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Test
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15.03.2016

Chandler Limited Abbey Road Studios Mic Amplifier Type REDD.47 E.M.I. Test

Einkanaliger Röhren-Mikrofonvorverstärker der EMI/REDD.51-Konsole

„The Beatles“ – Was muss man mehr sagen?

Chandler Limited Abbey Road Studios Mic Amplifier Type REDD.47 E.M.I. – der einkanalige Röhren-Mikrofonvorverstärker im Test bei bonedo: Was für fast unfassbare Begriffe auf der Frontplatte des 19“-Studiogeräts zu lesen sind… sie lesen sich fast wie ein Who-Is-Who der Tontechnik. Wenn nun noch irgendwo Rupert Neve und George Massenburg, API und SSL, Sound City und Air Lyndhurst zu lesen wäre, dann hätte man schon einen Großteil des Best-Ofs der gesamten Tonstudio-Szene zusammen. Nun, das ist vielleicht etwas übertrieben, aber die legendären analogen Mischpulte, in welchen die 47-Preamps zum Einsatz kamen (die REDD.51), das weltbekannte Studio in der Abbey Road in London selbst, ihr damaliger Betreiber EMI, der gleichzeitig in Hayes (Middlesex) Entwicklung und Herstellung eigener Technik unterhielt, und nicht zuletzt die Firma Chandler Ltd. von Mastermind Wade Goeke, der als bislang einziger Mensch nach Original-Unterlagen fertigen darf – das sind schon schlagkräftige Begriffe.

Und da gibt es einen weiteren Begriff, der in diesem Kontext genannt werden muss: „The Beatles“! Dies rührt daher, dass der Beatles-Sound von 1963 bis 1968 maßgeblich von der Akustik in Studio 2, den STC/Coles 4038, Neumann U 47 und U 67, AKG D19 und natürlich auch der REDD.51-Konsole mit ihren 47-Tube-Preamps bestimmt wurde. Allerdings kamen beim letzten Album der Liverpooler Pilzköpfe nur noch die Vorverstärker der TG-Konsole zum Einsatz, zu Beginn ist viel Siemens' V72s-Preamp aus den REDD.17- und REDD.37-Konsolen zu hören.

Dass ein Chandler-Gerät den Job, eine Re-Issue herzustellen, sehr ordentlich durchführen wird, beweisen schon die anderen Studioprozessoren mit „EMI“-Tag, nämlich solche mit Transistortechnik: Der TG1 Limiter, der Stereo-Preamp TG2 (und sein API-500-Mono-Ableger), der Zener Limiter, der TG Channel Strip und der Curve Bender gehören zu den Stückchen Hardware, deren Abbild auf der Netzhaut eines wohl jeden Tontechnikers eine wohligere Schummerigkeit erzeugt, als es jede Zigarette am Morgen schafft. 

Details

„Chandler goes Tube“? – Nicht ganz!

Der REDD.47-Preamp ist das erste Gerät Chandlers mit Röhrentechnik. Wirklich? Ha! – Das könnte man meinen, wenn man ausschließlich auf die Studiotechnik schielt. Doch neben zwei Gitarren-Bodeneffekten hat Wade Goeke schon ein Gitarren-Topteil gezaubert, welches im Studiobetrieb durch eine durch den User verstellbare Tube-Bias auftrumpfen kann. Und der Sound des an klassische englische Amp-Designs (Marshall!) angelehnten Chandler GAV19T hat unseren Autor Robby Mildenberger dermaßen umgehauen, dass er mir (nachdem ich ihm noch einen JMI-Fuzz, ein Hiwatt-Top und ein -Comboverstärker als Testgeräte habe zukommen lassen) „verboten“ hat, ihn weiter zu versorgen. Er hätte sonst seinen Kaufreflex nicht mehr unter Kontrolle. Er lachte dabei zwar, meinte es aber doch irgendwie ernst. 

