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Test
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22.04.2021

Praxis

Nach kurzer Einarbeitungszeit wird man mit dem Behringer 2600 gut zurechtkommen. Alles ist übersichtlich, die Beschriftung ist gut lesbar und auch die in Orange gekennzeichnete vor-verdrahtete Verkabelung ist gut erkennbar und hilfreich. Die im Vergleich zum Original etwas unterschiedliche Anordnung der Module wird nur die stören, die bereits einen ARP oder den ARP 2600 FS von Korg verwenden, aber das dürften nicht viele sein. Ob die Beleuchtung stört oder hilft, das mag jeder für sich entscheiden. Wer sie nicht benötigt, der dimmt sie oder schaltet sie gänzlich aus. Der Dimmer, die Anschlüsse (außer Audio Out) und die DIP-Schaler für die Bestimmung des MIDI-Kanals sind auf der Rückseite angebracht, was sicherlich Vorteile hat, schraubt man die Unit in ein 19-Zoll-Gehäuse. Die Bedienung - fast ausschließlich über Schieberegler - kennen wir bereits vom Arp Odyssey oder dem Behringer Odyssey. Das gibt auf jeden Fall einen guten optischen Überblick über die aktuellen Einstellungen in allen Bereichen. Die Qualität der Fader ist in Ordnung. Was mir weniger gefällt, ist die spärliche Bedienungsanleitung. Da greift man besser auf Tutorials auf YouTube zurück.

Ausstattung und Möglichkeiten

Der Behringer 2600 gehört nicht zu den analogen Synthesizern einfacher Bauart. Nicht nur die drei Oszillatoren, sondern die Vielzahl der „Module“ machen aus dem 2600 einen äußerst flexiblen Synthesizer mit enormen Klang- und Modulationsmöglichkeiten. Ob Hard Sync, FM, Filtermodulation, Ringmodulation - vieles ist möglich. Und dank des semi-modularen Aufbaus kommt man recht schnell zu einem Klangergebnis, ohne sich im ersten Schritt über Patchkabel Gedanken machen zu müssen. Apropos Patchkabel: Die gehören nicht zum Lieferumfang und sollten direkt mit auf die Bestellliste gesetzt werden (mindestens 10 Stück). Übrigens lohnt es sich, im Netz nach Patches zu suchen, das Angebot ist dort bereits ziemlich reichhaltig und man erhält gute Anregungen.

Tipps & Tricks für die Verwendung des Behringer 2600

Die nachfolgenden Erläuterungen beschreiben eine Auswahl von Sektionen und die damit verbundenen Möglichkeiten, ohne zu tief ins Detail zu gehen.

Envelope Follower mit Vorverstärker

Eigentlich für die Verarbeitung externer Signale gedacht, lässt sich z. B. der Vorverstärker selbst intern gut verwenden. Schalten wir diesen zwischen „VCF Out“ und „VCA In“, lässt sich mit zunehmender Gain-Einstellung ein wirklich schönes „Zerren“ erzeugen, was den Klang insgesamt aggressiver werden lässt. Aber auch, um die berühmte R2-D2 Stimme zu erzeugen, ist der Envelope Follower geeignet. Schließt man hier ein Mikrofon an (leider Miniklinke) und spricht in Selbiges, kommt man der Stimme des kleinen Roboters schon ziemlich nah. Wir haben uns im Fall des Klangbeispiels mit der Aufnahmefunktion eines iPods beholfen und den Miniklinken-Audioausgang des iPod mit dem Eingang des Vorverstärkers verbunden - hat gekappt. Das Patching von R2-D2 ist jedoch noch ein wenig aufwendiger, wie man im Video Behringer 2600 (no talking) sehen kann.

