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17.05.2018

Legendäre Drummer & legendäre Grooves # 5 - Vinnie Colaiuta

Der Groove zu Stings „Saint Augustine In Hell“, 1993

Die sich drehende 7er Glocke

In dieser Folge meiner Workshop-Reihe über legendäre Drummer und legendäre Grooves nehmen wir uns einen wahren Giganten unter den Giganten vor: The one-and-only Vinnie Colaiuta. Der 1956 in Brownsville, Pennsylvania geborene US-Amerikaner blickt auf eine unglaubliche Karriere zurück und gilt als einer der einflussreichsten Schlagzeuger in der Geschichte der modernen Musik. Über kaum einen anderen Drummer ranken sich bis heute so viele Legenden, die auf den ersten Blick völlig unglaubwürdig klingen (Stichworte: Sushi-Häppchen während des Sight Readings unsäglich komplexer Musik naschen; permanente Hand-Übungen auch während des Essens oder Autofahrens; ganze Alben ungehört und selbstverständlich ungeprobt in First-Takes eintrommeln etc.). So absurd diese Geschichten auch anmuten, lassen sie sich doch immer wieder per YouTube-Videos oder Berichten von glaubwürdigen Augenzeugen bestätigen. Kurzum: Vinnie scheint so eine Art „Außerirdischer“ zu sein, von denen es ja bekanntermaßen - auch in der Musik - immer mal wieder den einen oder anderen zu bestaunen gibt.

Eine der Eigenschaften, die den inzwischen 62-jährigen Über-Trommler so einzigartig machen, ist seine extreme musikalische Bandbreite, die es ihm erlaubt, einerseits Künstler wie Frank Zappa souverän zu bedienen, auf der anderen Seite aber auch Straight Ahead- und Modern-Jazz authentisch zu spielen. Doch damit nicht genug: Im Film-Score Bereich ein absoluter First-Call zu sein, um dann zwischendurch überraschenderweise ein Megadeth-(Metal)-Album, (“The System Has Failed“, 2004), stilsicher einzuballern und währenddessen ganz nebenbei für einige der größten Künstler der Popmusik im Studio und auf Tour zu arbeiten, dürfte absolut einzigartig sein. Dabei besticht Vinnies Spiel immer durch einen sofort wiedererkennbaren Sound (besonders Snare-Backbeat und Rimclick sind unverwechselbar...), den Einbau hochkomplexer Kleinigkeiten und Licks in seine Grooves, sowie eine Geschmackssicherheit, die - trotz einer gewissen Tendenz zum Show-Off-Drumming - bei Generationen von Schlagzeugern oftmals Tränen der Bewunderung ob der schieren Schönheit des musikalischen Momentes auslöst.
Ja, das sind große Worte, aber Vinnie Colaiuta ist eben auch ein einzigartiger Drummer, dem eine solch ausladende Lobhudelei auch wirklich zusteht.
Es gibt einen erheblichen Fundus an Vinnie-Grooves, die unter dem Label „legendär“  rangieren; für diesen Workshop habe ich mir ein Beispiel aus seinem Schaffen ausgesucht, welches alle zuvor genannten Attribute bestens verdeutlicht: Prägende Geschmackssicherheit, Erfindungsreichtum, eine gewisse Komplexität und - schon alleine durch den Künstler, für den hier getrommelt wurde - weltweite Exposition und Relevanz. Ladies and Gentlemen, der legendäre Siebener mit der drehenden Ride-Glocke zum Sting-Klassiker „Saint Augustine In Hell“ vom 1993er Album „Ten Summoner's Tales“.
Ein Album, welches übrigens für sechs Grammys nominiert war (drei davon auch einheimste) und im Grunde nur aus Hits oder zumindest weltbekannten Titeln besteht, die ihren Weg unter anderem auch in zwei Hollywood-Blockbuster („Lethal Weapon 3“ und „Leon – Der Profi“) schafften.

Alle Noten zum Workshop gibt es hier als Download:

Workshop

Unter den ungeraden Taktarten ist ein „Siebener“ - in der Regel ein 7/4 oder 7/8 - für die meisten Drummer der wahrscheinlich noch am wenigstens Verwirrende, dennoch haut es den eher ungeübten Trommler bei dieser rhythmischen Variante zuweilen auch schon mal aus der Kurve. Darüber hinaus ist es ebenso eine Herausforderung, einen „krummen“ Groove „rund“ und angenehm-hörenswert zu gestalten. Vinnie ist es durch einen cleveren „Trick“ gelungen, den 7/8-Groove zu Stings „Saint Augustine In Hell“ fast wie einen geraden Pop-Beat erscheinen zu lassen. Durch das konstante Durchspielen von Viertelnoten-Akzenten auf der Glocke des Ride-Cymbals vermeidet er das typische „Abbrechen“ des Patterns aufgrund der ungeraden Zahl Sieben und erschafft so die „Illusion“ eines gleichmäßig schlagenden Pulses. Der Groove bleibt, was Bassdrum- und Snare-Backbeat-Positionen angeht, innerhalb der sieben Achtelnoten gleich, aber die erwähnten Viertelnoten-Akzente auf der Glocke wechseln taktweise zwischen den Downbeat-Positionen (Takt 1: 1., 3., 5., 7. Achtel) und den Upbeat-Positionen (Takt 2: 2., 4., 6. Achtel) ab. So entsteht ein zweitaktiger 7/8-Groove, der in sich geschlossen und quasi gerade wirkt. Übrigens macht es durchaus Sinn, die Achtel zwischen den Bell-Akzenten leise auf dem Ride mitzunehmen, das sorgt für mehr „Fluss“ im Groove und erleichtert das Spielen.

