröffentlichung dieses Tests passiert: Es wird nun ein anderer Transformator verbaut, der auch bei 50 Hz unörbar arbeitet. Die Netzspannung übrigens ist „Hard Wired“, es gibt am Netzteil also keine Umschaltung.

Viel Charakter, aber nicht auf Kosten wichtiger anderer Eigenschaften

Alles ist vergessen, wenn man das Chandler REDD Microphone angeschlossen, hat warmwerden lassen und dadurch die ersten Signale begutachten kann, die die 3pol-XLR-Buchse an der Power Supply verlassen. Das Mikro steht auf Niere, Type norm, die Levels sind moderat. Ja, da ist es alles: Der typische Grundklang eines Großmembran-Kondensers mit den oben leicht abfallenden Höhen, eine angenehme Weichheut, eine leichte, ohrschmeichelnde Farbe durch Röhren und Tranny, aber eben gleichzeitig ein hohes Maß an Transparenz und Schnelligkeit. Die Tiefen haben richtig Fleisch, bei geringen Abständen werden sie deutlich stärker, aber ohne andere Signalanteile zu beeinträchtigen (indem etwa die Auflösung in den Höhen schlechter würde) oder „wobbly“ zu werden. Das Spektrum niedriger Frequenzen ist ausgeprägt, aber knackig, bleibt es aber auch, ob bei hohen Pegeln, geringen Abständen oder beidem. Es ist nicht dokumentiert, aber es scheint ein festes Hochpassfilter mit sehr geringer Grenzfrequenz im Signalweg zu liegen, welches den „Schlamm“ im Subbass unterdrückt. Die Mitten des Chandler REDD sind durchsetzungsfähig und ohne auffällige Löcher und Überhöhungen, die Präsenzen klar, aber ohne Tendenz zum Schneiden. Nach jedem kurzen Ereignis im Bereich zwischen 1 und 10 kHz meint man, eine kurze Prise Feenstaub wahrnehmen zu können – durch die hohen Pegel werden vermehrt Harmonische produziert. Das alles geschieht ohne „Fahne“, also sehr schnell. Wie auch bei den knackigen Bässen ist das ein Hinweis auf eine Kapsel mit guten Eigenschaften, aber auch auf einen besonders hochwertig bestückten und kurzen Signalpfad. Einen Preamp in ein Mikrofon zu integrieren ist zweifelsohne zu diskutieren, aber hier hätten wir ein Pro-Argument, nämlich kurze Wege und eine optimale Anpassung. Keine Ausnahme bilden die Höhen, denn diese sind ebenfalls von feiner Zeichnung und hoher Detailliertheit – aber natürlich ebenfalls nie zu brillant oder spitz – eben dennoch typisch nach Röhrenmikro klingend.  

Die Patternstabilität geht in Ordnung. Zwar sind Sweet-Spot und generelle Konstanz nicht sonderlich hoch, aber es gibt keine „phasig“ klingenden Stellen – und das ist selbst für Gesangsaufnahmen in der Booth eine wichtige Eigenschaft, denn von irgendwo kommen immer Reflexionen. Noch etwas anderes kommt von irgendwo, nämlich Einstreuungen. Hier zeigt sich das REDD-Mikrofon unbeeindruckt, selbst in der Nähe von Mobiltelefonen, Lautsprechern und Neonröhren. Der Rauschteppich ist gering und homogen.  

Klasse ist der Sättigungsbereich von Chandlers erstem Schallwandler, denn er ist riesig. Schon bei mittleren Pegeln kann man Signale schon vor dem Gain angenehm anreichern. Toll: Erst kommen ganz langsam Harmonische zum Signal hinzu, die Einengung der Dynamik hingegen erfolgt deutlich später bei viel höheren Pegeln, ist aber ebenso sanft im Verlauf.  

Während des Testzeitraums habe ich mit der Verwendung eines hohen internen Gains sehr gute Erfahrungen gemacht, das Signal direkt in den Lavry AD11 gegeben und ohne weitere Verstärkung aufgezeichnet. Im Vergleich mit dem Microtech Gefell kam ein True Systems P-Solo Ribbon zum Einsatz, der als sehr cleaner und potenter Vorverstärker sehr beliebt ist. Doch auch die Kombination mit einem nicht sehr stark färbenden, aber sehr „dreidimensionalen“ Röhrenpreamp, hier dem Tube-Tech MP-1A erzielte hervorragende Ergebnisse.

Das klingt gut bis hierhin, oder? Doch Sekunde, wir fahren mit angezogener Handbremse…

Der „God Mode“: Drive

Mein lieber Herr Gesangsverein! Schaltet man „Type“ von „Norm“ auf „Drive“, geht die Post auf, die Sonne ab, die Luzie auf… ähm: Es ist wirklich einer dieser göttlichen Momente, die man nur noch selten erlebt, wenn man tagein, tagaus neue tontechnische Produkte benutzt. Ich bin absolut begeistert. Das Signal bekommt plötzlich eine deutliche Struktur. „A little characteristic hair on a signal.“, heißt es im Handbuch… dass ich nicht lache! Hier haben wir wohl den seltenen Fall von britischem Understatement in amerikanischer Übertreibung. „Little“ – pah! Nach Aktivierung von Drive springt das Signal den Hörer an wie He-Man, der bei Spartacus, Darth Vader und… ähm… sagen wir Smaug Kampfunterricht genommen hat. Wenn man die Frage ausblendet, wie man dieses gewaltige Spektakel aus reichen, aber dennoch schnellen Harmonischen in einem Mix mit anderen Instrumenten unterbringen soll, schwebt man im siebten Himmel. So ging es mir jedenfalls, ich habe mich im vollkommenen Gain-Wahn wiedergefunden: Signalquellen laut, Gain volle Pulle und Output auf -10 zur Schadensbegrenzung. Nun gut, das Drive-Signal liefert ganz deutlich mehr Gesamtpegel als „Norm“. Nimmt man Gain am Mikro etwas zurück, kann man moderater arbeiten, auch hohes Gain bei Norm-Stellung kann durchaus für etwas Grit sorgen. Dennoch: Eine Art Zwischenschritt hätte ich sehr begrüßt, so ist es auf Dauer etwas zu schwarzweiß. Ein Mittelding als allgemeinverträglicheren Modus würde ich dem „Wow“-Modus oft vorziehen. Und die Auswirkungen von „Low Contour“ am Netzteil könnte für meinen Geschmack hingegen gerne etwas aussagekräftiger sein, nicht so moderat. 

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