Hersteller_GAP_GoldenAgeProject
Test
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02.06.2014

Praxis

Ein interessantes VU-Meter haben die Schweden da verbaut! Entgegen den üblichen Gepflogenheiten bewegt sich die Nadel sowohl bei der Anzeige des Ausgangspegels als auch der Pegelreduktion von links nach rechts, die Gain Reduction wird also gewissermaßen „falsch herum“ angezeigt. Das sorgt erst einmal kurz für Verwirrung, sollte den engagierten Engineer aber nicht vor größere Herausforderungen stellen. Der Endlos-Drehschalter für die Threshold-Einstellung ist ebenfalls etwas ungewohnt: Munter einen Schritt zu weit gedreht, und auf heftigste Kompression folgt auf einmal – gar nichts.

Aber abgesehen von diesen beiden Besonderheiten stellt der Comp-54 dem geneigten Anwender keine größeren Hürden in den Weg, kann vielmehr mit einem gradlinigen und an den richtigen Stellen verfeinerten Bedienkonzept überzeugen. Der zusätzliche Limiter des Original-2254 wurde weggelassen, das macht das Gerät auf jeden Fall übersichtlicher. Dafür gibt’s ein Sidechain-Filter, das nicht nur die üblichen Bass-Betonungen erlaubt, sondern auch den Einsatz des Gerätes als De-Esser ermöglicht – mit der entsprechenden 7-kHz-Einstellung.

Insgesamt kann der Comp-54 mit recht weiten Einstellbereichen überzeugen. Die Attack reicht von Vocal-Lautmacher-Werten im Mikrosekundenbereich bis hin zu punchy 50 Millisekunden. Der Release-Parameter bietet nicht nur zwei programmadaptive „Auto“-Modi, sondern auch einen für einen analogen Comp ausgesprochen radikalen Minimalwert von nur 25 Millisekunden: Damit kann man dem aggressivsten Plug-In Konkurrenz machen! Der Nachteil dieser großen Bandbreite ist jedoch, dass der im Alltag so wichtige Bereich der mittleren Werte mit den Zeiten 100, 400 und 800 ms recht grob aufgelöst wurde. Gerade zwischen 100 und 400 hätte ich mir noch eine Zwischenposition gewünscht.

Das Kompressionsverhalten erinnert in der Tat deutlich an das große Vintage-Vorbild. Die Neve-Comps mit ihrer Diodebrücke haben ein ganz eigentümliches Regelverhalten, das sehr kräftig zupackt, dabei aber im Bereich „normaler“ Einstellungen niemals so analytisch oder gar aggressiv klingt wie ein typischer VCA-Comp. Solche Vergleiche können etwas hinken, aber im Prinzip liegt die Neve-Diodenbrücke irgendwo auf halbem Weg zwischen klassischen Opto- und VCA-Comps. Im Zusammspiel mit der breiten Parameter-Abstimmung lässt sich so im Studio-Alltag ein ziemlich ordentliches Spektrum abrufen, das grunsätzlich alle Arten von Einsätzen erlaubt. Als Vocal-Kompressor macht der Comp-54 ebenso eine gute Figur wie als Punch-Erzeuger auf Basslines. Und auf Raummikros und vergelichbaren Signalen lässt sich auch einiges „zerstörerisches“ Potenzial entfalten.

Einzig der Grundklang der Class-A-Schaltung kann mit der dicken, gemütlichen Sämigkeit des Originals nicht mithalten. Im Vergleich kommt der Comp-54 wesentlich schanker und frischer rüber. Während der 2254 (oder einer seiner Highend-Clones) gut geeignet ist, nervöse Signale zu beruhigen, macht der GAP-Comp den Klang tendenziell eher heller. Das ist an sich nicht verkehrt und klingt auch recht ordentlich, nur geht dem Comp-54 somit eine der zentralen Eigenschaften für die das Vorbild geliebt wird flöten. Da der GAP aber für den Einbau der Carnhill-Übertrager bereits entsprechend vorbereitet ist sollte man mit etwas Geschick dem Gerät eine Färbung verleihen können, die dem Original wesentlich näher kommt – sind doch die Übertrager in dieser Schaltung die zentralen klangformenden Bauteile.

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