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20.04.2013

AMS Neve 2264ALB Test

API 500 Kompressor

Neve-Kompression in der Lunchbox

Mit dem AMS Neve 2264ALB ist auch ein Kompressor der Briten für das API-500-Format erhältlich. Eine Dynamikeinheit spielt im klassischen Mischpultkanalzug zwar eine weniger bedeutende Rolle als der EQ, doch hindert das AMS Neve keineswegs daran, ein Exemplar ihrer langen Kompressor-Ahnenreihe auch im kleinen Kassettenstandard herzustellen. Rupert Neves 2254, der in den späten 60ern das Licht der Welt erblickte, zählt zu den am meisten begehrten Transistorgeräten unter den Vintage-Kompressoren. Mit diesem Gerät legte der britische Designer das Fundament für eine ganze Reihe von Dynamikwerkzeugen, die sich zwar in vielen Details unterscheiden und die über die Jahrzehnte durchaus auch weiterentwickelt wurden, aber trotzdem ihrer grundsätzlichen Schaltungstopologie stets treu geblieben sind.

Für sein Kompressor-Urgestein setzte Neve im Regelelement auf die etwas exotische Technik der sogenannten Diodenbrücke. Während andernorts Vari-Mu-Designs gerade von Feldeeffekttransistoren (FETs) abgelöst wurden, bediente sich Rupert Neve eines Schaltungsprinzips, das nur von wenigen anderen Herstellern angeboten wurde. Auch die britische EMI entwickelte Diodenlimiter – und heute findet sich dieses Prinzip nicht nur in den EMI-Clones von Chandler Limited, sondern auch in deren Germanium- und Little-Devil-Kompressoren.

Wahrscheinlich wählte Rupert Neve diese Schaltungstopologie damals, weil ähnliche Baugruppen bereits Schaltfunktionen übernehmen konnten und einfach im Arsenal vorhanden waren. Und etwas abgewandelt ließ sich daraus dann eben ein fernsteuerbares Gain-Element stricken, welches nun einmal die Basis eines jeden Kompressors ist. Und so kam es, dass die Diodenbrücke nicht nur das Herzstück des 2254 ist, sondern auch dasjenige seiner Nachfolger 2264 und 33609, beides ebenfalls klassische und legendäre Neve-Einheiten. An welcher sich das 500-Modul orientiert, ist bei einem Blick auf die Typenbezeichnung schnell geklärt…

Details

Prinzipbedingtes Rauschen im Griff

Leider hat das Neve-Schaltungsprinzip einen Nachteil: Durch den hohen inhärenten Pegelverlust der Diodenbrücke von rund 40 dB, der auch ohne Kompression stets aufgeholt werden muss, besteht die Gefahr erhöhten Rauschens. Tatsächlich zählen der 2254 und seine Clones (wie etwa der Chandler LTD-2) nicht gerade zu den rauschärmsten Geräten. Der 2264 konnte dieses Problem mit einer geänderten Ausgangsstufe etwas abmildern, und, soviel nur vorweg, auch das 500-Modul 2264ALB produziert keine problematischen Nebengeräusche.

Fast schon Two-in-One

Die drei doppelkonzentrischen Bedienelemente folgen dem Schema des 1073-EQs. Dieses Layout ist für einen Kompressor etwas ungewöhnlich, aus Platzgründen ist beim 500-Modul aber kaum eine andere Lösung möglich. Es gilt nämlich, ganz schön viele Parameter unter einen Frontplattenhut zu bekommen. Der 2264ALB verfügt nämlich über zwei separate Kompressor- und Limitereinheiten, beziehungsweise zwei unabhängige Sidechains, die beide dasselbe Regelelement steuern, wobei der Limiter-Sidechain hinter dem des Kompressors abgegriffen wird (es handelt sich ohnehin um ein Feedback-Design) und salopp gesprochen noch oben drauf gepackt wird.

Bedienung von Kompressor und Limiter

Die obersten beiden Bedienlemente bieten die Threshold-Potis für Kompressor und Limiter und die beiden Drehschalter zur Anwahl der Releasezeiten. Diese reichen beim Kompressor von 100-1500 ms (plus zwei Auto-Modi) und beim Limiter von 50-800 ms (ebenfalls inlusive zweier programmadaptiver Settings). Der Attackparameter lässt sich manuell nicht feintunen. Er liegt für den Limter fest bei 4 ms, beim Kompressor kann man sich per Schalter zwischen 3 und 12 ms („SA“ für „Slow Attack“) entscheiden. Das dritte Bedienlement erlaubt die Anwahl der verschiedenen Ratio-Settings des Kompressors, währnd die Rate des Limiters fest bei über 100:1 liegt. Mit Werten von 1,5:1, 2:1, 3:1, 4:1 und 8:1 beherrscht der 2264ALB viele Spielarten von sanfter Kompression bis hin zu recht brutalem Squeeze. Das unterste Poti schließlich regelt die Aufholverstärkung.

Beide Dynamikeinheiten verwenden das gleiche Meter

Das Modul verfügt über einen Bypass-Schalter sowie ein LED-Instrument, dessen sechs Segmente die kombinierte Pegelreduktion von Kompressor und Limiter anzeigen – das macht auch Sinn, handelt es sich hier doch auch um das gleiche Regelelement. Alle drei Bedienelemente verfügen zudem noch über eine Schaltfunktion bei Druck auf die Potikappe. Damit können Kompressor und Limiter separat aktiviert werden, und außerdem der Linkmodus angeschaltet werden, bei dem mehrere Einheiten über ein spezielles Link-Kabel verkoppelt werden können.

Innenwelt

Beim Blick in die Kassette hinein zeigt sich wiederum ein munterer Technologiemix aus alter und hochmoderner Technik. Neben insgesamt drei Übertragern finden sich hier auch SMD-Bauteile. Die Technik ist aber vom Feinsten: Man darf davon ausgehen, dass die Übertrager Neve-typisch von Carnhill stammen, die Potis/Drehschalter sind standesgemäß aus der Fertigung von Grayhill – also klassische Neve-Lieferanten, die auch die Bauteile für diese Class-A-Audiowege zur Verfügung stellen. Der 2264ALB verfügt übrigens deswegen über drei Übertrager, weil neben den Ein- und Ausgangsübertragern ein zusätzlicher sogenannter „Interstage-Transformer“ zum Einsatz kommt, der die Diodenbrücke einbettet, welche direkt am Eingang liegt. Ansonsten ist die Bauqualität – wie man das bei einem Premiumhersteller erwarten kann und muss – über alle Zweifel erhaben. Dank der Übertrager liegt die Kassette schwer in der Hand, und auch bei den anderen Elementen wurde nicht gespart.

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