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09.09.2019

FOH-Tipps: auf Worst-Case und Havarie bestens vorbereitet

Nicht immer geht alles glatt, wäre ja auch langweilig

Technik ist ja angeblich so wunderbar logisch. Würde für den FOH bedeuten, dass alle Eventualitäten vorhersehbar sind und mit entsprechender Vorbereitung im Live-Betrieb eigentlich nichts passieren kann. Pustekuchen. Erstens ist Technik nicht alles, was ihr bei den Events im Griff haben müsst. Zweitens kann das Equipment aus den unterschiedlichsten Gründen ausfallen und unter Volllast mit der defekten Friedensfahne winken. Und letztlich könnt ihr euch – wenn überhaupt – nur auf das eigene bewährte System und eure Fähigkeiten verlassen.

Was dann letztlich mit den Unsicherheitsfaktoren von Location, Musikern, Publikum, Wetterbedingungen im Outdoor-Bereich oder der individuellen Saaltechnik der Location passiert, steht auf der Kehrseite der Medaille. Immer vorbereitet sein, um die etwaige Havarie zu vermeiden. Hier ein paar Gedanken und Tipps, damit der Kabelbruch nicht zum Nabelbruch wird:

Lasst euch nicht in die Ecke quetschen

Der Veranstalter denkt sich: Die Kisten inklusive Pult brauchen drei Quadratmeter. Dann geben wir dem Soundtechniker noch einen Stuhl, damit er nicht im Weg rumsteht. Schließlich nimmt mir jeder verschwendete Zentimeter die Chance auf Umsatz vom Ticketverkauf bis zu den Getränken. Schon wird klar: Geld regiert auch die Zwangsjacke der FOH-Welt.

Der Platz muss ausreichen. Tut er eben nicht. Zwangsläufig könnte diese immense Reduktion bedeuten, dass die Kabel und Anschlusswege nicht mehr frei zugänglich sind. Passiert was, kommt ihr nicht mehr ran. Im professionellen Bereich ist das undenkbar. Kein Mensch käme auf den Gedanken, den Kerl an den Fadern derart einzuschränken. Um seinen Job wirklich vernünftig abzuliefern, benötigt der FOH – sowohl als Person als auch als Arbeitsplatz verstanden – Bewegungsfreiheit. Es liegt in eurer eigenen Verantwortung, euch schon bei der Platzverteilung nicht unterbuttern zu lassen. Notfalls mit in den Ohren des Veranstalters nachvollziehbar logischen Erläuterungen. Hat zwar auch mit der Anerkennung und Wertigkeit der eigenen Arbeitsleistung zu tun. Doch darum geht’s nicht in erster Linie.

Vielmehr seid ihr nur imstande, den funktionierenden Ablauf zu garantieren – und das wird von euch erwartet – wenn ihr unter wirklich vernünftigen Bedingungen arbeiten könnt. Wie viel Platz ihr dafür zwingend benötigt, könnt ausschließlich ihr selbst beurteilen. Lasst euch da keinesfalls reinreden und setzt euch argumentativ durch. Letztlich helft ihr damit im Sinne der Show allen Beteiligten gleichermaßen. Davor, zu viel Platz zu haben, braucht ihr euch übrigens definitiv keine Sorgen machen. Das findet höchstenfalls im FOH-Märchen statt.

Reduzierte Fehlerquellen bei kurzen Kabelwegen

Die grundlegende Basis der Havarie-Vermeidung ist die optimale Vorbereitung. Dabei liegt der spezielle Fokus auf der Reduktion etwaiger Fehlerquellen. So sollten die Ampracks - so denn nicht mit Aktivboxen gearbeitet wird - keinesfalls am FOH-Platz positioniert werden. Der Grund: Absolut jede Kabelstrecke sollte schon aus elektrotechnischen Selbstverständlichkeiten so kurz wie möglich sein. Zum FOH-Pult können es aber durchaus mal 25 Meter oder mehr sein. Angesichts der Anforderung, sich von Kabelsalat zu verabschieden, sollte man sich aber möglichst nicht den individuellen Zugriff auf die einzelnen Instrumente aus der Hand nehmen lassen.