Voltage Processor

Beim Arbeiten mit dem Behringer 2600 kann ich nur empfehlen, sich mit den Möglichkeiten des Voltage Processors auseinanderzusetzen. Bei einem analogen Synth wird mit Spannungen (CV) gearbeitet: Die Tastatur bestimmt per CV die Tonhöhe, ein LFO gibt eine Steuerspannung aus und selbst das Signal eines VCOs basiert auf einer Spannung. Mit einem Voltage Processor lässt sich Spannung „manipulieren“, wozu diese Einheit vier Eingänge bietet, zwei davon mit Schiebereglern in der Intensität regelbar, zwei nicht. Zusätzlich gibt es einen Ausgang und einen Reverse-Ausgang. Im einfachsten Fall können wir den Voltage Processor als Mixer verwenden, um z. B. Sägezahn und Rechteck eines Oszillators zu mischen. Dazu steht noch ein 4-fach-Multiple zur Verfügung.

Interessant ist es auch, den Ausgang des ADSR-Generators auf Eingang 2 zu geben und die Hüllkurve via Reverse-Ausgang zu invertieren und dann den VCF damit zu modulieren. Auch können wir hier aus einem aufsteigenden Sägezahn eine absteigende Variante zu zaubern. Oder man versuche mal folgende abgedrehte Idee: Der Eingang 4 ist in der Grundbelegung mit der Keyboard-Spannung (CV) verbunden, selbst wenn der 2600 via MIDI angesteuert wird. Legen wir jetzt den Reversausgang auf den Input KYBD CV eines Oszillators und schieben den Regler ganz nach rechts, haben wir die Tastatur quasi umgedreht. Spielt man einen Lauf nach oben, geht dieser tatsächlich in die entgegengesetzte Richtung nach unten. Da sollte man mal ein Solo versuchen oder dreht ein via MIDI in die DAW eingespieltes Solo auf diese Weise einmal um. Was dabei herauskommt, kann man gar nicht selbst „komponieren“. Und noch ärger, man spielt einen VCO reverse und den Zweiten normal - einfach mal ausprobieren. Dazu haben wir ein Klangbeispiel angefertigt. Fazit: Der Voltage Processor mutet sehr „technisch“ an, bietet jedoch musikalisch einiges.

Ring-Modulator - Wegbereiter für das MOD Wheel?

Im Normalfall addiert/subtrahiert der Ringmodulator die Frequenzen zweier Eingangssignale und erzeugt damit glockenartige Sounds, aber es geht auch anders. Hierzu verbinden wir ein Arturia Keystep Controller-Keyboard, dass über Gate, CV und MOD Out verfügt, mit dem 2600 - oder über MIDI. Nun würden wir gerne mit dem „MOD Wheel“ (im Falle des Arturia ein MOD-Band) das Vibrato des Behringer 2600 steuern. Das geht auf direktem Weg nicht, womit der Ring Modulator ins Spiel kommt. Eingang 1 wird durch das Vibrato belegt, Eingang 2 durch die Steuerspannung „MOD“ aus dem Arturia. Jetzt verbinden wir den Ausgang des Ring Modulators mit dem Eingang „Ext. Vib In“ im Synthesizer. Ergebnis: Die MOD-Wheel-Funktion des Arturia steuert wie gewohnt die Intensität des Vibratos.

Sample & Hold

Sample & Hold ist eine klassische Synthesizerschaltung, bei welcher Samples aus einer einfachen oder komplexen Schwingung (z. B. Rauschen) genommen und als Steuerspannungen z. B. auf den VCO wirken können. Verwendet man als Eingangssignal einen aufsteigenden Sägezahn, dann wird - auf die Tonhöhe des VCO geroutet - ein Lauf nach oben erzeugt, bei anderen Schwingungen entsprechend deren Gestalt. Dabei kann der S&H auch die Hüllkurven auslösen (Gate) und ohne externe Tastatur spielen. Die Geschwindigkeit ist dabei variabel. Nimmt man das Rauschen, so entsteht eher eine zufällige bis chaotische Tonfolge. Das Sample&Hold-Modul ist maßgeblich bei R2-D2 mit im Spiel.

