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03.12.2015

Interview und Gear-Chat: Mark Guiliana

Drummer zwischen zwei Welten

Schon seit jeher wird die Entwicklung der Musik durch Vorreiter eines neuen Sounds voran getrieben, durch Künstler, die mit ihrem schier unglaublichen Können am Instrument, ihrer hohen Musikalität und erfrischenden Kreativität das Spiel auf ein neues Level heben. Mark Guiliana ist einer derjenigen, die es heutzutage schaffen, mit einem außergewöhnlich facettenreichen Spiel in unterschiedlichsten musikalischen Situationen einen Fußabdruck zu hinterlassen und somit zur Inspirationsquelle für Drummer rund um Globus zu werden. Damit sorgt er nicht nur in der Schlagzeug-Community für Aufsehen, sondern durfte bereits in jungen Jahren den israelischen Star-Bassisten Avishai Cohen begleiten. Sein Drumming begeisterte auch David Bowie so sehr, dass er Mark kurzerhand für seine Single „Sue“ engagierte. Brad Mehldau gründete mit ihm außerdem das Duo Mehliana und hat darüber hinaus weitere Pläne, die Mark im folgenden Interview, das wir per Skype mit ihm führten, erstmals verrät.

Aufgewachsen in einer sportbegeisterten Familie in New Jersey, entdeckte Mark Guiliana erst im Alter von 15 Jahren das Schlagzeug für sich. Bands wie Nirvana, die Red Hot Chili Peppers und Pearl Jam brachten ihm zunächst das Rock Drumming näher, bevor er sich durch seinen Lehrer Joe Bergamini vom Jazz begeistern ließ und dies später bei John Riley studierte. Die Energie des Rock Drummings und die stoische Disziplin des elektronischen Sounds, durchbrochen von explosiver Kreativität und der Finesse eines Jazz-Schlagzeugers, verbinden sich bei Mark zu seinem unnachahmlichen und einzigartigen Sound. Neben seiner Arbeit als Sideman für etablierte Jazz-Künstler produziert er auch immer wieder Solomaterial, für dessen Veröffentlichung er kürzlich ein eigenes Label gründete. Im folgenden Interview spricht er über den künstlerischen Findungsprozess, die verschiedenen Welten seines musikalischen Schaffens und den Weg zu seinem außergewöhnlichen Sound.

Mark, du hast dein eigenes Label „Beat Music Productions“ gegründet und direkt zum Anfang gleich zwei Alben am selben Tag veröffentlicht. Warum und wie unterscheiden sie sich?

Nun, ich habe mich entschieden, meine Musik selbst zu veröffentlichen und habe am Tag, an dem das Label startete, sofort damit begonnen. Die einfache Antwort, warum ich beide Alben am selben Tag veröffentlicht habe, ist: Weil ich es konnte! (lacht) Ein normales Label hätte das sicher nicht erlaubt, aber ich habe „Beat Music Productions“ gegründet, um die maximale Freiheit zu haben.

Die beiden Alben repräsentieren auch jeweils sehr unterschiedliche Sichtweisen meines musikalischen Schaffens. Obwohl beide Werke einen eher elektronischen Sound haben, wurde „My Life Starts Now“ eher traditionell produziert. Ich habe ein paar Stücke am Klavier geschrieben, eine Band geformt, wir haben geprobt und gespielt und die Musik in einem Studio in New York ausproduziert. „Beat Music: The Los Angeles Improvisations“ hingegen zeigt genau die andere Seite, etwas zu kreieren: pure Improvisation. Alles, was man auf dem Album hört, ist eine Momentaufnahme dessen, was an diesem Tag  mit diesen Musikern in einem kleinen Studio in Beverly Hills entstand. Wir haben drei Stunden Material aufgenommen, und ich habe am Ende nur meine Favoriten daraus gewählt.

 Das Einzige, was ich bei der LA Session vorgegeben habe, waren verschiedene Varianten der Improvisation. Es gab Momente, in denen das gesamte Quartett improvisiert hat, aber es gab auch bewusste Entscheidungen, nur einen, zwei oder drei  improvisieren zu lassen, während der Rest für den Song gespielt hat. Das hört man zum Beispiel bei dem Stück „Flaw & Order“. Im Zusammenspiel entwickelte sich ein Thema, zu dem am Ende des Songs Tim Lefebvre und ich improvisiert haben. Die Tatsache, dass das am Ende so produziert klingt, liegt an der besonderen Zusammensetzung der Band. Während vorheriger Gigs habe ich gemerkt, dass ich mit diesen drei Musikern auf einem besonderen Level improvisieren kann, ohne dass es unbedingt danach klingt.