Geschichtsunterricht, komprimiert: Der originale REDD.47

Das Vorgängerpult der REDD.51 war die REDD.37, welche vor allem in ihren späteren Ausführungen der .51 schon recht ähnlich war. Bis dahin setzte die EMI jedoch auf bewährte deutsche Rundfunktechnik und verbaute V72s-Röhrenpreamps (mit eigener Modifikation zu "V72s"). Dass in der REDD.51 andere Vorverstärker als die Siemens-/Telefunken-/TAB-/Maihak-Kassetten zum Einsatz kommen sollten, hatte wohl auch den Grund, dass man seitens der EMI von Fremdequipment unabhängiger werden wollte. Klanglich, das können unter anderem heutige Preise für Siemens-Preamps belegen, sind die V72 über alle Zweifel erhaben. Und in den EMI-Studios war niemand klanglich oder technisch unzufrieden mit den Preamps aus deutscher Fertigung. So ist das Design der REDD.47 nicht unähnlich in manchen Punkten. Doch anders als die Siemens- hatte die REDD.47-Kassette ein schaltbares Gain von 34, 40 und 46 dB – und sogar ein „Fine Gain Set“-Poti. In der Input-Stage wartete eine EF86 auf Arbeit (also eine Pentode), in der Output-Stage eine E88CC-Triode. Kleines Nice-to-know: Die REDD.51 „Stereosonic Four Track Console“ war mit 31 REDD.47-Amps bestückt, und zwar nicht nur für die Channel-Inputs, die Echo-Sends und -Returns, sondern für wirklich alle Verstärkungsaufgaben. Sogar für das Talkback-Mikrofon!

REDD.47 ein halbes Jahrhundert später

Die REDD.51-Konsolen des EMI-eignenen „Record Engineering Development Departments“, in denen 31 der REDD.47-Preamps verbaut wurden, sind im wichtigen Studio 2 der EMI erst 1964 installiert wurden, obwohl Mischpult und Vorverstärker schon 1959 entwickelt waren. Somit ist der Chandler-Amp die erste offizielle Herstellung eines REDD.47-Preamps außerhalb der längst geschlossenen Entwicklungsabteilung der einst so mächtigen Plattenfirma EMI und ihrer Studios nach geschlagenen fünf Jahrzehnten erhältlich – und erstmals ohne Beziehungen und/oder immensem Reichtum.

Ein voll originalgetreues REDD.47-Re-Issue wäre toll, aber auch etwas dämlich

Wade Goeke wäre zwar authentizitätsbewusst, aber unternehmerisch sicher nicht ganz sauber im Kopf gewesen, wenn er den alten REDD.47-Preamp 1:1 als Re-Issue nachgebaut hätte. Ein Problem, das sich oft stellt, ist die Verfügbarkeit von Bauteilen, insbesondere Übertragern und Vakuumröhren. Die genannten Glaskolben sind auch heute noch problemlos zu beschaffen, Transformer kann man sich nach Vorgaben wickeln lassen – was Chandler für den REDD.47 auch gemacht hat. Eine der Änderungen gegenüber dem Original betrifft das Gehäuse:

19“-Gehäuse statt Kassettentechnik – mit Netzteil!

Der originale REDD-Vorverstärker wurde in die Seiten (!) des Mischpults eingebaut und dort mit einer Schraube fixiert, Chandler hingegen wählt einen etwas einfacheren Weg: Der REDD.47 ist statt in Kassettentechnik gepresst im gewohnt stabilen 19“-Gehäuse in zwei Höheneinheiten untergebracht. Was ein absolutes Novum für ein Chandler-Studiogerät ist: Das Netzteil ist eingebaut! Mit dem Hintergedanken, sich den Bereich, in dem Audioleitungen laufen, von hohen Spannungen und somit Einstreuungsmöglichkeiten freizuhalten, hat das Unternehmen dabei sicherlich recht. Aber jetzt eben anders. Lustig: Die EMI-Entwicklungsabteilung ging damals genau den anderen Weg und überließ erstmals die komplette Modul-Spannungsversorgung dem Pult-Backbone.

