Test
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16.04.2019

Praxis

Installationssache

Das wirklich wuchtige Aston Stealth kann einfach aufgesteckt werden, wenn der Verbindungsdorn am Mikrofonständer verbleibt oder vorher ohne das Mikrofon aufgeschraubt wird. Das ist praktisch und ähnelt dem Prinzip der Schnellverbinder des Triad-Orbit-Systems. Ein wenig Spiel hat die Verbindung, doch sorgt das nicht für Resonanzen, Rappeln oder sonstige Probleme im Signalpfad. Und man muss keine enorme Kraft aufwenden, wenn man das Mikrofon abzieht. Gleichzeitig ist es auch über Kopf montiert absolut sicher. Weil das Stealh recht schwer ist, sollte man die Rändelschraube des kleinen Halters schon ordentlich festschrauben.

Verstellring

Der Ring zum Verstellen der Voicings ist von Aston bewusst absolut bündig mit dem Korpus eingesetzt. Ich hätte ihn mir aber ein wenig breiter gewünscht, denn es war nicht immer ganz einfach, ein gewünschtes Voicing einzustellen. Es gibt sogar ein Video, wie man die Finger halten soll. Meine sind recht groß, ich übe auch immer etwas Druck auf den Korpus aus, was natürlich kontraproduktiv ist. Bei etwas klammen Händen wird man sich zudem rauere Flächen mit etwas Grip wünschen. Dazu kommt, dass der Verstellweg recht kurz ist und man je nach Position des Mikrofons mit der Hand die Schrift verdeckt. Ich musste im Test also häufiger drehen, schauen, drehen und erneut schauen. Für den Produktionsalltag hätte ich mir eine einfachere, herkömmliche Lösung gewünscht, auch wenn diese nicht so elegant gewirkt und das spezielle Design des Stealth aufgebrochen hätte. Zugutehalten muss man Aston auf jeden Fall, dass es wirklich unmöglich erscheint, dass sich der Ring bei Transport oder Mikrofonausrichtung aus Versehen verstellt, was Aston als Hauptgrund für sein Design nennt. Hier gibt es schlicht und einfach unterschiedliche Prioritäten, und Aston haben sich für andere entschieden als ich es getan hätte. Fair enough.  

Schaltet man die Voicings um, gibt es ein leichtes Quietschen über den Signalausgang. Das ist nichts, weshalb man unbedingt die Mute-Funktion der Abhöre aktivieren müsste. Es ist bewusst in Kauf genommen, weil das Verhindern dieses Umschaltgeräuschs eine weitere Platine nötig gemacht, die Klangqualität verschlechtert und die Produktionskosten ganz erheblich in die Höhe (um ca. 100 Pfund!) getrieben hätten, wie uns auf Nachfrage mitgeteilt wurde. Das ist also absolut nachvollziehbar, fair und geht dadurch in Ordnung.

Klangeigenschaften des Aston Stealth

Im Testzeitraum musste das Stealth an unterschiedlichsten Signalquellen seine Eigenschaften unter Beweis stellen. Gute Nachricht für alle Besitzer von eher einfachen Mikrofonvorverstärkern, etwa solchen in preiswerteren Interfaces verbauten: Das Aston haut im aktiven Modus ordentlich Pegel raus! Anders im Passivbetrieb, hier sollte man einen wirklich sehr guten, cleanen Amp mit einer ganzen Lastwagenladung Gain sein Eigen nennen.

