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Test
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28.02.2021

Praxis

Comping – Perfekter Zusammenschnitt

Den perfekten Gesangstake, von Strophe eins bis zum jodelnden Outro, gibt es (fast) nicht. Ausnahmetalente wie David Bowie mal ausgenommen, brauchen wir alle viele Durchläufe, um wirklich jedes Wort, jede Silbe mit dem Ausdruck zu singen, den das Lied braucht. Schiefe Töne kann man (auto-)tunen, schwachen Ausdruck nicht. In Ableton Live 11 geht Comping so: Sobald man beispielsweise die ersten vier Takte einer Strophe loopt, eine Audiospur scharfschaltet und die Aufnahme startet, legt Ableton automatisch „Take-Lanes“ an, quasi Unterspuren für jeden aufgenommenen Take. Leider sind Audiospuren, in denen es „Take-Lanes“ gibt, in keiner Weise von denen ohne diese Unterspuren zu unterscheiden

In der Spur selbst wird oben immer der zuletzt aufgenommene Take angezeigt, darunter die vorherigen Versuche. Dann aktiviert man das Stifttool und wählt aus den verschiedenen Take-Lanes die jeweils besten Schnipsel aus. Schon fügt sich oben der „Comp“ zusammen, Crossfades setzt Live an den Schnittpunkten automatisch. So knackt es nicht bei den Übergängen. Und es klingt am Ende so, als hätte man eben perfekt eingesungen. Aufgepasst: Automationsdaten sind von der Take-Lane-Funktion ausgeschlossen. Nimmt man in einer Spur Automation auf, in der bereits andere vorhanden ist, wird diese überschrieben. 

Ihr könnt Take-Lanes auch zweckentfremden: Zieht man unterschiedliche fertige Clips, zum Beispiel ein Jazz-Drum-Loop, eine Klaviersonate und ein Sample eines Beatboxers, auf jede der Track-Lanes, sind durch das Compen völlig neue Loops und Sounds in Sekundenschnelle erzeugt. Comping und Track-Lanes sind übrigens mit MIDI-Aufnahmen genauso möglich.

Dazu gibt es noch Track-Link. Sind mehrere Spuren mit Take-Lanes markiert, kann man diese per Rechtsklick auf den Spurkopf im Menü „verbinden“. Malt man nun mit dem Stifttool an einer Stelle von Take-Lane 1 in Spur 1, wird an derselben Stelle von Take 1 in Spur 2 auch ausgeschnitten. Was kompliziert klingt, hat viele nützliche Anwendungsgebiete. 

Hat man zum Beispiel eine Aufnahme einer kompletten Band, die einen Song mehrere Takes lang eingespielt hat, und weiß, dass im dritten Take ALLE einen besonderen Moment oder schwierigen Fill erwischt haben, kann man diesen nun mit einem Klick auswählen. Oder jemand komponiert zu einem Chor mit einem E-Piano, das auch MIDI ausspielt. Er nimmt die MIDI-Signale und das Audio-Signal auf – Audiosignal für die Produktion, MIDI-Noten für die Notation – und möchte hier ebenfalls die besten Takes zusammenschneiden ohne mühselig hin und her zuspringen. 

Neben dem Multi-Track-Editing werden bei allen Spuren in einer „Verbindung“ gleichzeitig die Fade-Ins und Fade-Outs verändert, auch das Scharfschalten einer Spur aktiviert das bei allen anderen. Bei DAWs wie Cubase oder Logic schon lange vorhanden, ist Ableton Live 11 damit einen großen Schritt näher an einer Band-DAW.

MPE im Praxiseinsatz

Schließt man einen MPE-fähigen Controller wie beispielsweise das Roli Seaboard Block an, gilt es nur noch, in den Controller-Optionen den kleinen Haken bei „MPE“ zu setzen und los geht es. Gerade bei Sounds in Wavetable und Presets in Sampler ist die zusätzliche Ausdrucksfähigkeit, das Ziehen und Schieben auf den knautschigen Tasten des Controllers, was wiederum einzelne Noten innerhalb eines Akkordes moduliert, ein Garant für mehr Musikalität. In Wavetable gibt es die vier MPE-Kanäle „Velocity“, „Note PB“, „Slide“ und „Pressure“ als Modulationsquellen. Lässt man beispielsweise den „Slide“-Kanal den Cutoff modulieren, kann man beim Spielen von Akkorden das Filter für jede gespielte Note einzeln quasi „aufschieben“. Auch der globale Pitchbend oben und unten am Seaboard, der über bis zu vier Oktaven läuft, entlockt Padsounds in Wavetable fast schon geisterhafte Sounds. 

