Hersteller_Oktava
Test
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07.08.2013

Praxis

Ich will nicht vorenthalten, dass ich die Oktavas sehr gut kenne. Zum einen waren zwei einzelne MK-012-Systeme mit drei Kapseln und Dämpfungsglied meine ersten Kleinmembran-Kondenser und sind auch heute noch in meinem Besitz, zum anderen habe ich viele Jahre am SAE Institute in Köln die Nutzung eines Sets durch die Studenten verfolgen können. "Nutzung" ist ein weit gefasster Begriff, der in diesem Falle leider oft auch "Misshandlung" eingeschlossen hat: Kapseln haben Volltreffer von Schlagzeugsticks erhalten, sind auf den Boden gefallen und einiges mehr. Sogar die Verwendung in (jawohl: in!) einer Bassdrum bei harter Spielweise habe ich schon miterlebt. Das hat zwar gezerrt, doch hat es in der Kapsel keinen Funkenüberschlag gegeben, der zweifelsohne gravierende Wirkung haben kann. Auch ihre Blessuren haben den "russischen Panzern" nichts anhaben können, und Robustheit ist keine schlechte Voraussetzung für Werkzeug. Meine eigenen Mikros haben unterschiedliche Metallgazen auf den Kapseln, was sicher nicht ideal ist, wenn man bedenkt, dass deren Beschaffenheit als Element kurz vor der Membran durchaus hörbaren Einfluss besitzt. Man hatte offenbar das genommen, was gerade greifbar war, aber nun ja: Oktavas sind eben preiswert. Dass die Verarbeitung hier und da ein bisschen rustikaler ist, lässt sich verschmerzen. Bei dem in diesem Review vorliegenden Set habe ich aber keine groben Schnitzer feststellen können.

Mit den Nieren ausgestattet, ergibt sich direkt ein angenehmes Klangbild. Die Oktavas sind schließlich dafür bekannt, einen ordentlichen und professionellen Sound für wenig Geld zu liefern – das machen Mikrofone des Herstellers aus jüngster Produktion glücklicherweise nicht anders. Das Signal ist zwar wenig spritzig und analytisch, aber sofort wohlwollend und behaglich. Transienten werden nicht so flott übertragen und sind etwas abgerundet, die letzten Feinheiten bleiben also auf der Strecke. Möchte man auf hohem Niveau kritisieren, könnte man den Mitten etwas "Dengeligkeit" unterstellen: In den oberen Mitten schwingen die Signale nicht ganz so schnell aus, wie man es sich wünschen würde. Die tendenziell dichten unteren Mitten verleihen dem Klang dennoch etwas mehr Gehalt und formen Instrumentalklänge etwas in die Richtung, in der man sie oft im Mix haben will. Ich wiederhole mich: Dies alles sind Nuancen, insgesamt liefern die Nierenkapseln einen hervorragenden Klang. Das Audiofile im XY kann das sicher unterstreichen:

Im Stereobetrieb fällt auch auf, dass das Matching sehr gut ist – oder zumindest die Toleranzen gering. Bei meinem eigenen alten Set ist vor allem bei den Kugeln ein Unterschied in den Höhen merklich, den ich zumindest pegelmäßig im Regelfall mit einem High-Shelf bei 10 kHz mit einem Dezibel Gain auszugleichen pflege. Bei den Kugeln in meinem Testset ist davon nichts zu spüren, aber insgesamt zeigt sich Oktava auch hier kontinuierlich: Auch deren Signal klingt warm, rund, bauchig und irgendwie immer "gütig", als wolle es dem Instrumentenklang schmeicheln. Sieht man die andere Seite der Medaille, kann man den Klang auch als etwas einlullend, ja sogar etwas wummerig, nicht straff genug und etwas unpräzise beschimpfen, aber diese Eigenschaften machen es für warme Signale akustischer Saiteninstrumente und insbesondere Drumrooms und Overheads grandios: Ein breites, langsames Jazz-Drumkit und eine bollerige Rockhütte schreien geradezu nach den Oktava-Kugeln, da deren voluminöser Bass und runde Höhen oft das ist, was man benötigt. Bei Pianissimo-Passagen wirklich sehr leiser Klangkörper und hohen notwendigen Verstärkungen kann jedoch das Eigenrauschen zutage treten, doch hätte ich keine Scheu, deswegen auf ein Ambient-Miking mit den 012ern zu verzichten.

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