Hersteller_NativeInstruments Controllerism
Test
5
20.12.2014

Praxis

Wheels versus Stripes versus Faders versus Encoders

Wie ich in der Einleitung bereits erwähnt habe, findet sich in dieser Steuerzentrale also so ziemlich alles wieder, was im bisherigen NI-Traktor-Kosmos Rang und Namen hatte – allerdings keine Jogwheels mehr. Und das erscheint in Zeiten von Beatgrids und Autosync in Kombination mit dem Touchstripe in der Transportsektion eigentlich logisch, nehmen die Teller doch eine Menge Platz weg und so wird der Fokus weiter in Richtung Remix-Performance gerückt. Und soviel vorweg: Wenn das Beatgrid eines Titels mal nicht passen sollte, besteht die Option, dieses direkt am S8-Screen anzupassen. Neben den selbsterklärenden Funktionen Tap, Lock und Reset findet sich unter „Tick“ die Möglichkeit ein, mit den vier Encodern die BPM einzustellen, durch den Track zu scannen und den Offset anzupassen. So geht das manuelle Gridding bei Titeln mit konstantem Tempo selbst „auf die Schnelle“ und ohne Blick zum Laptop-Screen gut von der Hand. Das gefällt. Aber bekanntlich gehört die Fähigkeit zum manuellen Beatmatching zum klassischen Club-DJ wie der Senf zur Wurst und auch heute sollte man jedem dazu anraten, sich diese Basis-Skills anzueignen, und sei es nur als Gehörtraining.  

Anstelle der konsequenterweise weggelassenen Pitch-Fader gibt es nun Pitch-Encoder für die Decks und einen Master Tempo-Encoder, dem alle synchronisierten Player im Gleichschritt folgen. Praktisch, wenn ich während eines laufenden Musikstückes das Tempo für alle synchronisierten Tracks heimlich oder schlagartig erhöhen will. „Heimlich“ deswegen, weil ich mittels Encoder, der mit einer Auflösung von einem Hundertstel (!) BPM arbeitet, dem Publikum unbemerkt ein paar BPM mehr Feuer auf dem Dancefloor machen kann, indem ich ihn immer wieder mal ein bissl anschiebe. Schlagartig, weil ich in Kombination mit der Shift-Taste das Tempo noch schneller verändern kann, als mit einem +/- 8 Pitch, nämlich ein BPM pro Rasterung.  

Nicht gesyncte Decks hingegen lassen sich über den Browser-Encoder im Pitch-Modus dirigieren, sodass auch für die einzelnen Player eine punktgenaue Tempoanpassung zur Verfügung steht. Was will man mehr? Vielleicht ein BPM-Display über dem Master-Encoder? Vielleicht, denn die Master-BPM erscheinen nur dann im Deck-Display, wenn dieses gesynct ist. Ist dies nicht der Fall, zeigt es die Track-Geschwindigkeit an und für das Master Tempo ist ausnahmsweise mal der Blick zum Laptop erforderlich. Inwiefern das im Einzelfall praxisrelevant ist, muss jeder für sich ausmachen. Mich hat es nicht gestört.

Wichtig ist natürlich, wie sich die Arbeit mit dem Encoder und den Touch-Stripes in der Mixpraxis bewährt, vor allem natürlich auch, wenn ein Grid doch mal nicht sitzt und der Titel aus dem Ruder läuft oder man ihn einfach manuell in den Beat schubsen will/muss. Handling des Touch-Stripes: Möchte ich einen Track „pitchbenden“, bewege ich den Stripe intuitiv gegen die Laufrichtung, um das Tempo kurzzeitig zu verlangsamen und in Track-Richtung, um zu beschleunigen. Die LED-Leiste darüber zeigt mir an, ob die Titel „in sync“ sind. Prima. Achtung! Scratchen ist beim S8 nicht vorgesehen, da diese Funktion beim laufenden Deck nicht gegeben ist. Möchte ich dennoch einen Scratch- oder Backspin-Effekt erzielen und mache eine Bewegung zum Zurückziehen gegen die Laufrichtung, beschleunigt der Titel aber. Ich muss den Ribbon im Pausenmodus also quasi von links nach rechts schubsen. Das ist sogar korrekt umgesetzt, wenn man es genau nimmt, denn es entspricht dem Lauf eines Turntables oder Jogwheels, bei dem man die Platte auch von links nach rechts „zurückzieht“. Drücke ich dabei auf „Shift“, verhält es sich hingegen wieder umgekehrt und das Deck springt an die Position des Tracks, die der Position auf dem Ribbon-Conroller entspricht.  

