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08.06.2020

Trommelbauer im Portrait: Jefferson Shallenberger von Sugar Percussion

Interview und Firmenporträt

Trommeln, Möbel und deutsche Sportwagen

Dass die Firma Sugar Percussion aus dem kalifornischen Santa Cruz ein bisschen anders ist als die meisten Custom Drum Hersteller, zeigt sich schon daran, dass der Chef der Firma in Interviews gern auf seine Neurosen verweist. Doch damit nicht genug, Erlöse aus Trommelverkäufen sollen für zukünftige Therapien seiner Tochter Ruby Sugar (die nicht nur Namensgeberin, sondern auch Mitinhaberin der Firma ist) aufgewendet werden, um sein Erziehungsversagen zu reparieren. Letzteres ist natürlich nur ein Spaß, ein leicht krankhafter Drang zum Perfektionismus dürfte allerdings tatsächlich keine schlechte Eigenschaft sein in einer Branche wie dem Bau von High End Drums. Damit angefangen hat der gelernte Kunst- und Möbeltischler Jefferson Shallenberger im Jahre 2010. Damals löste sich sein Drumset langsam aber sicher in seine Bestandteile auf und er beschloß, seine Fertigkeiten zu nutzen, um eigene Kessel zu bauen. 

Diese ersten Gehversuche bescherten ihm zwar ein wieder spielbares Set, es bestand jedoch noch ordentlich Spielraum für Verbesserungen. Und so entwickelte er nach und nach sein eigenes Rezept für toll klingende Drums in Fassbauweise. Es dauerte nicht lange, bis die Kombination aus Klang- und Verarbeitungsqualität sich herumzusprechen begann. Heute gehört Sugar Percussion zu den bekanntesten unabhängigen Custom-Herstellern der USA, angesagte Drummer wie Aaron Sterling (u.a. John Mayer) und Steve Gorman (The Black Crowes) spielen seine Instrumente aus Überzeugung. Neben Trommeln entwirft und baut Jefferson übrigens auch noch kunstvolle Möbel nach Kundenwunsch, und wenn er Zeit findet, widmet er sich außerdem der Restaurierung eines alten deutschen Sportwagens. Wir haben uns mit dem sympathischen Perfektionisten unterhalten.  

Jefferson, was zeichnet gutes Trommeldesign aus und wie hast du deines entwickelt?

Gutes Design sollte Emotionen auslösen, die länger anhalten als nur für einen kurzen Moment. Dabei halte ich Form und Funktion für gleich wichtig. Bezogen auf Drums bedeutet das, dass sie sowohl klanglich als auch ästhetisch inspirierend sein sollten, und zwar unabhängig von gerade angesagten Trends. Meinen ersten Kesselsatz habe ich 2010 gebaut und vermutlich war er kaum besser als Brennholz, allerdings habe ich daraus wichtige Erkenntnisse für meine späteren Konstruktionen gewonnen. Meine Philosophie ist es, Ideen zügig umzusetzen und herauszufinden, ab sie Hand und Fuß haben. Wenn das der Fall ist, beginne ich mit der Verfeinerung. Bei meinen Trommeln ist das grundsätzliche Design relativ schnell passiert, allerdings hat es einige Jahre gedauert, bis auch alle Details soweit ausgearbeitet waren, dass ich das Gefühl hatte, nichts mehr daran verbessern zu können. 

Du bist ein „Custom“-Hersteller, die Kunden können also mitgestalten. Trotzdem besitzen deine Trommeln eine klare Handschrift, was die Holzauswahl, die Böckchen und die Größen angeht. Wie gehst du vor, um Drummer davon abzubringen, etwas zu bestellen, das du für unsinnig hältst? Hast du schon Aufträge abgelehnt?

Ich habe kein Problem damit, Nein zu sagen, wenn ich glaube, dass etwas nicht funktionieren wird. Manche Ideen meiner Kunden sind toll, andere wiederum nicht („Shit“, Anmerkung des Autors). Die interessanten lasse ich gerne einfließen, unsinnige verlassen meine Werkstatt jedoch nicht. Ich sehe es so wie die meisten Drummer, die zu mir kommen: Wenn ich mir ein Instrument bauen lassen möchte, suche ich mir die Person aus, von der ich glaube, dass sie meine Ansprüche am besten umsetzen kann. Ich nenne ihr meine Wünsche und Vorstellungen und lasse sie dann ihren Job machen, denn sie besitzt die Erfahrung und das Können. Im Falle von Sugar Percussion kommt die Erfahrung vom Bau vieler hundert Trommeln aller Größen, Kesselvariationen und Finishes. Dadurch konnte ich über die Jahre ein fundiertes Wissen darüber ansammeln, was gut klingt und gut aussieht und ich scheue mich nicht, meinen Kunden diese Erkenntnisse auch mitzuteilen. 

