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19.09.2019

Online-Collaboration-Tools Recording 2019

Vernetzung in der Musikproduktion

Mit diesen Tools kooperiert ihr weltweit mit anderen Tontechnikern, Musikern, Producern

Heutzutage Musik zu machen, ist in ganz anderen Konstellationen möglich als noch vor ein paar Jahren. Viele Recording Artists kooperieren weltweit mit Mitmusikern und nutzen dafür verschiedene Onlinelösungen. So sind sie bei der Arbeit an ihren Projekten nicht allein, sondern lediglich räumlich getrennt von ihren Partnern. Noch vor 10 bis 15 Jahren suchte man sich als Hobby-Engineer Mitmusiker aus der eigenen Region, um gemeinsam die eigenen musikalischen Ideen in Aufnahmen festzuhalten. 2019 sieht das jedoch anders aus. Welche technischen Möglichkeiten euch heute zur Verfügung stehen, um online mit anderen Musikern zu kollaborieren, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Um eure Erwartungen nicht zu enttäuschen, möchte ich kurz noch einen Überblick darüber geben, was ihr in den folgenden Absätzen erwarten könnt und was nicht. Wie schon erwähnt soll es an dieser Stelle also um die technischen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit gehen. Wie ihr euch konkret miteinander organisiert, das ist eine andere Frage. Im Blick stehen hier also konkrete Tools, die euch helfen, mit anderen Musikern in Kontakt zu treten, Dateien auszutauschen, gemeinsam an Projekten zu arbeiten und ganz einfach den Überblick bei eurer Zusammenarbeit zu behalten.

In weiteren Folgen unserer Reihe Recording 2019 erfahrt ihr dann, welche Möglichkeiten ihr zur Onlinebuchung von Musikern und Technikern habt und worauf ihr dabei achten müsst. Ihr erfahrt außerdem, mit welchen Plattformen und Diensten Online-Mixing und -Mastering heute machbar sind und welche Vor- und Nachteile mit der jeweiligen Wahl verbunden sind. Außerdem werden wir uns verschiedene Möglichkeiten zu Digitaldistribution anschauen. Ein Feld, das in den letzten Jahren beständig im Wandel war und extrem an Bedeutung zugenommen hat.

Dass die Recordingwelt sich ständig ändert, war auch das Hauptthema im ausführlichen Gespräch über die Zukunft der Musikproduktion mit Mark Ethier, dem CEO von iZotope.

Den Überblick über die Online-Kollaborationstools unterteile ich in vier Bereiche. Dadurch soll das sonst schwer überschaubare Angebot übersichtlicher werden. Sicher könnte man auch andere Unterteilungen wählen. Ich aber entscheide mich dafür, euch zunächst DAW-Recording mit Peer-to-Peer-Verbindung vorzustellen und dann einen Blick auf DAW-Lösungen mit Cloudspeicher zu werfen. Als Drittes stelle ich euch cloudbasierte Kollaborationsplattformen vor. Zu guter Letzt dürfen auch Kollaborationstools nicht fehlen, die mit einer Bedienung im Browser punkten möchten. Los geht’s!

Peer-to-Peer-Remote-DAW-Recording

Längst sind DAWs zu den zentralen Handlungsschnittstellen in der Musikproduktion geworden. Eine der einfachsten und offensichtlichsten technischen Möglichkeiten zur Kollaboration ist deshalb die End-to-End-Verbindung von Software-DAWs über den Onlineweg in Echtzeit. Mit „Remote"“ ist hier also nicht eine einfache Fernbedienung gemeint, wie sie auch für DAWs wie Presonus Studio One, Apple Logic oder Ableton Live (etwa in Form von EUM Lab DAW Remote) zur Verfügung steht. Vielmehr geht es um die praktische Organisation von Peer-to-Peer-Verbindungen zwischen DAWs auf verschiedenen Seiten eines Netzwerks.

