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27.02.2020

Wie ich zu meinem PANArt „Gubal" Hang kam - Handpan-Lotterie mit fünf Jahren Wartezeit

Kennt ihr das? Man sitzt nach einem Konzert gemeinsam mit den anderen MusikerInnen Backstage und kommt über TechTalk und Musikerwitze irgendwann zu einer Anekdote, nach der man sich plötzlich viel älter fühlt, als man eigentlich ist. 

So etwas kommt eigentlich nur dann vor, wenn man als Jugendlicher irgendeine gravierende technische oder gesellschaftliche Veränderung miterlebt hat, die spätere Generationen dann schon als absolut normal wahrnehmen, wie etwa die Erfindung von Internet oder Smartphone. Mir erging es kürzlich so mit einer Story, die für so viel Verwunderung gesorgt hat, dass ich sie auch euch nicht vorenthalten will. Also, es war einmal…

In den 2000er-Jahren wurde eine bahnbrechende Erfindung durch Videos, Blogbeiträge, Erzählungen und auch durch zahlreiche Straßenmusiker rasend schnell bekannt: Das Hang. Eine fliegende Untertasse aus grauem Metall, auf der man mit den Händen spielen und dabei unglaublich sphärische Klänge erzeugen konnte. Ihr erinnert euch sicher noch an das erste Mal, als der Sound in eure Ohren drang: Er schien nicht von dieser Welt zu sein, regte zum Träumen an, und man war sofort im ausgeglichenen Meditationsmodus.

Das Hang geisterte in den 2000er Jahren durch’s Netz und sorgte für Begeisterung

Irgendwie war nicht gleich klar, ob diese Instrumente ein Eigenbau waren oder ob es professionelle Hersteller gab. Klar war nur, dass die Hangs noch relativ selten waren und die Spieler, die eines besaßen, monopolähnlich von einer immensen Aufmerksamkeit profitierten, wo immer sie auch spielten. Bereits damals wurde anhand des außergewöhnlich hohen Publikumsinteresses deutlich, dass dieser Klang Menschen weit über die Grenzen der Musikwelt hinaus in seinen Bann zog. Wie beseelt stand da auf der Frankfurter Zeil, einer unglaublich überfüllten und immer lauten Einkaufsstraße, eine Musikerin neben einem Bauarbeiter und beide versanken gleichermaßen in Klang der zwei Hangs, die ein Spieler auf dem Boden platziert hatte. Vergessen war das rasante Tempo der Arbeitswelt, und ähnlich der elektronischen Drone- und Ambientmusik hatte man das Gefühl, aufgrund der Klangfülle einfach keinen Platz mehr für andere Gedanken zu haben und gab sich ganz dem Zuhören hin. 

Eine Revolution auf dem Musikinstrumentenmarkt nahm ihren Lauf

Rückblickend konnte man schon damals erahnen, welche Revolution hier auf dem Weg war. Ein Klang, der alle Menschen begeisterte, gespielt auf einem Instrument, das wie ein Ufo aussieht und kurioserweise immer „schön“ klang. Es gab nämlich keine Töne, die nicht zur musikalischen Stimmung gepasst hätten, und es schien, als würde jeder Spieler immer genau wissen, welche Stelle als nächstes anzuschlagen sei.

Das führt zu einem weiteren wichtigen Punkt des bis heute ungebremsten Erfolgs der Hangs (die aus rechtlichen Gründen heute meist Handpans genannt werden, dazu aber später mehr): Es gibt keine „falschen“ Töne, da sich die Oberfläche in Klangflächen aufteilt, die alle zur jeweils eingestimmten Skala passen. Diese Eigenschaft ermöglichte nicht nur MusikerInnen ein besonders ungezwungenes, freies Spiel, sondern eröffnete den Hangmarkt auch für Menschen, die vorher noch nie musiziert hatten und plötzlich in der Lage waren, harmonisch einwandfreie Klangimprovisationen zu erfinden.

Ich begab mich also auf die Suche nach dem Hersteller dieser Instrumente und wurde in einem Internetforum fündig, in dem die Rede von dieser fliegenden Untertasse aus Blech war und auch andere bereits händeringend auf der Suche nach einem Händler waren, der Hangs verkaufte. Wie sich herausstellte, gab es in er Schweiz eine Firma namens PANArt, die das Hang erfunden hatte, und irgendwo auf Seite 3 der Kommentare nannte ein User die Anschrift der Gründer und führte in das Prozedere ein, das nötig war, wenn man ein Instrument erstehen wollte. 

Für einen Hang musste man sich schriftlich bewerben

Man musste also einen persönlichen Brief mit ein paar Zeilen schreiben, wer man war und weshalb man ein Hang kaufen möchte. Das war sogar, auch wenn es eine ganze Weile her ist, im Jahr 2005 schon ungewöhnlich, denn damals hatte sich der bekannte Versandhandel Thomann bereits fest im Online-Business etabliert. Gesagt getan also, der Brief in die Schweiz wurde verschickt und ich wartete gespannt auf eine Antwort, fest entschlossen, meine jugendlichen Ersparnisse in ein Hang zu investieren.