So scheint es zwar auf den ersten Blick komfortabel, sich von den Drums und anderen Instrumenten das Komplettsignal über Submixer schicken zu lassen. Dieses „komplett“ impliziert aber zugleich, dass man als FOH die einzelnen Komponenten nicht mehr separat beeinflussen kann, stattdessen nur noch das Gesamtergebnis. Wie vermutlich fast überall liegt auch hier die Wahrheit in der goldenen Mitte.

Havarie-Strecken und Kanal-Überschuss

bereithalten Grundsätzlich sollten mehr Kanal- und Kabelstrecken als nötig bereitgehalten werden, damit bei Ausfällen oder der Fehlersuche testweise, temporär oder dauerhaft umgesteckt werden kann. Logisch, dass sich das auch von Anfang an auf die Dimension des Mischpultes auswirkt.

Die Band besteht aus vier Musikern und ist mit Submischern ausgestattet. Eigentlich genügen ihr acht bis zehn Kanäle. Du meinst nun, mit einem 12-Kanal-Mischer bestens ausgestattet zu sein. Bist du nur, solange (fast) alles glatt läuft. Musst du nur zwei Eingänge umstecken und hast möglicherweise noch immer einen Fehler im System, ist die Grenze schon erreicht. Nichts geht mehr. Der benötigte Headroom bekommt hier demnach eine ganz eigenständige Bedeutung. Plötzlich ist dein Pult wie ein Navi bei einer Vollsperrung. Es zeigt zwar, dass alles dicht ist. Aber raus kommst du aus der Situation trotzdem nicht.

Und was nun, wenn plötzlich das gesamte Pult qualmt und sich arbeitsunfähig melden will? Kleinere Bands überbrücken das eventuell noch, in dem sie die Submixer nutzen und mit Schweiß- und Angstperlen durch den Abend kommen. Die benötigen aber ohnehin eigentlich keinen FOH. Für dich heißt das, auch wenn’s die Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger schmerzhaft trifft, dass du Ersatz für die Havarie-Lösung mit an Bord haben musst.

Ersatz-Equipment immer am Mann

Bei aller Reduktion auf das Wesentliche: Auch Side-Racks mit Stauraum sollten unbedingt mit zum FOH-Arbeitsplatz gehören. Etwas fehlt oder ist beschädigt und schon geht die fröhliche Suche in den Rollkisten los? Geht gar nicht. Ausreichend DI-Boxen gegen etwaige Brummschleifen müssen ebenso im Gepäck sein wie Ersatzmikroklemmen, Adapter, Kabel oder der berühmte Lötkolben.

Verstehe dich in dieser Hinsicht als Handwerker. Sind Pult und Licht programmierbar – heutzutage der Normalfall – oder erfolgt ein Großteil der Steuerung per iPad, hast du selbstverständlich entsprechende Backups in der Tasche. Anschließen solltest du redundante Komponenten, die im Hintergrund bei gleicher Timeclock-Einstellung mitlaufen und im Fall der Fälle einfach umgeschaltet werden können.

Der längst etablierte Trend zu automatisierten und programmierten Abläufen birgt natürlich auch immer eine Gefahr. Hängt sich das Programm trotz schnellster Server auf, musst du analog bzw. manuell in Echtzeit eingreifen können. Das wiederum impliziert (mindestens) zwei grundlegende Gedanken: Zunächst muss das überhaupt möglich sein, ohne dass sich das Komplettsystem dagegen sperrt. Der manuelle Zugriff muss also zumindest als Rettungsgedanke über die gesamte Show machbar sein. Sei es auch nur für die Zeit, in der auf dem iPad oder wo auch immer ein Neustart durchgeführt wird. Das geschieht üblicherweise per simplem Knopfdruck; manche Pulte und Controller schalten bei Signalverlust automatisch in den „echten“ Livebetrieb.

Von dieser Anforderung bist du allerdings auch selbst unmittelbar und ganz direkt betroffen. Zeit in einer Show zu überbücken, heißt automatisch, sie selbst wenigsten rudimentär kennen zu müssen. Wie willst du dich manuell durch die Fader schwingen, wenn du keine Ahnung hast, ob als nächstes der Rockhammer oder eine Ballade kommt, ob der Sänger jetzt an der Reihe ist oder ein Gitarrensolo inszeniert werden soll.