Das manuelle Beatmatching mit dem Ribbon-Controller ist kein Problem!

Nach einigen Mixsessions mit dem S8 muss ich festhalten, dass das „Bewerkstelligen“ einer klassischen Mixsession im Grunde genauso gut funktioniert wie bei einem S4 mit Jogwheel. Nur auf das „Abwerfen der Kickdrum“ mit dem Teller muss ich verzichten, denn das funzt mit dem Stripe schon deswegen nicht, weil es keinen Scratch-Modus gibt, und würde es diesen geben, empfehle ich trotzdem die Cuepoint-Variante. Wer die Jogwheels ohnehin am liebsten als Glasabstellfläche nutzte und mit mehreren im Takt marschierenden Remix-Slots hantiert oder eben amtliche Turntables zum Scratchen einsetzt, den dürfte der Rotstift am Jogwheel kaum irritieren und wer das nicht mag, greift halt zu einem Modell mit Teller. Apropos Teller: Da wären wir auch schon beim nächsten Punkt angelangt: der Kompatibilität zum mitgelieferten Traktor Scratch Pro 2. Diese ist aufgrund der vier analogen Eingänge gegeben und somit hat der S8 gute Karten, als Mischpult zwischen zwei Turntables und CDJs zur zentralen Anlaufstelle im kreativen DJ-Studio zu werden.  

Mixer

Der zentrale Vierkanal-Mixer mit seinem in sechs Ausprägungen betreibbaren Dreiband-EQs (Classic, P600, Xone, Ladder, Z-Iso, P800) und dem standalone ebenfalls funktionierendem bipolarem Filter nebst Einschaltknopf ist gegenüber dem S4 rund 15 Millimeter in die Breite gegangen. Noch mehr Luft zum Atmen, warum nicht! Wer vom klassischen Clubmixer kommt, könnte sich etwas über die Einbindung der externen Zuspieler wundern. Es ist nämlich nicht der „normale Kippschalter“ über einem Kanalzug, der bestimmt, welches Signal auf den Bus geroutet wird, sondern es läuft wie beim Z2 „easy as a push“ auf Knopfdruck ab: Leuchtet der Button orange, heißt es „Traktor Deck“, leuchtet er hingegen nicht, bedeutet das: „Analog-Mode“ und grün steht für „Mikrofon-An“.  

Das integrierte USB-Audiointerface verfügt über zehn Eingänge und vier Ausgänge. Es arbeitet mit maximal 24 Bit und 48 kHz. Die Wandlerqualität ist eingangs- wie auch ausgangsseitig als durchweg gut einzustufen. Beim Kontrol S8 gibt es zwei Kopfhörerausgänge, eine Standard- und eine Miniklinkenbuchse. Der Sound auf den Ohren ist ausgezeichnet, das Signal klingt transparent und ich habe den Eindruck, als käme hier ein wenig mehr Saft raus als aus dem Headphone-Out des S4. Also stecke ich kurzerhand mal ein Splitterkabel an mein Interface, um unter gleichen Bedingungen den Kopfhörer-Pegel aufzuzeichnen. Siehe da, der Output hat zugelegt. Wer hätte das gedacht? Der Pegel fällt zwar marginal ab, wenn ich zwei Kopfhörer anschließe, aber mit marginal meine ich auch marginal, denn es ist mir in erster Linie durch minimale Unterschiede in den Höhen aufgefallen.

Im Test mit einem Vestax PDX2300 Turntable, auf dem ein Ortofon Digitrack System seinen Dienst verrichtet und meinem Denon CD-Player konnte ich feststellen, dass die Gerätschaften kaum nachgeregelt werden müssen, da sie annähernd mit gleichem Pegel in die Kanäle geführt werden wie die Decks aus der Software (alles auf 12 Uhr Position). Das erleichtert den „Multi-Medien-Mix“ ja doch enorm. Allerdings gib es eine feste Zuordnung zum Kanal. Für die rauscharmen Mikrofonwege, die auf die beiden äußeren Kanäle 3 und 4 geroutet sind, bedeutet dies, dass sie nur alternativ zu einem Deck einzusetzen sind. Hier steht dann aber die volle Klangregelung und das Filter zur Verfügung. Effektveredlung „on top“ gibt es, wenn das Mikrofon als Live-Input deklariert wird. Im Zuge dieses Schaltungsdesigns verwundert es dann auch nicht, dass es keine separaten Mic-Level-Regler am Controller gibt, da sie ja auch nicht direkt auf den Master gelangen.  

