Test
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29.08.2012

Avalon Vt 747 SP Test

hybrider EQ/Kompressor

Der Sonderling

Avalons Stereo-Kompressor und –EQ zählt zu den ungewöhnlichsten Studioprozessoren am Markt. Das Feature-Set mit Optokompressor und grafischem Entzerrer gibt es in dieser Form kein zweites Mal. Bereits seit Mitte der 80er-Jahre befassen sich Avalon Design und deren Chefentwickler, Wynton Morro, mit der Produktion von Studio-Equipment. Zu Beginn noch in Sydney beheimatet, residiert auch dieser Hersteller mittlerweile in Kalifornien, dem Mekka hochwertiger Studiotechnologie. Ihren Namen machten sich Morro und Avalon Design zunächst mit Preamps, deren Qualitäten recht schnell niemand geringeres als Prince schätzen lernte – nicht die schlechteste Starhilfe für einen jungen Hersteller.

Seit den Anfangstagen steht Avalon Design für konsequent ausgeführte, hochvoltig betriebene Class-A-Transistortechnik, da macht auch der Stereoprozessor Vt 747 SP keine Ausnahme. Schon länger integriert Avalon Design aber auch Röhrenschaltkreise in einige seiner Geräte. Damit ist der Vt 747 SP ein Hybridgerät ganz besonderer Couleur, denn dieser Prozessor ist keine „Entweder/oder…“-, sondern eine „Sowohl/als auch…“-Maschine. In anderen Worten: In den meisten konventionellen Hybridschaltkreisen arbeiten gleichzeitig verschiedene Röhren- und Transistorstufen. Der Vt 747 SP ist anders: Nicht nur vereint das Gehäuse einen Stereokompressor und einen Stereo-EQ, das ganze Gerät wurde mit zwei parallelen Signalwegen ausgestattet. Auf Wunsch kann man den Prozessor vollständig mit aktiven Stufen auf Basis von diskreten Class-A-Transistorstufen betreiben, auf Knopfdruck mutiert der Vt 747 SP jedoch zum Röhrengerät, bei welchem die entscheidenden verstärkenden Transistorstufen im Signalweg durch Röhrenschaltungen ersetzt werden. Zu Recht spricht der Hersteller also von einer „Twin Signal Path“-Architektur.

DETAILS

Mit elf Potis, sieben Druckschaltern und sechs Flachbahnreglern verfügt der Vt 747 SP über zahlreiche, ungemein flexible Eingriffsmöglichkeiten. Am Eingang dient ein in der Neutralstellung gerastertes Poti der Pegelanpassung von bis zu ±8 dB, ein schaltbarer Gain-Boost erlaubt es zudem, die Audioschaltungen 10 dB heißer anzufahren. Am Ausgang schließlich erlaubt ein weiteres mittengerastertes Poti die Pegelanpassung zwischen -20 und +6 dB. Dazwischen hat man in puncto Signalbearbeitung die freie Wahl. EQ und Kompressor können jeweils separat aktiviert werden (einen globalen Bypass-Schalter für beide Einheiten gibt es hingegen nicht), per Knopfdruck lässt sich auch die Reihenfolge von Dynamikeinheit und EQ im Signalweg vertauschen. Man kann also den EQ sowohl zum abschließenden Verfeinern des Kompressorsignals verwenden, als auch den Frequenzgang des Eingangssignals verbiegen, bevor es überhaupt den Kompressor erreicht.

Im Normalzustand (Kompressor vor dem EQ), ist der Signalfluss wie folgt: Übertragerloser Input mit Class-A-Stufe, gefolgt von einem weiteren Class-A-Verstärker (der auch bei Verwendung der Röhrenstufen im Signalweg verbleibt), passives Opto-Element des Kompressors, gegebenenfalls Röhre als Buffer-Verstärker, Class-A-Stufe als Aufholverstärker, passiver EQ, dann wahlweise Class-A- oder Röhrenausgangsverstärker, schließlich noch eine übertragerlose Class-A-Ausgangsstufe. Das ist insgesamt eine Menge Technik, und so verwundert es nicht, dass das recht tiefe 19“-Gehäuse randvoll mit Bauteilen ist – irgendwoher muss die Leistung dieses Prozessors ja kommen.

Der Optokompressor verfügt über eine aufwendige Parametrisierung, die schlicht keine Wünsche offen lässt. Threshold (± 20 dB), Ratio (1:1 – 20:1), Attack (2-200 ms), Release (0.1 – 5 s) sowie Makeup-Gain (0 – 10 dB) können mit stufenlos durchstimmbaren Potis eingestellt werden. Daneben bietet die Dynamikeinheit noch zwei überdurchschnittlich ausgestattet EQ-Bänder, mit denen das Sidechain-Signal bearbeitet werden kann. Die Filter mit Bell-Charakteristik erlauben recht üppige Amplituden von ±15 dB bei 60-1000 Hz (LF-Band) sowie ebenfalls ±15 dB bei 0.6–10 kHz (HF-Band).

Damit ist der Kompressor bestens aufgestellt, um unterschiedliche Aufgaben zu übernehmen: Gewöhnliche Fullrange-Kompression, aber auch flexible Anpassung von subtileren Korrekturen (etwa, um den energiereichen Bassbereich aus der Kompression etwas herauszunehmen) bis hin zu dediziertem De-Essing. Praktischerweise verfügt der Vt 747 SP über eine SC-Listen-Funktion, mit der man die EQ-Einstellung der Sidechain-Filter direkt überprüfen kann, was das Feintunig sehr erleichtert (und ganz nebenbei kann man dadurch auch die beiden EQ-Bänder direkt zur Signalbearbeitung einsetzen).