Profilösungen – Von MusicTaxi bis Remote Recording Network

Aus Prä-Internet-Zeiten stammt die Hard- und Software-Lösung MusicTaxi (später: Opticodec). Sie ermöglicht den Austausch von Audiosignalen per ISDN. Ein aktuelleres Angebot ist SessionLinkPRO, das bereits IP-basiert ist und zur Bedienung auf eine Browseroberfläche setzt. Beide Dienste ermöglichen den nahezu latenzfreien Austausch von Audiostreams und wurden/werden beispielsweise gerne zur Verbindung von Tonstudios bei entfernten Sprachaufnahmen eingesetzt. SessionLinkPRO bietet mittlerweile sogar die Möglichkeit des Videostreamings in Echtzeit und setzt auch auf das Anbieten von Audio-/Videokonferenzen. Preislich bewegt sich das Angebot zwischen knapp 24 Euro für einen Monat und knapp 240 Euro für eine einjährige Nutzung.

Wer bei der Online-Kollaboration auf Stabilität setzten muss und höchste Standards erwartet, kann auf Spezialdienste zurückgreifen, wie das Remote Recording Network. Hier wird beispielsweise Remote-Mixing geboten, das Mehrspur-Recordings parallel per VPN an Tonstudios senden kann und zeitgleich Streaming ermöglicht. Da es sich hierbei um einen High-End-Dienst handelt, eignet er sich vor allem für große Festivals, TV-Shows und sonstige Liveproduktionen in der Größenordnung von Herbert Grönemeyer oder Black Eyed Peas. Außerdem sind die Mixumgebungen, in denen die Spuren empfangen und abgemischt werden, nicht beliebig, sondern müssen vom Anbieter lizensiert sein.

Diese beiden Klassiker sind keine echten Alternativen für Online-Kollaborationen im Prosumer-Bereich, müssen aber meiner Meinung nach, für einen besseren Überblick zum Einstieg erwähnt werden. Werfen wir einen Blick auf "echte" Online-Kollaborationen…

Administratorseite – VST Connect Pro

Eine ausgereifte Lösung für dieses Problem bietet seit einigen Jahren Steinberg, Hersteller der Software-DAWs Cubase und Nuendo. Zur Zeit stehen dabei für als Softwarelösung für Remote-Recording drei verschiedene Ausführungen zur Auswahl, die auf der der Administrator- und Clientseite verschiedene Funktionen abdecken. Für Profis, die eine Vielzahl von Wünschen und Bedingungen an die Funktion einer solchen Softwarelösung stellen und Remote-Recording-Sessions einrichten möchten, ist das VST Connect Pro gedacht. Dabei handelt es sich um ein kostenpflichtiges Zusatzprodukt von Hersteller Steinberg, das für knapp 150 Euro zu haben ist und mit Cubase ab Version 7 sowie Nuendo ab Version 6 kompatibel ist.

Kern der Anwendung ist die samplegenaue Synchronisierung der Recording-DAWs auf beiden Seiten der Netzwerkverbindung für bis zu 16 Kanäle und unkomprimierter Audiodateien mit einer Samplingfrequenz von bis zu 192 kHz. Neben Datenverschlüsselung, Mehrspuraufnahme und MIDI-Support ist sogar eine Funktion für Live-Videochat mit an Bord. Damit auch beim Recording über das Internet so etwas wie eine Studioatmosphäre entstehen kann. Es lassen sich individuelle Cue-Mixes anlegen und sogar VST3-Instrumente ferngesteuert bedienen/einspielen. Dadurch, dass das System auch in einem hauseigenen LAN genutzt werden kann, ist es möglich, dass im selben Haus mehrere Musiker von ihrem eigenen Studio aus kreativ an ein und demselben Projekt arbeiten. Keine Sorge: Die erforderlichen Routings erledigt die Software vollautomatisch, sodass stundenlanges Herumklicken entfällt.

DAW-Lösungen mit Peer-to-Peer-Technik ermöglichen Kollaboration in Echtzeit.