In New York habe ich übrigens noch eine weitere Band, mit der ich „Beat Music“ spiele. Hier gibt es jedoch komponierte Songs, die von einer bereits erschienenen EP und meinem Album „A Form Of Truth“ stammen. Improvisation steht da nicht im Vordergrund, passiert aber natürlich immer irgendwie im Rahmen der Songs.

Mit „Family First“ hast du Mitte 2015 ein akustisches Jazz-Album veröffentlicht, auf dem dein Sound ein ganz anderer ist. Wie entstand dieses Album?

Alle meine Veröffentlichungen waren bis zu diesem Zeitpunkt von elektronischer Sound-Ästhetik geprägt. Ich habe aber eigentlich einen ausgeprägten Jazz-Hintergrund. Meine Vorbilder waren immer Tony Williams, Elvin Jones, Roy Haynes, Art Blakey, Jack DeJohnette und Max Roach. Es ist auch eine kleine Hommage an diese unglaublichen Drummer. Ich mache darüber immer Witze: In den letzten zehn Jahren habe ich durch meine Musik versucht, die Leute davon zu überzeugen, dass ich kein Jazz-Trommler bin, aber genau das bin ich im Grunde genommen. Durch mein eigenes Label hatte ich außerdem die Chance, nur neun Monate nach den ersten beiden Alben mit „Family First“ einen totalen Kontrast zu den elektronischen Veröffentlichungen zu setzen. Der akustische Jazz, komponiertes und produziertes elektronisches Material und die freie Improvisation sind drei gleichwertige und für mich sehr bedeutsame Teile meiner Musik.

Wie schreibst du deine Songs?

Ich starte am Klavier. Mittlerweile ist es witzigerweise das billige kleine Zwei-Oktaven-Kinder-Keyboard meines Sohnes. Gegen Ende der Komposition spiele ich die Stücke als Demo mit mehreren Spuren am Computer ein, weil mein Können am Klavier sehr limitiert ist. Das klingt oft furchtbar, aber so kann ich hören, wie Chords, Melodien und Basslines zusammen klingen.

Wie entstehen dann letztendlich die Drumparts zu den Songs? Sind sie Teil der Komposition oder entstehen sie als Momentaufnahme im Studio?

Das ist bei jedem Album unterschiedlich. Bei der Improvisation erklärt sich das von selbst, aber selbst hier besteht ein hohes Maß an Disziplin, und es können auch aus dem Moment heraus kompositorische Gedanken entstehen. Auf „My Life Starts Now“ sind die Drumparts genau so kreiert und komponiert wie alle anderen Teile der Stücke. Beim Jazz Quartett Album entstanden die Drumparts mehr im traditionellen Sinne des Begleitens zum Lead Sheet, was natürlich auch viel Raum für Interpretation lässt. Der Song „One Month“ jedoch ist ein durchkomponiertes Kick-Snare-Pattern mit Begleitung durch den Kontrabass.

Du hast einen sehr eigenen Sound, nicht nur auf deinen Alben, sondern auch, wenn du andere Künstler in deren Ensembles begleitest. Wie hat sich dein besonderer Spielstil entwickelt und versuchst du absichtlich, die Dinge anders zu machen?

Gute Frage: Ja und nein. Ich habe es grundsätzlich nie darauf angelegt, anders zu spielen, obwohl... okay, damit lüge ich eigentlich gerade. Es gab tatsächlich Zeiten, in denen ich das versuchte und dabei total versagt habe. (lacht) An einem Drumset ist es ja eigentlich sehr einfach, speziell zu klingen. Du nimmst eine Djembe als deine Bassdrum, gehst in einen Baumarkt und nimmst einen Metalleimer als Snare und noch ein paar andere Extras, und sofort hast du ein Setup, das niemand anders auf der Welt hat. Die Frage ist aber, ob man mit solchen Setups auch musikdienlich spielen kann. Im Jazz Quartett nutze ich sehr bewusst ein gewöhnliches Set, das tausende Drummer spielen, nämlich eine 18 Zoll Bassdrum, 12 und 14 Zoll Toms in klassischem Bebop Tuning, zwei Ride-Becken und eine Hi-Hat. Diese Kombination zwingt mich dazu, dass der Inhalt meines Spiels ein Statement meines persönlichen Sounds wird. Eine echte Herausforderung.

