Software
Test
10
16.08.2021

Praxis

Kurz und knapp

Die Flock Audio Patch macht ihre Sache äußerst gut, was vor allem der äußerst intuitiven und übersichtlichen Softwarebedienoberfläche geschuldet ist, die selbst grafisch schick daherkommt. Es mag oberflächlich klingen, aber einmal eingebaut, wird man von dem Flock Audio Patch System sicherlich nicht mehr viel sehen, als genau diese GUI. Meiner Einschätzung nach ist das genau der Knackpunkt im Vergleich zu CB Electronics XPatch-32, deren Software leider auch in Version 4 noch nicht so richtig intuitiv ist, vor allem aber überhaupt nicht schön anzuschauen ist – es sei denn, man hat ein Faible für MS Excel.

Es ist natürlich die Frage, wie oft man Patches und Konfigurationen wechselt: Beide Anbieter haben reichlich Speicherplätze, die sich mit wenigen Klicks aufrufen lassen – bei Flock tendenziell noch schneller. Unter Umständen wird man nie komplett neu patchen, sondern zwischen unterschiedlichen (Vorab-)Konfigurationen wechseln. Dann dürfte der GUI-Look egal sein, zumal man mit der CB Electronics nach etwas Einarbeitung und Handbuchlesen auch flink unterwegs ist. Ein doch etwas praxisrelevanterer Unterschied: Presets kann man an der XPatch-32 auch mit Encoder/Display am Gerät stand-alone laden – Flock Audio Patch ist zwingend auf die Software angewiesen. 

Das kann stören. Stellt man keine Softwareverbindung her, bleibt die Flock Audio Patch nach dem Anschalten eine Sackgasse, da sie sich nicht die letzte Verbindung merken kann. Hierfür gibt es (m)einen Workaround: Zunächst kann in der Software ein Patch als Default definiert werden – in meinem Fall alle Insert-Sends der Console auf alle Insert-Returns der Console. Anschließend packt man die Patch App in den Auto-Start-Folder des Produktionsrechners. So ploppt bei jedem Neustart das Patch-App-Fenster auf und stellt die entsprechende Default-Verbindung her, ohne die mein Pult ansonsten lahmgelegt wäre; allerdings muss man das Fenster dann noch aktiv wegklicken, weil es sich nicht unauffällig im Hintergrund öffnet. (M)einen leicht neurotischen Charakter kann so was nerven, ich umgehe das Problem aber damit, dass mein Studiorechner eigentlich nie heruntergefahren wird. Kein echtes Problem also, ich wollte es aber erwähnt haben. 

To Mic or not

Die Flock Audio kann grundsätzlich auch Mic-Signale schalten, und das dank der eigenen 48-Volt-Phantomspanung auch gefahrenfrei für nachfolgendes Equipment. Ob das wegen der fehlenden Impedanzanpassung und dem damit einhergehenden, sehr schwachen Pegeln, dem höheren Crosstalk, dem stärkeren Rauschen etc. soviel Sinn ergibt, sei dahingestellt. Das Handbuch weicht an der Stelle entsprechend aus und empfiehlt, erst einen neutralen Preamp zu nutzen, bevor man in die Patch geht, um von da aus dann mit weiteren Preamps zu experimentieren. Dass das nicht das Wahre ist, sollte einleuchten – für Vortests ist es aber ausreichend. Ernsthaft aufnehmen würde ich damit aber nicht. CB Electronics ist aktuell nicht wirklich besser, plant aber spezielle Mic-Pre-Eingangsboards. Man wird es sehen, Lieferschwierigkeiten gibt es ohnehin gerade bei beiden. 

Weitere Unterschiede

Die Flock Audio organisiert Routings bzw. Paths von oben nach unten, CB Electronics von links nach rechts. Letzteres mag logischer sein, Ersteres gefällt mir persönlich aber besser, weil übersichtlicher. Die Software von CB Electronics bietet zusätzliche Tools um I/O-Verknüpfungen und Beschriftungen vorzunehmen, was vorteilhaft ist, wenn sich der Verwendungszweck doch öfters ändert. Bei der Flock Audio muss man erst mal stumpf alle I/Os manuell beschriften, was man in der Regel aber auch nur einmal umfangreich macht.  

Ein Vorteil der CB Electronics XPatch-32 können die anpassbaren Gain-Stufen in jedem Kanal sein, bei den größeren Varianten fällt diese Option teilweise aber auch weg. Ich persönlich hatte dafür keine Verwendung, bei mir operiert ohnehin alles symmetrisch auf +4 dBU, und das ist gut so. Klar, die Optionen, Gitarrenpedale sowie Instrumentensignale in das Patching miteinzubeziehen, sprechen grundsätzlich wieder für die CB Electronics – ob man die allerdings wirklich braucht, ist eine andere Frage. Ähnliches gilt für das Pegel-Monitoring und den zusätzlichen Kopfhörerausgang, was dem PA und Broadcast-User außerhalb der gewohnten Studios extrem hilfreich sein kann, mir aber letztlich total egal war, auch weil beide Units reichlich Headroom bieten. Kurzum: Für das reine Verschalten von professionellem Outboard im Studio hat die Flock alles Wichtige am Start und ist deutlich übersichtlicher in der Software.

Noch mehr Details

Hilfreich sind Softwarefunktionen wie Flip, was die Reihenfolge im Processing eines Path verändert und was ich persönlich sehr oft nutze. Flock Audio bietet die Wahl, dies einerseits per Drag-and-drop zu tun, was zwar gut funktioniert, doch gibt es gleichzeitig auch die komfortable Möglichkeit, die Undo-/Redo-Funktion sowie die vielen Speicherplätze direkt über das Drop-Down-Menü zu nutzen. Das Umschalten geht jedenfalls flink vonstatten – allerdings nicht immer knackfrei. Das gibt wiederum einen Pluspunkt für die XPtach-32, die immer nur in den Nulldurchgängen und auf diese Weise völlig knackfrei schaltet.