Clientseite – VST Connect Performer

Technisch gesehen ist einer der Sessionteilnehmer Administrator, sodass er die Einstellungen aller Einzelsessions fernbedienen kann. Um sich aufnahmeseitig in eine VST-Connect-Session einbinden zu lassen, muss zum Glück kein Geld investiert werden, sondern nur die kostenlose Software VST Connect Performer auf dem Remote-Rechner installiert sein und schon kann es losgehen. Um Musikern ein besseres Monitorsignal bieten zu können, ist die Clientsoftware mit eigenen FX-Inserts ausgestattet. Per Drag and Drop können Playbackfiles, Demoexporte oder Textinhalte an die Sessionteilnehmer verschickt werden. Backups von Aufnahmedateien erstellt das System zur Sicherheit vollautomatisch. Da die Recordings auf der Festplatte des aufnahmeseitigen Anwenders gespeichert werden, der VST Connect Performer einsetzt, kann die Software sogar abgebrochene Uploads fortführen.

Wie Hersteller Steinberg in seinem Infomaterial selbst beschreibt, müssen jedoch auch einige praktische Zugeständnisse gemacht werden. Sollen beispielsweise mehrere (bis zu 16) Spuren simultan aufgezeichnet werden, ist es erforderlich, dass lediglich der Stereomix der Aufnahme in Echtzeit abgehört wird. Die übrigen Spuren werden stattdessen unkomprimiert im Hintergrund verarbeitet. Ein nettes Gimmick ist, dass VST-Connect-Pro-Nutzer MIDI-Daten an entfernte Mitmusiker senden können, die diese Daten in ihre MIDI-Instrumente einspeisen und Audiospuren mit dem ausgegebenen Sound zum Recording an den Administrator zurücksenden können. Auf diese Weise lassen sich zum Beispiel rare MIDI-Instrumente auf der ganzen Welt ansteuern und aufzeichnen, ohne dass sie verschifft werden müssten. Ganz pfiffige Anwender können so sogar das Audiosignal von VST-Instrumenten in ihrem Studio aufnehmen, deren Lizenz sie nicht selbst besitzen.

Auch die Clientverbindung mit einem iPad oder iPhone ist möglich. VST Connect Performer schlägt als iOS-App allerdings mit 5,49 Euro zu Buche. Kostenlos ist dagegen die für das iPhone optimierte App Studio Pass erhältlich, die zumindest eine Stereosumme empfangen kann und einen Videochat möglich macht. Diese Lösung ist interessant für all diejenigen, die beispielsweise Mix- und/oder Mastering-Services anbieten. Der Kunde/Auftraggeber kann dann entweder live dabei sein, wenn an seinen Stücken gearbeitet wird. Oder aber es lässt sich per Videochat über einen fertigen Mix/ein fertiges Mastering diskutieren. Bei all dem ist die App aber nicht stand-alone arbeitsfähig, sondern muss in eine VST-Connect-Pro-Session eingebunden werden.

Eine abgespeckte Version liegt mit VST Connect SE vor. Hierbei müsst ihr euch als Anwender dann allerdings mit unverschlüsselter Datenübertragung begnügen, könnt VST Connect nicht in einem LAN nutzen und Audiodateien nur komprimiert downloaden (max. 320 kbit/s). Außerdem ist die Einbindung von Studio Pass bei dieser Version nicht möglich. Dafür ist VST Connect SE aber kostenlos in der Pro-Version von Cubase sowie in Nuendo enthalten. Benutzer der Cubase-Versionen LE, AI, Elements und Artist gucken dagegen in die Röhre. Und bevor ich es vergesse: Selbstverständlich verfügt die VST-Connect-Reihe auch über eine Anbindung an den von Hersteller Steinberg bereitgestellten Cloudservice. Und damit sind wir auch schon beim nächsten Thema …

DAW-Lösungen mit Cloudspeicher

Auch für eine Kollaboration in der Cloud hat die Firma Steinberg einige Tools entwickelt. Bei den Steinberg-Lösungen VST Transit, VST Transit Go und VST Transit Join handelt es sich nicht um Tools für die Echtzeit-Kollaboration, sondern um Apps und Plugins, die eine Zusammenarbeit per Cloud-Collaboration ermöglichen sollen. Sie nutzen also Speicherplatz bei einem Anbieter, der zwischen den Kollaborationspartnern sitzt. Daher stehen sie zwischen den DAW-Lösungen, an die sie eng angebunden sind, und den Webdiensten, die ich im nächsten Abschnitt vorstelle

Cloudlösungen ohne Peer-to-Peer-Technik ermöglichen ungleichzeitige Kollaborationen.