Als ich jünger war, habe ich mir beim Üben die Aufgabe gestellt, immer dann zu stoppen, wenn ich irgend etwas spiele, das mich an jemanden erinnert oder nicht meins ist. Immer wenn ich dachte „Mist, da ist wieder dieses Elvin Lick“, habe ich aufgehört zu spielen und von vorne angefangen. In dem Moment, in dem du dich bewusst von deinen Einflüssen löst, ist das wie ein schwarzes Loch. Du willst etwas neues entwickeln, aber die Frage ist, ob es das überhaupt gibt. Ich bin überzeugt davon, dass jeder von uns eine besondere Zusammensetzung aus Einflüssen und Inspirationen ist. Man sollte auch nicht dagegen ankämpfen. Man kann das Rad nicht neu erfinden, aber man kann sich seiner musikalischen Entscheidung bewusst werden und aus dieser einzigartigen Zusammensetzung seinen Sound entwickeln.

Genau so wichtig ist, sich zu überlegen, was man über längere Zeit übt, denn egal, womit man sich beschäftigt: Es wird Teil des Spiels werden. In der heutigen YouTube-Zeit sieht man natürlich viel Großartiges und will es am liebsten sofort ins Spiel übernehmen, aber ich denke, man sollte eher die Inspiration zu schätzen wissen und sich vor allem fragen, worin diese genau liegt. Ist es der Sound? Ist es die Freiheit, sich beispielsweise völlig unabhängig zwischen Bassdrum, Tom und Snare zu bewegen? Daran arbeite ich dann eher, als das Lick eins zu eins zu kopieren. In der Zwischenzeit passieren nämlich all die verschiedenen Fehler, die mich teilweise wieder auf völlig neue Gedanken bringen.

Du bist als Jazz-Schlagzeuger bekannt. Wie kam es kürzlich zur Studioarbeit für David Bowie, und bist du auch sonst auf Pop-Produktionen zu hören?

Nun, der „Song Sue (Or In A Season Of Crime)“ entstand durch eine Zusammenarbeit zwischen David und dem Maria Schneider Orchestra. Bowie war seit langer Zeit Fan von Maria und ihrer Big Band und wollte mit ihr zusammen Musik machen. Der Tenorsaxophonist Donny McCaslin, mit dem ich viel zusammen spiele, ist ebenfalls Teil der Big Band, und der Groove der Vorproduktion erinnerte Maria sehr an das, was ich auf Donnys Alben gespielt habe. Also wurde ich eingeladen, und wir probten das Stück und gingen danach ins Studio. Es war sehr schön zu sehen, dass David Bowie nicht der Star ist, der seinen Part einsingt, wenn die Band schon gegangen ist. Er war vom ersten bis zum letzten Ton der Probe und der Aufnahme im Studio dabei.

Solche Anfragen bekomme ich nicht all zu oft, aber ich freue mich sehr darüber, Teil von Produktionen fernab von Jazz-Musik zu sein. Ich habe in den letzten Jahren ein paar Rock-Alben eingespielt, die aber alle eher kleinere Projekte von Freunden waren. Vor allem die Aufnahmen zum Album „Frustration in Time Travel“ von Dumpster Hunter haben mir wirklich großen Spaß gemacht. 

Kurz vor der Veröffentlichung haben wir erfahren, dass Mark zusammen mit seinen Beat Music Kollegen Tim Lefebvre und Jason Lindner, unter der Leitung von Saxophonist Donny McCaslin, das neue Album „Blackstar“ von David Bowie einspielen wird. Veröffentlicht wird das, von Toni Visconti produzierte, fünfundzwanzigste David Bowie Album an dessen neunundsechzigsten Geburtstag, dem 8. Januar 2016. Hier geht's zu unserem Play-Alike von Blackstar.

Kommst du bei so vielen Kompositionen, Produktionen und Gigs überhaupt noch zum Üben?

In New York ist Üben mit einem Drumset zu Hause natürlich unmöglich. Vor zehn Jahren konnte ich das zuletzt machen, als ich noch in New Jersey gewohnt habe. Ich kann daheim lediglich am Pad üben, das ich auch immer auf Reisen dabei habe, damit ich in Form bleibe. Neuerdings habe ich aber einen Raum, in dem ich ab und zu am Set üben, unterrichten und proben kann, allerdings nimmt das Komponieren relativ viel meiner Zeit ein. Auf dem College habe ich wirklich viel geübt, und auch danach, als ich mein Jazz Quartett gegründet habe. Nachdem ich jetzt all die Jahre in eher elektronischen Gefilden unterwegs bin, war es sehr erfüllend, sich wieder an ein offen und hoch gestimmtes Set zu setzen und sich mit dem Touch, Sound und Vokabular von traditionellem Jazz Drumming zu beschäftigen.

