Feature
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22.10.2009

Guerilla-Gigging #5

Das socialplastic-Guerilla-Gig-Tagebuch

Hallo liebe Rock’n’Roll-wütige Community. Diesmal wollen wir eine spezielle Sparte des Musikerfahrens unter die Lupe nehmen. Haptik, Haptik, Haptik oder wie es unser Percussionist Frank Groener formulieren würde: “Das fass’ ich aber net an!” Es geht um Rollrasen, exponentiell expandierende Unbekanntheit und Veränderungen.

Karlsruhe/Bruchsal: Der Regen prasselt an die Fensterscheiben. Es wird kalt. Im Kago-Kamin knistern die Holzscheite und verbreiten wohlige Wärme. Ein verängstigter Vogel zwitschert in den Bäumen. Oh shit! Ein Sanifair. Wir sind auf Tour. Haben immerhin schon 27 km hinter uns gebracht als unser Sänger Nesa zwingend eine Rast verlangt. Übertönt werden seine Rufe nach einer Pinkelpause nur von den unsinnigen “Ist es noch weit?”-Fragen der restlichen Besatzung. Nein, Frankfurt am Main ist nicht mehr weit. Gönne mir trotzdem fünf Minuten Pause in der artifiziellen Sanifair-Welt und freue mich jetzt schon auf das Gesicht eines armen Tankstellenpächters, wenn ich zum Tourende eine Flasche Talentwasser aus Lynchburg mit unseren gesammelten Wertbons erstehe. Nesa schikaniert derweil Tausende von Sanifair-Besuchern, indem er kleine Post-Its mit der Aufschrift “Beware of Limbo-dancers” an die unteren Kanten der Toilettentüren klebt.

Frankfurt am Main/Musikmesse: Zehn Minuten nach Mitternacht präsentieren wir am ersten Checkpoint unsere Parkkarte. Die Hierarchie ist klar. Besucher im Ibis-Hotel, Stars im Radisson - wir aber auf dem VIP-Parkplatz auf dem Messegelände direkt hinter der Agora-Stage. Die Firma Bürstner aus Kehl hat uns für unsere Tour ein Wohnmobil gestellt. Luxuriöses Ambiente, sechs Schlafplätze, Küche, Bad, Entertainment-Center und Standheizung. Plattgedrückte Nasen und verzweifelte Gesichter an den Fensterscheiben der angrenzenden Hotels. Wir dagegen machen erst einmal Chilli warm und stellen uns im strömenden Regen den Securities vor. Ein Vibrieren liegt in der Luft!

Der erste Messetag: Pünktlich 20 Minuten vor Eröffnung haben wir am Torhaus-Eingang aufgebaut, das Bottleneck übergestülpt, die AERs hochgefahren und ab geht’s! “Letters from the Bayou” ist unser erster Song. Genau das Richtige, um aufzuwecken. Konfettikanonen werden gezündet und auch unser aus Straßenmusikfolkloregründen aufgestellter, mit Geschenken für die Besucher gefüllter Gitarrenkoffer entertainen die Leute schon am frühen Morgen. Irgendwie sorgt unser Schild “No money, please! Just rehearsing!” für Erheiterung. Der Chef der heiligen Musikmessehallen kommt, um uns zu begrüßen. Der Sachverhalt ist relativ einfach. Wir sind in keinem Messeplaner aufgeführt und nirgends angekündigt. Dürfen deshalb fast überall spielen, wo wir wollen. Das technische Equipment wird verplombt. Und natürlich trifft man gleich am frühen Morgen Dutzende von Musikerkollegen. CP und die süßen Mädels von Reinhardt, Rico Loop, Andy Jelitte machen den Anfang. Tour- und Equipment-Gespräche, Austausch von Standnummern, Bekanntmachung von Slots lassen schon eine Ahnung aufkommen, wie lustig dieser Tag werden wird. Das Equipment wird auf den Warwick Rock’n’Roller geschnürt und ab geht es auf der Suche nach dem nächsten Guerilla-Auftritt.


Richten unser erstes Basislager vor Halle 9.0 ein. Die Messe ist noch keine Stunde alt, da genügt sie schon unseren gestalterischen Ansprüchen. Bunt, wild und laut. Jetzt müssen wir erst einmal alte Freunde besuchen. Graben bei Fred Starkowski von Around Music Kaffee ab. Zwei Hosentaschen voller Salzstangen später treffen wir unseren Freund Svenson wieder. Den Freiburger Gitarristen haben wir auf der MusicChina 2007 kennengelernt. Merkwürdige kleine Welt.
Mein guter Freund Peter findet mich in dem Messegewusel und will mir unbedingt etwas zeigen. Fünf Minuten später stehe ich vor einer Gruppe smokingtragender, schöner Menschen, die schöne Dinge in einer schönen Umgebung tun. Ich sinniere weiter so vor mich hin über diesen kleinen Planeten mit seinen lustigen kleinen Bewohnern und betrachte den Flatscreen, auf dem gezeigt wird, wie erwachsene Männer mit Schrotflinten Gitarren erlegen. Was für ein wunderschöner, bizarrer Planet, auf dem ich mich gerade befinde. Aliens! Aus Oregon! Kommen aber in Frieden und haben Gummibärchen und Gitarren dabei. Haptik - der Tastsinn! Nehme also eine der Gitarren aus Oregon in die Hand. Und es passiert etwas Einzigartiges. Die Technologie der Aliens ermöglicht es, so etwas wie Humanitars (Human-Guitars) zu erschaffen. Sie nennen sie Breedlove. In dem Moment, in dem Du den Hals einer Breedlove-Gitarre berührst, saugt die Gitarre Dich auf und Du wirst eins mit dem Instrument. Der Klang austariert und brillant, die Form vollendet. Ich mache den freundlichen Herren aus Oregon ein unschlagbares Angebot: Ich werde die Gitarre vier Tage lang auf der Messe durchhuddeln und eventuell danach sogar wieder zurückgeben. Alien aus einem fremden Land schaut mich, nicht minderkomisches Wesen aus Deutschland, an. Aber bei dem Bandana und dem Hut kann nur eine Entscheidung getroffen werden. Ich spiele die Breedlove!

Breedlove - Monstercable - BOSS TU-2 - Monstercable - ReezaFRATzitz - Monstercable - BOSS RC-2 - Monstercable - AER. Wow! Eine Verkettung glücklicher Umstände. Kennst Du das, wenn eine Gitarre Dich erzieht?

Zwischen Guerilla-Gigs über die ganze Messe verstreut und Freundschaftsbesuchen an anderen Messeständen bleibt immer etwas Zeit, zurück zu unserem Wohnmobil zu kehren. Chill-Zone! Kollegen kommen uns besuchen und wir machen Pläne für die nächsten Tage. Pimpen uns für die International Reception am Abend. Hurra, Ausstellerparty! Hammerbuffet mit ständig nachwachsenden Köstlichkeiten und wasserfallartigem Bierausschank. Die Band auf der Bühne heizt allen Gästen mächtig ein - Mick Moody an der Gitarre! Wir haben definitiv den kürzesten Nachhauseweg. Nutzen den Standortvorteil aus und helfen das Partyzelt abzuschließen. Als wir uns in unsere luxuriösen Schlafgemächer in unserem geliebten Wohnmobil begeben, scheint es mir für einen kurzen Augenblick so, als ob einer der Hotelgäste ein Help-me-Schild ans Fenster seines Zimmers hält. Sorry, folks! Da müsst Ihr durch.

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