Werfen wir aber zunächst einen Blick auf den DAW-Mitbewerber Avid Pro Tools. Mit Avid Cloud Collaboration stellt die Software eine cloudbasierte Möglichkeit zur Zusammenarbeit zur Verfügung, die direkt aus dem Programm-Menü aufrufbar ist. Die Kollaborationsfunktion ist in allen Versionen enthalten. Es spielt also keine Rolle, ob ihr Pro Tools in der Standardversion oder als Pro Tools Ultimate nutzt. Eine kleine Einschränkung gibt es dennoch: Nutzer der kostenlosen Einstiegsversion Pro Tools First können einem Projekt ausschließlich als Client beitreten. Selber Projekte zu erstellen, ist mit dieser Version nicht möglich. Ähnlich wie beim Tool von Steinberg lassen sich auch bei der Pro-Tools-Lösung online Aufnahmepartner suchen, Projektdateien synchronisiert austauschen, Audio- und MIDI-Spuren teilen und gemeinsam bearbeiten. Statt eines Videochats, beschränkt sich die Avid Cloud Collaboration aber auf den Austausch per Textchat.

Der kostenlos zur Verfügung stehende Cloudspeicher für alle Pro-Tools-Versionen ist ein GB groß. Benötigt ihr mehr Speicherplatz oder möchtet auch in Pro Tools First Kollaborationsprojekte als Administrator starten, ist ein Update per Premiumabo im Avid Premium Cloud Plan erforderlich. Die Spannweite der Abonnements reicht dabei von Monats- bis Jahresabos und ist für Beträge zwischen 4 Euro monatlich (10 GB) und 229 Euro jährlich (80 GB) zu haben (jeweils zuzüglich Umsatzsteuer). Ganz gleich, ob mit oder ohne ein solches Upgrade, während in den großen Pro-Tools-Versionen eine unbegrenzte Anzahl von Cloudprojekten verwaltet werden kann, ist die Online-Kollaboration mit dem kostenlosen Pro Tools First auf drei Projekte beschränkt.

Seit Cubase 8.5 ist das Feature VST Transit in die DAW integriert. Es macht den Upload von Spuren (Audio und MIDI) zuvor erstellter Projekte in einen von Steinberg bereitgestellten Cloudspeicher möglich. Es stehen verschiedene Kontakt- und Synchronisationsfeatures zur Verfügung, die die Online-Zusammenarbeit an einem Projekt extrem vereinfachen. Die Alternative wäre das umständliche Exportieren und Versenden beziehungsweise Online-Bereitstellen der einzelnen Spuren. Knackpunkt bei VST Transit sind die Downloadmengen und -kosten. Bei kostenlosen Accounts ist der Webspeicherplatz auf 750 MB und der Download-Traffic auf 1,5 GB pro Monat begrenzt. Als 3-Monats- beziehungsweise 12-Monatsabo lässt sich ein Upgrade auf einen Premiumaccount durchführen. Dafür entstehen monatliche Kosten von weniger als 4 Euro beziehungsweise weniger als 2,50 Euro pro Monat. Der verfügbare Speicherplatz steigt mit diesem Upgrade auf 7,5 GB und der Download-Traffic auf 30 GB pro Monat an. Zusätzlich ist ein reines „Traffic Upgrade“ möglich, sollte der Premiumaccount mal an seine Grenzen stoßen. Hier werden dann für weniger als 4,50 Euro nochmal 30 GB hinzuaddiert. Der entscheidende Punkt bei der Berechnung der Download-Limits ist, dass der Download-Traffic der Projektteilnehmer dem Inhaber des Projekts abgezogen wird. Je mehr Daten ihr also euren Kollaborationspartnern in VST Transit zur Verfügung stellt, desto eher ist euer Traffic verbraucht. Hier heißt es deshalb „auf den Punkt kommen“ und lieber mit Stems als mit Einzelspuren arbeiten.

