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Test
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12.09.2013

Rockruepel Comp.Two Test

Vari-Mu-Vollröhrenkompressor

An der Grenze des Machbaren

Der Rockruepel Comp.Two bei bonedo im Test – Der Kompressor des Herstellers mit dem etwas merkwürdigen Namen zählt neben einigen anderen Highend-Tools zur Speerspitze der hiesigen Dynamik-Boliden. Mit dem Comp.Two, immerhin schon der dritten Generation dieses außergewöhnlichen Kompressors, tritt nun ein Gerät an, das sich anschickt, den Ruepel-Sound erstmals einem größeren Anwenderkreis zugänglich zu machen.

Bei einem Kaufpreis, der den Comp.Two in der Oberliga positioniert, wird man wohl nicht von einem Gerät für den Massenmarkt sprechen können. Aber wenn man noch einmal auf die beiden ersten Rockruepel-Versionen blickt, erscheint diese Aussage in einem anderen Licht. Vor etwa fünf Jahren konnte ich bereits die erste Version des Rockruepels in Augenschein nehmen. Damals noch im 2-HE-Gehäuse, verfügte das Gerät über all jene grundsätzlichen Eigenschaften, die es auch heute noch auszeichnen, kam aber noch mit dem Charme eines Prototypen daher. Für die erste 3-HE-Version, den Comp.One, also den direkten Vorläufer des Comp-Two, tat sich Entwickler Oliver Gregor Mit dem Studio-Spezialisten Guido Apke zusammen. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit war eine auf 50 Exemplare limitierte Machbarkeitsstudie, ein Dynamikwerkzeug, bei dem noch das kleinste Detail so higendig wie möglich umgesetzt wurde. Dies schlug sich nicht nur beim Materialaufwand, sondern auch in der Fertigung nieder. So ist beispielsweise das äußerst hochwertige Silber/Gold-Kabel von Mundorff, das beim Comp.One im Audioweg zum Einsatz kam, unglaublich schwierig zu verarbeiten. Fertigungsaufwand, Bauteile, Herstellungskosten: All diese Faktoren bedingten unweigerlich die auf wenige Einheiten limitierte (und längst vollständig verkaufte) Stückzahl.

Mit dem Comp.Two bringt Oliver Gregor nun einen Kompressor an den Start, der zwar immer noch ohne jeden Zweifel in der Highend-Liga mitspielt, der aber nicht ganz so auf „Dynamik-Wolke sieben“ schwebt wie sein Vorläufer. An verschiedenen Stellen wurde das Gerät in einigen wenigen Details etwas abgespeckt, um es leichter fertigen und auch etwas günstiger anbieten zu können. Es fällt mir allerdings etwas schwer, in diesem Zusammenhang das Wort „abspecken“ zu verwenden, denn der Comp.Two zählt immer noch durch und durch zum Feinsten, was der Markt hergibt. Im absoluten Vergleich kann sich das Gerät die Konzeption, Bauteile und Fertigung betreffend immer noch mit der Kompressor-Crème messen. Der Comp.One wurde in einigen Details lediglich noch kompromissloser umgesetzt. Werfen wir also einmal einen Blick auf die konstruktiven Details des Comp.Two!

Details

Unlimited Edition

Schon die 2-HE-Urversion hatte mich damals begeistert, insofern war es für mich keine Frage, beim Comp.One zuzuschlagen. Und als glücklicher Besitzer eines Comp.One war ich wiederum ausgesprochen neugierig auf den Comp.Two. Aus diesem Blickwinkel interessiert es mich nun ungemein, den aktuellen Rockruepel auf seine Qualitäten hin abzuklopfen. Die gute Nachricht ist hier schon mal, dass man sich mit der Kaufentscheidung etwas Zeit lasseZeit lassen kann, denn die Stückzahl ist diesmal nicht begrenzt. Man muss sich also keine Sorgen machen, dass einem jemand das Teil wegschnappt.

 

 

Es gibt Halbleiter im Gerät – für die Pegelanzeigen

Als Vari-Mu-Vollröhrenkompressor basiert der Rockruepel auf dem Kompressions-Urprinzip, das prinzipiell vollkommen ohne Halbleiter auskommt. Auch der Comp.Two ist bis auf die (klanglich vollkommen irrelevanten) VU-Metertreiber halbleiterfreie Zone, wobei sich das Gerät vor allem durch zwei grundsätzliche Eigenschaften auszeichnet, die den Kompressor im Highend-Segment positionieren. Zum einen ist der Audiosignalweg nach audiophilen Kriterien konzipiert und beispielsweise so kurz gehalten wie nur eben möglich, zum anderen glänzt das Gerät mit einen Funktionsumfang und Parameterbereichen, die dafür sorgen, dass sich der Comp.Two ungemein vielseitig einsetzen lässt. Vom Sounddesign-Tool beim Tracking über alle möglichen Mix-Anwendungen bis hin zur Verwendung als Mastering-Kompressor sind alle Möglicheiten offen.

Zeitwerte von anderen Parametern abhängig

Die Drehschalter für die Zeitkonstanten bieten jeweils zehn Positionen. Da die Werte etwas interaktiv sind, sich also je nach Stellung des jeweils anderen Parameters verändern, lassen sich ohne größeren Aufwand nicht immer absolute Werte angeben. Nichtsdestotrotz sind die Einstellbereiche sehr weit gefasst. Für mittlere Attackwerte ist die Release mit 200 ms bis 4 s spezifiziert, wärend der Attackparameter bei mittleren Release-Werten von 3,5 bis 70 ms reicht. Mit schnelleren Release-Werten lässt sich aber die Attack noch weiter herunterschrauben. Der minimale Wert liegt bei etwa 600 Mikrosekunden und wildert damit bereits in sauschnellen 1176-Gefilden. Unterm Strich bedeutet all dies: Die Zeitkonstanten ermöglichen einerseits zackig-aggressives Limiting, andererseits aber auch wuchtiges Transienten-Shaping beim Mastering.