Jahre später, ich hatte mittlerweile Abitur und die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule erfolgreich absolviert, überreichte mir meine Mutter mit dem üblichen sonntäglichen Survival-Paket für die kommende Woche auch einen Brief der Firma PANArt aus Bern. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon jahrelang nicht mehr an das Hang gedacht und - wie könnte es anders sein - mein Sparschwein längst für Instrumente, Sticks und anderes Equipment geplündert. Der Brief war übrigens handgeschrieben und ein Hang hätte damals um die 800 Euro gekostet - aus heutiger Sicht ein wahres Schnäppchen. Aber leider Pech für mich, der Traum vom Hang musste noch etwas warten.

Einige Jahre später, ich hatte mittlerweile meinen Abschluss gemacht und einen Schritt weiter auf meinem Weg zum Profimusiker, frischte der YouTube-Algorithmus mit einem vorgeschlagenen Video spontan meine Erinnerung an PANArt und die geheimnisvolle Manufaktur in Bern auf. Ich beschloss, einen neuen Versuch zu unternehmen und fand eine moderne Website mit Kontaktformular, der Fortschritt hielt also auch in der Welt der sphärischen Klänge Einzug. 

Jedoch nur bedingt, denn wieder dauerte es Monate, bis ich eine Antwort bekam. Diesmal eine freundliche Mail, die mich darauf hinwies, dass es nun soweit sei und ich ein Gubal bekommen könnte. Überraschung - „Gubal“ war neu, es gab keine Hangs mehr, die Produktion war aufgrund der hohen Nachfrage eingestellt worden. Richtig gelesen: aufgrund der HOHEN Nachfrage – interessante Unternehmensstrategie. Das neue Instrument Gubal unterscheidet sich leicht in der Form vom Hang und verfügt über ein Loch in der Mitte, das einen sehr tiefen, subtilen Basston erzeugt.

Mit der Mail wurden mir zwei Termine zur Auswahl genannt, an denen ich nach Bern kommen, ein persönliches Gespräch durchlaufen und im Anschluss möglicherweise ein Instrument kaufen könne, das dann 3500 Euro kosten würde. Ein mehr als stolzer Preis, aber ich war fest entschlossen und trat meine Reise an. Es könnte also sein, dass ich den weiten Weg reise, das Team von PANArt treffe und anschließend, trotz meiner Bereitschaft, einen Haufen Geld für eine Handpan auszugeben, wieder nach Hause geschickt werde. Hat was von einem Bewerbungsgespräch, irgendwie seltsam aufregend.

Überpünktlich in Bern angekommen, finde ich zum vereinbarten Zeitpunkt erstmal niemanden vor, die Werkstatt ist noch geschlossen. Ein kurzer Spaziergang entlang des angrenzenden Flusses führt mich an einer versteckten Hütte vorbei. Der Blick durchs Fenster verrät: Hier hatten die berühmten Hang-Workshops stattgefunden, in denen die Klangästhetik und Firmenphilosophie von PANArt an begeisterte Anhänger weitergegeben wurde. Das hatte ich nach ausführlicher Recherche auf zahlreichen Bildern gesehen.

Nun ja, ein zweiter Versuch war dann erfolgreich und eine Frau mit Kapuzenpulli öffnet die Tür. Sorry, sie seien morgens nicht immer ganz pünktlich, sagt sie, bietet mir erstmal einen Espresso an. In der großen Halle weist sie in Richtung Theke, an der ein älterer Mann steht. Dass es sich hierbei um den Firmengründer Felix Rohner handelt, war nicht direkt zu erkennen, jedoch erhalte ich eine ausführliche Einführung in die Firmengeschichte und seine Ideale, während er uns Kaffee serviert.

Er erklärt mir, dass für steht und die Firmenphilosophie maßgeblich für alle Entscheidung ist. So kam es, dass nach der explodierenden Nachfrage die Produktion des Hangs eingestellt wurde. Man musste weiterziehen und nach neuen Klängen suchen, so Rohner. Da konnte man sich nicht weiterhin mit der Produktion alter Instrumente befassen, die der eigenen Klangvorstellung gemäß als überholt galten. Nur des Profits wegen expandieren und Hangs vom Fließband vertreiben sei da keine Option gewesen. Das sei bei vielen Kunden auf Unverständnis gestoßen und habe teils sehr emotionale Reaktionen verursacht. Die Menschen seien es gewohnt, jederzeit alles kaufen zu können und ließen sich nicht einfach zurückweisen. Mit ernster Miene erzählt er mir von Angeboten aus Russland und China für ein einzelnes Hang, die sich im mittleren fünfstelligen Bereich bewegten. 

Da es mittlerweile auch einzelne Nachahmungsversuche gäbe, musste der Begriff Hang patentiert werden, weshalb die anderen Hersteller den Begriff Handpan prägten. Er erzählt von den emotionalen Ausbrüchen einer Dame, die er ohne Instrumente wieder wegschicken wollte und die über einen längeren Zeitraum täglich wiederkam. Das Hang habe einfach nicht zu ihr gepasst, berichtet Rohner. Mit seinen Instrumenten wolle er die Menschen zu mehr Achtsamkeit führen und nicht den Trend der Zeit nach großem Ego und Oberflächlichkeit befeuern. 