Was ist der Sugar Percussion Sound?

Mein Ziel ist es, die natürlichen Eigenschaften der verschiedenen Hölzer so klar wie irgend möglich nach vorne zu bringen. Mutter Natur hat im Grunde schon die meiste Arbeit erledigt, ich darf es eben nur nicht versauen. Jedes Holz bietet eine spezifische klangliche Ausprägung, welche ich durch eine durchdachte und vorsichtige Bearbeitung herauszuarbeiten versuche. Je weicher das Material ist, desto wärmer und runder sollte die Trommel klingen, sehr harte Hölzer besitzen hingegen aggressivere, höhenbetontere Klanganteile. Unsere Holzpalette umfasst eine große Bandbreite dieser Charakteristiken. 

Deine Spezialität ist ganz offensichtlich Holz. Ihr habt aber auch ein kleines Sortiment an nahtlosen Alu-Snares.

Das war die Idee meines Mitarbeiters Noah. Als er bei mir anfing, waren seine Kenntnisse im Bereich der Holzbearbeitung noch nicht so ausgeprägt, dafür besaß er großes Wissen, was die Verarbeitung von Metallen angeht. Er hat mich also nach und nach von der Idee einer nahtlos gegossenen Alusnare überzeugt. Dank einer speziellen Säurebehandlung sehen die Trommeln aus, als wären sie aus Beton. 

Als Drummer habe ich immer mal wieder die Erfahrung gemacht, dass eine toll verarbeitete und aufwendig ausgestattete Customsnare nicht automatisch gut klingt. Handwerkskunst alleine reicht offenbar nicht, auch ein Verständnis von Sound sollte beim Hersteller vorhanden sein. Der bekannte Studiodrummer (und Sugar Percussion Spieler) Aaron Sterling sagte mal sinngemäß, dass ihm dieser ganze edle Firlefanz auf die Nerven geht, solange dem Sound damit nicht geholfen ist. 

Ich bin ganz bei Aaron. Irgendwelche hippen Ausstattungsmerkmale oder optischen Schnickschnack ohne Sinn halte ich für Zeitverschwendung. Eine gute Trommel sollte ein Werkzeug sein, das dem Drummer dabei hilft, besser zu klingen, mehr Spaß zu haben und seltener frustriert zu sein. Andererseits sind die optische Erscheinung und ein toller Sound für mich keine Gegensätze. Tatsächlich kann ein schönes Instrument sehr inspirierend sein und damit eben auch eine musikalische Funktion erfüllen. 

Wenn ich mir deine Trommeln so ansehe, bin ich beeindruckt von der Bauweise und der Verarbeitung. Dann werfe ich einen Blick auf deine Möbel und frage mich, ob die Trommeln für dich nur eine Art Fingerübung sind. Sind sie das?

Ja, Trommeln sind die simpelsten Produkte, die ich bisher professionell gebaut habe. Ich habe mehr als 20 Jahre mit der „Verknotung“ von Holz verbracht, die Herstellung von Zylindern stellt mich nicht vor große Herausforderungen. Das gilt aber nur für die handwerkliche Seite, denn das Design und das Erreichen bestimmter Sounds haben viele Jahre gedauert. Veränderungen und Anpassungen geschehen bei meinen Trommeln eher auf der Detailebene, was jedoch nicht heißt, dass ich hier weniger besessen vorgehe, im Gegenteil. 

Es gibt ein aufwendig gemachtes Video vom Produktionsprozess einer eurer Snaredrums. Am Ende wird der fertige Kessel von einem Auto überrollt und zerbricht in seine Einzelteile. Was lief falsch? 

Die konsequente Durchsetzung unserer rigorosen Qualitätskontrollen ist von meiner Tagesform abhängig. Wenn es dann einen winzigen Makel gibt und eine Kamera zur Hand ist, kann der Truck zum Einsatz kommen. (lacht)  

Baust du mehr Trommeln oder mehr Möbel?

Das variiert. In manchen Monaten dreht es sich in der Werkstatt nur um die Trommelproduktion, in anderen ist es eine ausgewogene Mischung. Dazu muss ich sagen, dass es auch mental immer wieder eine Herausforderung darstellt, sich auf beide Bereiche abwechselnd einzustellen, denn sie unterscheiden sich doch deutlich voneinander. Beides sind handgemachte Objekte aus Holz, bei den Drums geht es aber eher um die Verfeinerung eines grundsätzlich konstanten Designs, während meine Möbelkreationen jedesmal Einzelanfertigungen ganz unterschiedlicher Art sind. An guten Tagen fällt mir schnell etwas ein, an weniger guten braucht es ein paar Tassen Kaffee oder eine Runde mit meinem alten Porsche, damit ich kreativ werden kann (lacht).

