Test
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26.02.2010

Praxis

Das Erscheinungsbild des SCT-800 mag manchen gefallen, mir persönlich erscheint es etwas übertrieben. Aber gut, das ist Ansichtssache. Keine Ansichtssache ist allerdings die Qualität der Goldlackierung. Das eigentlich glänzende Metall ist an manchen Stellen matt, blind und streifig. Dadurch wirkt es aus der Nähe betrachtet überhaupt nicht mehr edel. Auffällig ist dies von der Haupt-Aufsprechrichtung (also “vorne”) im Bereich des Nierensymbols sowie auf gleicher Position am Stirnband. Natürlich und glücklicherweise hat dies keinen Einfluss auf das Klangverhalten, und so gilt: Besser bei Optik und Verarbeitung Abstriche machen, als bei der Audioqualität, oder? Ansonsten gibt es keine Mankos, denn der Gitterkorb, der blaue Metalltubus, die Spinne und das Speisenetzteil sind allesamt ordentlich verarbeitet.

Das nicht gerade leichte Mikrofon lässt sich in der Spinne gut fixieren, die Gewinde sind allesamt sauber geschnitten, und die Seilspannung der elastischen Halterung ist hoch genug, um das Mikrofon auch über Kopf aufhängen zu können. Der Goldkopf hat nun die Aufgabe, seine gewandelten Luftbewegungen über Preamps und DAW bis in meine Ohren zu pumpen. Als Signal-Quellen stelle ich bonedo-Autor und Gitarrist Bassel El Hallak und Sängerin Lana Quish davor und lasse den Klang auf mich wirken. Die Stahlsaitengitarre klingt durch das Mikro tatsächlich etwas “warm”, allerdings liegt dies weniger am angenehmen Röhrenklang denn an einer doch recht auffälligen Höhenarmut. Das SCT-800 wirkt wenig brillant, was jedoch nicht mit den “seidigen Höhen” teurer (Vintage-) Mikrofone verwechselt werden sollte. Nicht, dass in einer Mischung diese Frequenzbalance nicht auch sinnvoll sein könnte, aber mit dem EQ kann man ein Zuviel immer noch begrenzen. Etwas, was nicht da ist, lässt sich auch mit Exciter & Co nur unbefriedigend herzaubern. Der Vergleich zum Signal eines Vintagemikrofons (keine Röhre) auf gleicher Position könnte es besser nicht zeigen. Dabei zählt das alte Kondensatormikrofon beileibe nicht zu den Königen der Höhen. Wie so oft macht sich die Nylongitarre vor einem eher mittigen Mikrofon wie dem SCT-800 recht gut: Es bedarf bei den beiden Signalen nur noch leichter Änderungen mit dem EQ, wenn überhaupt: Hochpassfilter, Raum drauf, Limiting und fertig. Es zeigt sich wieder einmal, dass die Mikrofonauswahl wesentlich für den entstehenden Sound ist. Dies kann ein SCT-800 im Fundus natürlich rechtfertigen, die generelle klangliche Leistung alleine täte sich damit schwer.

Was bei den Saiteninstrumenten noch nicht sonderlich auffällig ist, kommt bei der Stimme besonders ans Tageslicht. Mit einem höherwertigeren Mikrofon hätte ich in die Bearbeitungskette der Nylongitarre eventuell noch den Kompressor mit aufgenommen. Die Dynamik unseres Kandidaten ist etwas gedrungen, was dem Sound ein wenig an Spritzigkeit raubt. Nicht, dass diese Kompressionsartefakte per se schlecht wären, allerdings schränkt ein impulsarmes und die Dynamik komprimierendes Mikrofon die Breite des Einsatzbereiches deutlich ein. Im für Sprache und Gesang so wichtigen mittleren Frequenzbereich ist das SCT-800 allerdings erstaunlich ausgewogen. Es dröhnt nichts, es gibt keine auffälligen Löcher: Klasse! Im Nahbereich setzt sanft ein angenehmer Nahbesprechungseffekt ein, ohne das Signal übertrieben zuzubassen. Lediglich auf Luftstöße durch Popp-Laute muss geachtet werden, denn selbst mit Poppfilter sollte die Mikrofondisziplin des Vokalisten so ausgeprägt sein, dass er oder sie derartige Stoßwellen seitlich an der Membran vorbeischickt.

Die oftmals als “Zuviel des Guten” abgetane Kombination von Röhrenmikrofon und Röhren-Vorverstärker macht sich beim Testkandidaten ganz gut. Dies ist möglicherweise auch der Tatsache geschuldet, dass sich von der Röhre klanglich nicht sonderlich viele Charaktereigenschaften auf das Audiosignal übertragen. Wie so oft wird wahrscheinlich die Röhre nicht mit dem Pegel angefahren, der ihre Attribute auch richtig nutzt. Eventuell hätte sogar der Verzicht auf Röhrentechnik dem Mikrofon recht gut getan – bis auf das Marketing-Schlagwort “Röhre”. Mein Redaktionskollege Guido Metzen hat es in unserem Testmarathon einst vortrefflich formuliert: Gerade im unteren Preissegment sollte man auf alle Besonderheiten, allen voran Röhrenschaltung und Doppelmembrantechnik, lieber verzichten. Mir persönlich ist auch noch kein wirklich hervorragendes Röhrenmikrofon unter 1000 Euro unter die Schrauberhände gekommen, “passable” hingegen einige. Ab 500 Euro wird es “vernünftig”. Allerdings erkauft man sich den Zusatz “Röhre” oftmals mit einigen klanglichen Nachteile. Glücklicherweise hält sich beim SCT-800 vor allem das sonst oft kritische Rauschen in einem wirklich angenehmen Bereich.

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