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Test
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25.11.2015

Avid Pro Tools 12 (HD) Test

DAW-Software

Die Entwicklungen in 2015

Zu Beginn des Jahres 2015 war die Entwicklung noch nicht klar zu erkennen: Wohin führt die neue Lizenzierungspraxis bei Avid Pro Tools? Werden tatsächlich nach und nach neue Features integriert? Wie entwickeln sich die Versionen Standard und HD? Das sind viele interessante Fragen, zu denen ich einen kurzen Überblick geben möchte. 

Als ich zum Ende des Jahres 2014 Pro Tools 11 testete, war das neue Lizenzmodell bereits angekündigt, die praktischen Auswirkungen traten aber erst danach zu Tage. Man kann die Einführung von Pro Tools 12 zu Beginn des Jahres 2015 ohne Übertreibung einen PR-Super-GAU nennen: Avid hatte sich überlegt, Pro Tools 12 auf den Markt zu bringen, ohne der Software ein nennenswertes neues Feature hinzuzufügen. Die sollten erst im Laufe des Jahres hinzukommen. Meine im Fazit des Pro-Tools-11-Tests benannten Unsicherheiten zu den Auswirkungen des neuen Lizenzmodells nahmen so den ungünstigsten Verlauf aus Sicht eines Nutzers: Upgrade-Kosten ohne funktionalen Zugewinn. 

Nun ist das Jahr 2015 fast um und es ist Zeit, Bilanz zu ziehen, was sich im Laufe des Jahres entwickelt hat. Beginnen möchte ich mit den neuen Features, die mit Pro Tools 12.3 eingeführt wurden.


Details

Commit Tracks und weitere Neuerungen in Pro Tools 12.3

Wenn man es ganz genau nimmt, hat Avid sich 2015 sehr viel Zeit gelassen, bis tatsächlich neue Features Einzug in die Software gehalten haben. Die seit November 2015 verfügbare Version 12.3 bietet drei neue Funktionen: Commit Tracks („Übernehmen“), Clip-Transparenz beim Positionieren und Stapelverarbeitung für Fades. 

Die neuen „Übernehmen“-Möglichkeiten sind verkürzt gesagt sehr umfangreiche Spur-Bounce-Funktionen in Pro Tools. In früheren Pro-Tools-Versionen war es ein mehrstufiger Prozess, einen Track zu rendern und wieder in die Session zu integrieren, beispielsweise um Ressourcen zu sparen. Mit dieser neuen Funktion kann das alles in einem Rutsch passieren. Dazu drei Beispiele: 

  1. Wenn ich ein virtuelles Drum-Instrument verwende und die einzelnen Drum-Sounds über Einzelausgänge ins Pro-Tools-Mischpult führe, kann ich die Drums nun in einem Schritt in Audiofiles konvertieren. Und zwar ohne Veränderung des Routings. Ich klicke dazu mit der rechten Maustaste auf die betreffende Spur, wähle den Eintrag „Übernehmen“ und kann nun detailliert festlegen, was nach dem Offline-Bounce passieren soll. Ich möchte zum Beispiel, dass die Sends der jeweiligen Einzelausgänge erhalten bleiben, auch die Zuordnung zur Gruppe „Drums“ und die Verbindung zum VCA Master „Drums“. Und als wenn das noch nicht genug wäre, gibt es noch eine weitere Spezialität: Befinden sich auf den jeweiligen Einzelausgängen und dem Hauptausgang Plug-Ins in den Inserts, besteht die Möglichkeit, diese in die Bounces zu integrieren oder auf die neu erstellten Spuren zu übertragen. Die Zauberfunktion heißt „Bis zu diesem Insert übernehmen“ und kann im oben genannten Drum-Beispiel so eingesetzt werden, dass nur die rohen Drumfiles gebounced werden, aber EQs, Kompressoren und ähnliche Plug-Ins in die Inserts der neuen Spuren übernommen werden. Fantastisch! 
  2. Ich habe mehrere Parts in meinem Song mit einem sehr Ressourcen-hungrigen Synthesizer-Plug-In gespielt und möchte diese Ressourcen jetzt wieder frei machen. Auch hierfür bietet die „Übernehmen“-Funktion eine praktische Lösung: Sobald ich unter der Sythesizer-Spur einen passenden (mono oder stereo) Audiotrack erzeugt habe, kann ich die MIDI-Clips per drag&drop auf die Audiospur ziehen und der entsprechende Bounce erfolgt automatisch. Wow!
  3. Ein Künstler oder eine Plattenfirma wünscht sich, dass ich den kompletten Mix einer Produktion in Einzelspuren abgebe, um später darauf zurückgreifen zu können. Dank der „Übernehmen“-Funktionen kann ich jetzt alle Audio-, Instrumenten- und Aux-Spuren offline bouncen, die Pan- und Volume-Automation erhalten und anschließend die gerenderten Spuren über „ausgewählte Spuren als neue Session exportieren“. So erzeuge ich eine Session, die sämtliches Processing und alle Effekte enthält und so von jedermann zu recallen ist, ohne dass ich meine Processing-Kette preisgeben muss oder beim späteren Öffnen ein Plug-In fehlt. Praktisch!

