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Test
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08.03.2012

Microtech Gefell UM 930 twin Test

Doppel-Großmembran-Kondensatormikrofon

Flexibler Zwilling

Es hat zwar den Namenszusatz “twin”, doch so richtig “doppelt” sieht es nicht aus, das UM 930 twin von Microtech Gefell. Wird die 2 in der Produktbezeichnung eines Mikrofons untergebracht, fällt das nicht weiter auf, denn Nummern wie 421 und 201 gibt es zuhauf. Bei einem “Zwilling” aber wird suggeriert, dass etwas doppelt vorhanden ist und der allgemeinen Auffassung nach eineiig – also weitestgehend identisch. Doch das neue 930 von MG ist kein Koaxialmikrofon, wie man vielleicht tippen würde, wenn man das Produktfoto nicht vorliegen hätte. Nein: Es ist ein Doppelmembran-Kondensatormikrofon üblicher Bauart. Dass zwei identische DGE-Nierenkapseln - miteinander verschaltet - verschiedene Richtcharakteristiken ergeben, ist aber nun beileibe nichts Neues. Daher wird es nicht allein dieser Umstand gewesen sein, der dem bekannten Traditionsunternehmen aus Gefell diese Bezeichnung wert war.

Die Besonderheit liegt woanders: Anders als sonst üblich lassen sich bei Bedarf die beiden Kapselsignale des Mikrofons getrennt ausgeben und aufnehmen. Dadurch wird eine nachträgliche Festlegung der Richtcharakteristik ermöglicht – also zeitlich versetzt! Doch schön der Reihe nach! Denn neben dieser Erweiterungsmöglichkeit für den Arbeitsablauf eines Engineers wird es sicher auch weitere Aspekte an diesem Kondensatormikrofon geben, die untersuchenswert sind. Immerhin handelt es sich bei dem am Georg-Neumann-Platz (aha!) in Gefell ansässigen Hersteller um ein weltweit für seine Mikrofonbaukunst angesehenes Unternehmen.

Details

Edler optischer Gesamteindruck

Es geht auch ohne das allgegenwärtige Silber oder Schwarz: 930er sind neben “Nickel matt” auch in einem wirklich wundervollen dunklen Bronzeton erhältlich. Letztgenannter sieht wirklich gut aus und unterstreicht die hohe Klasse, in der sich das Mikrofon befindet. Um den edlen optischen Gesamteindruck nicht schon durch die elastische Halterung zu zerstören, ist die Spinne EA 92 im identischen Farbton erhältlich. Spätestens an dieser wird wirklich jedem Gefells nahes Verwandtschaftsverhältnis mit Neumann-Mikrofonen deutlich. Im Lieferumfang befindet sie sich nicht, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass MG dem Mikrofon auch den ordentlichen Betrieb ohne Spinne zutraut: Die Kapseln sind elastisch gelagert.

Grandiose Rauschwerte und hervorragende Dynamik

Das Großmembranmikrofon erzielt mit 7 dB(A) bei Nierencharakteristik grandiose Rauschwerte, mit 20 mV/Pa Übertragungsfaktor wird erst bei 142 dB der Grenzschalldruckpegel (0,5% THD) erreicht. Bezüglich der Dynamik wird man sich also keine Sorgen machen müssen. Der Frequenzgang des UM 930 twin wird von Microtech Gefell im Handbuch mit 40 Hz bis 18 kHz angegeben - nicht unüblich für Großmembraner. Das typische Absacken im Air-Band erklärt das Durchlaufen des -3dB-Punktes vor der magischen 20kHz-Grenze, doch zuvor gibt es eine deutliche Pegelüberhöhung bei etwa 14 kHz. Der oft kritische Bereich um 6 kHz ist leicht bedämpft, zu den Bässen hin geht es kontinuierlich, aber sehr sanft abwärts. Erst unterhalb von 80 Hz wird es ein wenig steiler. Man geht offensiv mit den Eigenschaften des Mikrofons um, denn man hat ja nichts zu verbergen, Linearität ist hier gar nicht gewünscht und die Eigenarten eines Doppelmembran-Druckgradientenempfängers sind nun einmal vorhanden. Aus diesem Grund findet man in den Frequenzgang-Diagrammen auch die Kurve für die Off-Axis, denn wer glaubt, dass eine auf 180° besprochene Niere wirklich nichts überträgt, der vertut sich gewaltig. Keine Besonderheiten sind folgende Informationen: Das Kondensatormikrofon ist transformatorlos und benötigt eine 48V-Speisespannung, die Mittenkontakt-Kapseln arbeiten nach dem Druckgradientenprinzip und verfügen über ein Laufzeitglied, damit die Nierencharakteristik des Braunmühl-Weber-Systems erreicht werden kann.

Neben der klassischen Umschalttechnik gestattet das UM 930 twin alternativ die gleichzeitige Aufnahme mit zwei unterschiedlichen Richtcharakteristiken.

Eingangs wollte ich mit dieser Besonderheit natürlich nicht hinterm Berg halten, doch hier noch einmal in aller Ausführlichkeit: Über einen XLR-Anschluss mit fünf Pins wird ein spezielles Breakout-Kabel angeschlossen, das zwei unterschiedliche Signale auf männliche Dreipol-XLR-Buchsen weiterleitet. Eine der beiden Buchsen führt immer das Signal der vorderen Kapsel. Das zweite Signal ist entweder das Signal der rückwärtigen Nierenkapsel oder die am Mikrofonkorpus mittels Drehring eingestellte Richtcharakteristik. Man hat also die Wahl: Entweder nutzt man einfach nur die Charakteristik Niere und führt beide Kapselsignale getrennt in Pult, DAW oder sonst wohin, um im Nachhinein durch Mischungsverhältnis und Polarität die resultierende Charakteristik festzulegen, oder man stellt die gewünschte Richtcharakteristik wie gewohnt direkt am Mikrofon ein. Wer es nicht kennt: Um andere Charakteristiken als Niere zu erhalten, wird das Signal der hinteren Nierenkapsel dem der vorderen zugemischt. Werden beide zu gleichen Anteilen gemischt, erhält man eine Kugel, der Bereich zwischen Kugel und Niere ist eine “Breite Niere”. Invertiert man die Phase des zugemischten Signals, erhält man beim Hochziehen des Faders Superniere, Hyperniere und schließlich bei identischen Pegeln die Acht. Das passiert mikrofonintern nach dem gleichen Prinzip. Außer für die Nutzung der Twin-Funktionalität benötigt man also nur ein einziges normales XLR-Mikrofonkabel. Dies ist ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Kleinmembranmikrofon Sennheiser MKH 800 TWIN, das ebenfalls getestet wurde. Das Microtech 930 ist übrigens auch ohne die Einzelsignal-Funktionalität erhältlich, es verzichtet dabei auf den “Zwilling”-Namenszusatz. Bei beiden findet man weder Hochpassfilter noch eine Pad-Schaltung.

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