Gain – grob und „fain“

Wie bei den grauen Kassetten aus der Abbey Road gibt es ein Gain, welches die grundlegende Verstärkung regelt. Um nicht unzeitgemäß zu sein, überstreicht das „Voltage Gain dB“, an anderen Geräten „Coarse Gain“ und dergleichen genannt, nun in 6dB-Schritten einen deutlich üppigeren Bereich: 16 bis 52 Dezibel. „Fine Gain Set“ ermöglicht wie bei den alten Kisten eine Änderung von -5 bis +5 dB in ganzzahligen Schritten. Für ganz heiße Signale kann ein 20 dB Pad als Vordämpfung ins Spiel gebracht werden. Ein bisschen Rechnen lässt erkennen, dass man auch negative Pegelveränderungen erzielen kann – und schon mit geringen Boosts ist so mancher Mikrofon-Vorverstärker ein feiner Geheimtipp zum Veredeln von Line-Signalen… „Volume“, ebenfalls ein Regler auf der Frontplatte, agiert wie der Channel-Fader des REDD.51 Mixing Desks und ist als einziges Stellwerkzeug des Amps nicht gerastert. Es ist ein reiner Attenuator ohne Faderaufholverstärker – hat also Unity Level bei vollem Rechtsanschlag. Mit dem Poti werden Anpassungen zu nachfolgendem Equipment vereinfacht.

Add-Ons: 48V, DI-Input, Pole und variables Hochpassfilter

Die zusätzlichen Einflussnahmen auf den Pegel sind nicht die einzigen Add-Ons des aktuellen Geräts. So findet sich neben der zuschaltbaren 48V-Phantomspeisung die Möglichkeit, mit einem Instrumentensignal die Verstärkerschaltung zu entern. Nicht unwichtig, denn was hochwertige Preamps für einen grandioses DI-Signal liefern können, trägt oft nicht unerheblich zum Nutzen eines solchen Geräts bei. Mir kommt spontan mein Tube-Tech MP-1A in den Sinn. Der DI-Input des EMI-Preamps ist frontseitig und muss aktiviert werden, auf der Rückseite des REDD.47 herrscht kalte Banalität: Netzstecker mit Sicherung, Eingangs- und Ausgangsbuchse als XLR. Eine weitere Schaltfunktion trägt den Namen „Pole“ und kann zwischen „North“ und „South“ geschaltet werden, um den klassischen arktischen Klirr oder die etwas modernere antarktische Soundvariante zu wählen. Blöder Witz, sorry, aber vielleicht mit einem wahren Kern: Natürlich ist „Pole“ die Phaseninvertierung des Signals und bedeutet „Polarity“. Man könnte es aber auch als Kenner einer Vielzahl von Preamps fehldeuten, denn die unmittelbare Nachbarschaft zum Hochpassfilter „Rumble“ könnte suggerieren, dass man die Flankensteilheit dieses Filters verstellen kann. 6dB/oct nennt man schließlich auch „1 pole“, 12dB/oct „2 pole“, 18dB/oct „3 pole“ und so weiter. Nun, dem ist nicht so. Das „Rumpelfilter“, also die Tiefensperre, war beim ursprünglichen Mischpultdesign eine einfache Steckfunktion mit festgelegter Grenzfrequenz. Chandler hat das Spulen-Hochpassfilter auch ordentlich aufgebohrt: Es sind nun neun Frequenzen von 30 bis 180 Hz. 

Die magischen 2%?

Wer Chandler kennt, der weiß, dass es dort bestimmt keine Messprotokolle und genauen technischen Angaben gibt. So auch beim EMI-Vorverstärker: Frequenzgang, Rauschspannungsabstand – all das sucht man vergeblich. Das ist durchaus sympathisch und bei Charaktergeräten auch sinnvoll. Lediglich die Aussage, dem Signal bis zu 2% THD hinzufügen zu können, wird verlautbart. Und das lässt hellhörig werden, denn 2% Verzerrungen sind schon mehr als nur „ein bisschen angeraut“. Nun, üblicherweise geht es für mich­ schnell nach dem Auspacken eines Testgeräts in den Praxistest, doch diesmal müssen erst ein paar Beatles-Platten unter der Nadel bewegt werden. „Beatles For Sale“ und „Revolver“ mit geschlossenen Augen über elektrostatische Kopfhörer, dann fühlt man sich noch mehr bereit für den REDD.47!

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