Um Traffic zu sparen, kann es bei Online-Kollaborationen sinnvoll sein, mit Stems statt Einzelspuren zu arbeiten.

 

Einen Schritt weiter geht die Online-DAW Ohm Studio. Hierbei handelt es sich um einen Sequencer, der von seinem Grundprinzip her auf Online-Kollaboration in Echtzeit ausgelegt ist. Dabei können im Projekt virtuelle Haftnotizen hinterlegt und sogar zeitgleich an zwei Stellen desselben Projekts gearbeitet werden. Eine Browsersuche nach geeigneten Mitmusikern gehört ebenso zum Service von Ohm Studio wie die Möglichkeit, projektexterne Textnachrichten zu hinterlassen oder sich in einem Community-Chat auszutauschen. Floatingfenster mit Tipps und Chatfunktion sind optisch nahtlos in die DAW integriert und versprechen Überblick. In der kostenlosen Version von Ohm Studio könnt ihr an bis zu zehn Projekten parallel arbeiten. Möchtet ihr in Studioqualität aufnehmen oder bis zu 200Projekte anlegen, kostet das extra. Die Premiumvariante Ohm Studio Pro XL kostet 99 Euro inklusive Umsatzsteuer. Dafür erhält der Nutzer dann zusätzlich Zugriff auf eine stattliche Anzahl von Plugins und erweiterte DAW-Funktionen.

Deutlich übersichtlicher geht es bei VST Transit Go zu. VST Transit Go ist eine iPad-App, die auf VST Transit aufsetzt und mit der ihr euer auf dem iPad erstelltes Songprojekt per VST-Transit-Feature anderen Musikern vorstellen, online Musik machen, neue Partner fürs Recording finden und an gemeinsamen Projekten arbeiten könnt. Sogar eine Direct-Messaging-Funktion ist mit an Bord, damit die Kommunikation über das Projekt nicht durch den Wechsel zwischen Plattformen und Software-Tools aus dem Ruder läuft. VST Transit Join ist dagegen ein Plugin, das das Nutzen des VST-Transit-Clouddienstes auch in anderen DAWs als Cubase und Nuendo ermöglicht. Dazu wird es einfach in einen VST-Instrumentenkanal geladen. Auch VST Transit Join bietet eine Messaging-Funktion und verschiedene Synchronisationsfeatures. Wobei Synchronisation hier nicht Realtime-Synchronisation, sondern den Datenabgleich zwischen Rechner und Cloud meint. Recordingdaten lassen sich dabei sowohl per Drag and Drop als auch per Buss-Recording aus der genutzten DAW nach VST Transit Join übertragen. Zusätzlich sind einfache Bearbeitungsfunktionen, wie Split, Erase und Mute integriert. Es handelt sich sozusagen um eine Mini-DAW, die als Vermittler zwischen Host- und Ziel-DAW auftritt. Zur Zeit ist es aber noch auf maximal vier Mono- und Stereospuren pro Projekt beschränkt. Durch die Verbindung von App und Plugin lassen sich so Projekte in einer beliebigen DAW erstellen, per VST Transit Join in die Steinberg-Cloud uploaden und selbst auf einem iPad per VST Transit Go ergänzen. Alles in allem steht deshalb mit VST Transit eine bereits ausgereifte Möglichkeit zur Online-Kollaboration bereit, die zwar zur Zeit noch nicht an die Detailverliebtheit vollwertiger DAWs heranreicht, doch ich könnte mir vorstellen, dass das VST-Transit-System in den kommenden Jahren sicherlich noch ordentlich an Komplexität gewinnen wird.