Beim Input-Routing hätte ich auch gern noch eine weitere Instanz gesehen (via „Shift“ mit blauem Licht beispielsweise), um einen Turntable oder was immer auf dem Eingang liegt, direkt mit einem Tastenhieb als Live-Input einzuschleifen und durch die Effekte zu jagen. Beim Live-Input erscheint mir das Originalsignal in der „analogen Version“ aber hauchzart räumlicher aufgestellt zu sein.

Performance

In diesem Zusammenhang sollte auch erwähnt werden, dass selbst bei einer Latenz von 64 Samples (1,3 ms Processing, 2 ms Output, 3,3 ms overall) der Umschaltprozess von Vinyl nach Live-Input durchaus, wenn auch nur kurz, wahrnehmbar ist. Der Wechsel auf den Teller ist bezüglich „silence“ völlig unkompliziert zu handhaben, da er quasi nahtlos passiert. Nahtlos erfolgen auch die Übersetzungen des Timecodes. Meine zugegebenermaßen nicht als professionell einzustufenden Babyscratches kamen ziemlich direkt und gefühlt in Echtzeit rüber.   

Einen Wermutstropfen muss ich allerdings einschenken: Im Multicore-Modus unter Traktor 2.7.1 (128 Samples) ist mir teilweise ein hoher CPU-Load mit Audiostörungen unter OSX-Yosemite aufgefallen. Ist der Multicore deaktiviert, läuft alles rund. Auch beim „All on-Test“ (Track-Deck, zwei Remix-Decks, Sync, Keylock, Mikroloops, Effekte und Live-Input), der in der Praxis kaum zum Einsatz kommen sollte, gestaltet es sich schwierig, den Trecker in die Knie zu zwingen. Hut ab.  

Pad-Sektion

Neben den Remix Decks stehen in der Pad-Matrix noch die Features „Hotcues“, „Loop“ und „Freeze“ zur Auswahl. Der „Hotcue“-Modus bietet wie gehabt acht Marker, die je nach Art farbig gekennzeichnet sind, „Loops“ obere Zeile stellt vier Auto-Loops zur Verfügung, hingegen unten die Beatjumps platziert sind. Toll! Die Größen der Auto-Loops sind über die Preferences einstellbar. Loop-Rolls werden über die „Flux“-Taste eingeleitet. Der „Freeze“ Mode unterteilt einen fortlaufenden Track-Abschnitt in acht anspielbare Slices, wobei sich auch ein Loop „einfrieren“ lässt und dessen Slices in Abhängigkeit von der Loop-Größe on-the-fly neu gesetzt werden dürfen. Das alles wird am Display vortrefflich aufbereitet und macht einen Heidenspaß! Der S8 ist die kreative Wunderwaffe für alle Performance-interessierten Traktor-User.  

Ausblick

Die Integration von Displays in DJ-Controller ist gerade schwer angesagt. Ob Native Instruments nun aber das komplette Produktportfolio in Angriff nehmen wird und seiner ganzen Truppe Screen-Updates mit auf den Weg geben wird, wage ich zu bezweifeln – ist ja auch ne Kostenfrage, besonders im preissensiblen Einsteigermarkt. Allerdings würden ein F1 und S4 mit Display den Markt meiner Meinung nach definitiv bereichern.

Bevor es nun ans Fazit geht, möchte ich noch loswerden, dass es durchaus möglich ist, dass der Controller über die Monate hinweg einige Funktionen oder Mappings nachgereicht bekommt oder sich einige Sachverhalte gegenüber dem Status des Testzeitpunkts (18.12.2014) ändern können. Sollte dies der Fall sein, möchte ich euch ermutigen, unsere Kommentarfunktion zu nutzen und es uns und den Lesern mitzuteilen.

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