Will man MPE in Simpler nutzen, gibt es nur die Möglichkeit, die gewünschte Modulation im Sampler einzustellen und diesen dann per Rechtsklick auf die Menüleiste in Simpler umzuwandeln. Im Arpeggiator sucht man vergebens nach MPE-Optionen, hier reduziert sich die MPE-Unterstützung darauf, dass das Device die MPE-Signale an den dahinter liegenden Synth weitergibt. Für zusätzliche Kontrolle der MPE-Signale hat Ableton das sehr nützliche Max4Live-Device „MPE Control“ mit im Gepäck, mit dem sich die Verlaufskurven für die Anspielstärke der MPE-Signale verändern und diese in „normale“ MIDI-Befehle umwandeln lassen.  

Diese zusätzliche Menge an Daten will visualisiert und bearbeitet werden. In MIDI-Clips gibt es nun einen Bereich, der sich „Expressions“ nennt. Dort werden die aufgezeichneten Kurven jedes MPE-Kanals unter jeder Note angezeigt. Will man sie bearbeiten, wählt man in der Piano Roll die entsprechende Note aus und kann dann unten entweder mit dem Stifttool die Kurve korrigieren oder wie bei Automationskurven einzelne Punkte verändern oder löschen. Im Test funktionierten die Aufnahme und das Bearbeiten mit den MPE-fähigen Instrumenten in Live wie in externen Plugins wie Rolis eigenem Equator, Serum oder Pigments tadellos. 

Push 2 und Ableton 11

Bisher haben wir uns mit dem Premiumcontroller von Ableton und den Möglichkeiten in Ableton Live 11 noch nicht beschäftigt. Da ist allerdings auch nicht viel dazugekommen, lag der Fokus doch ganz offensichtlich auf dem Workflow in der DAW. Immerhin: Man hat nun bei Push 1 und Push 2 die Möglichkeit, polyphonen Aftertouch auf den Pads zu spielen. Bisher waren beide Controller schon Aftertouch-fähig, hatten jedoch nur Channel-Aftertouch. Drückte man ein Pad tiefer, wurde der Aftertouchbefehl für ALLE gerade gedrückten Noten erzeugt. Polyphoner Aftertouch erlaubt es nun, diese Modulationsquelle, mit der sich viele Synth-Plugins noch ausdruckstärker spielen lassen, auf jede Note einzeln zu verteilen. 

Der Modus muss erst in den Push-Optionen aktiviert werden. Oben rechts auf dem Controller drückt man „Setup“, dann gibt es die neue Option „Pressure“ in der Mitte. Dazu wird jetzt die auf dem Push eingestellte Tonart mit der synchronisiert, die man in einem Clip in Live 11 eingestellt hat. Und die neuen Effekte Hybrid Reverb, Spectral Resonator und Spectral Time werden visuell genauso ansprechend dargestellt, wie sie auch im Programm aussehen.

Was (mal wieder) fehlt

So groß dieses Update ist und so nützlich die Funktionen alle sind – es gibt einige kleine und große Features, die man sich noch wünschen würde. Die Beschränkung der Dateigröße von Audiodateien auf maximal vier Gigabyte ist beispielsweise einfach nicht mehr zeitgemäß – spätestens bei der Nachbearbeitung hochqualitativen Aufnahmen, langen Mitschnitten von Podcasts oder DJ-Mixen wird diese Einschränkung zum echten Ärgernis. Ab dieser Größe blockiert Live den Import. Der Export ist auf 2 Gigabyte eingeschränkt. 

Das weiterhin fast völlige Fehlen von Time-Code-Optionen zur besseren Synchronisierung mit externen Instrumenten und Sequenzern ist für uns genauso ein Frustpunkt, wie die immer noch viel zu rudimentären Video-Funktionen, zum Beispiel die Möglichkeit den Filmton am Raster zu verriegeln (SMPTE-Lock). Auch ist die Anbindung von externen Geräten, wenn es beispielsweise um die Automation von Parametern geht wie den Cutoff am Minimoog, ziemliches Stückwerk. Und für ein echtes Bounce-In-Place, auf Wunsch auch Mono, ohne nerviges Trackeinfrieren wäre es langsam an der Zeit, genauso wie das Einfrieren von Gruppen oder die ARA-Schnittstelle.

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