Die drei Beispiele zeigen: Das „Übernehmen“-Feature ist technisch gesehen nichts neues, denn es ist Offline-Bouncing in Reinkultur. Aber die Umsetzung ist vorbildlich und ein Beweis dafür, dass Workflow-Optimierungen die Nutzer jeder DAW sehr freuen. Dazu muss man einen Blick für die Praxis haben, den Avid auch in der Vergangenheit schon häufiger bewiesen hat.

Die beiden weiteren neuen Funktionen sind etwas weniger spektakulär, obwohl auch sie zu Arbeitszeitersparnis führen. Die transparente Darstellung der Wellenform beim Verschieben von Clips erleichtert das Positionieren und exakte Anpassen an andere Files. Außerdem gibt es neue Batch-Funktionen für Fades, über die sich zum Beispiel eine ganze Gruppe Clips in einem Rutsch bearbeiten lässt, sogar mit selbst erstellbaren Presets. Beide Funktionen sind praktisch, erleichtern meinen Arbeitsalltag aber nicht so sehr wie die Übernehmen-Funktion. 

So lässt sich festhalten, dass Pro Tools 12.3 ein von Workflow-Optimierungen gekennzeichnetes Update ist. Die zu Beginn des Jahres 2015 für Pro Tools 12 angekündigten Features Online Collaboration und Track Freeze fehlen aber immer noch.

Das neue Lizenzmodell im Überblick

Zum Ende des Jahres 2014 hat Avid ein attraktives Angebot gemacht, um Nutzer älterer Pro-Tools-Versionen zum Erwerb der damals noch aktuellen Version Pro Tools 11 zu bewegen. Mit diesem Crossgrade sind die Nutzer dieser Angebote in das neue Lizenzsystem eingestiegen, das im Kern folgende Veränderung gegenüber der früheren Praxis mit sich bringt: Der langjährige Pro-Tools-Nutzer wird die Dauerlizenz ins Visier nehmen, die nach neuen Spielregeln funktioniert. Für die Laufzeit des Supportvertrags (in der Regel 1 Jahr) hat der Nutzer immer Zugang zur aktuellen Version ohne Update-Kosten und Anspruch auf Support. Ist die Laufzeit vorüber, kann man den Supportvertrag erneuern (aktuelle Preise: 105,91 Euro für Pro Tools, 642,60 Euro für HD) und der Upgrade/Support-Plan läuft weiter. Wer nicht verlängert, dem bleibt zwar der Zugang zu neueren Versionen versperrt, er behält aber seine letzte Version und kann damit weiter arbeiten. Wer den Support-Plan unterbrochen hat und später wieder einsteigen will, zahlt 332,01 für Pro Tools Standard und 1071 Euro für Avid Pro Tools HD. Man erhält dafür wieder ein Jahr Upgrades und Support. Im Vergleich zur Verlängerungsgebühr (105,91 Euro für Standard und 428,40 Euro für HD) zahlt man in diesem Fall einen nicht unerheblichen Extra-Obulus.

