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Test
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04.09.2017

Manley Labs Silver Reference Test

Großmembran-Röhrenmikrofon mit manuell umschaltbarer Richtcharakteristik

Silber ist Gold wert

Der Name „Manley“ wird hierzulande mit 19“-Erotik assoziiert. Kompressoren, EQs, Preamps – das Portfolio der Röhrenspezialisten ist groß, die Reputation hervorragend. Es gibt abseits der Racks jedoch noch weitere interessante Produkte, etwa einen High-End-Headphone-Amp und Großmembranmikrofone. Manley Labs ist ein wahrlich amerikanisches Unternehmen, Understatement ist nicht so ganz ihr Stil. Anders ist es kaum zu erklären, dass man das Selbstbewusstsein besitzt, alle Mikros „Reference“ zu nennen. Üblicherweise wird der Titel eines Referenzprodukts ja durch Außenstehende verliehen. Na gut, vielleicht sollte ich mir als Vornamen einfach „Professor“ eintragen lassen.

Man muss allerdings anführen, dass das umschaltbare Großmembranmikro „Reference Gold“ seine Nutzer zu begeistern weiß. Allerdings ist es exorbitant teuer. Preiswerter ist da schon das „Reference Cardioid“, welches weniger durch Allrounderqualitäten und Zurückhaltung punktet, sondern als Mix-Ready-Mikrofon höchster Qualität glänzt (auch als „Just Add Talent“ bekannt). Positioniert sich das Reference Silver nun dazwischen? Nein, nicht direkt, denn es verfolgt ein etwas anderes Konzept.

Details

Schützenhilfe vom Mikrofonbauer-Olymp

Es gibt ein paar dieser genialen Mikrofonbau-Ingenieuere. Einige bleiben eher im Hintergrund, wie etwa Okita-san von Audio-Technica oder die meisten der bei deutschen Traditionsunternehmen tätigen Menschen. Aber „Neumann“ und „Schoeps“ sind auch Nachnamen von Ingenieuren, die uns so viel Freude bereiten, daher verwundert es nicht, dass es auch „Brauner“ und „Josephson“ gibt. Und damit ist nun ein Name gefallen, der eng mit dem Manley Silver Reference verknüpft ist. David Josephson nämlich zählt zu den hellsten Köpfen im Mikrofonbau, fast alle seiner Mikrofone genießen einen hervorragenden Ruf und gelten als absolute High-End-Produkte – mit ebensolchem Preisschild. Die Kleinmembrankapseln seiner Druckempfängerkugeln C617 kauft er aus gutem Grund bei Microtech Gefell in Thüringen ein, alle anderen baut er selbst. Als Meisterstück darf die Konstruktion seiner C3-Kapsel gelten, die sich am Wandler des legendären Sony C37 A orientiert. Diese Kapsel kommt bei einigen Josephson-Mikros zum Einsatz, die teilweise ähnliche Konstruktionsmerkmale wie das Manley aufweisen.  

Das Pattern ist umschaltbar – mechanisch

Josephson, der übrigens auch die Kapsel für das Manley Reference Gold liefert, hat in der C3-Konstruktion eine schlaue Besonderheit übernommen, die schon das C37 A hatte, nämlich die Art der Umschaltbarkeit. Während fast alle umschaltbaren Mikrofone eine Braunmühl-Weber-Doppelkonstruktion nutzen, bei der zwei Rücken an Rücken liegende Kapseln die elektrische Verschaltung zu Niere, Kugel oder Zwischenstufen ermöglichen, setzte schon Sony auf Mechanik. Und das ist sehr selten. Von Schoeps gibt es die Colette-MK5-Kapsel und von Shure das KSM141, bei denen jeweils das rückseitige Schallabyrinth, durch das die eigentliche Achtercharakteristik zur Niere wird, luftdicht verschlossen werden kann. Ist das Reservoir hinter einer Membran nicht für Luft (und somit Luftschall) zugänglich, ist es zwangsweise ein Druckempfänger. Shure und Schoeps liefern allerdings Kleinmembraner. Josephson nutzt in seinem C715-Mikrofon eine Kapsel, die ebenfalls durch Verschließen der Rückseite im Polar Pattern verändert werden kann, so auch beim Manley Silver Reference. Und tatsächlich: Auf der Rückseite des Kopfes findet man eine kleine Öffnung, durch die man mit einem kleinen mitgelieferten Werkzeug die Charakteristik von Niere zu Kugel ändern kann.