Cloudbasierte Kollaborationsplattformen

Eine ganz andere Form von Kollaborationstools stellen reine Weblösungen dar. Sie haben in der Regel den Nachteil, dass sie keine Zusammenarbeit in Echtzeit ermöglichen. Ihr Vorteil ist aber, dass sie Kollaborationen plattformübergreifend möglich machen, sodass es vollkommen egal ist, mit welcher DAW die Teampartner arbeiten. Auf blend.io habt ihr die Möglichkeit, die Quelldateien kompletter Produktionsprojekte herunterzuladen. Das können etwa Projektdateien aus Ableton Live, Pro Tools oder Cubase sein, oder auch aus einer DAW exportierte Audio-Stems, die für die Zusammenarbeit zur Verfügung gestellt werden. Die Blend-Desktop-App dient dabei als Download-Manager, um Up- und Downloads zu verwalten.

Funktionen und Services – Beispiel Blend

Projekte können online vorgehört, als Favorit gespeichert oder auch – wie bei Social Media-Plattformen üblich – geteilt werden. Darüber hinaus werden auf der Plattform Remix-Ausschreibungen, Produktionsreviews und Remix-Wettbewerbe gefeaturt. Auch ein plattformeigenes Musiklabel für die Online-Distribution ist mit an Bord. Um die Labelfunktion nutzen zu können, muss das betreffende Projekt innerhalb des Blend-Kosmos mindestens 100 Likes bekommen haben. Im Market-Bereich können außerdem komplette Produktionstemplates sowie Producerkits und -bundles gekauft werden, deren Preisspanne im Großen und Ganzen zwischen 5 und 50 Dollar liegt.

Homepage bend.io

Mehrwert von Cloud-Collaboration-Services

Ich persönlich bin der Meinung, dass Plattformen, die als reine Cloud-Collaborations auftreten, in der Regel kaum Mehrwert gegenüber einem direkten Austausch via gängiger Clouds wie OneDrive, Google Drive oder Dropbox bieten. Zum Glück bieten nahezu alle Anbieter heutzutage aber gegenüber dieser „Direktlösung“ einiges an Mehrwert. Bei Blend sind das beispielsweise Social-Media-Features, Online-Distribution und Shopfunktion. Und nicht zuletzt ist Blend auch ein Schaufenster, in das ihr eure Produktionen stellen könnt, um Projektpartner für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Ein weiteres gewichtiges Feature ist der unbegrenze Speicherplatz, den Blend für cloudbasierte Musikproduktion zur Verfügung stellt.

Die Besonderheiten beim Mitbewerber Pibox (pibox.com) bestehen aus einem Reviewsystem mit visueller Timeline, wie man es von der Kommentarfunktion von Soundcloud kennt, und einer zusätzlichen App für mobile Android- und iOS-Geräte, über die neben der Einsicht in die Review-Timelines ein Austausch per Textchat möglich ist. Pibox wird per monatlichem Abomodell gebucht, das bei 7 Dollar für drei Nutzer und 5 GB Speicherplatz anfängt und bis 90 Dollar für unbegrenzte Nutzer und 1 TB Speicherplatz reicht. Zusätzlich erhält jeder der von einem Pibox-Kunden eingerichteten Nutzer zusätzlich 50 GB persönlichen Cloud-Speicherplatz.

Durch Social-Media-Features sind spezialisierte Cloud-Collaboration-Services vielversprechender als einfaches Austauschen von Dateien per Dropbox, Google Drive, OneDrive und so weiter.

Lizenzfragen – privat oder Creative Commons?

