Test
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26.06.2016

Praxis

Astons im Servicefall schnell geöffnet

Aston Origin und Aston Spirit wirken gleichermaßen robust. Das liegt natürlich auch an Optik und Gewicht. Die Konstruktion beider Mikros ist sehr einfach, was zur Folge hat, dass man mit einem Inbusschlüssel die Geräte recht schnell in ihre Einzelteile zerlegt bekommt – praktisch im Servicefall! Dellen wie ein Standardkorb wird die Sonderkonstruktion der Astons sicher so schnell nicht bekommen, aber auf einen „Belastungstest“ in Form eines freien Falls habe ich aus Nachsicht verzichtet. Beim Überkopfbetrieb sollte man öfters mal die beiden Schrauben am Kopf überprüfen: Lösen sie sich irgendwann, liegen sonst Kopfplatte, die Metallgewebematte und die Grillkonstruktion auf dem Boden und die Kapsel ist ungeschützt.

Meine geäußerten Befürchtungen bewahrheiten sich nicht. So konnte ich keinerlei Probleme durch einen resonierenden Grill ausmachen, keine schlimmen Reflexionen aufgrund der Kapsel-Bodenplatte erkennen, der Klopftest am Tubus ist erwartungsgemäß negativ. Cool. Auch Körperschall überträgt sich nur, wenn man wirklich am Stativ rüttelt oder der Fußboden so stark wackelt, dass man schon von schlechten baulichen Ausgangsvoraussetzungen sprechen muss. Auch diesbezüglich ist also alles gut. Das Hochpassfilter arbeitet sauber.

Lasset die Anbeterei beginnen: Aston Origin

So. Tut mir leid, das so zu sagen, aber der Text war bis hierhin eigentlich nur Vorgeplänkel. Das Origin: Es klingt wirklich einfach wahnsinnig gut. Und das hat natürlich seine Gründe. So ist es im Bass straff, konkret und analytisch, fast schon mit Kleinmembraner-Eigenschaften. Es mag sogar sein, dass manche User es zunächst als schmalbrüstig wahrnehmen, doch liegt das weniger am Pegelfrequenzgang denn an der Tatsache, dass das Mikro echt tight reagiert und man erst bei recht hohen Pegeln signifikante Obertonanreicherung wahrnimmt. Dazu kommt, dass der eingebaute Pop-Filter wirklich gut funktioniert. Es gibt mittlerweile so einige Mikros, die schon ab dem Abstand von einigen Zentimetern erstaunlich unempfindlich sind. Die Lippen am Grill sind aber normalerweise ein Garant für die so gut wie irreparablen Pops im Signal – beim Origin nicht! Da scheint sich die außergewöhnliche Materialwahl gelohnt zu haben, besonders, wenn man bedenkt, dass ein handelsüblicher externer Pop-Filter den Vorteil hat, über eine größere Fläche und somit die bessere Möglichkeit verfügt, Schallenergie mechanisch aufzunehmen, indem er sich flexibel um mehrere Millimeter mitbewegt. Und ganz nebenbei sind Grill und Mesh der beiden Astons ja auch der Schutz vor elektromagnetischer Einstreuung und einem eventuellen Stromschlag durch den aufgeladenen Kondensator. Nah besprochen bleibt das Origin ohne übertriebene Anreicherung im Bass. 

Etwas „normaler“ ist das Aston Spirit

Etwas weniger konkret und mit weniger aufgeräumtem Bass kommt das Spirit in allen Richtcharakteristiken. Im Direktvergleich finde ich es ein wenig schwammiger, dafür aber auch wohliger, warmer, größer. Und trotz annähernd identischer Konstruktion ist das Aston Spirit popempfindlicher als das Origin. Auch der Proximity-Effekt führt beim Spirit dazu, dass man, um einer gewissen Belegtheit des Signals entgegenzuwirken, wohl etwas größere Besprechungsabstände wählt (oder vor der Bassdrum mit einem schön runden Tiefbass belohnt wird). Pluspunkt: Die Pattern sind durchaus stabil, zumindest zeigen sie keine extremen Ausbrüche im wichtigsten Frequenzbereich zwischen 200 Hz und 2 kHz – und darüber auch nur, wenn man sich weit von der Off-Axis entfernt. Die Figure-of-Eight, also das bidirektionale Pattern, ist schön symmetrisch, sodass das Spirit auch als S-Mikrofon in MS-Setups taugen kann.

Besonders Origin ohne Wow-Effekt

Es gibt Mikrofone, die testet man an und denkt direkt „Meine Güte, was für ein Sound!“, vergisst dabei aber schnell, dass das Mikrofon einem dadurch einige Regelmöglichkeiten verbauen kann, indem es stark vorformt. Das Origin ist hingegen ein deutlich professionelleres Werkzeug, als es die Preisgestaltung vielleicht vermuten lässt: Es ist überall noch genug „Fleisch“, um herzhaft mit dem EQ zuzugreifen, die Präsenzen sind nicht überbetont, es wird nicht versucht, mit reibeligem Sound und verschleiften Transienten den Eigenklang hinzubekommen, der in ausreichender Qualität bei deutlich teureren Mikrofonen zu finden ist. Weise von Aston also, auf den Show-Off-Effekt des „Instant Vocal Sounds“ zu verzichten.

Spirit etwas kerniger

Das Spirit hingegen ist etwas „griffiger“ und kerniger, es liefert ein Signal mit etwas mehr Ecken und Kanten, zeigt in gehaltenen Tönen Textur und reichert transientenreiche Elemente wie S- und T-Laute leicht an – aber immer so, dass es nicht auf Kosten der Transparenz geht.

Beide nicht linear

Ganz linear sind beide Kondensatormikrofone nicht, schließlich sind sie keine Kleinmembraner. So findet man ein ganz leichtes Pushing oberhalb von 2 kHz, um dem Signal ein wenig nach vorne zu verhelfen, aber harsch oder scharf sind beide Astons nie. Die Höhen sind bis zum leicht abfallenden Air-Band ausreichend vorhanden, aber dennoch sanft und – hier gilt es genauso wie in den Tiefen – schnell und trocken. Dadurch wirken Spirit und Origin gleichermaßen recht sanft, aber gleichzeitig detailliert, das Spirit zeigt oben stärkere Anzeichen von Glanz. Gerade die hervorragende Mikrodynamik ist es, die dem Klang durchaus das Attribut „teuer“ zuordnen lässt, auch wenn der Blick auf das Preisschild eines Besseren belehrt. Im direkten Vergleich zwischen Origin und Spirit gefällt mir das Origin aber etwas besser, es besticht einfach durch seine enorme Vielseitigkeit und Ausgewogenheit.

Makrodynamik in bester Ordnung

Das Rauschen beider Mikros liegt nicht auf dem geringstmöglichen Niveau, ist aber – und das ist die wichtigere Nachricht in einem solchen Zusammenhang – frei von Komponenten, die herausstechen könnten, wenn man Signale mit geringem Pegel aufzeichnet und stark komprimieren will. Mit 10, beim Spirit sogar mit bis zu 20 Dezibel Vordämpfung kann man getrost auch hohe Pegel in die Mikros jagen – über ein Zuviel wird man auditiv sehr eindeutig informiert. Aber das liegt pegelmäßig deutlich jenseits der typischen Anwendungsbereiche. 

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