Für Pro-Tools-Einsteiger ist möglicherweise die Miet-Lizenz das richtige Modell. Im Unterschied zum eben genannten Modell kann die Software in diesem Fall nach Ablauf der Mietzeit nicht weiter benutzt werden. Im Unterschied zum Dauerlizenz-Modell entfällt hier der Einstiegspreis, der „Kauf“. Für 332,01 Euro gibt es bei diesem Modell die Jahreslizenz. Wer sich zum Beispiel nicht sicher ist, ob er in einem Jahr überhaupt noch mit Pro Tools arbeiten will, kann die Software für 332,01 Euro ein Jahr lang ausprobieren, statt den doppelten Preis für den Einstieg in das Dauerlizenz-Modell zu zahlen.

Die Veränderungen mit Pro Tools 12.1 und 12.2

Nachdem Pro Tools 12 ursprünglich lediglich mit kleinen Verbesserungen unter anderem beim I/O Setup kam, waren die Zwischen-Updates 12.1 und 12.2 vor allen Dingen davon gekennzeichnet, dass einige HD-only-Merkmale für die Standard-Version freigeschaltet wurden. Das sind natürlich keine neuen Funktionen, auch wenn es sich für viele Anwender so anfühlt. Man wird den Verdacht nicht so ganz los, dass diese Freischaltungen vor allen Dingen auf die massiven Proteste und die Zurückhaltung der Nutzer beim Upgrade auf Avid Pro Tools 12 zurückzuführen sind. Sei’s drum, aus Anwendersicht ist es begrüßenswert, wenn immer mehr Funktionen in beiden Programmversionen zu finden sind. Die wichtigsten HD-Features, die mit diesen Upgrades Einzug in Pro Tools Standard gehalten haben sind:

  • VCA Masters: Ein Fader kontrolliert eine ganze Mix-Gruppe, während sich die Tracks noch einzeln in der Lautstärke und anderen Parametern verändern lassen.
  • Disk Cache: Die Audiofiles der Session werden ins RAM des Rechners geladen. In vielen Fällen erhöht das die Arbeitsgeschwindigkeit und reine Mix-Sessions lassen sich so sogar vom USB-Stick abfahren. 
  • Advanced Metering und Gain Reduction Anzeige: Mit Pro Tools 11 lernte die HD-Version viele neue Pegelanzeigen kennen (vom K-Metering über diverse europäische Broadcast-Normen bis zu linearen Anzeigen) und bekam zusätzlich eine Anzeige der Gain Reduction im Kanalfader.   
  • Track Input Monitoring, AFL/PFL Solo Modi und Copy To Send: Die kleinen Helferlein während einer Recording-Session, waren vorher der HD-Version vorbehalten. So ist es jetzt möglich, das Monitoring für Inputs zu aktivieren, ohne den Track für die Aufnahme scharf zu Schalten. Zudem gibt es nun Solo-Modi, die dem Engineer unabhängig vom Main Mix die Möglichkeit geben, einzelne Kanäle auf die Signalqualität zu prüfen. Copy To Send kopiert den Main Mix auf einen Send, so dass man einen unabhängigen Kopfhörer-Mix basierend auf dem Main Mix erstellen kann.
  • Native Heat: Mit Avid Pro Tools 12.1 bekam auch die HD-Version ein neues Feature, nämlich die Heat-Funktion für HD Native. Vorher war das „analoge Wärme“ produzierende Heat nur mit DSP-Systemen verfügbar.
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