Test
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21.12.2015

Praxis

Für Neve-Einsteiger nicht einfach zu verstehen

Aufgrund der etwas ungewöhnlichen und auf zahlreiche Referenzen verweisenden Entstehungsgeschichte des Heritage 2264 JR müssen wir auch etwas Nachsicht bei der nach heutigen Maßstäben etwas eigenwilligen Parametrisierung des Kompressors üben. Die Bedienelemente erklären sich jemandem, der mit dem Neve-Original nicht vertraut ist, nicht auf Anhieb von selbst. Heritage versucht zwar, im Rahmen des am Original orientierten Designschemas Übersichtlichkeit walten zu lassen, etwa durch die weiße und orangene Beschriftung der Frontplatte, bei der die Farbe Orange stets Pegelwerte codiert. Doch das Layout bleibt speziell für Anwender, die moderne VCA-Comps gewohnt sind, etwas gewöhnungsbedürftig. Auch dies ist im Sinne der Originalgetreue kein Kritikpunkt, aber man sollte sich insgesamt darauf einstellen, dass man etwas Zeit benötigt, bis man den 2264 JR zielsicher und im Schlaf bedienen kann. Details des Heritage, wie das beleuchtete VU-Meter oder die beleuchtete Phantomspeisung nimmt man dabei gerne mit, solche vermeitlich unwichtigen Features erhöhen den Anwendungskomfort insgesamt enorm.

Neve-Charakter bis zum Anecken

Auch wenn der Preamp nur die „Zweitfunktion“ des Gerätes ist, so ist sie doch ein guter Ausgangspunkt für die klangliche Betrachtung des 2264 JR. Schon beim ersten Vocal-Take wird deutlich, wo hier der Hammer hängt. Der Charakter des Heritage schreit NEVE! Mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen. Ja, das ist er, der Trademark-Grundsound, der immer wieder die Engineers begeistert. Dicht, samtig-reibelig (hier schmeckt das „Eisen“, schmecken die Carnhill-Übertrager hervor), mit solidem Fundament, körperlichen Mitten und präsenten, aber gut eingebundenen Höhen. Preamps dieser Provenienz zählen zu den am stärksten „färbenden“ Schaltungen am Markt, und das wird auch hier in voller Schönheit deutlich. Zwar bleibt – hier wieder der Verweis auf die Audiobeispiele – der Charakter des verwendeten Mikrofons auch am Ausgang des Preamps noch erhalten, aber hier wird doch ein deutlicher Stempel eingeprägt. Es gibt durchaus Vorverstärker, die subtiler arbeiten, feinfühliger auf den Eingang reagieren und offenere, feiner aufgelöste Höhen anbieten. Doch hier muss man sich als Anwender einfach entscheiden, was man möchte. Die rockige Präsenz, die unglaubliche Durchsetzungsfähigkeit der Signale, das Gewicht, die Schwere des Tons – all das lässt sich kaum vereinbaren mit einem unglaublich auflösungsstarken Feingeist, für dieses Bedürfnis gäbe es weitaus passendere Alternativen. Aber genau das macht auch einen starken Charakter aus: dass er bisweilen aneckt.

Kompressor arbeite mit dem Signal, nicht dagegen

Blicken wir auf die Kompressorsektion, die Kerneinheit des 2Heritage Audio 264 JR. Hat man sich einmal mit der leicht speziellen Bedienung vertraut gemacht, so erschließt sich hier eine recht breite Palette an Optionen. Sämtliche Parameter überstreichen recht weite Bereiche, doch es sind auch Limitierungen spürbar. Die maximal einstellbare Aufholverstärkung von 20 dB ist eine solche, und vor allem beim Threshold-Parameter hätte ich mir einen weiteren Einstellbereich vor allem mit mehr Optionen am niedrigeren Ende der Spanne gewünscht. Sieht man von diesen Einschränkungen einmal ab, so ist die Kompressoreinheit ein ausgesprochen musikalisches Werkzeug, bei dem man, ganz im Geiste des Originals, stets den Eindruck verspürt, nicht gegen, sondern mit dem Ausgangsmaterial zu arbeiten. In weiten Bereichen sorgt der Kompressor für sehr unaufdringliche Eingriffe, die das Signal schön verdichten und durchaus auch objektiv lauter machen, ohne dass das Ausgangsmaterial zu sehr angegriffen oder gar zerstört wird. Vor allem die „Fast“-Option bietet sich bei Vocals an, da hier Transienten und spitze Konsonanten zuverlässiger abgefangen werden können. Pusht man die Kompression über die Komfortzone hinaus, so wird der eigentümlich „schnaufende“ Charakter des Regelverhaltens deutlicher, was bisweilen genau das richtige sein kann, manchmal aber auch für zu unnatürlich klingende Resultate sorgt. Die 5ms-Attackzeit hingegen kommt extrem gut bei Bässen zur Geltung. Hier kitzelt sie einen wunderschön breiten Punch in den Anschlägen heraus. Die gesamte Tonansprache wird druckvoller und direkter. Dieser knackige Sound bietet sich weiterhin auch bei Kicks, Snares und vor allem Toms an. Viel mehr bleibt hier eigentlich nicht zu sagen – der Heritage erinnert in seiner visuellen Formensprache stark an Neve, und er untermauert dieses Erscheinungsbild mit absolut angemessenen Klangresultaten. Wer den Sound des klassischen 2254/2264 liebt, der wird hier nicht enttäuscht werden. Aus der Frage der Originalgetreue halte ich mich an dieser Stelle – und mit Blick auf dieses spezielle Gerät – aber heraus. Diese Diskussion grenzt zuweilen, vor allem auch mit Blick auf Serienstreuung und Erhaltungszustand der Vintage-Originale, bisweilen an Haarspalterei. Und wenn man solch eine Diskussion in letzter Konsequenz führen möchte, dann sollte man eher den Heritage 2264E dafür heranziehen, der in puncto Hardware-Aufbau und Platinenlayout viel näher am Original rangiert als dieses 500-Modul. Für den Moment muss also das Fazit genügen, dass die Zugehörigkeit zum „Neve-Clan“ definitiv auch beim 2264 JR gegeben ist.

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