Unabhängig vom eingestellten Voicing lassen sich einige Eigenschaften erkennen, die unabhängig von der unterschiedlichen elektrischen Verarbeitung sind. So ist es nachvollziehbar, dass das zur Produktgattung Tauchspulenmikrofon gehörende Stealth nicht die feinen Höhen und den Detailreichtum eines Kondensatormikrofons liefern kann. Feinste Konturen von Geräuschanteilen, etwa Atem-/Verwirbelungsgeräusche der Stimme, Griffgeräusche an der Gitarre, das leichte Schmatzen beim Öffnen von Saxophonklappen, all das wird natürlich etwas milchiger wiedergegeben als es z.B. mit einem Schoeps-Kleinmembraner oder einem Großmembran-Kondenser der Fall ist. Das ist logisch und durchaus genau das, was man von einem solchen Mikrofon will. Sonst gäbe es sicher heute kein Shure SM7B oder ein EV RE20. Die Poppempfindlichkeit ist so gering, dass in den meisten Fällen keine Probleme zu erwarten sind, die Trittschallentkopplung funktioniert hervorragend. Und auch bei sehr naher Besprechung fängt der Bass nicht sofort an zu verwabern, sondern bleibt recht konkret. Die Nierencharakteristik ist ausgeprägt, der Sweet-Spot in Ordnung. Nicht axial eintreffende Signale werden erst ab einem Winkel von 90 Grad auffällig verändert, in den absoluten Höhen schon etwas früher. Das Mikrofon ist nicht besonders empfindlich gegenüber scharfen Konsonanten oder allzu spitzen, bissigen Geräuschen.  

Die Unterscheidung in „weibliche“ und „männliche“ Stimmen und die Eignung von Mikrofonen ist etwas, das ich äußerst problematisch finde. Zu unterschiedlich sind Stimmen, zu verschieden die Art, wie sie im Mix funktionieren. Natürlich ist Aston nicht dogmatisch, sondern gibt mit den Voicings lediglich eine "Startempfehlung". Ich kann direkt verraten: Das Voicing V1 gefällt mir für die meisten Anwendungen besser als die anderen. Es klingt recht offen, mit einem straffen Bass, aber trotzdem mangelt es nicht an Volumen und „Fleisch“. V2 hingegen wirkt etwas mittiger, präsenter, ja aggressiver. Das Stealth ist ein super Mikrofon für Rock-Vocals, doch finde ich V1 dafür geeigneter und im späteren Mix formbarer. V1 schafft es, das Stealth als sinnvolle Alternative zum neutralen RE20 darzustellen. Zudem ist das Stealth (in V1) ein tolles Sprechermikrofon. Wünscht man Druck, Präsenz and Dicke, würde ich wahrscheinlich nicht nur aus Gewohnheit lieber zum SM7B mit aktivierter Präsenzanhebung greifen. Trotzdem: Aston machen mit dem Stealth klar, dass es in der gleichen Liga spielt.

Das D-Voicing ist ein klarer Vintage-Modus, der eine willkommene Variation darstellt. Deutlich bassreicher, deutlich sanfter in den Mitten kann es besonders bei nahen Stimmen punkten, aber auch so manche Gitarre und besonders Holz- und Blechbläser profitieren davon. Dennoch würde ich niemals meine geliebten Coles 4038 dafür hergeben. Allerdings geht es natürlich schneller, einmal am Ring zu drehen, um eine zumindest ähnliche Soundvariante zu erhalten.

Das G ist als Buchstabe korrekt gewählt, denn tatsächlich unterstreicht die recht deutliche Farbe das, was man bei Gitarren häufig hören will. Signale wirken ein wenig schlanker im Bass und klingen etwas deutlicher, knackiger und mit Biss. Gleichzeitig ist das Signal etwas hohler – das kann auch bei Stimmen gut in den Mix passen! Man ist ja gut beraten, nicht immer alles Solo zu beurteilen. Mikrofoniert man Cabinets, empfielt es sich, das Stealth im passiven Modus zu betreiben, um den Amp mit ordentlich Leistung fahren zu können und auch hohe Bewegungen des Speakers zuzulassen. Ein 50W-Hiwatt an einer Fane-bestückten WEM-Box klingt wirklich am besten, wenn er wahnsinnig laut ist, da ist es doch irgendwie verkehrt, wenn man hinter dem Mikrofon wieder absenken muss.

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