Als der Song 1993 erschien (auf dem Album „Ten Summoner's Tales“ findet sich übrigens mit „Love Is Stronger Than Justice“ ein weiterer, schicker Siebener sowie der ebenfalls legendäre Fünfer „Seven Days“...), war das Konzept des sich drehenden Ostinatos (wiederkehrende Figur) übrigens ein ziemlicher Augenöffner für unzählige Drummer weltweit, denn die bis dato übliche, „eckige“ Kopflastigkeit von ungeraden Takten war nun der Möglichkeit einer eleganten, geschmackvollen und runden Form gewichen.
Ebenfalls bemerkenswert ist, dass Vinnie bei diesem Track nahezu komplett auf Groove-Varianten und Fills verzichtet, was ja eher untypisch für ihn und sein Spiel ist. Lediglich zweimal im Song variiert er den Groove durch den Einbau einer Snare-Synkope (im Video bei 1:26) zwischen der fünften und sechsten Achtelnote des jeweils hinteren Taktes, welche dem Arrangement-Moment vor der Bridge noch etwas mehr „Drive“ verleiht.

Na gut, ein Fill spielt er dann doch noch, wobei dies auch kein „dickes Fill“ im üblichen Sinne ist, sonderen ein Groove-Fill, das sich wunderbar in die Struktur des eigentlichen Beats einschmiegt. Wiederum im hinteren Teil des Zweitakters ballert Vinnie, beginnend zwischen der ersten und zweiten Achtel, vier Snare-Akzente in 16tel-Dreiergruppen heraus und kreiert so einen (quasi) polyrhythmischen Effekt von 4:6. Die Ride- Akzentuierung behält er währenddessen bei. Das klingt jetzt komplizierter als es eigentlich ist, aber schaut Euch einfach die Notation an (die Striche markieren den Bereich der sechs Noten, über die die vier Akzente laufen), hört euch den Moment im Track an (im Video ab 4:49), und Ihr werdet es sofort verstehen. Einfach, schön, geschmackvoll und super effektiv.

Zum Schluss habe ich Euch noch die 4/4-Variante(n) von Vinnies Kreation notiert und aufgenommen. Daran könnt ihr schön erkennen, dass sein Groove eigentlich ein klassischer, vielfach gehörter Pop-Beat ist, bei dem lediglich die letzte Achtelnote weggelassen wird. Ihr seht und hört zwei Versionen, nämlich einmal die mit der Ride-Glocke auf den Downbeats sowie eine Variante mit der Glocke auf den Upbeats. Weil es sich ja hier um eine gerade Zahl handelt (vier Viertel bzw. acht Achtel), dreht sich der jeweilige Bell-Akzent natürlich nicht von Takt zu Takt.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem klassischen, wegweisenden und einfach wunderschönen 7/8-Groove aus der Feder des Meisters aller Klassen zu neuen Ideen und Herangehensweisen an eure geraden und auch ungeraden Beats inspirieren.
Ich betone noch einmal: Die ganze Scheibe ist grundsätzlich, aber auch in puncto Drumming, ein absolutes Meisterwerk. Unbedingt mal detailliert reinhören!
Viel Spaß beim Auschecken wünscht Euch
Harry Bum Tschak

Vinnie Colaiuta Recordings / Anspieltipps:

1979 – Frank Zappa  / Joe's Garage
1981 – Gino Vanelli / Nightwalker
1984 – Barbra Streisand / Emotion
1988 – Leonard Cohen / I’m Your Man
1988 – Tori Amos / Y Kant Tori Read
1990 – David Bearwald / Bedtime Stories
1993 – Sting / Ten Summoner’s Tales
2003 – Sting / Sacred Love
2004 – Michael McDonald / Motown Two
2005 – Bill Evans / Soulgrass
2016 – Sting / 57th & 9th
Dies ist nur ein minimaler Auszug aus seiner Discography, schaut doch sonst einmal auf seiner offiziellen Homepage rein:
http://www.vinniecolaiuta.com/Home/Discography

 

 

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