Test
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08.03.2012

Praxis

Horch, was kommt von draußen rein?

Die erste Auslenkung der Membran, die über den kürzestmöglichen Weg die Regieraumlautsprecher und somit unsere Trommelfelle in Schwingung versetzt, macht unmissverständlich deutlich, dass man es beim Horch RM3 mit einem Röhrenmikrofon nach bester deutscher Fasson zu tun hat. Wie bei vielen anderen Großmembran-Mikrofonen schwingt der Neumann-Geist auch hier deutlich mit. Mit sanfter, edler Farbe fügt der Schallwandler den Stimmen einen leichten Schimmer hinzu, der sich von den Mitten an bemerkbar macht. Vokale klingen auch bei größerem Besprechungsabstand angenehm nah und präsent, ohne aber die damit oft einhergehende Dichtheit zu entwickeln. Das Signal bleibt immer transparent, zum Komprimieren gibt es schließlich entsprechende Geräte in der darauffolgenden Bearbeitungskette. Konsonanten werden angenehm behandelt, vor allem das bei deutschsprachigen Sängern oft problematische “S” wird etwas entschärft. Dies ist nicht auf den Frequenzgang zurückzuführen, sondern der hervorragenden Balance zwischen minimaler Verlängerung und Transparenz geschuldet. Amerikanische” Konsonanten werden mit dem RM3 ebenfalls deutlich schwerer und breiter – wie man es von vielen Produktionen aus dem Dreibuchstabenland gewohnt ist. Die durchaus merklichen Unebenheiten im Frequenzgang verleihen dem Mikrofon zusätzlichen Charakter, im Beispiel harmoniert das Horch insbesondere mit den männlichen Vocals – entgegen der landläufigen Meinung, derzufolge das RM3 besonders für Frauenstimmen geeignet ist. Bei der Konstellation der getesteten Stimmen würde ich aber genau andersherum erscheinen, doch zugegebenermaßen ist die Männerstimme, die ihr dort hören könnt, nicht besonders sonor, wird durch den Support der unteren Mitten aber angenehm warm, breit und groß. Zarteren und gehauchteren Frauenstimmen kann dies sehr entgegenkommen, die Organe der beiden Damen vor dem Testmikrofon machen das aber überflüssig. In den Höhen tut allen Stimmen der Charakter aus oben angesprochenen Gründen jedoch sehr gut.

Tieffrequenzen wie auf der Richter-Skala

Nach längerem Hören wird die Stilgebung des offensichtlichen Sound-Paten deutlicher: Es wird wohl das ELA 251 sein. Zwar ist klanglich dem RM3 die deutsche Herkunft durchaus anzumerken, doch habe ich den Eindruck, als harmoniere das Horch mit Gesangsstimmen im Allgemeinen etwas besser als aktuelle Neumänner – vielleicht durch die etwas stärkere Verbreiterung. Bei Sprache sieht es anders aus, hier würde ich ein M 149 Tube sicher vorziehen.

Deutlich auffallend ist die ausgeprägte Übertragung von Bass und Tiefbass. In gebührendem Abstand vor einer Bassdrum aufgestellt habe ich nicht schlecht gestaunt, was an Erdbebenfrequenzen da durch das Kabel geschickt wird, ich konnte meinem Subwoofer fast beim gemütlichen Hin- und Herbewegen zusehen! Unter 100 Hz erinnert mich das “Audi”-fon durchaus an Druckempfänger! Auch wenn man vielleicht aufgrund dieser Beobachtung Schlimmes bei der Nahbesprechung befürchtet: Sehr gut gefällt der hervorragend steuerbare, natürlich wirkende und nie nervende Proximity Effect, der dem Signal nicht undefiniertes Brummeln, sondern ein dickes, aber trockenes Fundament hinzufügt. Wenn, dann so, bitteschön! Der integrierte Poppfilter funktioniert wirklich auffallend gut – für einen integrierten Poppfilter. Im Nahbereich wurde es dem Seidengewebe dann aber doch schnell zu viel, sodass der externe Vertreter zum Einsatz kam.

Auf Acht gestellt, spielt das Horch RM3 seine Qualitäten erst richtig aus, wie ich finde. Es klingt genau im richtigen Maße prägnanter und aufgeräumter als die Niere – Wahnsinn! Den Klang des auf Kugel gestellten RM3 halte ich nicht für so überzeugend. Es hat zwar etwas deutlich vintagemäßiges, doch nach meiner Auffassung könnte man auf die wahrzunehmende Löchrig- und Phasigkeit gerne verzichten. Doch auch hier gilt: Für manche Stimmen und Mixes mag das genau das Richtige sein.

Soundfärbung mit Charakter

Selbstverständlich lässt sich ein Mikrofon wie das RM3 auch zu anderen tontechnischen Aufgaben heranziehen. Die Farbe wird Streichern und Akustikgitarren in manchen Mixes genau das liefern, was sie benötigen. Auch als Overheads, Shoulders, Distant-Bassdrum-Mikes oder sogar “offenen” Einzelmikrofonierungen bei Jazz- oder Big-Band-Aufnahmen würde ich sicher zum RM3 greifen wollen, um zu überprüfen, ob Mikrofoncharakter und Soundvorstellungen miteinander harmonieren - vorausgesetzt, ich hätte eines der teuren Stücke griffbereit. Diese zusätzliche Eignung des schwarzen Schmuckstücks ist nicht zuletzt dadurch gegeben, dass es ein für ein Röhrenmikrofon hervorragendes Dynamik- und Rauschverhalten an den Tag legt.

Empfehlung zur Erweiterung des Mikrofonparks

Horchs RM3 reiht sich also problemlos in die Garde hochwertiger deutscher Röhren-Großmembranmikrofone ein – fast so, als sei es schon immer da gewesen. Dennoch ist es keine reine “Copycat”, sondern positioniert sich etwas charaktervoller als die meisten heutigen Mikrofone, weiß aber die Anforderungen von Vintage-Sound und Modernität geschickt zu verknüpfen. Der blau leuchtende Wandler ist zweifelsohne ein harter Konkurrent zum M 149 Tube, diversen Gefells und amerikanischen Neumann-/Telefunken-Clones, doch gibt es ein paar kleinere Anmerkungen zum Lob: Das Mikrofon ist mit einem Bruttopreis von über 4500 Euro wirklich kostspielig, außerdem wird es natürlich nicht allen Stimmen schmeicheln können und Stimmen auf eine Art “bereichern”, die man in manchen Mischungen schlicht gar nicht benötigt. Daher kann das RM3 zur Erweiterung eines bestehenden Mikrofonparks “nach oben” empfohlen werden und als unfassbar hochwertiges Mikrofon für den Sänger und Techniker dienen – wenn es zu Stimme und Aufgabe passt. Mich persönlich hat der Sound wirklich verzaubert, aber es geht ja nicht nur um Sound und Optik: Die Verarbeitung bietet keinen noch so kleinen Anlass zur Kritik, sondern vielmehr Grund zur Begeisterung. Anders als sonst – und das leider auch ab und zu im High-End-Bereich – möchte ich in meinem Lob das Netzteil explizit mit einschließen!

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