Anschluss eines Sequencers

Da der 2600 über keinen eigenen Sequenzer verfügt, bietet es sich an, diesen mit entsprechendem Equipment z. B. aus dem Eurorack-Universum zu verbinden. Über MIDI klappt das problemlos. Will oder muss man die CV- und Gate-Anschlüsse verwenden, muss ein bisschen getrickst werden. CV ist kein Problem, der 2600 arbeitet mit der V/Oct-Charakteristik. Auf Gate-Signale z. B. vom Behringer Sequential Controller 960 reagiert der 2600 überhaupt nicht. Warum nicht? Der Behringer 2600 erwartet beim Gate- oder Trig -Input eine Signalstärke von 10 V. Der 960 produziert aber nur 3V, manche andere Eurorack-Systeme 5V. Folge: Der z. B. per Gate aktivierte Hüllkurvengenerator hat einen „viel zu niedrigen Blutdruck“ und kommt nicht in die Gänge. Geht das etwa nicht? Ist selbst der Behringer-eigene 960 nicht kompatibel, was ein dicker Minuspunkt wäre? Doch es geht, wir müssen nur einen kleinen Umweg patchen und das schlappe Gate-Signal über den Preamp des Envelope Followers auf Trab bringen. Wenn man im Eurorack Module wie den Behringer CP3A-M hat, geht das auch damit. Man hätte das Problem möglicherweise mit einem Umschalter zwischen 3, 5 und 10 V beim Gate-Eingang des Behringer 2600 lösen können. Auf Nachfrage erklärt das Haus Behringer, dass man stets die Specs des Originals weitestgehend nachempfinden wolle. Ein Argument, dass nicht zu 100 % sticht, denn man hat ja u. a. selbst MIDI und eine digitale Hall-Emulation eingebaut. Nun, es funktioniert ja mit einem kleinen Umweg.

MIDI und USB

Ausgestattet ist der Behringer 2600 mit MID und USB, jedoch außer Note On/Off und variablem Empfangskanal (über DIP-Schaltung) ist da nicht viel machbar (das gilt übrigens gleichermaßen für den ARP 2600 FS von Korg). Zumindest die Steuerung des Vibratos per MOD Wheel wäre schön gewesen. Und ja, man kann die Behringer Synthribe Software via USB nutzen, die im Falle des 2600 nicht sehr viel hergibt (auch nicht das Umschalten des MIDI-Kanals) - außer bei der Kalibrierung, was der Beibehaltung des ursprünglichen Konzepts des Synthesizers geschuldet ist.

Die Kalibrierung

Schaut man sich den 2600 etwas genauer an, fallen die vielen Gummikappen auf der Bedieneinheit auf. An diesen Stellen lassen sich die verschiedenen Parameter kalibrieren. Dazu nimmt man die Gummikappe ab und erreicht die Einstellmöglichkeit per Schraubendreher. Hier aufpassen und nicht mit den Gummikappen rumspielen, denn die sind schneller weg, als man schauen kann … und am Anfang würde ich insgesamt die Finger davonlassen.

Wie klingt der Behringer 2600?

Der analoge Grundsound ist einfach nur gigantisch. Fette Bässe, tolle Leads und höchst experimentelle, abgedrehte Variationen sind möglich. Im Bass ist ein ziemliches Pfund vorhanden. Hat man alle VCOs aktiviert und leicht gegeneinander verstimmt, entsteht dieser breite fette Klang, den man sich wünscht. Auf der anderen Seite gehts auch aggressiv und hart. Der Behringer 2600 ist da sehr vielseitig. Und selbst im zweistimmigen Bereich lassen sich - obwohl paraphon - schöne Pad-artige Sounds entlocken. Egal, welche ARP-2600-Klon-Variante man wählt, man erhält einen höchst intuitiven wie anregenden Synthesizer, der zum Experimentieren förmlich einlädt.

Audiobeispiele zu Behringer 2600

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