Somit ist der Kompressor zwar üppig, aber doch konventionell ausgestattet – ganz im Gegensatz zur EQ-Sektion, die in dieser Form zwar nicht völlig einzigartig, aber doch recht ungewöhnlich ist. Grafische EQs sind heutzutage selten im Bereich hochwertiger Studioperipherie, und solche passiver Bauart erst recht.

Die Frontplatte des Vt 7474 SP geizt ein wenig mit optischer Hilfestellung, welche das Verständnis dieses etwas unscheinbaren, aber doch überaus mächtigen Werkzeuges erleichtern würde. Sechs Fader mit Mittenrastung (aber ohne Skala) und jeweils einem kleinen Icon, welches die Bell- oder Shelving-Abstimmung des jeweiligen Bandes anzeigt: Das ist die gesamte Information, die man am Gerät selbst ablesen kann. Also geschwind ein Blick ins – nebenbei sehr ausführlich gestaltete – Benutzerhandbuch geworfen… der EQ ist wie folgt abgestimmt:

-Shelving-Filter bei 15 Hz, ±24 dB

-Peaking-Filter bei 125 Hz, ±8 dB

-Peaking-Filter bei 500Hz, ±4 dB

-Peaking-Filter bei 2 kHz, ±4 dB

-Shelving-Filter bei 5 kHz, ±10 dB

-Shelving-Filter bei 32 kHz, ±20 dB

 

Die unterschiedlichen Amplituden sind also der Grund dafür, warum das Gerät selbst über keine Skala auf der Frontplatte verfügt. Auf dem Papier (oder dem Bildschirm) liest sich diese EQ-Abstimmung unübersichtlicher, als es sich in der Praxis darstellt. Vor allem der große Unterschied bei den Filteramplitunden von lediglich ±4 dB bis hin zu satten ±24 dB macht erst einmal stutzig. Doch in der Praxis sollte man sich schlicht und ergreifend auf sein Gehör verlassen – "if it sounds right, it is right"… bloß nicht zu theoretisch an die Sache herangehen, sondern einfach schrauben, bis es passt!

Neben dem Betriebsschalter bietet die Frontplatte darüber hinaus noch einige Metering-Einrichtungen. Nicht zu übersehen ist das große, zentrale VU-Meter, das lediglich die Pegelreduktion des Kompressors anzeigt, nicht aber Ein- oder Ausgangspegel. Der Einsatz der Pegelreduktion wird zusätzlich noch durch eine blaue LED visualisiert. Das ist sehr praktisch, weil ein VU-Meter per definitionem zu langsam abgestimmt ist, um schnellen Peaks folgen zu können. Mit einem in der Frontplatte versenkten und nur mit einem Schraubenzieher zugänglichen Trimmpoti lässt sich zudem die Nullposition des Meters neu kalibrieren, falls diese einmal zu driften beginnen sollte. Schließlich verfügt der Vt 747 SP noch über zwei Bargraph-Anzeigen für das Ausgangssignal, die aus jeweils 20 LED-Segmenten bestehen.

Die Ausstattung der Gehäuserückseite ist schnell berichtet: XLR-Anschlüsse für die Audioverbindungen, Kaltgerätebuchse samt von außen zugänglicher Sicherung für den Stromanschluss, eine Erdungsklemme für spezielle Masseführungskonzepte in komplexeren Studio-Installationen, sowie (sehr große!) Kühlrippen. Auch wenn das Gerät trotz seines aufwendigen Innenlebens und der für analoge 19“-Peripherie ungewöhnlich großen Leistungsaufnahme von bis zu 60 Watt einigermaßen kühl bleibt, ist das doch ein kluger Schachzug des Herstellers: Nichts ist für Studioelektronik so tödlich wie ein Hitzestau (von einem Eimer Orangensaft einmal abgesehen…).

Das Gehäuse des Vt 747 SP ist konstruiert wie der sprichwörtliche Panzer: Mit seinen bis zu 12 mm starken Metallteilen ist es ungewöhnlich schwer, ausgesprochen robust und sehr vertrauenerweckend. Klar, das ist nur Show, denn auch mit weniger Hardware-Einsatz wäre das Gerät stabil und unkaputtbar, doch hier hat wohl das typisch amerikanische Bling-Bling-Motto ein Wörtchen mitgeredet. Viel hilft viel…

Auch jenseits der bloßen Optik scheint sich Avalon Design dieses Motto zu Herzen genommen haben. So nimmt das überdimensionierte Netzteil mit seinem dicken, fetten Ringkerntrafo fast ein Drittel des Gehäuses ein. Das ist bestimmt keine Fehlinvestition: Jeder Audioprozessor ist nur so gut wie das Netzteil, das ihn füttert. Auch das gesamte übrige Innenleben sieht extrem sauber und wohlkonstruiert aus. Am Schaltungsaufwand wurde nicht gespart, so werden beispielsweise sämtliche Routingfunktionen über gekapselte Silberkontakt-Relais realisiert, von außen deutlich zu hören am charakteristischen Klicken im Gehäuse. Bei den Röhren setzt Avalon Design übrigens auf drei Doppeltrioden des Typs 6922 (bzw. E88CC): Eine Standardröhre für anspruchsvollere Schaltungen, die beispielsweise auch im Highend-HiFi-Sektor oft zum Einsatz kommt. Apropos: An genau solche Geräte erinnert der Look des Vt 747 SP ein wenig, gerade in der vorliegenden schwarzen Ausführung mit den blauen LEDs. Optisches Understatement geht anders, das ist definitiv Geschmackssache. Wer es etwas dezenter mag, kann auch auf die silberne Variante mit roten LEDs zurückgreifen.

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