Hersteller_Neumann
Test
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24.02.2011

Praxis

Kompakte Gehäuseform mit recht breitem Sweet-Spot

Mit knapp 28 cm Höhe und etwa 18 cm Breite wirken die Neumänner auf meinen Boxenstativen fast etwas verloren. In einem ersten Versuch betreibe ich die Lautsprecher auf einer enormen Basis, die entgegen der Empfehlung (+/-30°) etwa +/-40° Winkel an meinem Hörort zur Folge hat. Ich bin erwartungsfroh und weiß nicht recht, ob die weißen Neumann-Logos eher mich anstrahlen oder ich sie. Ich schiebe ein paar CDs in den Player, lege ein paar Platten auf, schaue ein paar DVDs, drehe an ein paar Songs herum. Entspanntes Arbeiten also. Ich muss mich dabei ständig daran erinnern, dass ich eigentlich auf die Boxen achten wollte. Das ist eine gute Nachricht, denn wie oft fällt mir an Lautsprechern etwas auf – im negativen Sinne! Dass ich schnell “durch die Boxen hindurch” auf das Material höre, ist dementsprechend ein sehr gutes Zeichen. Nach einiger Zeit stelle ich die Boxen mit optimalem Winkel zu mir auf und beginne eine kleine Gymnastik: Aufstehen, setzen, ein Schritt nach links, einen nach rechts… Die Versprechungen, einen recht breiten Sweet-Spot zu erhalten, werden erfüllt, aber selbst das vertikale Ändern der Hörposition führt nicht zu wirklich schlimmen Einbußen. Lediglich im Höhenbereich erkenne ich eine Veränderung, die jedoch immer noch eine gute Beurteilung des Materials zulässt. Es hört sich in etwa so an, als drehe man mit größer werdendem vertikalem Winkel das Gain eines High-Shelfs sanft heraus. Wie zu erwarten, arbeiten die einstellbaren Filter unauffällig, zudem finde ich, dass die Frequenzbereiche sehr passend gewählt sind.

Erstaunlich ausgewogener Klang auch im Bassbereich

Na klar: Diese Lautsprecher haben wirklich eine kleine Bauform, daher kann man von ihnen nicht erwarten, die absoluten Bassmonster zu sein. Was jedoch auffällt, ist, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich hervorragend arbeiten! Besonders für ein Bassreflexgehäuse erstaunlich trocken, dröhnfrei und unverschmiert wird der Bassbereich wiedergegeben, ich kann keine störenden Bereiche ausmachen. Der Pegelabfall zu den unteren Frequenzbereichen ist angenehm sanft. Auch bei höheren Abhörlautstärken ändert sich dieser Zusammenhang nicht sonderlich, denn erst kurz bevor der Limiter zupackt, beginnen Verzerrungen und Unregelmäßigkeiten Überhand zu nehmen. Die Sandwich-Membran des 5,25”-Langhub-Treibers scheint sich also tatsächlich über einen enormen Pegelbereich recht linear zu bewegen. Ich bin wirklich sehr zufrieden, vermisse aber dennoch einen Subbass mit entsprechendem Pegel in manchen Produktionen, daher keimt in mir folgende Frage heran: Wie wohl neu entwickelte Klein-Neu-Hummelmänner in größerem Maßstab klingen? Ich melde mich hiermit schon mal völlig selbstlos als Testautor an! Auch der Mittenbereich ist von der gleichen hohen Qualität. Probleme um den Übergabepunkt zwischen den beiden Treibern herum kann ich beim besten Willen nicht ausmachen. Etwas weiter oben, um die 5 kHz herum, ist eine leichte Präsenzbeule wahrnehmbar, die sich aufgrund der Lage am Ehesten bei der menschlichen Stimme bemerkbar macht, aber niemals so, dass “S”-Laute störend wirken könnten. Die Höhen sind fein dargestellt, ausgesprochen schnell, aber niemals hart, kratzig und unangenehm. Im Air-Band geht es wieder ein klein wenig sanfter zur Sache.

Große Dynamik und hervorragende Stereoabbildung

Das große Plus der KH 120 A ist aber die Dynamik, denn selbst bei über-dichtem Ton zu deutschem TV-Bild ist noch ausreichend Luft vorhanden. Musikproduktionen klingen – außer sie sind wirklich plattkomprimiert – angenehm offen und transparent. Bei Klassikaufnahmen großer Klangkörper ist das phantastisch! Doch nicht nur dort: Auch in der Hindemith-Aufnahme (s. Tracklist am Ende) war eine hervorragende Stereoabbildung zu bewundern. Es hat unter diesen Aspekten auch wirklich Spaß gemacht, Rufus Wainwrights „Going To A Town” zu hören. Bei aller Klarheit hat der Druck von Bassdrum und Snare dennoch nicht gefehlt, die Stimme klingt wie direkt vom Mikrofonpreamp direkt auf die Boxen: Plastisch und schnell, man kann die Färbung durch Mikro und Pre fast anfassen. Gitarrenmusik stellt die Neumanns ebenfalls auf keine wirklich harte Probe. Erstaunlicherweise hatte ich wie im gesamten Verlauf des Test auch dabei nie das Bedürfnis, die Abhörlautstärke zu erhöhen. Für elektronische Musik fehlt mir dann aber doch – wie bei allen Nahfeldmonitoren – etwas absolutes Low-End. Hatte ich es eigentlich schon erwähnt? Das Grundrauschen der Boxen ist angenehm gering. Aber mal im Ernst: Musste ich das überhaupt erwähnen...?

Einsetzbar in Projekt-, Musik-, Rundfunk- und Post Production-Studios für Aufnahmen, Mischungen und Mastering

Die Neumann KH 120 A sind Arbeitspferde, die ein langes, ermüdungsfreies Arbeiten ermöglichen und die jeder sofort "verstehen" kann. Ohne in irgendeiner Hinsicht exotisch zu sein, wurde offensichtlich auf die Optimierung bewährter und bekannter Zusammenhänge gesetzt. Dass dies erfolgreich ist, wird man - da bin ich mir sicher - auch noch in 15 Jahren mit Fug und Recht behaupten können. Als Nahfeldabhören in Studios für Musik oder Sprache wird man sie sicher in Zukunft häufiger betrachten können, aufgrund der Größe, dem Vertrauen in die beiden mit den KH 120 verknüpften Firmennamen K+H und Neumann und nicht zuletzt natürlich aufgrund der grandiosen klanglichen Performance wird sicher auch der ein oder andere Ü-Wagen damit ausgestattet werden. Auch für hochwertige Schnittplätze akustisch nicht vollständig uninteressierter Video-Schaffender halte ich diese Monitore für hervorragend geeignet. Kritikpunkte muss ich wirklich suchen: Ich persönlich wünsche mir eine einfachere Erreichbarkeit der Dim-Funktion für die Neumann-Zeichen. Das war´s.

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