Die 1“-Membran besitzt keinen Zentralkontakt auf der Vorderseite, die Elektrodenspannung für die fünf Mikrometer dünne, goldbedampfte Folie wird seitlich zugeführt. Damit ähnelt sie anderen Sony-Mikrofonen, unter anderem dem Klassiker C800G, der wiederum ein historisches europäisches Vorbild hatte: das „Anti-U47“ AKG C12 mit seiner CK12-Kapsel.

Doppeltriodenstufe

Für die Impedanzwandlung hat man bei Manley nicht einfach in das Regal gegriffen und die Röhrenstufe des Gold verbaut, sondern eine neue geschaffen. Ausnahme: Der Ausgangsübertrager ist hier der gleiche handgewickelte Eisen-/Nickel-Übertrager. Das Kapselsignal wird zunächst durch einen FET geleitet, dann zum Glaskolben. Die verwendete Röhre ist eine mit 6,3 Volt Heizspannung betriebene Doppeltriode vom Typ 5670, die von einem erstaunlich leichten Schaltnetzteil aus versorgt wird.

„Sturdy and heavy“?

Apropos „leicht“: Das Mikrofon wirkt in seiner ausladenden Spinne („X-Cradle“) durchaus bullig. Wer Manley-Geräte kennt, der weiß, dass dicke Übertrager, aber auch die dicken Frontplatten so einiges auf die Waage bringen. Dass das auch für das Silver Ref gilt, ist naheliegend. Aber es stimmt nicht, denn ganz im Gegenteil ist das Röhrenmikrofon ein absolutes Federgewicht! Dessen Spinne ist fixiert und lässt sich nicht mit einem Griff lösen, wodurch das Silver Reference im montierten Zustand in den mitgelieferten Koffer oder den Mikrofonschrank wandern wird. Der Aluminiumbody selbst trägt einen unübersehbar großen Manley-Schriftzug und wirkt mit seinem wabenförmigen Ätzungsmuster sehr fein. Freien Blick gibt es auf die Kapsel, da außer eines optisch wie akustischen sehr durchlässigen Drahtgewebes keinerlei Material zwischen Schallquelle und Membran steht. Für die Verfälschung des Klanges ist das eine gute Nachricht, für die Anfälligkeit für kräftige Luftbewegungen eine schlechte. Ein Poppfilter bei der Aufnahme von Vocals und vielen Blasinstrumenten ist also sicher notwendig.

Hochpassfilter anders als bei vielen anderen Mikros

Am Fuß des Bodys hat es sich ein kleiner Schalter gemütlich gemacht, der die Tiefensperre aktiviert. Als Kompensation für den Nahbesprechungseffekt ist dieses Filter eher nicht gedacht, sonst läge die Grenzfrequenz deutlich höher als bei den von Manley angegebenen 55 Hz. Was das soll? Nun, verschließt man den Zugang zur Membranrückseite, indem man mit dem Werkzeug auf der Kopfrückseite „Kugel“ einstellt, hat man einen echten Druckempfänger. Und diese sind weniger anfällig für Trittschall, dafür umso mehr für Luftbewegungen. Das betrifft vor allem Klimaanlagen oder sonstigen Luftzug in Räumen. Hätten Druckempfänger keine Kapillaren, würden sie problemlos bis runter zu 0 Hz gehen und zum Beispiel Luftdruckänderungen aufnehmen.

Wenig Output

Individuelle Messdiagramme liefert Manley leider nicht, weder Pegelfrequenz- noch Polardiagramme. Es ist allerdings beispielsweise davon auszugehen, dass die Kugel ab den oberen Mitten stark richtend sein wird, wie man es von anderen Vertretern der seltenen Gattung „Großmembran-Druckempfänger“ her kennt, etwa dem DPA 4041-S(P). Die Tatsache, dass der Frequenzgang mit 10 Hz bis 30 kHz angegeben wird, spricht aber schon eine deutliche Sprache. Auffällig ist folgendes Merkmal: Die Empfindlichkeit ist ziemlich gering: 7 mV/Pa werden schon von den meisten Kleinmembranern „überboten“, allerdings hat diese Ausrichtung der Elektronik auch einen positiven Effekt: Der maximale Schalldruckpegel steht mit massiven 150 dB SPL in den Daten (allerdings ohne Angabe der THD-% und „at capsule“ – weshalb FET, Röhre und Tranny dort vielleicht schon zu starke, unschöne Verzerrungen produzieren). Auch hier ein Verweis auf das andere Mikrofon, welches diese Kapsel benutzt, das Josephson C715: Dessen Empfindlichkeit liegt mit nur 1,8 mV im Bereich dynamischer Mikrofone! Wem es jetzt so geht, wie es mir mit dem Silver Reference ging, der wird sich denken „Ja ja, schön und gut… und wie klingt das Ding?“ – die Antwort gibt es auf der nächsten Seite.  

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