Einige dieser Services verstehen sich als „Crowd Sourcing“-Plattformen. Deshalb solltet ihr stets auch einen kritischen Blick auf die Geschäftsbedingungen werfen, auf die ihr euch als Anwender einlasst. Umso mehr, wenn es sich um einen kostenlosen Dienst handelt. Bei Blend könnt ihr beispielsweise wählen, ob die bereitgestellten Projekte privat oder öffentlich sein sollen und ob die öffentlichen Projekte von Dritten kommerziell verwendet werden dürfen. Mit dem Upload ihrer Dateien binden die Kollaborationspartner ihr öffentliches Projekt an die CC-3.0-Lizenz, sodass die nicht-kommerzielle Weitergabe unter gleichen Bedingungen eingeräumt wird. Dadurch darf das gesamte Material in allen möglichen Medien ge- und verteilt, bearbeitet, geremixt, verändert und als Samples genutzt werden, sofern der Urheber angeführt und zur Quelle zurück verlinkt wird. Alle Tracks, die auf Basis dieser Dateien entstehen, „erben“ automatisch diese Lizenz. Wer also exklusives Audiomaterial produzieren möchte, den ganz großen Durchbruch plant oder GEMA-Mitglied ist, sollte an dieser Stelle vorsichtig sein und sich auf Blend für „private Projekte“ entscheiden, bei denen dem Betreiber lediglich Lizenzen für die Durchführung seines Dienstes eingeräumt werden. Für Hobby- und Fun-Projekte stellt das CC-Lizenzmodell selbstverständlich kein Problem dar. Wem das alles zu unsicher ist, ist besser mit den Möglichkeiten für DAW-integrierte Kollaborationen bedient.

Achtung! Die Entscheidung für eine bestimmte Form von Online-Kollaboration und einen ganz konkreten Anbieter ist immer auch eine Entscheidung für ein bestimmtes Lizenzmodell.

Weitere Clouddienste

Weitere bekannte Angebote von Cloud-Collaboration für Musikproduktionen sind Splice und BandLab. Splice wird einigen bonedo-Lesern bereits als Plattform für die Suche von Sounds und Samples bekannt sein. Gestartet ist der Service aber als Kollaborationsplattform. Im Zentrum des Splice Studio genannten Dienstes steht ein kostenloser Cloudspeicherzugriff mit unbegrenztem Volumen und die Möglichkeit zum vollautomatischen Synchronisieren von Projekt-Backups. Durch eine Audio-only-Funktion ist der Austausch von Projekten auf Basis von Audiospuren möglich, wodurch DAW-Plattformen und das Problem der Plugin-Verfügbarkeit für die Zusammenarbeit unerheblich werden. Potenzielle Partner werden durch Eingabe ihres Splice-Usernamens oder ihrer E-mail-Adresse zur Zusammenarbeit an einem Projekt eingeladen. Voraussetzung für die Nutzung von Splice Studio ist allerdings, dass der Nutzer mit Ableton Live, FL Studio, Logic Pro X, GarageBand oder Studio One arbeitet. Nutzer von Cubase, Nuendo und Pro Tools fühlen sich hier also nicht angesprochen.

Browserbasierte Kollaborationstools

Einen anderen Ansatz verfolgen solche Angebote, die eine DAW-ähnliche Benutzeroberfläche als Browser-Frontend anbieten. BandLab ist schon beinahe so etwas wie ein Klassiker unter den Cloud-Collaboration-Tools und bietet genau das: Eine browserinterne DAW, zu der auch virtuelle Instrumente, Amp-Simulationen, Time-Stretching-Feature und Import-/Export-Funktionen gehören. Dabei sind die angelegten Musikprojekte in BandLab nicht nur per Browser am Desktop-Rechner verfügbar, sondern auch über die Android- und iOS-Apps des Anbieters. Das kostenlose Angebot von BandLab enthält unbegrenzten Cloudspeicherplatz, eine unbegrenzte Anzahl von Projekten und Partnern und gibt sogar Zugriff auf eine Loop-Library. Umsatz macht der Hersteller dagegen mit einer eigenen Reihe von Mini-Audio-Interfaces.

Auch SkyTracks (skytracks.io) ist ein solcher Anbieter. Hier könnt ihr eure Aufnahmen direkt im Browser in der SkyTracks-eigenen Produktionsumgebung aufnehmen und (grob) abmischen. Kollaborationspartner können dann ihre Vorschläge zu eurem Projekt in dieses einbinden, wobei der Projektersteller über diese neuen Beiträge automatisch informiert wird. Alle Audiodaten werden in persönlichen Cloudspeichern abgelegt, die Browser-DAW bietet einige typische Effekte, eine virtuelle Drum Machine sorgt für die nötigste Beat-Unterstützung. In der kostenlosen Variante kann jeweils ein Projekt angelegt werden, das einen maximalen Speicherplatz von 1 GB belegt. Das kommerzielle Angebot geht hinauf bis zu knapp 16 Dollar pro Monat, verspricht über 1 TB Cloudspeicher und lässt euch eine unbegrenzte Anzahl von Projekten anlegen.

