dreadbox Keyboards
Test
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06.08.2019

Praxis

 

Inbetriebnahme

Bevor es losgeht, muss erst einmal ein MIDI-Keyboard an den Nyx angeschlossen werden. Es existiert zwar ein CV-Eingang, aber nur über MIDI kann das Gerät seine Stimmung kontrollieren. Außerdem ist es auch nur so möglich, paraphon zu spielen und schließlich empfiehlt es auch die Anleitung dringend. Also los geht’s.

Oder auch nicht, ... denn zunächst mal muss man sich doch einigermaßen in das Gerät hineindenken, und das sogar ohne überhaupt auf die modularen Eigenschaften einzugehen. Ganz von alleine erschließt sich hier nicht so viel, z. B., wenn es beim Routing der Oszillatoren die Möglichkeiten „Nor“ und „Half“ gibt.

Das könnte vieles bedeuten. Dabei ist der Nyx im Kern ein ganz normaler subtraktiver Synthesizer und zeigt somit sehr schön auf, dass subtraktiv auch anders kann. An dieser Stelle also überhaupt keine Kritik, der Nyx ist, wie man es von Dreadbox schon gewohnt ist, ein außergewöhnlicher Synthesizer.

Einer, der vielleicht nicht gleich passt, der vielleicht auch nicht zu jedem Anlass passt, der aber an anderer Stelle vielleicht alle Blicke auf sich zieht und somit im besten Sinne Boutique ist - sofern man unter Boutique nicht gerade den digitalen Nachbau analoger Klassiker im Miniaturformat versteht …

Nach einem Blick in die gerade einmal 13 Seiten lange Bedienungsanleitung ist aber alles klar. Die Anleitung ist gut geschrieben, einfach und praktisch gehalten, nur als Download und auf Englisch erhältlich, und erklärt alles zur Genüge. Apropos nur Download: Patchkabel liegen keine bei, die sollte man gleich mitbestellen.

Klang

Was dann folgt, ist erst einmal langes Ausprobieren und Anhören. Wo liegen die Besonderheiten? Besonders ist eigentlich alles, denn am Nyx V2 ist fast nichts so, wie bei anderen Synthesizern. Fangen wir mit dem Hall und seinen sechs(!) Fadern an. Obwohl der Reverb des ersten Nyx sehr gelobt worden ist, hat sich Dreadbox diesmal für einen anderen Algorithmus entschieden.

Reverb

Der neue Reverb, welcher nicht mehr auf dem Crazy Tube Circuits Splash MkIII basiert, hat viel Charakter und ist sehr eigenständig. Der neue Algorithmus bedient sich zwar des gleichen Chips, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob er genauso viele Freunde finden wird wie die erste Version.

Zum einen hat er nämlich ein ziemlich starkes Eigenrauschen, zum anderen färbt sich die Hallfahne doch auch recht schnell selbst in Rauschen ein. Für das Regeln braucht man dann auch recht spitze Finger, damit der Hall nicht unvermittelt einsetzt und bei höheren Pegeln kann es auch recht schnell zur Selbstoszillation und Verzerrung kommen.

Bemerkenswert sind aber dessen Modulationsmöglichkeiten, bei denen ein Zufallsgenerator Bewegung in den Hall bringt. Mit den drei Parametern Level (Stärke), Rate (Geschwindigkeit) und Wave (Glättung), kann man die Modulation ganz nach Wunsch anpassen und auch über das Patchfeld auf andere Parameter routen. Und so taucht plötzlich ein waschechtes S/H-Modul als Möglichkeit auf.

Filter

Das Filter ist nicht nur ein Filter, sondern zwei, die in ihrer Frequenz versetzt werden können. Das erinnert ein bisschen an den DSI Evolver, aber während es dort um eine leichte Verschiebung im Stereofeld ging, kann die Frequenz des zweiten Filters des Nyx komplett über den ganzen Hör-Raum verschoben werden. Und weil die beiden Filter resonieren, kann man das auch sehr schön hörbar machen.

Tonal spielen lassen sie sich auch, sofern man auf dem Steckfeld den CV-Ausgang mit dem VC-Eingang verbindet. Damit sind allerdings nicht die Audioeingänge der Filter, sondern sein Cutoff gemeint. Hmm, aber was passiert, wenn ich den CV Ausgang doch in den Audioeingang stecke? Hach, die Freuden der modularen Synthese ...

An dieser Stelle, wie auch beim Hall, fällt auf, dass der Nyx V2 nur Mono ausgelegt ist. Große, weite Räume tun sich so nicht auf und vielleicht hängt manch einer dann doch noch einen Eventide Reverb hinten dran. Gerade bei modulierten Drones und Sci-Fi macht das dann doch oft mehr Spaß, als der recht kurz gehaltene Mono-Hall.

