Test
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07.08.2017

Neumann TLM 170 R Test

Umschaltbares Großmembran-Kondensatormikrofon

Alleskönner

Wenn Neumann-Mikrofone unter Tontechnikern zum Gesprächsthema werden – und das werden sie immer irgendwann – dann fallen meist die Kürzel altehrwürdiger Großmembraner wie U 47, U 47 fet, U 67 und U 89. Oft ist dann zu beobachten, dass die besonderen Mikrofone wie beispielsweise das M 150 Tube angesprochen werden, nicht selten nennt dann irgendwer das TLM 170 R und verbindet dies mit einem außerordentlichen Lob. Praktisch sei es, neutral, alltagstauglich, unprätentiös, was es zu einem hervorragenden Allrounder mache. Meine Erfahrungen mit dem umschaltbaren Doppelmembraner sind ähnlich, aber waren bis zu diesem Review sehr begrenzt. Ich hatte nun ein Neumann TLM 170 R aus Berlin geschickt bekommen und konnte es in verschiedenen Situationen ausprobieren. Enttäuscht war ich bestimmt nicht.  

Details

Wie das U 89 – nur eben ganz anders

Ha – was für eine schön verwirrende Überschrift. Nun, das U 89 und das TLM 170 R teilen sich eine ganz entscheidende Sache: die Kapsel. Diese Doppelmembrankapsel besitzt einen etwas geringeren Durchmesser als die typischen Neumann-Großmembrankapseln. Außerdem ist die Membran nicht mittenkontaktiert, sondern wird über die Randeinfassung mit der Spannung versorgt, die mit der gegenteiligen Spannung auf der Backplate das Kondensatorprinzip ermöglicht. 

Einstellen kann man die aus den Pegeln der beiden und der Polarität der hinteren Membran entstehende Richtcharakteristik mit einem Rad mit geriffeltem Rand. Kugel, Breite Niere, Niere, Hyperniere und Acht sind möglich, darüber hinaus „R“. „R“? Dies ist nicht etwa „Richtende Kugel“ oder „Runde Niere“, sondern steht schlichtweg für „Remote“. Mit dem Netzteil Neumann N 248, das bei entsprechendem Bedarf separat erworben werden muss, kann die Richtwirkung bequem aus der Ferne gewählt werden. Das freut vor allem bei der Verwendung auf hohen Chorstativen oder bei großer Entfernung zwischen Aufnahme und Regie, wie es in Philharmonien üblich ist. Das ist sicher praktisch, doch wird eine höhere Flexibilität erst durch Twin-Systeme wie das beim MG UM 930 twin, einigen Pearl-Mikrofonen (etwa PML ELM-A) oder dem Sennheiser MKH800 TWIN ermöglicht, die dann aber auch mindestens zwei Preampkanäle und Spuren verbraten. Hochpassfilter (100 Hz) und Vordämpfung (-10 dB) werden mit Schiebeschaltern am unteren Rand des Bodys auf der Rückseite geschaltet, eine Fernsteuerung ist hier jeweils nicht möglich. 

Schon ohne Pad wird ein 0,5%-Anteil von THD+N am Gesamtsignal erst bei 144 dB SPL erreicht, das ist ein Wert, der erklärt, weshalb das 170 R auch gerne am Blech oder anderen pegelstarken Schallquellen eingesetzt wird. Dass der Ersatzgeräuschpegel nicht am Minimum liegt (14 dBA) und der Übertragungsfaktor erstaunlich gering ist (8 mV/Pa), erscheint vor diesem Hintergrund technisch absolut nachvollziehbar. Mit nur 50 Ohm Ausgangswiederstand ist das TLM 170 R unprätentiös, was Kabellängen und verschiedene Preamps angeht. 

Ein Blick auf die gemittelten Pegelfrequenzgänge der verschiedenen Patterns zeigt, dass die Lage des leichten Dips vom 8kHz-Bereich bei der Kugel bis kurz über 2 kHz bei der Acht wandert. Die Diagramme weisen keine unüblichen Besonderheiten auf, natürlich aber die Achtercharakteristik der Höhen bei der Doppelmembran-Kugel und die Kugelähnlichkeit bei den tiefen Frequenzen der Nieren.

Spinne? Welche Spinne?

Mikrofone mit einer fest installierten Bügelhalterung gibt es besonders von Neumann mehr, als man vielleicht zunächst denkt. So sind auch die beiden Broadcastmikrofone BCM 104 und das dynamische BCM 105 mit einer fixen Halterung versehen, das TLM 170 R leiht sich die Funktionsweise des Halters aber besonders bei einem Neumann mit einem großen Namen, dem U 47 fet. Kleine Elastomere sollten die Körperschallübertragung eindämmen und das Mikrofon flexibel ausrichtbar machen. 

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