Test
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15.01.2014

Lewitt LCT 940 Authentica Test

Röhren-/FET-Großmembran-Kondensatormikrofon

Das Chamäleon

Wir haben das Lewitt LCT 940 zum Review in die bonedo-Redaktion bestellt – und waren sehr gespannt. Lewitt ist ein blutjunges Unternehmen, welches seinen fünften Geburtstag zum Zeitpunkt dieser Zeilen noch nicht feiern durfte. Das bedeutet allerdings nicht, dass von Null angefangen wird: Gründer Roman Perschon war lange Zeit als Projektmanager für einen österreichischen Mikrofonhersteller (Na welchen wohl?) unterwegs. Die Mikrofone werden demnach in der Republik der Manner-Schnitte geplant und im Land der Wan-Tan-Suppe gebaut. Anders als in der kulinarischen Kombination kann diese Kombination durchaus gut funktionieren.

 

Trotz kurzer bisheriger Herstellerhistorie ist die Produktrange schon sehr beachtlich – da sieht man, was der Plattformgedanke an Positivem zur Folge haben kann. Neben unterschiedlichsten Groß- und Kleinmembrankondensern der LCT-Authentica-Serie buhlen die MTP-Live-Serie, die DTP-Serie (Einsatzzweck: Schlagzeug) und sogar ein Wireless-System um Käuferschaft. Ungefähr 20 verschiedene Mikrofone, teilweise mit extravaganten technischen Lösungen, dazu diverses Zubehör: Das hat so mancher alteingesessene Mikrofonbauer nicht im Angebot.

Details

“Intelligent Pad”

Das LCT 940 markiert den obersten Punkt in Lewitts Produktrange. Wie beim 540, dem 640 und dem 840 ist auch im 940 das Herzstück eine Doppelmembrankapsel von einem Zoll Durchmesser mit Mittenkontakt. Im LCT 940 sind beide aktiv und können mit dem rechten der beiden Drehgeber am Netzgerät in neun Stufen zwischen Kugel und Acht verschaltet werden. Ist der Pegel, den die Kapseleinheit ausgibt, zu hoch für die nachgeschalteten Verstärkungsstufen, kann dieser mit einem Pad von 6, 12 oder 18 dB bedämpft werden. Dies geschieht ebenfalls an der Netzteileinheit. Eine absolute Besonderheit ist die automatische Vordämpfung: Drückt man den Vordämpfungsknopf am Netzteil für zwei Sekunden, leuchtet die Anzeige rot. Bei zu hohen Pegeln stellt das Mikrofon daraufhin automatisch das passende Pad ein – was allerdings ein bisschen dauert und daher tunlichst nicht während einer Aufnahme genutzt werden sollte. Wenn schon der Pegel gemessen wird, dann kann man als Mikrofonbauer auch noch mehr damit veranstalten. Lewitt tut dies und erlaubt eine Clip-Anzeige, wie man sie von Wandler-/Aufnahmesystemen her kennt und nennet sie “Clipping History”. 

Drei verschiedene Filter und “Kindersicherung”

Am modern designten 110/230V-Netzteil findet man die Pad-Funktionen auf der linken Seite, rechts sind die Filtermöglichkeiten beheimatet. Neben der linearen Einstellung kann ein zweipoliges Filter (also mit 12dB/oct) bei einer Grenzfrequenz von 40 Hz gewählt werden, flacher (6dB/oct) verlaufen die Roll-Offs bei 150 und 300 Hz, welche eher geeignet erscheinen, um den Nahbesprechungseffekt des Gradientenempfängers abzumildern. Filter sind ja nun nicht außergewöhnlich, doch das LCT 940 hat mit einer weiteren Besonderheit aufzuwarten: einer Kindersicherung. Drückt man den Pattern-Wahlregler für zwei Sekunden, sperrt das System alle Bedienelemente, um gegen ungewollte oder -befugte Veränderung zu schützen. Eine Funktion ist davon glücklicherweise ausgenommen: die Rücknahme der Sperrung durch erneutes langes Drücken.

Zwei Mikrofone in einem?

Zugegeben: Mal wünscht man sich eher ein FET-Mikrofon, mal soll es ein wenig Röhrenfärbung sein – wenn man es einmal so pauschal darstellen will. Das Lewitt LCT 940 verspricht beides. “Beides” ist hier als “simultan” zu verstehen, denn es kann nicht nur einfach zwischen Transistor- und Röhrenschaltung ausgewählt werden, sondern sogar zwischen beiden überblendet werden. Am linken der beiden großen Drehregler der Power-Supply wählt der User also “mehr Röhre” und “weniger FET”, je weiter er das Rad nach links dreht. 

Datenflut 

Abhängig von der Schaltung sind natürlich die technischen Daten am Ausgang des Systems, welcher als Konstante jedoch immer unter der 200-Ohm-Marke bleibt. Das Rauschen liegt bei ausschließlicher Nutzung der FET-Schaltung bei 8 dB(A), bei Verwendung der Tube bei 12 dB(A) – auch das ist noch ein guter Wert. Allerdings gelten die Angaben für die richtenden Charakteristika Niere und Acht, für die Kugel liegt der Wert um ein dB höher. Es ist schon verständlich, dass die Transistorisierung der Technik als Ablösung für die Röhre dereinst für Jubel gesorgt hat, wenn man alleine auf die Werte blickt. So liegt der 0,5%-THD-Punkt bei Verwendung der Röhrenschaltung bei 140 dB(SPL), bei der Valve-Verstärkung immerhin bei 143 dB(SPL). Als Maximum kann man sich ausrechnen, dass unter Verwendung des 18dB-Pads und Wahl des FET-Weges erst bei 158 dB(SPL) ein halbes Prozent harmonischer Anteile das Gesamtsignal ausmachen. Laute Schallquellen, wir kommen!

