Test
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18.12.2009

Praxis

Die Folgen der Erdanziehungskraft

An einem Galgenausleger angebracht merkt man, dass es das schwere Mikrofon deutlich Richtung Australien zieht (in unserer Nordhalbkugel-Wahrnehmung: zum Boden). Bei Overhead-Anwendung sollten es also Chorstative sein, die das NT über des Trommlers Kopf halten. Über die Verarbeitung des Korpus und des Korbes lässt sich nichts Negatives sagen. Die drei Potis vermitteln jedoch keinen wirklich umwerfenden Eindruck. Womit wir bei den Themen wären, die mich nicht loslassen:

Die Regelmöglichkeiten sind zu viel des Guten

Ein stufenloses Pad von 0 bis -10 dB schießt deutlich über das Ziel hinaus – über -3 dB, -6 dB und -9 dB als Abstufung könnte man gerade noch reden. Kein Signal hat einen derart konstanten und vorhersagbaren Pegel, als dass derart feine Verstärkungsunterschiede technisch zu rechtfertigen wären. Zudem ist die Range dann insgesamt doch etwas zu klein: Man benötigt unter Umständen -20 dB, wie es manche Hersteller als Option anbieten. Wirklich: 0, -10 und -20 dB sind sinnvoll, ein rasterloses Pad ohne richtigen Ausschalter ist – mit Verlaub – ziemlich überflüssig! Nicht viel besser verhält es sich mit dem Hochpassfilter. Sicher, viele Preamps bieten eine ähnliche Option, aber da lässt sich immerhin der Schaltkreis aus dem Signalweg entfernen. Beim NT2000 werkelt immer eine Schaltung am fragilen Signälchen herum. Im Bassbereich ist das keine gute Idee, da alleine das Ripple im Frequenzbereich dem Signal nicht gerade guttut – selbst bei äußerst hochwertigen Filtern. In der Preislage des NT können hervorragende Bauteile alleine unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht verwendet sein. Außerdem wird die Genauigkeit durch die Stufenlosigkeit bei Mikrofonen in der Praxis nicht benötigt; zudem ist die tatsächliche Cutoff-Frequenz auf der Skala nicht ablesbar. Oft ist bei Mikros die -3dB-Frequenz nicht einmal wählbar. Bei zwei beliebten Klassikern aus dem deutschen Sprachraum sind 75 oder 150 Hz oder ein fünfstufiger "Bass-Roll-Off" vorhanden, die wirklich vollkommen ausreichend sind!


Kugelähnlichere (also breitere) oder achterähnlichere (schmalere) Nieren auswählen zu können, kann in konkreten Anwendungsfällen durchaus sinnvoll sein. Wer einmal mit einem derart ausgestatteten Mikrofon die Position der Off-Axis und des Aufnahmebereichs bestimmen konnte, weiß, wie dankbar man bei der Positionierung in schwierigen Verhältnissen (zum Beispiel Snare-Resonanzseite) darüber ist. Allerdings gilt auch hier: An einem M149 habe ich noch nie eine Umschaltmöglichkeit zwischen K, BN, N, SN und A vermisst. Auch der traditionelle Karlsruher Hersteller Schoeps bietet in seinem üppig ausgestatteten Colette-Kleinmembran-Kapselsystem nur die vorhin genannten Charakteristiken an – obwohl zum Beispiel die Ausrichtung von Stützen mitten im Orchester-Klangkörper nicht gerade eine einfache Aufgabe ist.

Der Klang zeigt negative Charaktereigenschaften 

Nun gut, vielleicht kann das Røde NT2000 ja dafür mit seiner Soundqualität bestechen. Es gab in der Geschichte der Mikrofone immer solche, an denen vieles oder sogar fast alles unpraktisch, unlogisch, fehleranfällig oder sonstwie unangenehm war – bis auf den Sound, und um den geht es doch schließlich. Doch leider zeigt sich schnell, dass der Schallwandler nicht das Zeug dazu hat, zum kauzigen Sonderling mit Kultstatus zu werden. Die Klangeigenschaften sind im Vergleich zu anderen Mikrofonen dieser Preisklasse eindeutig negativ erkennbar, dies lässt sich auch nicht als "eigenständig" oder "charaktervoll" umdeuteln.

Geringes Rauschen und ordentliche Verarbeitung contra Klangqualität

In den gesamten Höhen klingt das Signal deutlich belegt und matt, ich möchte sagen "lustlos". Bei der ersten Session kontrollierte ich über die Video-Interkom, ob die Sängerin nicht etwa zum Spaß ein Molton-Tuch über den Testkandidaten geworfen hat (im zweiten Audioplayer mit der männlichen Stimme besonders auffällig!). Impulse werden generell wenig agil übermittelt. Erstaunte Gesichter erzeugt der Dreh am Richtcharakteristik-Poti: Die Kugel klingt deutlich besser als die Niere, vor allem in den Höhen! Diese klingen sogar direkter! Von der "Härte" würde ich bei diesem Klangresultat ohne Kenntnis von Raum und dem Klang der anderen Charakteristiken fast schon auf eine Acht tippen. Dies lässt Rückschlüsse zu, die niemandem so richtig gefallen: Es scheint, als haben Røde nicht simpel die Kapselsignale verschaltet, sondern als sei eine ordentliche Ladung Korrekturelektronik notwendig. So etwas wird oftmals eingesetzt, um Mängel bei der mechanischen Komponente – also der Kapsel – auszugleichen. Eine Problemzone scheint sich jedoch unkorrigiert ihren Weg ins Mikrofonkabel suchen zu können: Der Bereich über 1 kHz weist eine Frequenznase mittlerer Breite auf, die das Signal bei sämtlichen Charakteristiken "quäkig" klingen lassen. Klanglich hinterlässt das Filter glücklicherweise keine so brutalen Dellen im Frequenzgang, wie es zu befürchten gewesen wäre, aber die niedrigste Position von 20 Hz und somit die größtmögliche Entfernung des kritischen Grenzfrequenzbereichs vom Nutzsignal tun der gesamten Klangqualität doch deutlich am besten. Geringes Rauschen und ordentliche Gehäuseverarbeitung sind zwar positiv hervorzuhebende Tatsachen, doch lässt sich dadurch nicht mehr viel retten.

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