Hersteller_Fredenstein_Professional_Audio
Test
2
28.08.2017

Fredenstein F660 Test

Fairchild-Style-Kompressor im 19“-Gehäuse

Gold wert?

Fredenstein ist eine in Taiwan ansässige Firma, deren Name auf den Vornamen des deutschen Firmengründers zurückgeht. In der jüngsten Vergangenheit hat sich die Firma mit einigen 500er Rack Modulen und preiswerten Rahmen für das 500er-System einen guten Namen gemacht. Mit dem F660 bietet Fredenstein einen analogen Röhrenkompressor, der digital gesteuert wird. Das klingt nach einer Win-Wwin-Situation, vermisst man doch gemeinhin in der digitalen Welt den vollen warmen Sound echter Bauteile und in der Analogtechnik die genaue Reproduzierbarkeit.

Das Vorbild, der Fairchild 660, ist ein Design aus den USA der 40er Jahre und verwendet Röhren sowohl zur Steuerung der Kompression als auch zur Signalverstärkung. Eine Besonderheit dieser "Variable-Mu"-Schaltung ist die im Vergleich zu den damals üblichen Optokompressoren schnelle Ansprechzeit und die Tatsache, dass die Ratio nicht konstant ist: Sie ist um so größer, je höher das Eingangssignal über dem Threshold liegt. Es gibt Vari-Mu Kompressoren, die ab einer bestimmten Eingangslautstärke gar kein Signal mehr durchlassen - wie der TAB V73. Andere, wie der Gates STA-Level oder der RCA BA6A, warten mit mehr oder weniger ausgefuchsten Release-Zeiten auf, die es ermöglichen, dass ein Signal auch bei drastischer Kompression von bis zu 40 dB noch natürlich klingt. Der originale Fairchild ist dafür berühmt geworden, sehr unauffällig zu regeln, was damals eine bahnbrechend hohe Durchschnittslautstärke ohne störende Artefakte ermöglichte. Die Stereo-Version, der Fairchild 670, war damit das Flaggschiff des Loudness War der analogen Ära.

Originale teils sehr unterschiedlich

Nun ist das mit dem Original so eine Sache. In so manchem Studio der oberen Liga steht einer, der so gut klingt, dass die absurd anmutenden Preise, die ein gebrauchter 660 heutzutage erzielt, gerechtfertigt scheinen, in anderen Studios stehen wiederum Exemplare, die recht wenig Charakter mitbringen. Das liegt einerseits daran, dass die einzelnen Exemplare von vornherein teilweise unterschiedlich ausgeführt waren, auch fehlende oder falsche Pflege und Wartung spielt sicher eine Rolle. Nun kommt es aber im Zeitalter der Digitaltechnik auf die Färbung an: Unauffällige Kompression holen wir uns billiger und einfacher von Plugins. Von einem Röhrenkompressor erwarten wir, dass er das tut, wofür der Fairchild eigentlich nicht konzipiert wurde: er soll Charakter haben.

Diese "Handschrift" eines antiken Röhrenkompressors ist deswegen bei jedem Exemplar eine andere, weil die verwendeten Röhren und, wichtiger noch, die Übertrager teilweise aufgrund ihres Alters unterschiedliche harmonische Verzerrungen und Sättigung erzeugen.

Es ist also durchaus schwierig, die Frage, ob der Fredenstein F660 denn nun wie ein "echter" klingt, zu beantworten. Sie stellt sich allerdings auch nicht unbedingt, da der F660 nicht als Klon, sondern als Weiterentwicklung angeboten wird.

Details

Goldbarren

Äußerlich handelt es sich um einen kompakten 3HE-Quader in Fredenstein-Gold, wobei die Gestaltung der Frontplatte ein wenig an eine Karaoke-Anlage erinnert. Neben einem großen und drei kleinen Drehreglern in HiFi-Optik finden sich zwei Pegelanzeigen (Output Level und Gain Reduction) und ein relativ großes, aber sehr einfaches Display, das Reminiszenzen an Akai-Sampler der frühen 90er-Jahre weckt.

Rückseitig finden sich Powerschalter und -anschluss, XLR-Anschlüsse für In, Out und Sidechain und gleich zwei Anschlüsse für proprietäre Spezialkabel zur Verlinkung zweier Geräte. Einen USB-Anschluss sucht man vergebens. Schaltet man das Gerät rückseitig ein, meldet sich zunächst die Software mit einem kurzen Bootvorgang und der Aufforderung, das Gerät durch einen Druck auf das große Drehpoti zu starten. Die Bedienung erfolgt über impulsgebende Drehpotis, wobei das große Poti alle Funktionen abdeckt und die kleinen jeweils festen Parametern zugewiesen sind.

Die Bedienung fühlt sich ruckelig an, weil die Software träge auf die Impulse der Potis reagiert – ab einer Geschwindigkeit von etwa 10 Impulsen pro Sekunde streikt das System, so dass beispielsweise der Vorgang, von einem -5 dB Threshold auf OFF zu drehen, circa 4 Sekunden dauert. Wenn man die Regler sehr langsam dreht, fühlt sich die Bedienung einigermaßen flüssig an. Der Druck auf das große Poti ist Enter und Escape gleichzeitig, was zusammen mit der unerwarteten Richtung des Potis (Uhrzeigersinn ist Up, gegen den Uhrzeigersinn ist Down) das Justieren der Parameter etwas exotisch anmuten lässt.

1 / 3
.

Verwandte Artikel

dbx 286S Test

Ein kompletter 19"-Channelstrip für 155 Euro? Dass das funktionieren kann, zeigt uns dbx mit dem 286S.

User Kommentare