Modulatoren

Die beiden Modulatoren laden natürlich dazu ein, im LFO-Modus über das Patchfeld auf verschiedenste Parameter geroutet zu werden. Stellt man hier verschiedene Tempi ein, hat man sofort die schönste Polyrhythmik. Das Filter kann allerdings auch von beiden Modulatoren gleichzeitig moduliert werden, und dann fängt die Elektronik an zu ‚quietschen‘.

Auch hier wünscht man sich vielleicht eher einen epischen Hall als charaktervolle Variante, der sich vielleicht schon im persönlichen Besitz befindet ...

Obwohl die 6,3 mm Buchse auf der Rückwand des ursprünglichen Nyx weggefallen ist, kann man natürlich auch in den Nyx V2 externe Signale einspeisen. Diesmal nicht nur direkt in den Hall, sondern schon etwas weiter vorne im Signalweg, ins Filter, und das Eurorack-kompatibel via Miniklinke.

Minimale Regelwege

Leider braucht man auch bei den Regelwegen der Modulatoren viel Gefühl in den Fingerspitzen, was nicht am Format der Regler liegt, sondern an der Umsetzung. Hier ein Beispiel: Wenn man beim Amp Envelope einen einfachen Decay-Envelope einstellt, braucht der Klang bei Markierung ‚7‘ vier Sekunden um zu Verklingen, bei Markierung ‚8‘ aber schon 13 Sekunden. Das ist ein Unterschied von neun Sekunden auf gerade einmal vier Millimeter Regelweg.

Zwischen Markierung ‚8‘ und ‚9‘ sind es dann allerdings nur noch vier Sekunden, die geregelt werden, da hätte man mehr erwartet. So ganz stimmig ist das nicht und da merkt man, dass es ein ziemlicher Spagat ist zwischen einem Bass-Synthesizer mit super-snappy Envelopes und einem Dronesynth, der eigentlich minutenlange Modulationszeiten bräuchte. 

Patchfeld

Das Patchfeld bietet acht Outputs, von denen einige die einkommenden MIDI-Befehle in CV übersetzen, außerdem die Modulatoren 1 und 2 sowie den LFO, und wie oben erwähnt, auch die S/H-Schaltung des Reverb-Modulators.

Darauf folgt ein kleiner Mixer mit vier Eingängen und Abschwächer und danach noch ein Schmankerl, nämlich einen Rauschgenerator. Routen kann man die auf die üblichen Verdächtigen, als da wären: Die Tonhöhen von Oszillator 1, Oszillator 2 und beiden zusammen, die Lautstärken von Oszillator 1, Oszillator 2 und beiden zusammen sowie PWM bei Oszillator 1 und das Gate.

Beim Filter findet man separate Audioeingänge für Filter 1 und 2 und kann außerdem die Cutoff-Frequenz von Filter 1, Filter 2 und beiden zusammen sowie den gemeinsamen Resonanzregler beeinflussen. Und schließlich lassen sich auch die Fall-Zeiten der beiden Modulatoren über das Patchfeld modulieren, um z. B. die starre Periodizität des LFOs ein bisschen aufzuweichen.

Denn darum geht es beim Nyx V2, dem Aufweichen starrer Konzepte. Das sieht man an allen Ecken und Enden. So bieten die beiden Oszillatoren jeder einen Glide-Regler, damit sie unterschiedlich schnell ihre Endnoten erreichen. Man sieht es an den beiden Filtern, die von zwei Modulatoren gleichzeitig moduliert werden können, was sie natürlich unterschiedlich schnell driften lässt. Man sieht es an der Modulation des Reverbs, die sehr außergewöhnlich ist, und man sieht es auch bei den Patchpoints, bei denen es sowohl einen Random-, als auch einen Rauschgenerator gibt, die beide Unregelmäßigkeiten erzeugen können.

Bei einem normalen subtraktiven Synth würde man zu all dem ein abfälliges „das eiert!“ bemerken und nicht verbauen. Bei einem Synthesizer allerdings, der auf Drones spezialisiert ist, sind kleine unregelmäßige Bewegungen aber gerade das Salz in der Suppe und davon gibt es hier genügend.

Paraphonie

Zum Schluss gilt es noch die Paraphonie zu besprechen, die mittels Dipswitch auf der Rückseite ein- und ausgestellt werden kann. Da der Nyx V2 ja nicht nur ein Filter hat, kann man sogar zwei Stimmen mit zwei verschiedenen Filtern spielen, was ziemlich einzigartig ist. Und da man dann auch wieder beide Filter eigenständig modulieren kann, ist hier ganz schön was los. Ein tolles Alleinstellungsmerkmal des Nyx V2 und Hut ab vor dem Erfinder.

Audiobeispiele zu Dreadbox Nyx V2

Video: Dreadbox Nyx V2 Sound Demo (no talking)

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