Hersteller_AKG
Test
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31.10.2012

Es gibt Menschen, die schwören auf Form und Technik alter Sportwagen und solche, denen Technik und Design nicht neu genug sein können. Bei Mikrofonen ist es vergleichbar, aber auch hier gilt: Für funktionstüchtige Originale müsste man viel Geld hinblättern. Aus unternehmerischer Sicht ist es also mehr als verständlich, wenn AKG ein Mikrofon unter der Bezeichnung D12 VR herausbringt. Anders als seinerzeit beim D112 – mittlerweile selbst ein Klassiker – wird durch das "VR" ("Vintage Revival") verdeutlicht, dass man sich in starker Nähe zum guten, alten D12 befindet. Ich bin bekennender D12-Verehrer und stolzer Besitzer eines dieser Schätzchen und auch daher auf diesen Test besonders gespannt!

Details

Es ist nicht so, als sei die Idee, Traditionen wieder aufleben zu lassen, ein neuer Gedanke bei AKG. So hat das C12 VR seit Ende der 1990er seinen festen Platz in der Produktpalette und beerbt das schon Anfang der 1960er eingestellte C12, welches heute gerne mal für 25.000 Euro und mehr den Besitzer wechselt.

Das ursprüngliche D12 kommt mit fest installiertem 6m-Kabel auf Kleintuchel-/3pol-DIN-Stecker. Unnötig anzumerken, dass heutzutage natürlich eine XLR-Buchse am Mikrofon zu finden ist – nicht alles, was "vintage" ist, ist schließlich auch automatisch "gut". Zwar hat man sich halbwegs an der generellen Form des D12 orientiert, doch ist sofort klar, dass man es hier mit einem Kind der jüngeren Zeit zu tun hat. Die Brikett-Form im Hochkantformat ist einer quadratischen Frontansicht gewichen.

Die sich hinter dem Frontgitter verbergende Kapsel des VR arbeitet wie beim Namensgeber D12 als Druckgradientenempfänger in Nierencharakteristik, auf dessen großer Membran eine Tauchspule angebracht ist. Schließlich steht das "D" für "dynamisch". Laut AKG ist die verwendete Membran für ein derartiges Kapseldesign sehr dünn. Die Empfindlichkeit beträgt 1,2 mV/Pa bei 1 kHz. Das ist nicht übertrieben viel, doch schließlich bekommt es dieses Mikrofon auch mit enormen Schalldruckpegeln im Inneren einer Bassdrum zu tun und will diese verzerrungsfrei ausgeben - je nach Modus ist das D12 VR bis 164 dB SPL dazu in der Lage (bei 0,5% THD). Der Frequenzgang ist mit 17 Hz - 17 kHz angegeben. Der im Datenblatt genannte Toleranzbereich liegt bei +/-2 dB, was sehr wenig erscheint und sich ganz deutlich mit der beigefügten Kurve beißt. Dort nämlich fallen deutliche Höcker bei 4,5 und 8 kHz und weitere Unregelmäßigkeiten auf, die aber vor allem dem Bassdrumsound insgesamt sicherlich zuträglich sind.  

Wenn ihr den Text bislang etwas langweilig fandet, kann ich das jetzt ändern: Trotz der Tatsache, dass das AKG ein dynamisches Mikrofon ist, kann es durchaus hilfreich sein, es mit Phantomspeisung zu versorgen! Achtung, Kracher: Mit 48 Volt versorgt, kann das VR seine aktive Filterung in Betrieb nehmen. Das Signal von der Kapsel wird zu diesem Zweck gesplittet, in manchen Frequenzbereichen und dem Hauptsignal im Transformator wieder zugeführt – also alles brav analog und natürlich latenzfrei. By the way: Der Trafo ist der gleiche wie im beliebten C414. Die Mischung dort geschieht je nach Frequenzbereich und gewählter Einstellung in normaler oder invertierter Polarität – was einer Verstärkung oder Abschwächung gleichkommt. Insgesamt erfährt das Signal jedoch bei aktiver Filterung immer auch ein Pad von 10 dB – die Modi sind für die Bassdrum optimiert, insofern erscheint das sehr sinnvoll.

Die drei Zusatzmodi – deren Funktionsweise zum Patent angemeldet ist – lassen sich über einen dreistufigen Schalter am Kopf des D12 VR einstellen. Die Wahl wird durch die Farbe einer LED im Inneren des transluzenten Schalters angezeigt: Leuchtet sie rot, steht der Schalter mittig und aktiviert ausschließlich die Mittenabsenkung. Wo genau diese ansetzt, wird von AKG nicht kommuniziert, doch wird es sich um den üblichen Bereich zwischen etwa 500 und 1000 Hz handeln. Das ist bei der Abnahme von Bassdrums – dem von AKG vorgeschlagenen Anwendungsfeld des Mikrofons – äußerst praktisch. Alle drei Schaltstufen verwenden übrigens diese Attenuation. Den Schalter nach links geschoben, schon wird die LED grün, zusätzlich wird eine Anhebung im Bassbereich aktiviert. Nicht vergessen: Im Nahbereich eines Druckgradientenempfängers wie dem D12 VR greift auch der Nahbesprechungseffekt, der alleine schon für eine ordentliche Bassanhebung sorgt. Den sicherlich "modernsten" Sound erreicht man in der rechten Stellung des Schalters (und diese mit sattem Blau quittierender Diode), welcher zusätzliche Höhen beinhaltet. Damit wäre dann sowohl für ordentlich Subbass und schneidenden Attack gesorgt, dass sich auch geschlossene Bassdrums gut im Mix behaupten können.

Ein wenig entrüstet bin ich beim Blick in das Manual und anderes Schriftwerk der Österreicher. Ich lese "Bassdrum", "Bassdrum", "Bassdrum", "Bassdrum"… hat man bei AKG etwa vergessen, dass das D12 auch für seine Fähig- und Fertigkeiten an Toms sowie Snare beliebt ist, aber auch Amps und Blechbläsern hervorragende Dienste leistet? Und für die menschliche Stimme wurde es nicht nur in fragwürdigen Musikvideos als Alternative zum omnipräsenten "sieht-irgendwie-retro-aus"-Shure-55 herangezogen, sondern live und im Studio wirklich viel genutzt! Doch jetzt wird es wirklich spannend: Wird das D12 VR dereinst in den Mikrofon-Museen auf dem AKG-Regalbrett zwischen DYN 60 K, C12, C451, C414 EB und D112 zu finden sein?

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