Auf den sozialen Kanälen konnten Follower auch regelmäßig sehen, wie du diesen alten Porsche und einen BMW restauriert hast. Gibt es da Gemeinsamkeiten zum Trommelbau?

Nicht wirklich. Alte Autos stecken meist voller Probleme und man versucht, ihnen irgendwie neues Leben einzuhauchen. Trommeln werden dagegen von Grund auf neu gebaut, ein Prozess, der mir generell mehr zusagt. Trotzdem habe ich mich einige Zeit mit den Autos beschäftigt, weil es einfach auch Spaß macht. Der BMW brauchte aber nur eine Auffrischung, ich habe ihn mittlerweile wieder abgegeben. Viel Zeit hat der Porsche beansprucht, den habe ich über einen Zeitraum von vier Jahren neu aufgebaut, es war streckenweise eine echte Hassliebe. Aber jetzt wo er fertig ist, ist es nur noch Liebe.  

Ein Sugar Percussion Kessel wird gebaut...und vom Truck überfahren:

Lass uns über die sozialen Medien sprechen. Ich habe oft den Eindruck, dass gerade kleinere Hersteller Probleme haben, sowohl tolle Instrumente zu bauen als auch spannende Inhalte bei YouTube, Instagram und Co. zu veröffentlichen. Bei Sugar Percussion wirkt das alles sehr durchdacht. Wie entwickelst du deine Ideen?

Das Netz ist voll von Inhalten, die nichts mit der Realität zu tun haben, also habe ich mir irgendwann geschworen, nur das zu veröffentlichen, was auch wirklich bei Sugar Percussion passiert, und wenn es nur meine Mutter interessiert. Das heißt allerdings nicht, dass ich keine Arbeit in meine Medien stecke. Ich gebe mir immer Mühe mit den Fotos, egal, wie banal das Motiv sein mag. Auch bei den Texten achte ich darauf, dass sie nicht im grammatikalischen Massenmord enden. Insgesamt frage ich mich immer, von wem ich selbst ein High End Instrument kaufen würde und was ich von der Firma wissen wollen würde. Ich bin dann zu dem Schluss gekommen, dass es sehr um die Person geht, die die Instrumente baut. Ich würde mein Geld einer Person geben, mit der ich mich identifizieren kann und die mich vielleicht sogar inspiriert, besser zu spielen. Der ich meine Kinder und Haustiere über's Wochenende anvertrauen würde. Also habe ich irgendwann beschlossen, alles zu zeigen: meine Arbeit, meine Familie, meine Neurosen, mich selbst. 

Du startest regelmäßig Verlosungen, deren Erlös Menschen und Organisationen zugute kommt, die Hilfe brauchen. Ich erinnere mich auch an eine Kampagne für Geflüchtete. In den heutigen Zeiten kann das auch als politisches Statement verstanden werden. Warum machst du diese Verlosungen?

Meine Motivation ist sehr einfach erklärt. Als gesunder, weißer US-Amerikaner habe ich bei der „Menschheitslotterie“ eine Art Hauptgewinn gezogen, es geht mir also besser als sehr vielen anderen Menschen. Ich halte es fast schon für kriminell, die Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf dieser Welt zu ignorieren, also versuche ich, etwas zurückzugeben. Der Politisierung bestimmter Aktionen bin ich mir natürlich bewusst, aber so denke ich nicht. Und wenn es jemanden stört, dass Menschen geholfen wird, ist mir das völlig egal.  

Du scheinst permanent zu arbeiten. Was ist dein Plan für Sugar Percussion? Irgendwann mit den großen Drumherstellern zu konkurrieren? 

Ich habe keinerlei Drang, tausende Trommeln im Jahr zu produzieren, das soll ruhig jemand anderes machen. Natürlich möchte ich wachsen, aber nur so weit, dass die Qualität nicht darunter leidet. Ich schlafe nämlich nicht gut, wenn ich nicht stolz auf meine Arbeit bin. Das wäre vielleicht anders, wenn ich in goldenen Betten über meiner Garage mit teuren Autos schlafen würde. Allerdings wird diese Industrie nie solche Gewinne abwerfen, also bleibe ich lieber dabei, schöne Dinge zu bauen.

Danke für's Gespräch!

Webseite von Sugar Percussion: https://sugarpercussion.com/

Eine Sugar Percussion Cedar 14x6 Snaredrum in Aktion: Video von Chris Behm

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