Soundslates (soundslates.com) bietet in Kürze eine „Vapor Digital Studio“ genannte Browser-DAW, die AU-, VST- und VST3-Plugins unterstützt und mit eigenen Plugins ausgestattet ist. Außerdem steht mit den Soundslates Audio Tools eine nett aufgemachte Möglichkeit zum DAW-übergreifenden Austausch von Presets bereit. Darüber hinaus finden sich hier ähnliche Social-Media-Funktionen wie bei Blend, werden Up- und Downloads in den persönlichen Cloudbereich des Anbieters gemanagt, eine eigene Samplesammlung geboten und nicht zuletzt der Austausch zwischen Projektpartnern per Chatfunktion ermöglicht. Im kostenlosen Plan ist hier zwar die Projektanzahl unbegrenzt, doch kann jeweils mit nur einem Kollaborationspartner gearbeitet werden. Außerdem ist der Speicherplatz auf 2 GB limitiert. Wer 100 GB zur Verfügung haben und mit bis zu 20 Partnern an seinen Projekten arbeiten möchte, muss dagegen 99 Dollar pro Jahr bezahlen. Ein Pluspunkt: Der Anbieter weist mit Nachdruck darauf hin, dass zu jedem Zeitpunkt alle wichtigen Rechte an den mithilfe von Soundslates erstellten Produktionen beim Nutzer verbleiben.

Browser-interne Produktionsumgebungen treten mittlerweile als vollwertige DAWs inklusive Anbindung externer Plugins auf.

FAZIT

Das war er also, unser Rundblick in Sachen Online-Kollaborationsdienste. Von einfachen cloudbasierten Lösungen über DAWs mit Cloudanbindung bis hin zu Peer-to-Peer-Technik zwischen DAWs ist die Bandbreite der Angebote riesengroß. Vor allem in Sachen Preise und Lizenzen sind die Unterscheide immens. Es dürfte aber nun auch klar sein, dass die Wahl des passenden Dienstes eine höchst individuelle Entscheidung ist, die nicht nur von den gebotenen Funktionen abhängt. Auch der Blick auf die Lizenzhandhabung des eigenen Audiomaterials kann ein Ausschlusskriterium sein. Das Gute ist, dass das Angebot heute bereits so groß ist, dass für jeden Musiker etwas dabei sein sollte… egal ob Amateur oder Profi.

Falls ihr weitere Services kennt, die in dieses Spektrum fallen, lasst es uns in den Kommentaren wissen. Auch wenn ihr meint, dass es andere Formen der Online-Zusammenarbeit gibt, die an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollten, schreibt uns dazu einen Kommentar. Dasselbe gilt selbstverständlich für Fehler, die im Text erkennt und auch für Aktualisierungen, die wir gegebenenfalls noch nicht berücksichtigt haben. Leider konnten wir die hier vorgestellten Angebote für euch nicht in allen Details selbst testen. Deshalb freuen wir uns ganz besonders darüber, wenn ihr eure Erfahrung mit diesen Diensten ebenfalls in den Kommentaren zum Artikel teilen würdet. Was hat euch besonders gut gefallen, was nicht?

Denkt daran, nicht nur von den Problemen zu berichte, sondern auch positive Erfahrungen mitzuteilen. Erzählt uns auch von den Vorteilen, die für euch bei Online-Kollaborationen wichtig sind. Eins jedenfalls ist sicher: Die Zukunft hält schon jetzt unzählige Möglichkeiten für onlinebasierte Musikproduktion bereit.

ZWEITER TEIL: ONLINE-MIXING- UND ONLINE-MASTERING-ANBIETER

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