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27.05.2017

Tegeler Audio Manufaktur Crème Test

Analoger Audioprozessor mit EQ und Kompressor

wie definiert man "Crème"?

Die Berliner von der Tegeler Audio Manufaktur beweisen immer wieder, dass sie einen Sinn dafür haben, bewährte Schaltungstopologien so zu interpretieren und zu kombinieren, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Einzelteile wird. Auch der Crème unterstreicht dies. Nun liefert der Name des Gerätes zunächst einmal wenig Hinweise auf die Funktion, wohl aber, so vermuten wir, auf die gewünschten Klangeffekte. Dies liegt ganz auf der Linie des Herstellers, der immer wieder auch mit unkonventionellen Ideen glänzt und auf vielen Feldern zu ganz eigenständigen Resultaten gefunden hat, die die TAM-Geräte durchaus aus der Masse herausheben. Hinter dem Tegeler Crème verbirgt sich ein auf den ersten Blick vielleicht etwas unscheinbares, aber ungemein leistungsfähiges Gerät. Es handelt sich hier um nicht weniger als einen kombinierten EQ und Kompressor, und dies auch noch in Zweikanalausführung – mithin also um einen ausgewachsenen Sweetening-Prozessor für Subgruppen und Summensignale.

Details

Abgewandelter Pultec-EQ

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein einfacher Kompressor, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein deutlich kraftvolleres Gerät. Denn der Crème beherbergt nicht nur eine VCA-Kompressorschaltung, sondern auch eine EQ-Sektion, die dem ehrwürdigen Pultec entliehen wurde. Allerdings wurden hier sowohl Konzept als auch Bedienung etwas verschlankt und modernisiert. Das bedeutet, dass unter der Haube die bekannten EQ-Kurven werkeln, aber das bald ein ganzen Jahrhundert alte Layout des Pultec-typischen Filternetzwerks etwas verschlankt und auf moderne Praxistauglichkeit abgeklopft wurde. Die eigentliche passive Filterschaltung wurde Anfang des vorigen Jahrhunderts (!) zur Verbesserung der Übertragungsqualität von Telefonleitungen entwickelt. Erst in den 1950ern wurde sie dann von Pultec mit einer Röhrenausgangsstufe versehen – und der Rest ist Geschichte. Wie so viele alte Konzepte ist auch das des Pultecs etwas „quirky“, und so liegt es nahe, es hier für die Anwendung im Crème auf das zu reduzieren, was wirklich und unmissverständlich nützt und fehlerfreie Resultate ohne Missverständnisse liefert. Konkret bedeutet dies: Im Crème werkeln zwei Filterbänder, welche ausschließlich Anhebungen in 1dB-Schritten von bis zu 5 dB erlauben, und zwar an den Eckfrequenzen 20, 30, 60, 100, 140 sowie 200 Hz (Bässe) sowie 10, 12, 16, 18, 20 und 24 kHz (Höhen). Die Filterkurven dahinter sind Shelving-Typen mit eher softer Abstimmung, wobei diejenige in den Bässen eher wie ein Shelving mit zusätzlichem Lowcut daherkommt, welcher unterhalb von 20-30 Hz allmählich dichtmacht. Dies kann dem Headroom des Gesamtsignals zugutekommen und verhindern, dass Membranen, Hosenbeine und sonstige Dinge in einem Frequenzbereich zu flattern beginnen, der aufgrund der menschlichen Hörschwelle um etwa 20 Hz von musikalisch eher untergeordneter Bedeutung ist. Drehschalter sorgen hier für gute, rauscharme Ergebnisse sowie Recall-Reproduzierbarkeit.

