Workshop_Folge Workshop_Thema Gitarre
Workshop
1
02.11.2017

Wie viel Watt braucht ein Gitarren-Amp?

Wir erklären, wie viel Leistung euer Gitarren Verstärker haben sollte

Warum mehr Watt nicht immer mehr Freude mit dem AMP bedeuten

"Je mehr Watt, desto besser!" Ein weit verbreiteter Irrtum, der den einen oder anderen von uns sicherlich schon dazu bewogen hat, einen leistungsstarken Amp zu kaufen. Und der war dann nicht nur teurer als sein etwas schwachbrüstigerer Kollege, sondern sorgte auch im Proberaum konstant für Unfrieden und Diskussionen.

Zum Thema Wattzahl bei Gitarrenverstärkern kursieren einige widersprüchliche Meinungen, und einfache Antworten auf komplizierte Fragen sind bekanntlich nicht unbedingt immer die richtigen. Daher wollen wir mit ein paar Mythen, Irrungen und Wirrungen aufräumen und das Thema etwas differenzierter betrachten:

1. Doppelte Wattzahl ist nicht doppelte Lautstärke

Fragt man Gitarristen nach diesem Thema, dann findet man auch gestandene Saitenakrobaten, die davon überzeugt sind, dass 100 Watt natürlich doppelt so laut klingen wie 50 Watt. Ein Irrtum, denn Watt ist die physikalische Einheit der Leistung und bei einem Amp geht es, vereinfacht ausgedrückt, um den Druck, der die Luft bewegt. Und dort benötigt man das Vier- bis Zehnfache an Luftbewegung und damit an Leistung, bevor man eine Verdopplung der Dezibel erreicht. Und dass die menschliche Lautstärke-Wahrnehmung logarithmisch und nicht linear verläuft, kommt noch erschwerend hinzu.

Unterm Strich erhöht eine Verdopplung der Wattzahl die Lautstärke nur um wenige Prozentpunkte und ist im unteren einstelligen Dezibelbereich angesiedelt. Somit kann die Wattzahl nicht das einzige Kriterium sein, wenn es um Lautstärke geht, denn die Amp-Schaltung und vor allem die verwendeten Lautsprecher haben hier noch ein gehöriges Wörtchen mitzureden.

Nur um ein paar Hausnummern zu nennen: Ein typischer Gitarrenspeaker produziert bei nur einem Watt Input zwischen 95 und 100dB! 100dB entsprechen in etwa der Lautstärke einer Kreissäge und verursachen bei konstanter Exposition sogar Hörschäden - wir reden hier also nicht von Peanuts! Hat man nun ein 2x12" oder 4x12" Cabinet, erhöht sich der Output noch einmal signifikant.

Letztendlich hilft es auch, einen genaueren Blick auf die Gitarrenhistorie zu werfen: Sehr viele Amps, die auf klassischen Aufnahmen zu hören sind, haben eher niedrigere Wattzahlen und keiner käme auf den Gedanken, den Vox AC30 mit seinen "nur" 30 Watt als zu leise zu empfinden. Und es geht sogar noch kleiner: Der Vox AC15, der Fender Blues Junior und der Fender Tweed deLuxe sind alles Amps, die mit 12 bis 18 Watt Musikgeschichte geschrieben haben.

Hohe Wattzahlen der frühen Tage wie z.B. der 280 Watt starke Marshall Major von Ritchie Blackmore oder das 135 Watt Fender Dual Showman Silverface Topteil waren letztendlich auch der Tatsache geschuldet, dass Gitarrenamps die Aufgabe der nicht vorhandenen PA übernehmen mussten.

Zum großen Glück für unser Trommelfell sind diese Zeiten vorbei und dem FOH-Mann ist es egal, ob sein SM57 vor einem 50- oder 30-Watt-Amp hängt - was davon an Lautstärke beim Publikum ankommt, bestimmt trotzdem er.

2. Mehr Watt = mehr Geld, mehr Gewicht, mehr Röhren

Das bisschen mehr an Lautstärke, das ein 100-Watt-Amp gegenüber 50 Watt liefert, lässt sich die Endstufe leider teuer bezahlen. Je mehr Watt, desto schwerer, größer und teurer ist der Ausgangstrafo und damit natürlich auch der ganze Amp! Abgesehen davon benötigen Amps mit höherer Ausgangsleistung auch mehr Röhren. So haben 100-Watt-Verstärker meistens vier Endstufenröhren, 50-Watt-Amps nur zwei (z.B. Marshalls) und die ganz kleinen Vertreter sogar nur eine (z.B. Laney L5 Lionheart).

Das hält bei Niedrigwattern natürlich die Wartungskosten geringer und die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Röhre in die ewigen Jagdgründe verabschiedet, ist auch geringer.

Zum Vergleich habe ich euch beispielsweise den Marshall JVM in der 50- und 100-Watt-Version gegenüber gestellt:

Marshall JVM205 Marshall JVM410
50W 100W
Preis: 1249,00 Euro (Stand 10/2017) Preis: 1499,00 Euro (Stand 10/2017)
2 x EL34 4 x EL34
17,5 kg 22 kg

3. Mehr Headroom vs. frühere Zerre

Headroom ist ein Begriff, der immer wieder gerne durch die Foren schwirrt und einer differenzierten Betrachtung bedarf. Gemeint ist damit die Aussteuerungsreserve, die eine Endstufe bietet, also die "Luft", die er zwischen seinem Nennpegel und dem Punkt lässt, an dem Kompression und harmonische Verzerrungen signifikant in den Sound eingreifen.

