Test
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26.02.2010

Details

Noch einmal zum Mitschreiben: Das t.bone SCT-800 ist ein Großmembran-Röhren-Kondensatormikrofon, das für ganze 198 Euro den Besitzer wechselt. Kein Bausatz, kein erster Monatsbeitrag für ein zweijähriges Mikrofon-Abonnement und auch kein Nettopreis, auf den noch Mehrwertsteuer, Zoll, Versand und Trink- und Schutzgeld addiert werden müssten. 198 Euro überweisen und ein paar Tage später einen dicken Koffer erhalten, in dem sich ein Speisenetzteil, eine Metallspinne, Kabel und natürlich das Mikrofon selbst befinden. Und das zeigt sich nicht sonderlich dezent, sondern erweist sich als Eye-Catcher. Der Mikrofonkorb ist samt Bügel in auffallendem Goldton gehalten, der Korpus soll mit leuchtendem Blau einen Kontrast erzeugen und eine edle Gesamterscheinung bewirken.

Wird ein Druckgradientenempfänger mit einem “Laufzeitglied” (einem kleinen Umweg für rückwärtig auf die Membran treffenden Schall) ausgestattet, verändert sich die Charakteristik von der eigentlichen Acht zur Nierenform. Die “normale” Niere ist die am häufigsten eingesetzte Richtcharakteristik, so auch beim SCT-800. Die ein Zoll durchmessende Membran ist goldbedampft und mit Mittenkontakt ausgestattet. Im Inneren des Tubus werkelt eine 12AT7-Röhre. Dieser auch als ECC81 bekannte Glaskolben ist eine Doppeltriode, die auch in Gitarrenverstärkern zahlreich Verwendung findet und demnach recht preiswert verfügbar ist. Wie bei Röhrenmikrofonen üblich, gibt auch unser Testkandidat sein Signal nicht direkt über den dreipoligen XLR Anschluss aus, sondern muss per 7-pol-XLR mit einem externen Speisenetzteil verbunden werden. Das Spezialkabel hat eine Länge von fünf Metern, an seinem Ziel lässt sich außer “On/Off” nichts einstellen, weder umschaltbare Charakteristiken noch Pad oder Hochpassfilter.

Mit einer Empfindlichkeit von 32 mV/Pa ist der mehr als 20 Zentimeter hohe Knochen gut aufgestellt. Das A-bewertete Eigenrauschen liegt mit 20 dB in einem, für ein Röhrenmikrofon, üblichen Rahmen. Bei 120 dB SPL wird bei 1 kHz ein Zerranteil von 0,5% erreicht. Den Übertragungsbereich gibt man mit den in HiFi-Kreisen gerne genannten 20 Hz - 20 kHz an. Eine übliche Referenz, die landläufig der Frequenzspanne des menschlichen Gehörs zugeordnet wird und eine tolle Bandbreite und somit Audioqualität suggeriert. Wie bei vielen HiFi-Geräten fehlt auch beim SCT-800 der Hinweis darauf, mit welchem Pegel die tiefen und hohen Extremwerte im Vergleich zu den Mitten noch übermittelt werden. Häufig ist dies so gering und die Unterschiede im Bereich zwischen ihnen derart hoch, dass die Aussage 20 Hz - 20 kHz schlicht und einfach nutzlos ist. Sinnvoll wäre die Angabe des Toleranzbereiches (z.B. “+/- 3 dB”) oder gar ein Frequenzdiagramm, aber selbst dieses liefert noch keine verlässliche Aussage über den Klang. Eines meiner Lieblingsmikrofone stammt aus alter DDR-Produktion und hat ein Messdiagramm, das aussieht, als hätte ein Kleinkind seine ersten Malversuche vom Weihnachtskalender für die Omi in ein Koordinatensystem verlegt. Es klingt aber hervorragend!

Eine Röhre im Signalweg verspricht immer auch ein Plus an Wärme. Im Wesentlichen liegt dies daran, dass Röhren in der Lage sind, besonders bei höheren Pegeln bestimmte Verzerrungen zu generieren, die auf unser Gehör angenehm wirken. Dieses “angenehm” assoziieren wir mit der Sinnesempfindung eines anderen Sensoriksystems des Körpers – denn ein Audiosignal hat schließlich keine „Temperatur”, die erhöht werden könnte. Teure Röhrenmikrofone veredeln das Kapselsignal auf komplexe Art und Weise. Es gilt also im Praxisteil nicht zuletzt darum, herauszufinden, wie “röhrig” das Röhrenmikrofon nun wirklich röhrt.

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