Beide Geräte bieten die Definition von Stereogeräten, was in puncto Übersichtlichkeit durchaus hilft. Ferner kann man bei beiden Units parallele Zweige aufmachen, was an sich simpel ist, nur bei Stereogeräten etwas Umdenken erfordert. Schade ist, dass bei keiner der beiden Units quasi-fixe Verbindungen – wie beispielsweise die Consolen-Inserts bzw. die Interface I/OS – ausgeblendet werden können, um noch übersichtlicher zu sein. 

Prinzipiell kann man alle Units kombinieren, richtig viel Sinn macht das in meinen Augen aber nicht, da dies nicht wirklich voll integriert bzw. übergreifend über alle I/Os funktioniert. So verbrät man unnötig I/Os und lässt kompliziertere Routings zur schweißtreibenden Hirnakrobatik verkommen – Software hin oder her. 

Cool ist der Front-I/O, den ich anfangs nur für „Gästegeräte“ als sinnvoll erachtet habe. Es gibt aber auch praktische „Dauerausnahmen“. Meine Console ist beispielsweise komplett mit D-Sub und den acht Stereo-Bussen verkabelt, der Rest entfällt auf 16 Kanäle Outboard. Meinen letzten Bus gebe ich nun aber für diesen Insert und die Front I/OS frei, um hier meinen Master-Insert der Console einzubinden – via XLR-Stereo und ohne dabei umständliche Kabel-Adaptereien zu veranstalten oder Sonderkabel löten zu müssen.  

Alternativen

Faktisch gibt es keine Alternativen für elektronische Patchbays: Es heißt also aktuell entweder Flock Audio oder CB Electronics. Beide haben durchaus starke Vor- und Nachteile. Wer wirklich nur unkompliziert Outboard verknüpfen will, ist mit der Flock meines Erachtens nach bestens beraten. Nur, wer explizit mehr braucht oder Sonderfälle behandeln möchte, sollte mit der CB Electronics vorliebnehmen, besonders wenn es um Routings außerhalb des Mixer/Interface/Outboard-Gedankens geht, beispielsweise auch bei Back-Up-Systemen, in der PA-Welt oder gar bei der Anbindung unterschiedlicher Studios an einen Aufnahmeraum oder ähnliche „Sonderlösungen“.

Klanglich gibt es für mich jedenfalls kaum Unterschiede festzustellen, das macht die Entscheidung an dieser Stelle zumindest schon mal etwas leichter. Die Flock Audio Patch hat jedoch mehr Headroom als die CBE XPatch-32.

Stereo oder Multi-Stereo

Ich will es nicht verschweigen: Es gibt auch den ein oder anderen klassischen „seriellen“ Insertierer, wobei mir sofort der SPL Hermes, der Maselec MTC-1X oder der Manley Backbone einfallen – alle können aber immer nur jeweils ein Stereosignal beglücken. Für Mastering-Only-Zwecke sind diese damit durchaus besser geeignet, weil sie sich noch schneller bedienen lassen und weitere entscheidendere Details, wie Parallel-Mix, M/S, Filterung oder praxisrelevantere Monitoring-Optionen mitbringen. 

Man muss sich allerdings auf weniger Geräte einlassen und kann eben immer nur stereo arbeiten, der Dangerous Music Liason mit seinen zwei Stereo-Bussen als Ausnahme einmal außen vor. Mit der Flock Audio Patch kann man hingegen viel mehr Signale parallel bearbeiten, was sie zum analogen Mixen und Tracken damit absolut prädestiniert. Wie viel Parallel-Power man nun genau nutzen kann, hängt natürlich wiederum davon ab, wie man sie sich konfiguriert.  

Kleines 500er Gedankenspiel

Das API-500-Format erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Idee: acht Preamps, acht Compressoren, acht EQs und acht Wandler anklemmen – damit kann man sich eine äußerst nette Hybrid-Console bauen und jederzeit flexibel agieren. Man kann aber auch rein auf Tracking gehen, auf den Anschluss von D/As verzichten und so acht zusätzliche Kanäle Processing anschrauben. Da geht also einiges, man muss nur kreativ sein. 

Anderes Beispiel, Console: Nutze ich acht Inserts (acht Sends und acht Returns) meines Mischpults, so bleiben hier 32 - 8 = 24 Kanäle (24 Sends und 24 Returns) für das Outboard übrig, beispielsweise also 12 Stereogeräte. So kann man auf vier Stereo-Bussen (acht Inserts) 12 Stereogeräte unkompliziert verteilen. Ob das nun drei Geräte auf jedem Bus sind oder sechs auf dem ersten und dann jeweils zwei auf dem Rest, spielt keine Rolle.

Theoretisch kann man sogar alle 12 Geräte auf einen Bus packen, hat dann aber kein Gear mehr für den Rest übrig. Ähnlich verhält sich das Ganze bei der Verwendung von 16 Inserts und 16 Kanälen Outboard: Man kann bei der Zuweisung lustig sein, wie man will, sobald man auf nur einem Insert zwei Geräte hintereinander verwendet, geht am Ende – sprich in Summe – mindestens ein Insert leer aus. Besser also lieber gleich eine noch größere Patch Variante holen, wobei der Sprung von 32 I/OS zu 96 I/Os bei Flock Audio allerdings gewaltig und eine Zwischenlösung durchaus wünschenswert wäre.

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