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12.05.2009

Guerilla-Gigging #4

Das socialplastic-Guerilla-Gig-Tagebuch

Da ihr die  Grundzüge des Guerilla-Giggins ja mittlerweile sicher drauf haben werdet, wende ich mich diesmal an die hochspezialisierte Fraktion der “sitzenden” Gitarristen. Das Bewusstsein um den Stuhl, Nietzsche,Trillerpfeifen oder die Antwort auf die Frage: “Wie shanghait man einen Hocker?”

Flughafen Frankfurt am Main: Die Duma von Krasnodar hat uns eingeladen, an den Festlichkeiten zum 214. Jubiläum der Stadt teilzunehmen. Das Kulturamt der Stadt Karlsruhe bezahlt unsere Flüge und lässt es sich nicht nehmen, meiner Ovation Doubleneck einen eigenen Sitzplatz im Flugzeug zu spendieren. Ansätze von Rockstar-Feeling machen sich breit. Wir bestellen also für diesen Extension Seat “Riffbratlinge an E-Moll-Jus und Kapodasterkeimlingen” als vegitarristisches Menü. Fliegen mit dieser Nummer auf; das Essen ist gestrichen. Aeroflot erlässt aber immerhin Flughafensteuer und Gebühren für diesen Sitz. Dezent gewandet und gut behütet stehen wir an der ersten Sicherheitskontrolle im Frankfurter Flughafen.

Der Beamte spricht mich sofort auf mein Doubleneck-Softcase an, das ich auf dem Rücken trage. Ob das denn eine Ovation sei und ob er sie mal sehen dürfe. Selbstverständlich. Da kein Softcase oder Gitarrenkoffer geöffnet wird, ohne dass man anfängt zu spielen, präsentieren wir direkt an der Sicherheitsschleuse einen Song aus unserem laufenden Programm. Wir drücken dem Security-Menschen die Gitarre in die Hand, um gleich darauf festzustellen, dass der Mann einen richtig flotten Draht zupft. Derart dezent und unauffällig aufgetreten, verwundert es nicht, dass der Beamte beim Durchleuchten unseres Gepäcks anfängt schallend zu lachen, als mein schwarzer tourerprobter Hocker mit einer Idealhöhe von 76,5 cm das Gerät passiert. Holz. Nichts als Holz. Jeder sitzende Gitarrist sollte den Hocker seines Vertrauens beständig mit sich führen.


Dress like a rockstar, sit like a rockstar, become a rockstar. Nach einer intensiven Schnellverprobung der Möglichkeiten des Duty Free Shops gelangen wir an Bord des Fluges. Irgendwann fällt uns auf, dass das Flugzeug einfach nicht starten will. Dafür erhöht sich die Anzahl der passagierköpfezählenden Stewardessen erheblich. Mischen uns in das emsige Treiben ein und erklären, dass die Ovation ein Ticket aber keinen zu zählenden Kopf hat. Beziehungsweise zwei davon, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Triebwerksgeräusche dämpfen Herrn Groeners Schnarchen.

Moskau/Russland: Ach, lassen wir das diesmal.

Krasnodar/Russland:
Gemäß § 8 Abs. 3 der internationalen Rockstarverordnung werden uns zwei der schönsten Übersetzerinnen Russlands zur Verfügung gestellt. Die Polizeieskorte wartet und wir werden hochoffiziell zum Hotel “gerast”. Verlieren leider etwas an Haltung und bekommen das blöde Grinsen einfach nicht mehr von den Gesichtern. Es ist schick, Teil einer offiziellen Delegation zu sein. Mütterchen Russland nimmt uns in ihre Arme. Und wir lassen den Bär steppen. Mehr als 500 Musiker, Tänzer und Akrobaten sollen zwei Tage lang das Publikum der Stadt Krasnodar verzaubern. Und wir mittendrin. Die Organisation ist perfekt. Einzig und allein als wir für die Generalprobe die riesige Bühne betreten, kommt es zu einer Störung. Eine junge Dame erscheint mit einer der Organisatorinnen und fragt höflich, ob es denn möglich wäre, unseren Soundcheck für fünf Minuten zu unterbrechen. Ein weiteres Tanzballett aus Russland hatte es leider nicht rechtzeitig zu seiner Stellprobe geschafft und würde sich jetzt gerne für fünf Minuten die Bühne ausleihen. Der Band war sofort klar, dass man hier jungen Talenten helfen musste. Wir rücken unser Equipment etwas nach hinten. Verbleiben selbst jedoch auf der Bühne. Ich sitze da also vor mich hinnihilierend, betrachte die Tänzerinnen und denke an den alten Friedrich, der da einst sagte: “Ein Leben ohne Musik wäre ein Irrtum.” Oh, ja!

Showtime. Der Platz vor der Bühne ist brechend voll. Kein Wunder, schließlich hat die Stadt seit drei Tagen stündlich Werbung im Fernsehen geschaltet, in der unter anderem unser Auftritt angekündigt wurde. Ein Polizist bringt uns zu unserem Backstage-Zelt. Das Angebot der Festivalorganisation, für uns einen Visagisten abzustellen, haben wir ausgeschlagen. Selbst wenn es nicht schön ist, tragen muss man es können. Die Ovation rockt. Das Booster Set von Schlagwerk kesselt. Das Publikum jubelt frenetisch. Zu den 60 Milizionären an den Absperrgittern werden 20 weitere Sicherheitskräfte hinzugezogen, als Rapper Nesa und Sänger Joe die Showtreppe zur Absperrung hinunterstürmen, um T-Shirts von der Musikmesse Frankfurt 2008, Drum Sticks und Luftgitarren im Publikum zu verteilen. Ausnahmezustand. Zum Abschluss unseres Konzertes überreichen wir noch Frau Postrigan von der Duma eine badische Fahne, die wir ein Jahr lang mit uns um die Welt trugen und die von hunderten socialplastic-Fans weltweit unterschrieben wurde. Freundschaft! Ein Polizist kann seiner Begeisterung nicht anders Ausdruck verleihen, als dass er mir seine Dienst-Trillerpfeife schenkt. Große Auszeichnung! Backstage geht die Party weiter.

Moskau/Russland: Ein eifriger Flughafenmitarbeiter knöpfte uns auf dem Rückflug unser letztes Geld für “augenscheinliches” Übergepäck ab. Der elfstündige Aufenthalt in Sheremetjewo erinnerte dadurch etwas an “Warten auf Godot”. Doch socialplastic findet überall Freunde.

Zwei Prospects des schwedischen Hells Angels Chapter, die auf einem Bikermeeting in Moskau waren, zeigen, dass Rocker immer Rocker bleiben und versorgen uns mit den Grundnahrungsmitteln eines Rockstars. Hail, hail Rock’n’Roll!

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