32 dB Gain!

Diese Vielseitigkeit führt der Rockruepel weiter bei der Gainstruktur, die sich ebenfalls sehr flexibel einstellen lässt. Mit Input- und Output-Potis können die Pegelniveaus im Gerät frei gesetzt werden, wobei dies auch Sättigungseffekte ermöglicht – nicht zuletzt, weil der Comp.One mit 32 dB über so üppige Gainreserven verfügt, dass man ihn im Prinzip auch als Mikrofonvorverstärker einsetzen kann. Dank des zusätzlichen Threshold-Potis kann der Grad der Sättigung völlig unabhängig von der Stärke der Pegelreduktion eingesetzt werden. Ein Link-Modus für die Verkoppelung der Pegelreduktion beider Kanäle versteht sich von selbst.

Der Kompressor muss kein Kompressor sein

Auch auf den Sidechain kann man flexibel Einfluss nehmen. Es stehen drei Lowcut-Frequenzen zur Verfügung (54, 74, 110 Hz), zudem kann der Detektorzweig auch komplett abgeschaltet werden. Dieser „Amp Only“-Modus erlaubt den Einsatz des Rockruepels als Sättigungstool oder eben als Preamp, wobei die Kompressionseffekte, die sich durch die reine Sättigung ergeben können ebenfalls nicht von schlechten Eltern sind.

Mit 12AX7 gibt sich der Ruepel nicht zufrieden

Schaltungstechnisch besteht der Comp.Two aus leckeren Einzelteilen. Im Signalweg jedes Kanals liegt nichts weiter als zwei hochwertige Sowter-Übertrager, zwei WIMA-Koppelkondensatoren sowie die beiden Ein- und Ausgangsröhren. Die Aufholverstärkung besorgt in jedem Kanal eine 6CG7. Das bereits ist keine Feld-Wald-und-Wiesen-Röhre, sondern ein Glaskolben mit Vintage-Relevanz. So kam sie beispielsweise als Ausgangsröhre bei den Altec-Kompressoren (und damit auch beim EMI RS124!) zum Einsatz. Noch spezieller ist allerdings die Eingangsröhre bzw. das Regelelement, mit dem der Rockruepel vollkommen eigenständige Wege beschreitet. Das Gerät nutzt hier in jedem Kanal eine 6N3, eine exotische Heptode aus russischer Fertigung, die hier erstmalig in einem Kompressor zum Einsatz kommt. Auch an anderer Stelle wird dieser hochwertige Ansatz fortgeführt: Im Comp.Two wurden gekapselte ALPS-Potis und ELMA-Drehschalter erster Güte verbaut, das Netzteil stellt für beide Kanäle vollkommen unabhängige Versorgungsspannungen zur Verfügung, so dass ein vollständig getrennter Dual-Mono-Betrieb stets gewährleistet bleibt. Ein massives Aluminiumgehäuse mit 6 mm dicker Frontplatte, zwei Hoyt-VU-Meter sowie ein wuchtiges und doch irgendwie edles Erscheinungsbild runden den Comp.Two ab.

Der Comp.Two ist ein bisschen weniger „ruepelig“ als der Vorläufer

Bleibt abschließend also nur eine Frage: Wie genau unterscheiden sich denn nun der Comp.One und der Comp.Two? Dies betrifft in der Tat nur wenige Punkte, zum einen die bereits angsprochene Mundorff-Verkabelung, zum anderen, ebenfalls im Signalweg, die Mundorff-Silver/Gold-Koppelkondensatoren des Comp.One. Im Sidechain des Comp.One kamen zudem zwei weitere Röhren als Gleichrichter zum Einsatz, auch sein Gehäuse ist etwas aufwändiger – und noch massiver – gefertigt. Zudem verfügt der Comp.One im Gegensatz zum Comp.Two über den sogenannten „Ruepel-Modus“. Dieser ermöglicht eine extrem aggressive Effektkompression, kann den Betrieb aber auch instabiler machen und für erhöhten Röhrenverschleiß sorgen. Zweifelsohne ist dies einer der Punkte, die den Comp.One wirklich einzigartig macht. Aber in einer preislichen Größenordung, in der man solch ein Gerät vermutlich am ehesten für gehobene Mix- und vor allem Masteringanwendungen anschaffen wird, wird dies in vielen Fällen in der Praxis kein wirklicher Verlust sein. Der letzte Unterschied betrifft das optische Erscheinungsbild, beziehungsweise die beiden Pin-Ups im 50er-Jahre-Stil in den VU-Metern, die beim Comp.Two ebenfalls nicht mehr vorhanden sind. Dieses „Feature“ hat beim Vorläufer stark polarisiert und fällt zumindest in die Kategorie „Geschmackssache“, so dass wir es in die vergleichende Wertung nicht mit einfließen lassen. Diese sollte aber durch den vorangegangenen Absatz nicht in einem falschen Licht betrachtet werden! Die Tatsache, dass beim Comp.One ein noch größerer Materialaufwand betrieben wurde, nimmt dem Comp.Two nichts weg. Auch wenn dieser ein kleines bisschen mehr auf dem Teppich bleibt, so bleibt er doch so hochwertig konzipiert und gefertig, dass sich manch anderes Gerät – zumal aus englischer und amerikanischer Produktion – eine Scheibe davon abschneiden könnte.

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