Polar Pattern der Kugel ähnelt Druckempfänger

Die unterschiedlichen Daten bei den verschiedenen Richtcharakteristika gründen auf der Gesamtempfindlichkeit der verschalteten Kapseleinheit: Zur Kugel kombiniert, spuckt das System nach dem genormten Messverfahren 20 Millivolt pro Pascal aus, Niere und Acht liefern hingegen 23 mV/Pa. Die gemittelten Frequenzgänge der Charakteristika zeigen auf den Achsen eine Anhebung im Höhenbereich mit einer meist kleinen, eher schmalbandigen Einbuchtung um die 10 kHz. Die Anhebung der Acht gipfelt im Schärfebereich, sodass man dort besonders auf die S-Laute achten sollte. Die Kugel hingegen bricht zwischen 5 und 10 kHz ein und peakt stark bei etwa 12 kHz. Erstaunlich ist, dass die Kugel – bei Doppelmembranmikrofonen dieser Art aus den beiden Nierenkapseln kombiniert – nicht symmetrisch ist, sondern zu den Höhen hin eine deutliche Richtwirkung zur Front aufweist. Damit ähnelt das Diagramm zwar eher einem Druckempfänger, doch stellt sich die Frage, wie das bewerkstelligt ist, zumal die Acht (eigentlich die gleiche Pegelkombination, nur mit invertierter Polarität der hinteren Membran) derartige Besonderheiten nicht zeigt. Zwischen 200 Hz und 2 kHz zeigen sich die Frequenzgänge der Charakteristika weitgehend linear, bei zunehmender Richtwirkung kommt eine zunehmende Bassanhebung ins Spiel, die jedoch auch bei der Acht nur maximal etwa 3 dB beträgt. Hervorzuheben ist der generelle Übertragungsbereich, der an so manchen Kleinmembraner erinnert: In den Tiefen liegen die 30 Hz bei allen Pattern noch auf der 0dB-Linie (!), auch die 20 kHz werden laut Diagramm maximal mit sehr wenigen Dezibel Dämpfung durchkreuzt.

Neue Definition von “Multipin”

Ein Mikrofon schließt man per XLR-Kabel an, soweit scheint alles klar. Klein- und Großtuchel nutzen nur noch historische Mikrofone. Bei Röhrenmikrofonen reichen drei Verbindungen allerdings nicht aus, denn es muss noch die Röhrenheizung mitbetrieben werden. Zudem sind diese Mikros im Regelfall per Netzteil fernumschaltbar, wodurch es notwendig ist, beide Kapselsignale getrennt im Kabel zu führen, um den Pegel und die Phasenlage der rückseitigen Kapsel erst dort bestimmen zu können. Zum Einsatz kommen deswegen üblicherweise siebenpolige Spezialkabel- und Buchsen. Will man aber zusätzlich noch Feldeffekttransistor- und Röhrenschaltung getrennt aus dem Mikrofon herausführen, dann reicht selbst das nicht mehr. Im Resultat verwendet das Authentica 940 einen XLR-Stecker, in dessen Innerem sich so viele Pins tummeln wie eine Fußballmannschaft Spieler auf dem Feld hat. Jawohl: 11-pol-XLR! Selbst das Doppelkapsel-Doppelmembran-Mikrofon Neumann USM 69 i kommt mit einem Fünfpolkabel aus. Also, kleiner Tipp: Beim Stecken vorsichtig sein und keine Pins verbiegen, mit dem Kabel bitte sorgsam umgehen, nicht verlieren, nicht zerstören… 

Röhre “in your face”

Das eigentliche Mikrofon ist mit knapp 20 Zentimetern Höhe nicht besonders riesig, zudem macht es seine besondere geometrische Form (die entfernt an die Tarnkappentechnik erinnert) recht schlank und grazil. Wuchtig hingegen wird es wieder, wenn das Kondensatormikrofon mit dem Druckgussgehäuse in die mitgelieferte elastische Aufhängung LCT 40 SHxx installiert wird. Wo ich gerade den Lieferumfang zum Thema habe: Das LCT-Flaggschiff kommt im edlen schwarzen Koffer und bringt neben genannten Bestandteilen Mikro, Netzteil, Kabel und Spinne auch einen Windschutz mit. Das Lewitt-Mikrofon trägt wie das andere Tube-Mike der Authentica-Serie die Röhre “on display”: Der Frontdeckel ist durchsichtig, sodass aufgrund des Schaufensters jedem verdeutlicht wird:  “Ach übrigens, dieses Mikrofon ist ein Röhrenmikrofon!”. Wer das jetzt schon so albern findet wie ich selbst, dem kann ich an dieser Stelle noch einen zusätzlichen ordentlichen Schwung Wasser auf die Mühle geben: Da die Heizung des Glaskolbens selbst nicht für ein ausreichend sichtbares Glimmen sorgt, wird eben nachgeholfen – mit einer orangefarbenen LED (und darüber steht dann “Authentica”). Ich bin ja nicht gegen Design, wo kämen wir da hin, aber meiner Meinung nach wirkt das deutlich unseriös und fällt in die Kategorie Bauernfängerei. Die VF14-Röhre in vielleicht dem Röhrenmikrofon schlechthin, dem Neumann U47, ist von außen nicht zu sehen. Und selbst, wenn man sie zu Gesicht bekommt: Es ist ein unscheinbarer Klumpen mit einer Haut aus schwarz lackiertem Stahl. Wenn ich mir ein Lewitt LCT 940 oder LCT 840 zulegen würde, ich würde wahrscheinlich schwarzes Gaffa zur Hand nehmen. Aber mal ganz sophisticated Kurt Tucholsky zitiert: “Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall.”

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