Wie unterscheiden sich die Setups zwischen den elektronischen und akustischen Spielsituationen bei dir?

Ich habe für das Jazz Quartett von Sabian sehr schöne, dünne Becken bekommen und mein Gretsch Brooklyn Series Kit richtig hoch gestimmt, um mit einem authentischen Bebop Sound zu spielen. Diese Instrumente klingen so gut, und mich hat der offene Sound sehr inspiriert. Das ist es auch, was gute Instrumente tun sollten: Dich einfach nicht aufhören lassen zu spielen.(lacht) Im Wesentlichen wähle ich alle Trommeln aus einem großen Fundus an Gretsch Brooklyn Drums aus. Gigs mit Now vs. Now, Mehliana oder Donny McCaslin spiele ich eigentlich immer mit meinem Beat Music Setup. Die Bassdrum ist bei diesem Setup entweder 20 oder 22 Zoll groß, sehr tief gestimmt und gedämpft. Das 16 Zoll Tom dämpfe ich ebenfalls sehr stark und stimme es so tief wie möglich, um fast den Sound einer weiteren Bassdrum zu erreichen. Für alle akustischen Situationen, wie beispielsweise mit Gretchen Parlato, benutze ich mein Jazz Quartett Setup, ein traditionelles Bebop Kit aus der Brooklyn Serie. Alle Becken für akustische Situationen sind dünne Prototypen der Artisan Serie. Die Setups, vor allem aber die Becken, sind also wirklich grundverschieden, und ich lege mich jeweils bewusst auf einen spezifischen Sound fest.

An welchen Projekten arbeitest du zur Zeit? Was wird das nächste Mark Guiliana Release sein?

Neben den Engagements als Sideman für Gretchen Parlato, Now vs. Now und Donny McCaslin werde ich weiterhin so viel wie möglich mit Beat Music und meinem Jazz Quartett spielen. Wir werden mit beiden Projekten auch oft in Europa auftreten. Im nächsten Jahr gibt es außerdem eine ganz besondere Überraschung. Ich spiele ja schon seit längerer Zeit mit Brad Mehldau im Duo, im nächsten Sommer werden wir aber im Trio mit John Scofield unterwegs sein. Ich kann das selbst kaum glauben und freue mich extrem darauf. John und Brad sind absolute Idole, und es ist eine große Ehre, mit ihnen zusammen auf einer Bühne zu stehen.

Welchen guten Rat kannst du jungen Musikern mit auf den Weg geben?

Musik zu machen und Schlagzeug zu spielen, macht mich jeden Tag sehr glücklich und bringt mir große Freude. Es gab in den letzten Jahren ein paar Momente, in denen das nicht so war, und ich kann nur jeden ermutigen, alles dafür zu tun, sich ausschließlich in Situationen zu begeben, die dieses große Glücksgefühl zulassen. Die beste Musik entstand für mich in Momenten, in denen ich mich sicher, selbstbewusst und akzeptiert fühlte, und das liegt auch und vor allem an den Mitmusikern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mark's Equipment

  • Drums: Gretsch Brooklyn Series
  • Becken: Sabian
  • Beat Music Setup:
  • 20“x16“ oder 22“x16“ Bass Drum
  • 16“x16“ Floor Tom
  • 14“x5,5“ Snare Drum
  • Becken:
  • 14“ HHX Click Hi-Hat
  • 10“ AA Splash mit 10“ HH China Kang on top
  • 9“ Vault Radia Nano Hats
  • 23“ Artisan Ride (Prototyp)
  • 16“ HHX Evolution O-Zone Crash mit Nieten
  • Jazz Quartett Setup:
  • 18“x14“ Bass Drum
  • 12“x8“ Tom
  • 14“x14“ Tom
  • 14“x5,5“ Snare Drum
  • Becken:
  • 14“ Artisan Prototyp Hi-Hat
  • 2x 21“ Artisan Prototyp Ride
  • Sticks: Vic Firth Mark Guiliana Signature 85A
  • Felle: Evans G1 Coated auf allen Trommeln, außer 20“/22“ Bassdrum: Evans Emad

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