Test
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21.11.2011

DETAILS

Ich bin als Tester ehrlich gesagt froh, wenn Mikrofone irgendwelche Besonderheiten haben, denn dann fällt es mir leichter, “Aufhänger” für den Text zu finden. Mir geht es ein wenig so wie den bemitleidenswerten Menschen, die mit dem Marketing zunächst unspektakulärer Geräte betraut werden. Ein “total neues Konzept” und “revolutionäre Features” lassen sich besser bemarktschreien als Bewährtes in hoher Qualität zu nicht überzogenem Preis. Damit wäre auch die Grundidee des MA-300 hinlänglich beschrieben.

Die nun folgenden Informationen werden euch größtenteils bekannt vorkommen. Das nicht ganz so Alltägliche nenne ich daher an dieser Stelle zuerst: Mojave verwendet in seinen Wandlern äußerst hochwertige Bauteile – und so wenige davon wie gerade eben möglich. Der Korpus des MA-201 beispielsweise ist annähernd leer, verbaut wurden groß dimensionierte “Military Grade”-Spulen, -Kondensatoren und -Widerstände.Naturgemäß ist der Schaltungsaufwand bei einem umschaltbaren Röhren-Doppelmembraner etwas höher, doch geschieht die Umschaltung ja nach alter Röhrenmikro-Sitte erst im Speisenetzteil, das unter anderem die Versorgungsspannung für die auch im 200 genutzte NOS-5840-Vakuumröhre bereitstellt. Das einpolige 100Hz-Filter und das 15dB-Pad werden hingegen direkt am Mikrofonkorpus geschaltet – auch das unterscheidet das MA-300 vom MA-200. Dass ein Pad und Filter den Einsatzspielraum eines Mikrofons zu verbessern wissen, braucht wohl nicht erklärt zu werden. Zwar bieten auch viele Preamps Hochpassfilter an, doch ist es äußerst sinnvoll, das, was man nicht haben möchte, an frühe(ste)r Stelle aus dem Frequenzgang zu entfernen.

Die optische Unterscheidbarkeit von MA-300 und MA-200 ist äußerst gering, insbesondere von vorne, denn dort zeugt beim kleineren 200 neben der anderen Zahl in der Produktbezeichnung nur die aufgedruckte Niere von der Andersartigkeit. Wirkliches Design gibt es nicht, ein wie bei vielen anderen Mikros silber glänzendes Gitter formt den Korb. Das unauffällige und unaufdringliche Äußere ist weiterhin von einem schwarzen Metalltubus gekennzeichnet, an dessen unterem Ende sich neben dem fünfpoligen XLR-Anschluss auch der große Schraubverschluss befindet. Löst man diesen, kann man die Metallhülle des Mikros abziehen und einen Blick ins Innere werfen. Wie üblich ist auch beim Mojave das Volumen unterhalb des Korbes von der Kapsel getrennt, doch auch ohne hier weiter zu demontieren, erkennt man das Kapselkonstrukt: Zwei goldbedampfte und über einen Mittenkontakt polarisierte Membrane von einem Zoll Durchmesser und drei Mikron Dicke stehen dort Rücken an Rücken. Jede Membran verzögert das rückwärtige Signal für die jeweils andere, so dass sich bei beiden die Richtcharakteristik Niere ergibt, deren Mischungsverhältnis sich übrigens stufenlos einstellen lässt – eine recht feine Rasterung hätte es hier aber auch getan und ist im Stereobetrieb deutlich praktischer: Sieben oder neun Charakteristiken sind eine feine Sache, mehr braucht man wirklich nicht. Das Mikrofon hat einen Rauschpegel von 16 dB (gewichtet nach A-Kurve), die Verzerrungen liegen bei 117 dB(SPL) bei 1%, 3% sind es dann bei 125 dB(SPL). Mit dem Pad lassen sich diese Werte natürlich noch um jeweils 15 dB erhöhen.

Ich verkünde zwar im Regelfall in Testberichten schon bevor es in die “Praxis” geht unter “Details” den Frequenzgang eines Mikrofons, doch in Wirklichkeit ist es meist andersherum: Nur zu gerne marschiere ich mit einem Gerät erst zur Aufnahmesituation, bevor ich mich den schnöden Zahlen widme. Dadurch kommt mir manchmal beim Begutachten des Frequenzgangs oder des Polardiagramms ein “Ach ja, da liegt der Hase!” über die Lippen. So auch beim MA-300, dessen Kugelfrequenzgang die Unebenheiten andeutet, die ich deutlich vernommen habe. Individuelle Graphen sind natürlich aussagekräftiger als für eine ganze Serie gemittelte, doch sind Tendenzen eigentlich immer auszumachen. Das 300er wies im Betrieb deutliche Kerbungen ab den oberen Mitten auf, für die der Frequenzgang die Erklärung liefert. Im Vergleich zu den immer als Fixpunkt dienenden 1 kHz hat die Kugel die ausgeprägtesten Höhen, bis zum Plateau ab etwa 8 kHz finden sich mehrere Eindellungen. Die Acht zeigt – dafür wird man sie lieben – sehr deutliche Präsenzen und kräftigen Bass, die Niere zeigt sich dafür ab den oberen Mitten am ruhigsten und ausgewogensten. Generell fällt auf, dass das MA bei allen Charakteristiken einen harten Dip bei 1 kHz aufweist.

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