Hier muss man ganz klar sagen: Je höher die Wattzahl, desto lauter kann der Amp clean und auch im Soundbild offener bleiben. Wer sehr laute cleane Sounds benötigt, der wird unter Umständen tatsächlich mit einer höheren Wattzahl glücklicher werden.

Andererseits gibt es unzählige Gitarristen, die gerade den Endstufeneinfluss als entscheidenden Anteil ihres Sounds betrachten und genau das Element der aufgerissenen Endstufe benötigen.

Endstufenkompression ist natürlich um so früher zu erzielen, je geringer die Leistung des Amps ist oder anders formuliert: Ich muss einen 100 Watt Amp wesentlich weiter aufreißen, um in den Grenzbereich zu kommen, wobei hier auch jeder Amp vollkommen anders reagiert und der Einfluss der Endstufe je nach Marke und Modell unterschiedlich sein kann.

Besitzt der Amp keinen separaten Gain und kein Master-Volume, ist die Zerre sogar nur über die Lautstärke zu gewinnen und das kann bei 100 Watt sehr schmerzhaft sein.

4. Transistor vs. Röhre

Inwieweit die Lautstärke mit der gebotenen Wattzahl zusammenhängt, lässt sich, wie bereits erörtert, nicht ganz so einfach und pauschal klären. Noch etwas komplizierter wird es, wenn man die Unterscheidung zwischen Transistor- und Röhrenendstufen vornimmt. 50 Watt Transistor entsprechen in der wahrgenommenen Lautstärke nämlich längst nicht 50 Watt Röhre, sondern wirken leiser. Die Gründe sind technischer Natur und haben bestimmt auch mit einem lebendigeren Transientenverhalten von Tubeamps zu tun.

Dennoch gilt: Wer einen Transistoramp spielen möchte, sollte sich darauf einstellen, eine extra Schippe Watt draufzulegen. Meine persönliche Empfehlung ist, nicht unter 50 Transistorwatt an den Start zu gehen.

Sätze wie: "Dann fängt die Endstufe eben besser an zu komprimieren und ich bekomme mehr Endstufenverzerrung" mag zwar für Röhrenamps zutreffen, wenn Transistoramps allerdings überfahren werden, ist das Ergebnis meist nicht so erfreulich.

5. Spielsituation vor dem Kauf analysieren

Bei all euren Entscheidungen solltet ihr immer abwägen, in welchen Szenarien ihr euren Amp benötigt. Spielt ihr große Bühnen und wollt ein lautes Stack im Hintergrund oder spielt ihr gerne weit aufgerissene cleane Sounds und steht nicht auf Endstufenkompression, dann ist ein Amp mit höherer Wattzahl nicht verkehrt. Für kleinere Clubgigs solltet ihr darauf achten, dass die Lautstärke eures Amps nicht den FOH-Mann aller Möglichkeiten beraubt, denn Röhrenamps benötigen manchmal eine gewisse Lautstärke, um gut zu klingen. Wenn ihr allerdings so laut von der Bühne blast, dass man nicht mehr abmiken muss bzw. nicht mehr mischen kann, trägt das nicht zwangsläufig zu einem guten Bandsound bei. Nicht umsonst haben viele Amps die Möglichkeit, auf niedrigere Wattzahlen umzustellen, um einen druckvolleren Sound zu gewährleisten, wenn es mal etwas leiser zugehen muss. Für häusliche Übe-Amps oder auch Proberäume solltet ihr einen Amp besitzen, der auch leise gut klingt, also eher niedrigere Wattzahlen oder eine Transistorvariante.

Auch die Stilrichtung, in der ihr euch bewegt, trägt entscheidend zu eurer Auswahl bei. Spielt ihr in einer Pop/Funkband, die eher Tanzveranstaltungen und Hochzeiten anbietet, können wenige Watt vollkommen ausreichend sein. Ich persönlich habe z.B. unlängst einen Funk-Gig in einer 700-Mann-Halle mit einem 5-Watt-Amp bestritten - die Endstufe ging zwar etwas in die Knie, aber machbar war es allemal. Spielt ihr in einer Hardrock- oder Metal-Band solltet ihr mit etwas mehr Power an den Start gehen, wobei auch hier kaum mehr als 50 Watt nötig sein werden. Deshalb hier abschließend noch ein paar Wattzahlen als Empfehlung, die jedoch nur grobe Richtwerte sein sollen. Da Transistoramps auch leise gut klingen können, gibt es hier keinen Maximalwert.

  • Livegigs mit mittleren bis großen Bühnen: 30 - 100 Watt Röhre / mindestens 50 - 100 Watt Transistor
  • Clubgigs und Proberäume: 15 - 50 Watt Röhre / mindestens 50 Watt Transistor
  • Übezimmer: 1 - 20 Watt Röhre / Transistoramps jeglicher Größe

Fazit:

Letztlich entscheiden sehr individuelle Faktoren, zu welcher Wattzahl ihr tendiert. Auch wenn das alles für ein Plädoyer gegen 100-Watt-Amps klingt, so steht natürlich jedem frei, welche Wattzahl er favorisiert, und mache Amptypen existieren gar nicht mit niedrigen Werten. Auch ich persönlich besitze einige 100-Watt-Topteile und möchte sie nicht missen, aber schlichtweg, weil sie gut klingen und nicht, weil sie viel Watt haben. Ausreichend sind allerdings meistens Amps im 20- bis 50-Watt-Bereich, und geht es um kleine Clubgigs, Proberäume oder das häusliche Übekämmerchen, so haben neben den wirtschaftlichen Überlegungen die Niedrigwatter bestimmt die Nase vorn.

1 / 1

Verwandte Artikel

User Kommentare