Ein wertvoller Gedanke eigentlich, der nicht allzu oft Platz findet in der modernen Musikindustrie und mit dem er mich in eine dunkle Akustikkabine verabschiedet, in der ein Klotz mit Hammer steht, auf dem offensichtlich die Instrumente gefertigt werden. Die Tür wird hinter mir geschlossen und ich bin allein mit etwa 15, in zwei Regalen aufgereihten, Gubals. Hier darf ich nun in Ruhe ausprobieren und ein Instrument auswählen, das „zu mir passt“. Während ich da so sitze und versuche, irgendwie zur Ruhe zu kommen und aus den verschiedenen Instrumenten eines auszuwählen, sehe ich durch das Fenster einen jungen Mann zur Tür hereinkommen. Er wird von der Mitarbeiterin im Kapuzenpulli begrüßt und zur Theke gebeten. Dort bekommt er einen Espresso und… Also doch irgendwie eine Art Business hier, nur eben völlig anders und sehr entschleunigt. 

Nach einer Weil des Herumprobierens habe ich mich entschieden und komme mit einem Gubal fröhlich aus der Kammer heraus. Die Mitarbeiterin empfängt mich, mustert mich skeptisch und scheint überrascht, dass ich wirklich ein Instrument mitgenommen habe. Ob ich es denn also wirklich probieren wolle mit dem Gubal, fragt sie.

Denke schon, ja, also - Naja, es geht jedenfalls zum geschäftlichen Teil über, während im Hintergrund gerade besagter junger Mann langsam von der Theke in den dunklen Raum geführt wird. Ich bekomme noch die passende Tasche, ein Pflegemittel und die Firmenchronik in Buchform, bevor ich noch eine Erklärung unterzeichnen muss. Aufgrund der Produktionseinstellung des Hangs hatte sich wohl ein florierender Privatmarkt entwickelt, auf dem nun gebrauchte Instrumente zur horrenden Preisen versteigert werden. Man muss sich deshalb seither dazu verpflichten, sein Instrument nicht irgendwann überteuert an Dritte zu veräußern. 

Spannender Ausflug also, nicht nur in eine andere Stadt, sondern auch irgendwie in eine andere Zeit. Zwar bin ich froh, dass nicht jeder Instrumentenkauf mit einer solchen Prozedur verbunden ist, jedoch hat mich die Einstellung von PANArt zum Nachdenken über Konsum und auch künstlerisches Selbstverständnis angeregt.

Wie unterscheidet sich das Gubal von anderen Handpans?

Das Gubal ist im Grunde wie jede Handpan aufgebaut: Um einen Grundton in der Mitte ordnen sich kreisförmig sieben Klangfelder an. Der mittlere Basston ist jedoch nicht in Form einer Wölbung, sondern als Schallloch konstruiert. Auf der Unterseite ist ein runder Korpus angebracht, der den Bass-Sound verstärken soll. Im Video habe ich die einzelnen Klangflächen und einige Grooves aufgenommen, um den Klang des Gubals in seiner ganzen Vielfalt vorzustellen.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Ansprache des Gubals sich von der anderer Handpans deutlich unterscheidet. Bewusst hat PANArt kein Instrument gebaut, dem sich mühelos volle Sounds entlocken lassen. Man muss sich damit auseinandersetzen, so der Erfinder Felix Rohner, man muss sich die Klänge erarbeiten. Das klangliche Ergebnis ist bewusst viel leiser, soll nicht zu überschwänglicher Performance, sondern eher zu meditativen Sessions anregen. Die Klangfelder sind in der Skala (Eb) Bb, C, Db, Eb, F, G, Bb gestimmt und haben einen obertonreichen, leicht blechernen Klang. Dieser Sound bricht auch außerhalb der sieben Tonkreise nicht ab, das ganze Instrument ist bespielbar und klingt mal mehr nach konkretem Ton, mal eher perkussiv. Dem Loch in der Mitte der sieben Klangfelder lassen sich besonders interessante Basstöne entlocken: Indem man eine Hand in die Öffnung steckt und beim Schlagen schrittweise herauszieht, kann man Glissando-artige Sounds erzeugen und diese stufenlos formen. 

Abgesehen von den Klangeigenschaften des Gubals ist die Spielweise vergleichbar mit der anderer Handpans. Die Wölbung auf der Unterseite ist beim Platzieren auf den Oberschenkeln zwar etwas gewöhnungsbedürftig, birgt dafür aber interessante Groove-Optionen als Mischung aus Rhythmus und Tönen.

Die Entwicklungen aus dem Hause PANArt gehen übrigens immer weiter, und es lohnt sich ein regelmäßiger Blick auf die Website. Hinter dem Namen „Balu“, der aktuellsten Instrumentenreihe, verbergen sich vier Klangskulpturen, die zusammen ein passendes Set ergeben und im Ensemble gespielt werden.

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