Übrigens: Stromwege haben es nun mal in sich, dass sie sich auch separat verabschieden können. Erbsenzählende Perfektionisten bereiten sich auf den schlimmsten anzunehmenden Fall vor, in dem sie Stromleitungen inklusive Sicherungskästen vorbereiten. In der Realität wird das aufgrund der vorgegebenen Möglichkeiten in der Location nicht immer umsetzbar sein. Das geht nur in Maßen und unter dem Strich kann man sich nicht auf wirklich alles einstellen. Manchmal muss man sich auch einfach vertrauensvoll auf etwas verlassen können. Außerdem darf unter noch vorhandener Last auch bei rustikalen Ansichten ohnehin nicht einfach umgeschaltet werden. Aber es kann Zeit sparen, wenn ein Teil der Anlage – ob Ton oder Licht, ob PA oder Monitor - wirklich mal down geht.

Equipment-Komponenten fixieren

Ihr tut gut daran, das Equipment soweit als möglich zu fixieren. Festkleben, festtackern, Rollen anziehen, festschrauben, was weiß ich. Beispiel gefällig? Die Stageboxen könnt ihr natürlich links und rechts auf die Bühnenbretter packen. Sind ja in den meisten Fällen schwer genug. Weitaus besser wäre, ihr macht sie zum Teil des Riggings. Automatisch reduziert das die Kabelwege direkt auf oder um die Bühne. Außerdem werden die mechanischen Belastungen der Kabel bzw. der Stecker miniminiert. Hinzu kommt, dass sich auch bei abgeklebten Kabeln ein Rest von Trittbelastung nicht vermeiden lässt

Der Effekt ist also der kabel- und geräteschonende Bühnenaufbau, von dem wiederum ihr als FOH unbedingt profitiert. Allerdings Achtung: Immer servicefreundlich bleiben. Ein Techniker, der wegen der Porzellankisten-Mutter-Vorsicht nicht mehr an die Gehäuseschrauben kommt, weil sie mit acht Lagen Gaffa zugepflastert sind, hat ein reales Problem. Wo Technik auf mechanische Belastung trifft, bleibt das Ergebnis immer ein gewisser Kompromiss.

Hilfreiche Kommunikation gegen kollidierendes Equipment

Sofern du nicht als Techniker nicht zum Personalstamm der Band gehörst, sondern auftragsbezogen abmischen sollst, was im üblichen Arbeitsalltag die häufigere Variante ist, ist es für dich schon zum Pflichtprogramm geworden, bei anstehenden Fragen rechtzeitig Kontakt mit der dem Stage-Manager oder entsprechenden Ansprechpartner des Tour-Managements aufzunehmen. Dir liegt die Bühnenanweisung bzw. der Technical Rider – hoffentlich – schon lange vor dem eigentlichen Termin vor. Ratsam also, die vorhandenen und geforderten Systeme ebenso rechtzeitig auf Kompatibilität zu überprüfen.

Gerade bei vorprogrammierten Pulteinstellungen oder Shows steht die übergreifende Funktionalität im Fokus. Welche Systeme wurden verwendet; welches System fährst du selbst? Sind irgendwelche dysfunktionalen Eigenschaften denkbar oder ist alles in trockenen Tüchern? Lieber in der Vorbereitungsphase eine Frage zu viel als zu wenig stellen. Schon kleinste falsch verstandene Details können dir im schlimmsten Fall das gesamte Ergebnis verweigern.

Ist Perfektion überhaupt möglich?

Ganz klare Antwort: Nein. Aber kurioserweise ist sie üblich. Fakt ist, dass du keine komplette Ersatz-PA, Monitor- und Lichtanlage inklusive der gesamten Peripherie an Bord haben kannst. Das ist für dich als FOH weder machbar, noch ist es überhaupt deine Aufgabe. Unterm Strich verbleibt, dass es die hundertprozentige technische Sicherheit nicht geben kann. Bei aller Vorbereitung kann trotzdem etwas Unvorhergesehenes passieren.

Umso bezeichnender, dass die allermeisten Gigs grundsätzlich reibungslos verlaufen. Umso beeindruckender, dass kleine bis mittlere Ausfälle dergestalt überspielt werden, dass das Publikum davon gar nichts mitbekommt. Halten wir uns doch mal vor Augen, was in der Realität für den größten Diskussionsstoff sorgt: Technische Ausfälle? Eigentlich nicht. Vielmehr sind es doch die individuellen Soundfragen.

Und da kommt der unberechenbarste Worst-Case-Faktor überhaupt ins Spiel: der Musiker.

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