VCA-Kompressor

Die zweite wesentliche Funktionseinheit des Crème ist ein VCA-Kompressor mit genretypischer Parametrisierung. Attack und Release bieten 6 beziehnungsweise 5 Optionen: 0,1, 0,3, 1, 3, 10 und 30 ms sowie 100, 300, 600 ms, 1,2 s und einen programmadaptiven Auto-Modus. Vor allem der Attack-Parameter wurde also in die typischen Werte aufgelöst, die man von anderen Herstellern von VCA-Kompressoren wie etwas SSL oder API kennt. Auch der Release-Parameter bietet praxistaugliche Werte, die praktisch alle Anwendungsfälle eines solchen Gerätes abdecken dürften. Gleiches kann man auch für die Kompressionsraten sagen: Mit 1,5:1, 2:1, 4:1 sowie 10:1 ist hier alles da, von sehr sanfter Verdichtung bis hin zu Quasi-Limiting. Typisch für VCA-Kompressoren bietet das Gerät auch einen Threshold-Parameter sowie ein Output-Gain-Poti (bis zu +10 dB). Beide Controls kommen als Rasterpotis daher, was ebenfalls den Recall erleichtern dürfte. Für den Kompressor kann ein Sidechainfilter wahlweise bei 60 oder 120 Hz aktiviert werden, und als nette Zugabe kann die Reihenfolge von EQ und Kompressor im Signalweg per Schalter vertauscht werden. Das löst die alte Frage („Kompressor zuerst oder EQ zuerst?“) auf bequeme Weise, nämlich erst einmal gar nicht. Stattdessen kann der Anwender selbst ausprobieren, was im Einzelfall besser passt. Auf Wunsch, und wie die vorige Funktion ebenfalls per Relais gestützt, kann der gesamte Prozessor komplett aus dem Signalweg genommen werden, wobei die Eingänge dann direkt auf die Ausgänge geschaltet werden. Separate Bypassfunktionen für die beiden Prozessoren bietet das Gerät aber nicht. Stattdessen findet sich auf der Frontplatte noch ein VU-Meter für die Anzeige der Pegelreduktion sowie ein Betriebsschalter samt bernsteinfarbener Statusleuchte, während die Rückseite Anschlüsse für Audio-I/O (viermal XLR) sowie Netzstrom bereithält. Das relativ leichte, aber robust konzipierte Gehäuse wird, wie für die Tegeler-Tools mittlerweile üblich, vorne von einer gedruckten Frontplatte geschmückt, die für einen modernen Look sorgt, der sich von der Masse abhebt – auch wenn die Poti-/Schalterkappen Vintage-Charme versprühen und die weiße VU-Beleuchtung für den typischen VCA-Look sorgt.

Industriestandard-Bauteile

Unter der Haube werkelt recht übersichtliche Technik. Das durchweg mit Transistorstufen ausgestattete Gerät verlässt sich bei der Kompression auf einen bekannten Industriestandard in Form des 2180-VCA-Bausteins von THAT. Bauteile dieser Familie arbeiten in praktisch allen Kompressoren des VCA-Typs, inklusive in denen von SSL selbst, mit Ausnahme der Hersteller wie API, teilweise DBX oder Vertigo Sound, die in der Premiumklasse auf ihre eigenen, proprietären, diskret aufgebauten VCAs setzen. Der Pultec-type EQ setzt anders als das Vintage-Original nicht teilweise auf Spulenfilter, sondern komplett auf ein passives RC-Netzwerk mit anschließender Aufholverstärkung. Mit integrierten Operationsverstärkern des Typs TL072 kommen abermals Industriestandard-Bauteile zum Einsatz. Das alles ist sauber ausgeführt und von guter Qualität. Tegelers Mastermind Michael Krusch ist ein alter Hase, und er ist immer für solide Lösungen zu haben, die das gewünschte Ergebnis frei von Vintage-Dogmen liefern, zumal es hier einen handfesten Grund für die Änderungen gab. Im Pultec liefert die Spulenschaltung eine Peaking-Kurve, und beim Crème sollte auch in den Höhen ein Shelvingfilter zum Einsatz kommen.

Ich will nicht so weit gehen und sagen, dass mich der Blick unter die Haube enttäuscht hat, dazu weiß ich zu gut um die Leistungsfähigkeit aktueller integrierter Transistortechnik. Aber bei einem Gerät, das mit dem Namen „Crème“ eine bestimmte Art von Charaktereinsätzen vorgibt, erstaunt es mich doch ein bisschen, so gar keine traditionellen Insignien solcher Schaltungstopologien im Gehäuse zu finden. Angesichts des überschaubaren Bauteil-Aufwands hätten vermutlich auch noch Audioübertrager ins Produktionsbudget gepasst, welche dem Signal – wenn es denn gute Bauteile sind – noch etwas „echte“, elektromagnetisch erzeugte Crème hätten mitgeben können. Nochmals: Objektiv ist die Fertigungsqualität und Ausstattung des Gerätes nicht angreifbar, aber subjektiv werde hätte ich mir eventuell doch ein paar andere Akzente gewünscht.

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